Mary Gentle
DER BLAUE LÖWE

(Ash - A secret History, 1999) Die Legende von Ash, Bd.1, Bastei Lübbe, 2003, 14+90.

Neugierig geworden durch das ausführliche Interview mit Mary Gentle im diesjährigen MAGIRA Jahrbuch, griff ich beim nächsten Buchhandlungsbesuch kurzerhand zu.
Eigentlich bin ich momentan etwas übersättigt mit Zyklen und Serien, denn irgendwie werde ich da immer von einem schlechten Gewissen geplagt, solange die Bücher nicht gelesen und die Serie nicht beendet ist.
Mary Gentles Roman "ASH - A Secret History" ist eigentlich nicht als Serie konzipiert und wurde z.B. in ihrem Heimatland England in einem mächtigen über 1.000 Seiten Ziegelstein veröffentlicht. Dazu konnte man sich in den USA und Deutschland - wie so oft - wohl nicht aufraffen. Das Buch wird bei Bastei Lübbe als Taschenbuch-Hardcover für je ca. 15€ verkauft. Da kann jeder selbst ausrechnen, wie viel der geneigte Leser für alle vier Bände hinblättern muss. Aber lassen wir das Geschäftsgebahren deutscher Verlage bei Seite und wenden uns dem Buch zu. Wie bei einem Romananfang üblich, beinhaltet "Der blaue Löwe" im Prinzip die Exposition des Stoffes bis wohl zum 1. Wendepunkt der Geschichte. Also, die Figuren werden eingeführt, der Konflikt der Geschichte dargelegt etc. Klingt jetzt trocken, aber Gentle versteht den Leser mit einem direkten, schnörkellosen Stil schnell in die Geschichte hineinzuziehen. Wenn man sich auf ihre stilistische Eigenheiten eingelassen hat, dann entwickelt die Geschichte ihren eigenen Sog. Gentle ist keine Autorin, die dem Leser großartige Erklärungen zu der geschilderten Welt bietet. Die Handlung und die Dialoge müssen für sich sprechen, und da bleibt so manche Frage des Lesers erst mal unbeantwortet; schließlich befinden wir uns am Anfang einer über 1000-seitigen Geschichte.
"Der blaue Löwe" erzählt die Geschichte des weiblichen Söldnerhauptmanns Ash, die im Europa des ausgehenden 15. Jahrhunderts mit ihrer 800 Mann starken Kompanie in zahlreiche kriegerische Konflikte der Zeit verwickelt wird. Es ist eine männerdominierte Welt, in der man nicht zimperlich sein darf, wenn man überleben will, erst recht, wenn man ein Mädchen ist, dass in einem Söldnerhaufen aufwächst: "Einer der Kanoniere gab Ash immer etwas zu essen oder ein paar Kupfermünzen. Er legte sie über eine eisenverstärkte Geschützhalterung, zog ihr die Hose runter und fickte sie in den Arsch." (Der Blaue Löwe, S.33)
Gentle nimmt kein Blatt vor dem Mund und ihre Figuren sind keine edlen Helden, die blumige Reden halten. Am Anfang denkt man, einen Historischen Roman zu lesen, der die Zustände der damaligen Zeit unbeschönigt schildert. Aber dann mischen sich die ersten phantastischen Elemente in die Geschichte: Im Nordafrika des geschilderten 15. Jahrhundert existiert weiterhin Karthago, das von den Westgoten regiert wird und die eine gewaltige Invasion des europäischen, christlichen Abendlandes starten. Die italienischen Stadtstaaten, die Schweizer Kantone und Deutschland wird von dem gewaltigen Heer überrollt. Die Westgoten besitzen sogar die Macht, die Sonne zu verdunkeln und halb Europa in Finsternis versinken zu lassen. Und sie setzen Golems ein. Offenbar besitzen die karthagischen Westgoten über Technik und Mittel, die nicht weit entfernt von Magie anzusiedeln sind. Ihr weiblicher General steht in telepathischen Kontakt mit einer mysteriösen Taktikmaschine in Karthago, die den gotischen Offizieren im Schlachtfeld unverzüglich taktische, strategische Ratschläge geben kann, was natürlich ein gewaltiger Vorteil für die Westgoten im Kampf ist.
Wie Ash bald erfahren muss, spielt sie in der ganzen Sache natürlich eine Schlüsselrolle, denn sie sieht dem weiblichen Westgoten-General zum Verwechseln ähnlich und hört ebenfalls die Stimme der gotischen Taktikmaschine, die sie bisher immer als Heiligenstimme interpretierte. Als sie in die Hände der Westgoten fällt und vor deren General gebracht wird, erfährt sie, dass die Westgoten offenbar mit Erfolg Menschen züchten, die mit dieser "machina rei militaris" über Gedankenkraft kommunizieren können. Ash scheint eine fehlgeschlagene westgotische Züchtung zu sein. Als sie nach Karthago gebracht werden soll, wird sie von ihrer Truppe aus dem Gefängnis befreit, was ihr schier das Leben kostet. Ihre Kompanie flieht in das Herzogtum Burgund, die europäische Machtzentrale der damaligen Zeit. Am Ende des Buches fasst Ash den Plan mit ihrer Kompanie Karthago anzugreifen und zu versuchen, die gotischen Taktikmaschine zu zerstören. Dazu benötigt sie aber die Unterstützung des burgundischen Herzogs Karl.
Mary Gentles Buch kann wohl der Rubrik "Alternate History" zugeordnet werden, wobei die Autorin noch zu einem Kniff greift, um beim Leser den Eindruck zu geben, diese Geschichte habe tatsächlich in unserer Vergangenheit und Zeitlinie stattgefunden. ASHs Geschichte ist in eine Rahmenhandlung eingebunden: der Historiker Pierce Ratcliff stößt bei der Recherche und Übersetzung des ASH-Stoffes auf Beweise, dass die offizielle Geschichtsschreibung offenbar aus - im ersten Band nicht näher erläuterten - irgendwelchen Gründen, die stattgefundenen Ereignisse unterschlagen hat. Diese Rahmenhandlung spielt sich in einem extensiven Emailverkehr zwischen Ratcliff und seiner Redakteurin Anna Longman ab, die immer mehr Zweifel an dem Projekt plagen: Sind die geschilderten Ereignisse wirklich passiert oder sind es mittelalterliche Legenden und Fiktionen, die Ratcliff untersucht. Interessant ist, dass Mary Gentle in dem Magira-Interview ihren Roman ASH - A Secret History eher der Science Fiction zurechnet, als ihm den Fantasy-Stempel aufzudrücken "Ash schließlich ist alles andere als Fantasy - auch wenn sich die Geschichte in verschiedenen Modi bewegt: als klassischer historischer Roman, Verschwörungsliteratur, simple Fantasy - um schließlich bei SF zu landen." (Magira - Jahrbuch zur Fantasy 2003, S. 363 f.)
Also, es dürfte für jeden Leser etwas dabei sein. Mir hat jedenfalls dieser erste Teil sehr viel Spaß bereitet, und ich habe mir fest vorgenommen, diese Geschichte in der einen oder anderen Form zu Ende zu lesen.

José V. Ramos

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