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Die
SF-Community beklagt ja oft ihr Ghetto-Dasein und das geringe Interesse
der breiten Masse an Phantastik-Literatur der reinen Sorte. Das man aber
mit Elementen, die eindeutig dem Kanon der SF oder Phantastik zugeordnet
werden können, auch großartige Bestseller schreiben kann, beweisen u.a.
Namen wie Michael Crichton, Dean Koontz oder auch Andreas Eschbach.
DER STEINERNE KREIS von J-C. Grangé gehört in diese Kategorie der Zwitterliteratur:
ein spannender Thriller, dessen tragende Storyelemente direkt aus der
SF oder Phantastik entnommen sind. Die Ethologin (Tierverhaltensforscherin)
Diane Thiberge adoptiert einen kleinen Jungen aus einem thailändischen
Waisenhaus, da sie wegen eines traumatischen Erlebnisse in der Pubertät
(Grangé lenkt die Gedanken der Leser unweigerlich in Richtung Vergewaltigung)
keine körperliche Beziehungen zu Männern unterhält.
Nach einer privaten Feier wird sie in einen verheerenden Autounfall verwickelt,
der ihr neues Glück jäh zu beenden droht, denn der Junge Lucian wird schwer
verletzt und fällt ins Koma. Als von Seiten der Ärzte dem Jungen keine
Chancen mehr eingeräumt werden, taucht plötzlich ein geheimnisvoller deutscher
Arzt am Krankenbett des Jungen auf, der den Jungen mittels Akupunktur
rettet. Kurz danach wird der Arzt tot in einem Lagerraum der Klinik aufgefunden;
jemand hat ihm am lebendigen Leib durch die Bauchhöhle die Aorta abgeknickt,
bis das Herz durch den Blutstau explodierte. Diane Thiberge und der Polizist
Patrick Langlois nehmen die Recherchen auf und stoßen im Verlauf auf die
rätselhaften Experimente eines russischen Labors für Parapsychologie,
die im Umfeld eines russischen Kernfusionsreaktors - ein Tokamak - in
den Jahren 1969-1972 in der tiefsten Mongolei durchgeführt wurden. Diane
Thiberge stößt auf ehemalige Mitarbeiter dieses Forschungslabors, die
sich in Frankreich niedergelassen haben, aber immer wenn sie diese aufsucht,
findet sie nur deren Leichen vor. Jemand scheint systematisch die ehemaligen
Forscher des Psi-Labors auszuschalten. Ihr Adoptivsohn erweist sich als
Mongole aus dem ausgelöschten Stamm der Tsewenen, dem eine geheimnisvolle
Botschaft unter die Haut der Finger gebrannt wurde: ein Datum. Als Diane
Kommissar Langlois tot in seinem Büro auffindet und sie als Tatverdächtige
in Frage kommt, flieht sie panikartig und nimmt den nächsten Flug nach
Moskau, denn sie ist überzeugt, dass die Lösung des Falles in dieser stillgelegten
Kernfusionsanlage in der Mongolei zu finden ist.
Was sie dort finden wird, wird ihr ganzes bisheriges Leben auf den Kopf
stellen.
Grangé hat einen raffinierten Thriller gestrickt, der seine Spannung aus
den zu lösenden Rätseln zieht. Er lässt den Leser an den Recherchen von
Diane Thiberge teilhaben, die den zugrundeliegenden Motiven für die Morde
und den geplanten Unfall zwar immer näher kommen, aber dennoch bis zum
überraschenden Finale immer eine Spur daneben liegen. Er mischt geschickt
Parapsychologie, größenwahnsinnige Wissenschaftler, Schamanismus in diesem
Roman, und am Ende setzt er die Gesetze des wissenschaftlichen Erklärbaren
außer Kraft.
Diane Thiberge ist sehr gut charakterisiert, sie ist keine Heldin vom
Reißbrett. Hinzu kommt, dass Grangé auch einen sehr gut lesbaren,
literarisch angehauchten Stil hat.
Ich denke, dass dieser Thriller auch für Phantastikleser höchst interessant
ist. Es lohnt sich auf jeden Fall.
José V. Ramos
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