Diana Gabaldon
Feuer und Stein

(OT: Outlander, 1991) Blanvalet, TB 44828, 2000 (einmalige Sonderausgabe), aus dem Amerikanischen von Elfriede Fuchs und Gabriele Kuby, 800 Seiten, 18.00 DM

Wenn man den Hauch der Zeit gespürt hat, muß man sich erst wieder beruhigen, erst das trommelnde Herz in der Brust zur Ruhe zwingen und das Zittern der Hände abzulegen versuchen. Eingetaucht in die Tiefe der unergründlichen Zeit drang ich vor in eine Welt, die vergangen schien und die vor mir aufblühte, sich entfaltete und Namen, die lediglich aus schwarzen Buchstaben auf vergilbtem Pergament bestanden, in Gestalten aus Fleisch und Blut verwandelten. In Menschen, mit Gefühlen, mit Leidenschaften, Plänen, mit listigen Gedanken und unsagbar hinreißenden Einfällen, ironisch, spöttisch, glühend liebevoll, doch auch solche, deren scheinbar heroische Namen und Karrieren schwarze und abgründige perverse Phantasien und sadistische Gelüste verbargen...

Es fiel mir schwer, aus dieser Zeit aufzusteigen und den wunderbaren Personen Adieu zu sagen, doch es muß sein, um Kunde zu geben, Kunde abzulegen von ihnen, um weiteren Unwissenden die Teilnahme an ihrem Leben zu ermöglichen. Und um dann erneut abzutauchen und weiterzulesen, weiterzuleben, weiterzulieben und vielleicht auch weiterzuleiden.

Doch ich rede um den heißen Brei herum, wie eine Katze um ihr wehrloses Opfer herumstreichen mag, vielleicht, weil die Worte, die ich finde, der Aufgabe nicht gewachsen sein können, zu sehr ermangeln sie der Anmut, der Innigkeit und jenem sentimentalen Gefühlssturm, der in mir entfesselt wurde, als ich das las, was sie auslöste...

Claire Beauchamp Randall ist Krankenschwester, seit einigen Jahren mit ihrem Mann Frank verheiratet, verbringt mit ihm zweite Flitterwochen in Schottland, in der Nähe von Inverness. Man schreibt das Jahr 1945, und sie sind seit langem wieder beisammen, froher Hoffnung, nach langer kriegsbedingter Trennung vielleicht nun den ersehnten Nachkommen zeugen zu können.

Während Frank, von Berufs wegen Historiker, sich hier um die Geschichte seiner Familie kümmert und hierbei besonders um einen herausragenden Ahnen seines Stammbaumes, John Randall, der im 18. Jahrhundert lebte, stößt Claire zufällig auf einen druidischen Steinkreis. Bei dem Sammeln von Kräutern in diesem Kreis gerät sie in den Bannkreis der uralten Magie und wird durch die Zeit geschleudert.
Verwirrt erwacht sie im Jahr 1743, am gleichen Ort, der doch - bis auf den Steinkreis - völlig verändert ist. Von einem englischen Hauptmann, der sich ihr schockierend als Johnathan Randall vorstellt und ihrem Ehemann Frank wie aus dem Gesicht geschnitten ist, als Hure bezeichnet und sexuell bedrängt, wird sie von reichlich verwilderten Kerlen gerettet. Diese stellen sich als Angehörige des schottischen MacKenzie-Clans heraus und halten sie zunächst für eine englische Spionin, eben weil sie kein Gälisch kann, englisch aussieht und spricht. Nichtsdestotrotz wird sie mitgeschleppt.

Bei den Schotten, die offenkundig Rinderdiebe sind, befindet sich ein verletzter Mann, der zwar ebenso Schotte ist, aber schwer verletzt. Seine eine Schulter ist ausgekugelt, außerdem hat er einen glatten Durchschuß und eine Stichwunde. Der hünenhafte, kupferhaarige Mann hört auf den Namen Jamie MacTavish, und er ist, wie Claire rasch mitbekommt, ein rechter Dickschädel. Zu seiner persönlichen Krankenschwester werdend, muß sie sich, selbst nicht gerade temperamentlos, des öfteren gegen ihn durchsetzen.

Während ihr einziger Wunsch darin besteht, aus diesem Traum zu erwachen respektive zum Steinkreis zurückzugelangen, was sich als reichlich problematisches Unterfangen herausstellt, gerät die 28 Jahre junge Ärztin in die Burg Leoch des MacKenzie-Clans und damit in eine faszinierend illustre Gesellschaft - und in das verwirrende und gefährliche Geflecht von Clanintrigen und Clanbindungen. Im Laufe der nächsten Wochen, die rasch zu Monaten werden, entdeckt sie immer neue Geheimnisse ihrer umgebenden "historischen" Mitmenschen, und sie muß erkennen, daß das Terrain sowohl zwischenmenschlich wie familiär und politisch alles andere als eindeutig ist, selbst wenn es mitunter so scheint.

Sie ist in einer unsicheren Zeit gelandet, mitten im Krieg des schottischen Hauses Stuart gegen die britischen Herrscher unter King George. Die nach Unabhängigkeit strebenden Schotten haben eine englische Besatzungsmacht im Land, die jederzeit und überall zuschlagen kann, Patrouillen machen das Land unsicher. Ihr König James sitzt im Exil in Rom und dessen Sohn Charles bereitet in Frankreich den Aufstand in der Schotten vor.

