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Sie
fühlen sich von Schund umgeben? Von einer Welt minderwertiger Kultur
geradezu belagert, von Kids, die sich dröhnender Musik hingeben,
drogenverseucht herumsiffen, von Menschen, deren ästhetischer Geschmack
Ihnen Magenschmerzen bereitet und Kopfweh? Für solche Menschen haben
Sie nur ätzende Worte übrig und Nietzsche-Zitate, in denen er
den Übermenschen heraufbeschwört, der allem Konventionellen
und Althergebrachten sowie dem neumodischen Schnickschnack überlegen
ist? Und es ist Ihnen bitterernst mit der abgrundtiefen Verachtung von
Superheldencomics, Drogen, miefenden Socken, Fastfood und trommelfellzerstörender
Punkmusik? Leben Sie darüberhinaus in Salonika, Oconee, in den amerikanischen
Südstaaten am Anfang des 21. Jahrhunderts? Dann sind Sie zu bedauern.
Schließlich ist Salonika jener Ort, der das Mekka der Fans von Uncommon
Comics darstellt, die her produziert werden. Außerdem leben und
studieren hier die Musiker der Kultband "Smite Them Hip & Thigh".
Und last but not least weist Salonika noch solche Attraktionen wie "Satans
Keller" (ein verbrecherverseuchtes und verrufenes Viertel, in dem
Drogenhandel zur Normalität gehört), das Atomkraftwerk VanMeter
und ein supernagelneues Baseballstadion auf, ideale Bedingungen also,
die erlesensten Anhänger hoher Kultur vollständig degenerieren
und verzweifeln zu lassen. Gibt es keinen einzigen Lichtblick? Doch! Er
heißt Xavier Thaxton, ein Zugewanderter und Belesener, angestellt
im Ressort Feuilleton beim Salonika Urbanite. Verantwortlich für
Schöne Künste verteidigt er in seiner Kolumne "Also sprach
Xavier Thaxton" Galerien, exquisite Restaurants, hohe Literatur,
das George-Bernard-Shaw-Festival und den Lifestyle, wobei er von seinem
hohen Roß herab nicht mit Kritik und ätzendem Spott für
das spart, was die Banausen des einfachen Volkes für "Kunst"
und "Kultur" halten (z. B. das Baseballspiel und nachheriges
Randalieren; das Beschießen hilflos paradierender Frauen mit Bier
aus Maschinenpistolen-Attrappen; das Inhalieren von Kermeskraut-Dämpfen
und - natürlich - COMICS!). Verständlich natürlich, daß
er sich wie ein Heiliger auf einem Kreuzzug in einer Stätte der Gottlosigkeit
vorkommt und den Lesern des Urbanite von den Vorzügen der hehren
Kultur und ihrer Verirrung in die Niederungen des oberflächlichen
Genusses erzählt und sich hierdurch zu einem der meistgehaßten
Männer der Stadt macht. Doch der Vergleich mit Don Quixote, den er
manchmal selbstkritisch macht, stört Thaxton keineswegs. Er hält
sich für einen überlegenen Menschen. Unerschrocken seinem großen
Vorbild, dem Zarathustra des Nietzscheschen Werkes "Also sprach Zarathustra"
nacheifernd und nicht bereit, von seinen Standpunkten auch nur einen Millimeter
abzuweichen, zieht er gnadenlos weiter zu Felde. Es scheinen sich auch
rasch einige Erfolge einzustellen. Einer ist die unerwartet wilde, erotische
Beziehung mit der Modeschöpferin Bari Carlisle. Doch dann wendet
sich das Blatt durch das Eingreifen des Schicksals. Xavier entschließt
sich, nach dem Besuchen eines Festivals, in den Phosphor Fog Mountains
zu campen und badet hier nächtens in einem kalten Bergsee. Hier hat
er eine unheimliche Begegnung mit riesenhaften, funkelnden Fröschen
und einem gigantischen dreiäugigen Wels. Hinter den nächsten
Hügelzügen leuchtet es gespenstisch und als er nachschaut, entdeckt
er nichts Geringeres als das AKW VanMeter. Er hält dies für
einen realistischen Traum. Tags darauf hört er von einem Störfall
dort, denkt sich jedoch nichts dabei, zumal Kontrollen bald Normalität
signalisieren. Und doch ist dieser Ausflug für ihn der Beginn einer
radikalen Wandlung seines Lebens. Bevor sich die Auswirkungen jedoch zeigen,
wird ihm von seiner Schwester der comic- und punkmusikversessene Mikhal
Menaker ("el Mick") für ein Jahr "in Aufbewahrung"
gegeben, was Xaviers Beziehung zu Bari etwas trübt. Doch kann er
damit noch leben. Womit er bald NICHT mehr leben kann, sind unerklärliche
Anfälle von Übelkeit, Darmproblemen und Abszessen sowie Ohnmachtsanfälle,
die ihn in erschreckender Regelmäßigkeit heimsuchen, wenn er
Konzerte, Galerien, Lesungen und ähnliches besucht - oder auch nur
seine Lieblingsmusik bzw. seine Lieblingsbücher liest. Bei der Lektüre
von Marcel Proust etwa packt ihn eine schier paralytische Lähmung.
Mit Hilfe von Bari und el Mick sowie einem Arzt, der ins Vertrauen gezogen
wird, stellen sie fest, daß Xavier stark radioaktiv verstrahlt ist
("eigentlich müßten Sie längst tot sein!").
