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(All Tomorrow Parties, 1999) Science
Fiction Roman, Dt. Erstausgabe, Rogner und Bernhard, Frankfurt, 1999.
Aus dem Englischen übersetzt von Peter Robert, 362 Seiten, ISBN 3-8077-0209-1.
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Der Super-Hacker
Laney (dem Leser eventuell bekannt aus "Idoru") ist ein "Kistenmann"
geworden, er haust in einem U-Bahnschacht von Tokio (oder ist es eine
andere Stadt?) in einem Pappkarton. Doch auch dort ist er online, eingeklinkt
in die schier uferlosen Datenströme dieser Zukunftswelt. Und Infolge einer
Behandlung mit einer Droge kann er sie auch lesen und erkennt, dass sich
in der nächsten Zeit die Welt schlagartig ändern wird, und der Ausgangspunkt
ist die Golden Gate Bridge in San Francisco. Deshalb schickt er den Ex-Polizisten
und jetzigen Ladenwachmann Barry Rydell auf eine Erkundung zur Brücke.
Rydells Ex-Freundin Chevette, die auf der Flucht
vor ihrem letzten Freund ist, begibt sich mit ih-rer Freundin, einer Medienwissenschaftsstudentin,
auch dorthin, um eine Dokumentation zu drehen.
Die Golden Gate Bridge kann wegen eines schweren
Erdbebens nicht mehr als Verkehrsweg genutzt werden, dafür haben sich
Menschen, entwurzelte und Randgruppen verschiedenster Art auf ihr niedergelassen.
Hier handeln, verkaufen, bewirten, fabrizieren sie, die Brücke ist ihr
Lebensraum. Eine fast schon autonome Zone ist so entstanden, ein Multikultigewühl
von erstaunlicher Stabilität. Der Leser lernt noch einige weitere Figuren
kennen, die auf der Brücke leben, darunter der seltsam autistische Silencio
(von dem man nicht so recht weiß, wie alt er eigentlich ist), der aber
über ein fast fotographisches Gedächtnis verfügt. Er begegnet dem datenschattenlosen
Mann, einem Killer, von dessen Bedeutung für die Veränderung Laney überzeugt
ist. Hinzu kommt noch der drogensüchtige Musiker Buell Creedmore. Einen
Gegenspieler gibt es natürlich auch, es ist der mächtige und sehr reiche
Stadtplaner und Unternehmer Harwood.
Viele Charaktere setzt Gibson in Bewegung und sie
sind trotz seines lakonischen Schreibweise sehr genau gezeichnet.
Aber nicht nur Casey, sondern auch Harwood weiß
von dem Knotenpunkt, und da er auch in der Zukunft mitmischen will, ist
er zu diesem Zeitpunkt präsent - als Drahtzieher von skrupellosen Söldnern,
aber im Hintergrund als Anteilinhaber auch bei der Einführung eines auf
Nanotechnologie beruhenden Materiefax-Systems. Die Handlung wird konsequent
dem Spannungshöhepunkt zugeführt, ja, sie wird fast atemlos vorangetrieben.
Und in diesem dramatischen Finale passiert wirklich sehr viel, so dass
der Leser auf seine Kosten kommt.
Man wird nicht so recht schlau dabei, wie die alte
Welt endet und wie die neue aussieht erfährt man nicht. Casey deutet an,
dass alles mit einem kleinen Ereignis anfangen kann. Es gilt einfach nur
den Knotenpunkt zu besetzen, um Einfluss auf die Veränderung zu nehmen.
Lediglich das Schlusskapitel deutet eine neue Welt an, in der alte Qualitäten
mit modernster Technik bewahrt werden. Oder aber, dass die Nanotechnologie
das Ende des Alten, der Geschichte bedeutet.
Das Gefühl beschleicht einem, dass es Gibson selbst
ist, der die Figuren einfach noch einmal zusammenführen wollte, um die
locker geknüpfte Trilogie, bestehend aus "Virtuelles Licht", "Idoru" und
"Futurematic" zu einem Abschluss zu bringen.
Gibson liebt es die Dinge genau zu beschreiben.
Er ist sehr präzise, so dass man einen lebhaften Eindruck von dieser Zukunftswelt
gewinnt. Das kann manchmal auch zu weit gehen. Seine Romane sind bunte
Oberflächen, hinter denen alles oder aber auch nichts stecken kann. Jedenfalls
ist das dahinter unzugänglich, die Fäden, an denen diese Welt hängt, verlieren
sich in den Datenströmen. Das trifft die Weltwahrnehmung vieler heutiger
Menschen.
Gibson ist reifer geworden, aber seine Schreibweise
hat sich nicht wesentlich geändert. Man muss sich darauf einlassen können.
Wenn man das schafft, liest man den Roman mit großem Gewinn.
Michael Baumgartner
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