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Neugierig
geworden durch das ausführliche Interview mit Mary Gentle im diesjährigen
MAGIRA Jahrbuch, griff ich beim nächsten Buchhandlungsbesuch kurzerhand
zu.
Eigentlich bin ich momentan etwas übersättigt mit Zyklen und Serien, denn
irgendwie werde ich da immer von einem schlechten Gewissen geplagt, solange
die Bücher nicht gelesen und die Serie nicht beendet ist.
Mary Gentles Roman "ASH - A Secret History" ist eigentlich nicht als Serie
konzipiert und wurde z.B. in ihrem Heimatland England in einem mächtigen
über 1.000 Seiten Ziegelstein veröffentlicht. Dazu konnte man sich in
den USA und Deutschland - wie so oft - wohl nicht aufraffen. Das Buch
wird bei Bastei Lübbe als Taschenbuch-Hardcover für je ca. 15€ verkauft.
Da kann jeder selbst ausrechnen, wie viel der geneigte Leser für alle
vier Bände hinblättern muss. Aber lassen wir das Geschäftsgebahren deutscher
Verlage bei Seite und wenden uns dem Buch zu. Wie bei einem Romananfang
üblich, beinhaltet "Der blaue Löwe" im Prinzip die Exposition des Stoffes
bis wohl zum 1. Wendepunkt der Geschichte. Also, die Figuren werden eingeführt,
der Konflikt der Geschichte dargelegt etc. Klingt jetzt trocken, aber
Gentle versteht den Leser mit einem direkten, schnörkellosen Stil schnell
in die Geschichte hineinzuziehen. Wenn man sich auf ihre stilistische
Eigenheiten eingelassen hat, dann entwickelt die Geschichte ihren eigenen
Sog. Gentle ist keine Autorin, die dem Leser großartige Erklärungen zu
der geschilderten Welt bietet. Die Handlung und die Dialoge müssen für
sich sprechen, und da bleibt so manche Frage des Lesers erst mal unbeantwortet;
schließlich befinden wir uns am Anfang einer über 1000-seitigen Geschichte.
"Der blaue Löwe" erzählt die Geschichte des weiblichen Söldnerhauptmanns
Ash, die im Europa des ausgehenden 15. Jahrhunderts mit ihrer 800 Mann
starken Kompanie in zahlreiche kriegerische Konflikte der Zeit verwickelt
wird. Es ist eine männerdominierte Welt, in der man nicht zimperlich sein
darf, wenn man überleben will, erst recht, wenn man ein Mädchen ist, dass
in einem Söldnerhaufen aufwächst: "Einer der Kanoniere gab Ash immer etwas
zu essen oder ein paar Kupfermünzen. Er legte sie über eine eisenverstärkte
Geschützhalterung, zog ihr die Hose runter und fickte sie in den Arsch."
(Der Blaue Löwe, S.33)
Gentle nimmt kein Blatt vor dem Mund und ihre Figuren sind keine edlen
Helden, die blumige Reden halten. Am Anfang denkt man, einen Historischen
Roman zu lesen, der die Zustände der damaligen Zeit unbeschönigt schildert.
Aber dann mischen sich die ersten phantastischen Elemente in die Geschichte:
Im Nordafrika des geschilderten 15. Jahrhundert existiert weiterhin Karthago,
das von den Westgoten regiert wird und die eine gewaltige Invasion des
europäischen, christlichen Abendlandes starten. Die italienischen Stadtstaaten,
die Schweizer Kantone und Deutschland wird von dem gewaltigen Heer überrollt.
Die Westgoten besitzen sogar die Macht, die Sonne zu verdunkeln und halb
Europa in Finsternis versinken zu lassen. Und sie setzen Golems ein. Offenbar
besitzen die karthagischen Westgoten über Technik und Mittel, die nicht
weit entfernt von Magie anzusiedeln sind. Ihr weiblicher General steht
in telepathischen Kontakt mit einer mysteriösen Taktikmaschine in Karthago,
die den gotischen Offizieren im Schlachtfeld unverzüglich taktische, strategische
Ratschläge geben kann, was natürlich ein gewaltiger Vorteil für die Westgoten
im Kampf ist.
Wie Ash bald erfahren muss, spielt sie in der ganzen Sache natürlich eine
Schlüsselrolle, denn sie sieht dem weiblichen Westgoten-General zum Verwechseln
ähnlich und hört ebenfalls die Stimme der gotischen Taktikmaschine, die
sie bisher immer als Heiligenstimme interpretierte. Als sie in die Hände
der Westgoten fällt und vor deren General gebracht wird, erfährt sie,
dass die Westgoten offenbar mit Erfolg Menschen züchten, die mit dieser
"machina rei militaris" über Gedankenkraft kommunizieren können. Ash scheint
eine fehlgeschlagene westgotische Züchtung zu sein. Als sie nach Karthago
gebracht werden soll, wird sie von ihrer Truppe aus dem Gefängnis befreit,
was ihr schier das Leben kostet. Ihre Kompanie flieht in das Herzogtum
Burgund, die europäische Machtzentrale der damaligen Zeit. Am Ende des
Buches fasst Ash den Plan mit ihrer Kompanie Karthago anzugreifen und
zu versuchen, die gotischen Taktikmaschine zu zerstören. Dazu benötigt
sie aber die Unterstützung des burgundischen Herzogs Karl.
Mary Gentles Buch kann wohl der Rubrik "Alternate History" zugeordnet
werden, wobei die Autorin noch zu einem Kniff greift, um beim Leser den
Eindruck zu geben, diese Geschichte habe tatsächlich in unserer Vergangenheit
und Zeitlinie stattgefunden. ASHs Geschichte ist in eine Rahmenhandlung
eingebunden: der Historiker Pierce Ratcliff stößt bei der Recherche und
Übersetzung des ASH-Stoffes auf Beweise, dass die offizielle Geschichtsschreibung
offenbar aus - im ersten Band nicht näher erläuterten - irgendwelchen
Gründen, die stattgefundenen Ereignisse unterschlagen hat. Diese Rahmenhandlung
spielt sich in einem extensiven Emailverkehr zwischen Ratcliff und seiner
Redakteurin Anna Longman ab, die immer mehr Zweifel an dem Projekt plagen:
Sind die geschilderten Ereignisse wirklich passiert oder sind es mittelalterliche
Legenden und Fiktionen, die Ratcliff untersucht. Interessant ist, dass
Mary Gentle in dem Magira-Interview ihren Roman ASH - A Secret History
eher der Science Fiction zurechnet, als ihm den Fantasy-Stempel aufzudrücken
"Ash schließlich ist alles andere als Fantasy - auch wenn sich die Geschichte
in verschiedenen Modi bewegt: als klassischer historischer Roman, Verschwörungsliteratur,
simple Fantasy - um schließlich bei SF zu landen." (Magira - Jahrbuch
zur Fantasy 2003, S. 363 f.)
Also, es dürfte für jeden Leser etwas dabei sein. Mir hat jedenfalls dieser
erste Teil sehr viel Spaß bereitet, und ich habe mir fest vorgenommen,
diese Geschichte in der einen oder anderen Form zu Ende zu lesen.
José V. Ramos
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