Jamie MacTavish, eigentlich James Fraser vom Clan der Fraser, der mit dem der MacKenzies verwandtschaftlich verbunden ist, wird als Geächteter gesucht, angeblich wegen des Mordes an einem englischen Soldaten. Das ist das eine Problem, dem Claire sich ausgesetzt sieht. Eigentlich vernachlässigbar, schließlich möchte SIE ja nur zurück in ihre Zeit... aber sie hat Jamies furchtbar durch Peitschenhiebe zerfleischten Rücken gesehen und kämpft gegen die Skrupel an, ihn im Stich zu lassen.
Noch schlimmer wird es, als sich Hauptmann Randall, der mit ihr schon einmal Kontakt hatte, vermutet, sie sei eine jakobitische Spionin, die es zu verhaften und zu verhören gelte (die Folgen eines Verhörs durch Randall trägt Jamies Rücken!).

Dougal MacKenzie, einer der beiden Anführer des Clans, sagt Claire, es gebe nur eine Möglichkeit, sie zu schützen. Als Engländerin wäre sie Randall ausgeliefert, dagegen seien selbst die Clans machtlos..., also müsse sie Schottin werden. Wie? Nun, das gehe nur durch Heirat. Und so wird sie völlig überraschend als Claire Beauchamp gegen ihren Willen mit James Fraser zusammengebracht und verheiratet ... doch damit nicht genug, nun sollen sie natürlich auch noch die Ehe "vollziehen", um sie rechtsgültig zu machen - wobei sie eine Schar von Schotten als Zeugen haben...

Dies ist erst der Anfang von höchst aufregenden, verwirrenden und bald lustvollen Ereignissen, die sie quer durch Schottland führen. Verheiratet zu sein, das hat - neben erotischen Vorteilen - auch ausgesprochene Nachteile, insbesondere, wenn der Ehemann ein sehr dickköpfiger, sturer Schotte ist und die Ehefrau eine nicht minder sture und zugleich temperamentvolle Frau ist.

Ich muß gestehen, als ich die beiden Hauptpersonen kennenlernte und ihre Dialoge las, genoß ich über alle Maßen, Claires trockenen Humor, ihre Selbstironie, Jamies Zähigkeit und seine jungenhafte Ausgelassenheit, aber auch ihre beiderseitige Dickköpfigkeit, mit der sie sich bisweilen wütend schreiend gegenüberstanden und beide von ihren Irrtümern nicht lassen wollten, bis sie sich im Streitgespräch herauskristallisierten... selten habe ich mich so sehr amüsiert, selten so viel gelacht und äußerst selten so sehr mitgelitten (beispielsweise an der Stelle, wo Claires "Brautjungfer" sagt "Gewiß möchten Sie Ihre Hochzeit nicht versäumen" und Claire "Doch" antwortet, aber die Frau das nicht mitbekommt...).

Das ist es mindestens, was ich der Autorin bescheinigen muß: sie hat sehr lebendige, zutrauliche Charaktere geschaffen, liebe Freunde, die einem ans Herz wachsen müssen, die man gar nicht verlassen möchte, wenn das Buch zuende ist (und wenn man wie ich die letzten 400 Seiten in einem Rutsch liest, also das halbe Buch, dann IST das Buch verblüffend SCHNELL zuende); sie beschreibt die schottischen Highlands und das Alltagsleben ausgesprochen praxisnah und erlebbar, daß man fast meint, man ritte mit Claire und Jamie durch die Wälder, als sei man Augenzeuge ihrer Dispute und ihrer zärtlichen Momente. Geschichte wird lebendig in einer kleinen Perspektive, und zugleich das nicht unbedingt leichte, zum Teil entbehrungsreiche Leben jener Zeit, wobei Claires Ich-Perspektive immer einen wunderschönen Bogen zurück zum 20. Jahrhundert schlägt.

Und der Zwiespalt, in dem sie schließlich steckt, zwischen ihrem Mann Frank in der Gegenwart und ihrem geliebten Ehemann Jamie, der so süchtig nach ihr ist wie sie nach ihm... dieser Zwiespalt muß letztlich auf eine schmerzliche Weise entschieden werden. Die atemberaubenden Konsequenzen, die das Roman-Ende andeutet, werden freilich auf den zweiten Band vertagt, auf "Die geliehene Zeit", die mit fast 1000 Seiten noch erheblich länger ist als dieser Roman.

Doch, ehrlich gesagt, so, wie er da im Regal liegt, blinzelt er mir schon zu... und ich fürchte, ich werde heute noch schwach werden müssen. Es gibt Bücher, die MUSS man einfach lesen. Ich glaube, ich könnte aus meinem Leseleben kein Dutzend Bücher aufzählen, die es mit diesem hier aufnehmen können, und das will schon etwas heißen bei rund 25 Jahren Leseerfahrung.

Und so bestätige ich gerne das Urteil der Berliner Zeitung schlußendlich, das auf dem Klappentest vermerkt, die Lektüre IST "absolut süchtigmachend". Das ist es. Und mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Lesen und genießen. Es lohnt sich sehr.

(Rezension von Uwe Lammers, Braunschweig, den 19. Januar 2000)

Rezension von:
Die geliehene Zeit (2.Teil)
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Der Ruf der Trommel (4.Teil)
Highland-Saga-Kompendium

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