Michael Bishop
Graph Geigers Blues

Heyne Taschenbuch Nr. 5983, 480 Seiten, 1999, 17.90 DM

Sie fühlen sich von Schund umgeben? Von einer Welt minderwertiger Kultur geradezu belagert, von Kids, die sich dröhnender Musik hingeben, drogenverseucht herumsiffen, von Menschen, deren ästhetischer Geschmack Ihnen Magenschmerzen bereitet und Kopfweh? Für solche Menschen haben Sie nur ätzende Worte übrig und Nietzsche-Zitate, in denen er den Übermenschen heraufbeschwört, der allem Konventionellen und Althergebrachten sowie dem neumodischen Schnickschnack überlegen ist? Und es ist Ihnen bitterernst mit der abgrundtiefen Verachtung von Superheldencomics, Drogen, miefenden Socken, Fastfood und trommelfellzerstörender Punkmusik? Leben Sie darüberhinaus in Salonika, Oconee, in den amerikanischen Südstaaten am Anfang des 21. Jahrhunderts? Dann sind Sie zu bedauern. Schließlich ist Salonika jener Ort, der das Mekka der Fans von Uncommon Comics darstellt, die her produziert werden. Außerdem leben und studieren hier die Musiker der Kultband "Smite Them Hip & Thigh". Und last but not least weist Salonika noch solche Attraktionen wie "Satans Keller" (ein verbrecherverseuchtes und verrufenes Viertel, in dem Drogenhandel zur Normalität gehört), das Atomkraftwerk VanMeter und ein supernagelneues Baseballstadion auf, ideale Bedingungen also, die erlesensten Anhänger hoher Kultur vollständig degenerieren und verzweifeln zu lassen. Gibt es keinen einzigen Lichtblick? Doch! Er heißt Xavier Thaxton, ein Zugewanderter und Belesener, angestellt im Ressort Feuilleton beim Salonika Urbanite. Verantwortlich für Schöne Künste verteidigt er in seiner Kolumne "Also sprach Xavier Thaxton" Galerien, exquisite Restaurants, hohe Literatur, das George-Bernard-Shaw-Festival und den Lifestyle, wobei er von seinem hohen Roß herab nicht mit Kritik und ätzendem Spott für das spart, was die Banausen des einfachen Volkes für "Kunst" und "Kultur" halten (z. B. das Baseballspiel und nachheriges Randalieren; das Beschießen hilflos paradierender Frauen mit Bier aus Maschinenpistolen-Attrappen; das Inhalieren von Kermeskraut-Dämpfen und - natürlich - COMICS!). Verständlich natürlich, daß er sich wie ein Heiliger auf einem Kreuzzug in einer Stätte der Gottlosigkeit vorkommt und den Lesern des Urbanite von den Vorzügen der hehren Kultur und ihrer Verirrung in die Niederungen des oberflächlichen Genusses erzählt und sich hierdurch zu einem der meistgehaßten Männer der Stadt macht. Doch der Vergleich mit Don Quixote, den er manchmal selbstkritisch macht, stört Thaxton keineswegs. Er hält sich für einen überlegenen Menschen. Unerschrocken seinem großen Vorbild, dem Zarathustra des Nietzscheschen Werkes "Also sprach Zarathustra" nacheifernd und nicht bereit, von seinen Standpunkten auch nur einen Millimeter abzuweichen, zieht er gnadenlos weiter zu Felde. Es scheinen sich auch rasch einige Erfolge einzustellen. Einer ist die unerwartet wilde, erotische Beziehung mit der Modeschöpferin Bari Carlisle. Doch dann wendet sich das Blatt durch das Eingreifen des Schicksals. Xavier entschließt sich, nach dem Besuchen eines Festivals, in den Phosphor Fog Mountains zu campen und badet hier nächtens in einem kalten Bergsee. Hier hat er eine unheimliche Begegnung mit riesenhaften, funkelnden Fröschen und einem gigantischen dreiäugigen Wels. Hinter den nächsten Hügelzügen leuchtet es gespenstisch und als er nachschaut, entdeckt er nichts Geringeres als das AKW VanMeter. Er hält dies für einen realistischen Traum. Tags darauf hört er von einem Störfall dort, denkt sich jedoch nichts dabei, zumal Kontrollen bald Normalität signalisieren. Und doch ist dieser Ausflug für ihn der Beginn einer radikalen Wandlung seines Lebens. Bevor sich die Auswirkungen jedoch zeigen, wird ihm von seiner Schwester der comic- und punkmusikversessene Mikhal Menaker ("el Mick") für ein Jahr "in Aufbewahrung" gegeben, was Xaviers Beziehung zu Bari etwas trübt. Doch kann er damit noch leben. Womit er bald NICHT mehr leben kann, sind unerklärliche Anfälle von Übelkeit, Darmproblemen und Abszessen sowie Ohnmachtsanfälle, die ihn in erschreckender Regelmäßigkeit heimsuchen, wenn er Konzerte, Galerien, Lesungen und ähnliches besucht - oder auch nur seine Lieblingsmusik bzw. seine Lieblingsbücher liest. Bei der Lektüre von Marcel Proust etwa packt ihn eine schier paralytische Lähmung. Mit Hilfe von Bari und el Mick sowie einem Arzt, der ins Vertrauen gezogen wird, stellen sie fest, daß Xavier stark radioaktiv verstrahlt ist ("eigentlich müßten Sie längst tot sein!"). Abhilfe schafft erschreckenderweise das Hören von abstoßender Punkmusik sowie das Anschauen der Soap-Opera "Für die Liebe designed", von der sowohl el Mick als auch Bari Fans sind, die Xavier aber - nach wie vor - einfach nur plump und abstoßend findet. Leider heilt sie seine Gebrechen. Und so muß er sich den psychischen Qualen "minderwertiger" Kultur aussetzen, um seine physischen Leiden zu unterdrücken. Ein tragisches Schicksal. Nur gut, daß Bari Carlisle tragische Figuren zu lieben scheint. Von dem Ressort für Schöne Künste in das der populären Kultur umgesetzt, setzt sich Xavier nun notwendigerweise dem aus, was seine Krankheit (sie wurde von Bari "Philister-Syndrom" genannt) lindert. Das ändert jedoch nichts an den bissigen, ja, vernichtenden Kommentaren, schließlich kann er die Popkultur nach wie vor nicht ausstehen. Auch als er mit Mick eine Veranstaltung von Uncommon Comics besucht, wo drei neue "Superhelden" vorgestellt werden, ätzt er auf diese Weise, obgleich er von einer Gestalt durchaus fasziniert ist, einem ganz in Silber gekleideten Helden, der sich als "Graph Geiger" bezeichnet: ein polnischer Kernphysiker, der adeliger Abstammung ist und bei Tschernobyl verstrahlt wurde und dadurch Superhelden-Kräfte erlangte, so seine fiktive Vita. Thaxton findet diese Verharmlosung des Tschernobyl-Schreckens nur widerwärtig. In seiner Kolumne gibt er dem auch unverblümt Ausdruck und macht sich so die Comicmacher und -leser, darunter auch seinen Neffen, zum Feind. Das "Philister-Syndrom" wird schlimmer. Es reicht bald nicht mehr aus, was Xavier dagegen tut. Abhilfe schafft schließlich etwas, was ihm größtes Entsetzen einflößt: seine Geliebte und sein Neffe besorgen ihm ein Graph-Geiger-Kostüm, das er unter seiner Kleidung als Unterwäsche tragen soll! Obwohl er fürchtet, daß Hohn und Spott über ihn ausgegossen werden wird, sollte ans Tageslicht kommen, daß Xavier Thaxton, der Hasser der minderwertigen Kultur sich heimlich in ein Kostüm eines von ihm dermaßen verachteten Superhelden kleidet und sich darin GUT FÜHLT ("verlogene Doppelmoral!"), obwohl ihm dies also durch den Sinn geht, tut er es. Und es geht ihm blendend! Das ist der Anfang einer bizarren tragikomischen Karriere. Denn Xavier entwickelt in der Folge als Strahlenverseuchter WIRKLICH Superheldenkräfte, übersteht einen Anschlag auf sein Leben, seine Wunden verheilen extrem schnell, er ist mitunter schnell wie ein Blitz und kann selbst Kugeln ausweichen. Seine Karriere als Graph Geiger, der wirkliche und wahre, nimmt unwirkliche, rasante Züge an. Allerdings zeitigt sie auch negative Folgen, die er anfangs gar nicht wahrnimmt. Xavier ist vollauf mit einem Feldzug gegen das organisierte Verbrechen, den schlechten Geschmack und Kunstbanausen beschäftigt, er durchaus abstruser Züge nicht entbehrt. Und er rätselt weiter, wie es möglich ist, daß er diese Kräfte bekam. Das AKW VanMeter scheint daran unschuldig zu sein. Aber wer war es dann? Als er es schließlich herausfindet, ist es bereits zu spät...