Abhilfe schafft erschreckenderweise das Hören von abstoßender
Punkmusik sowie das Anschauen der Soap-Opera "Für die Liebe
designed", von der sowohl el Mick als auch Bari Fans sind, die Xavier
aber - nach wie vor - einfach nur plump und abstoßend findet. Leider
heilt sie seine Gebrechen. Und so muß er sich den psychischen Qualen
"minderwertiger" Kultur aussetzen, um seine physischen Leiden
zu unterdrücken. Ein tragisches Schicksal. Nur gut, daß Bari
Carlisle tragische Figuren zu lieben scheint. Von dem Ressort für
Schöne Künste in das der populären Kultur umgesetzt, setzt
sich Xavier nun notwendigerweise dem aus, was seine Krankheit (sie wurde
von Bari "Philister-Syndrom" genannt) lindert. Das ändert
jedoch nichts an den bissigen, ja, vernichtenden Kommentaren, schließlich
kann er die Popkultur nach wie vor nicht ausstehen. Auch als er mit Mick
eine Veranstaltung von Uncommon Comics besucht, wo drei neue "Superhelden"
vorgestellt werden, ätzt er auf diese Weise, obgleich er von einer
Gestalt durchaus fasziniert ist, einem ganz in Silber gekleideten Helden,
der sich als "Graph Geiger" bezeichnet: ein polnischer Kernphysiker,
der adeliger Abstammung ist und bei Tschernobyl verstrahlt wurde und dadurch
Superhelden-Kräfte erlangte, so seine fiktive Vita. Thaxton findet
diese Verharmlosung des Tschernobyl-Schreckens nur widerwärtig. In
seiner Kolumne gibt er dem auch unverblümt Ausdruck und macht sich
so die Comicmacher und -leser, darunter auch seinen Neffen, zum Feind.
Das "Philister-Syndrom" wird schlimmer. Es reicht bald nicht
mehr aus, was Xavier dagegen tut. Abhilfe schafft schließlich etwas,
was ihm größtes Entsetzen einflößt: seine Geliebte
und sein Neffe besorgen ihm ein Graph-Geiger-Kostüm, das er unter
seiner Kleidung als Unterwäsche tragen soll! Obwohl er fürchtet,
daß Hohn und Spott über ihn ausgegossen werden wird, sollte
ans Tageslicht kommen, daß Xavier Thaxton, der Hasser der minderwertigen
Kultur sich heimlich in ein Kostüm eines von ihm dermaßen verachteten
Superhelden kleidet und sich darin GUT FÜHLT ("verlogene Doppelmoral!"),
obwohl ihm dies also durch den Sinn geht, tut er es. Und es geht ihm blendend!
Das ist der Anfang einer bizarren tragikomischen Karriere. Denn Xavier
entwickelt in der Folge als Strahlenverseuchter WIRKLICH Superheldenkräfte,
übersteht einen Anschlag auf sein Leben, seine Wunden verheilen extrem
schnell, er ist mitunter schnell wie ein Blitz und kann selbst Kugeln
ausweichen. Seine Karriere als Graph Geiger, der wirkliche und wahre,
nimmt unwirkliche, rasante Züge an. Allerdings zeitigt sie auch negative
Folgen, die er anfangs gar nicht wahrnimmt. Xavier ist vollauf mit einem
Feldzug gegen das organisierte Verbrechen, den schlechten Geschmack und
Kunstbanausen beschäftigt, er durchaus abstruser Züge nicht
entbehrt. Und er rätselt weiter, wie es möglich ist, daß
er diese Kräfte bekam. Das AKW VanMeter scheint daran unschuldig
zu sein. Aber wer war es dann? Als er es schließlich herausfindet,
ist es bereits zu spät...
Der Umschlag beschreibt das Buch als "brilliante
schwarze SF-Komödie", und ich bin geneigt, dem absolut zuzustimmen.
Ich würde die Liste der beigelegten Attribute noch um "abgefahren,
schrill und bizarr" erweitern. Michael Bishop zeigt sich hier von
einer bissigen, bitterbösen Seite, die jedoch auch des Ernstes durchaus
nicht entbehrt. Wer denkt, er würde die Gefahren radioaktiver Verseuchung
herunterspielen, hat den Roman sichtlich nicht zuendegelesen.
So sehr, wie die Arroganz von konservativen Feuilletonisten vorgeführt
wird, so sehr deutlich sieht man aber auch durch die verzerrte Brille
des Autors die Schattenseiten des anderen Extrems, einer Subkultur, die
sich völlig ausklammert aus der Gesellschaft und damit auch aus der
gesellschaftlichen Verantwortung. Man kann erkennen, daß beide Extreme
krankmachen und die bevorzugte Position Bishops eine tolerante Mitte ist.
Manchmal freilich bleibt einem das häufig unwillkürlich auftretende
Lachen im Hals stecken, und darüber können auch solche abstrusen
Dinge wie das sechsbeinige Pferd "Kakerlake", ein gegen eine
Brüstung knallender "Superheld" sowie ein am Philister-Syndrom
leidender Gelegenheitarbeiter, der sich nur noch durch Boxkampf-K.o.s
in der Endlosschleife einigermaßen am Leben erhalten kann, nicht
hinwegtäuschen. Jenseits alles galligen Humors ist dieses Buch auch
ein nachdenkliches und manchmal trauriges, insbesondere zum Schluß.
Es hinterläßt den Leser zwiespältig und mit einem gewissen
Bedauern. Aber solche Werke muß es geben, und man sollte sich nicht
davon abschrecken lassen, daß nicht so viel "passiert".
Wer actionreiche Romane mag, ist hier freilich völlig falsch. Doch
wenn man die Hiebe zu sehen vermag, die Bishop austeilt, hat man einige
Tage voller Vergnügen. Mit schalem Nachgeschmack.
(Rezension von Uwe Lammers) |