Der Umschlag beschreibt das Buch als "brilliante schwarze SF-Komödie", und ich bin geneigt, dem absolut zuzustimmen. Ich würde die Liste der beigelegten Attribute noch um "abgefahren, schrill und bizarr" erweitern. Michael Bishop zeigt sich hier von einer bissigen, bitterbösen Seite, die jedoch auch des Ernstes durchaus nicht entbehrt. Wer denkt, er würde die Gefahren radioaktiver Verseuchung herunterspielen, hat den Roman sichtlich nicht zuendegelesen.
So sehr, wie die Arroganz von konservativen Feuilletonisten vorgeführt wird, so sehr deutlich sieht man aber auch durch die verzerrte Brille des Autors die Schattenseiten des anderen Extrems, einer Subkultur, die sich völlig ausklammert aus der Gesellschaft und damit auch aus der gesellschaftlichen Verantwortung. Man kann erkennen, daß beide Extreme krankmachen und die bevorzugte Position Bishops eine tolerante Mitte ist. Manchmal freilich bleibt einem das häufig unwillkürlich auftretende Lachen im Hals stecken, und darüber können auch solche abstrusen Dinge wie das sechsbeinige Pferd "Kakerlake", ein gegen eine Brüstung knallender "Superheld" sowie ein am Philister-Syndrom leidender Gelegenheitarbeiter, der sich nur noch durch Boxkampf-K.o.s in der Endlosschleife einigermaßen am Leben erhalten kann, nicht hinwegtäuschen. Jenseits alles galligen Humors ist dieses Buch auch ein nachdenkliches und manchmal trauriges, insbesondere zum Schluß. Es hinterläßt den Leser zwiespältig und mit einem gewissen Bedauern. Aber solche Werke muß es geben, und man sollte sich nicht davon abschrecken lassen, daß nicht so viel "passiert". Wer actionreiche Romane mag, ist hier freilich völlig falsch. Doch wenn man die Hiebe zu sehen vermag, die Bishop austeilt, hat man einige Tage voller Vergnügen. Mit schalem Nachgeschmack.

(Rezension von Uwe Lammers)

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