Ronald M. Hahn/Horst Pukallus
Wo keine Sonne scheint

Verlag Nummer Eins 2001, 216 S. , 14,90 € Book on demand

Im Jahr 1938 flieht der junge Fähnrich Conrad Harras vor den Machthabern in Deutschland in die USA. Er war in eine Sache verstrickt, in der es um einen überaus brisanten, die Nazis kompromittierenden Film ging. Fast hätten die Häscher ihn geschnappt, doch er kann bei der Katastrophe der "Hindenburg" in New York entkommen. Dort schlägt er sich als Privatdetektiv und mit kleinen Gaunereien durch, während der Zweite Weltkrieg tobt.
Nach dem Sieg der Alliierten wird er von einem Unbekannten angeheuert, eben jenen Film, wegen dem er geflohen ist, ausfindig zu machen und seinem Auftraggeber für eine unglaublich hohe Summe zu überlassen. So kehrt Harras nach Hamburg zurück, wo der Kamerad, der den Film aufbewahrt hat, inzwischen zum Schieber und Pornograph geworden ist, lebt. Der hat den Film aber nicht mehr, weil er sich in einer Schachtel befand, die konfisziert wurde. Harras stellt weitere Recherchen an, dabei kommt er dem Kreis um den reichen und einflussreichen Baron von Bornheim in die Quere, der konspirative Kontakte zu untergetauchten Nazis pflegt.
Bei Karmann lernt er die junge Schauspielerin Marion Hardenberg unter eher kompromittierenden Umständen kennen. Aber es sind keine normalen Zeiten, jeder muss sein Überleben sichern. So bahnt sich inmitten dieses Sumpfes von Gier und Käuflichkeit eine zarte Romanze an. Die Situation in Hamburg bleibt für Harras lange undurchschaubar. Die Handlung spitzt sich jedoch zu und es gibt die erste Leiche. Harras gerät bald selbst in Gefahr.

Die Charaktere sind gut ausgearbeitet. Keine Figur wirkt eindimensional. Der Held ist durchaus zwiespältig, aber er gewinnt an menschlichem Format, wächst an der Aufgabe und an der Liebe. Der Hintergrund wird en passant, doch plastisch und detailliert geschildert und ist gut recherchiert. Hin und wieder scheint das angesammelte Wissen sich in den Roman hineinzudrängen, so am Anfang, als die Daten des Luftschiffes Hindenburg aufgeführt werden, obwohl das gar nicht für die Handlung notwendig gewesen wäre. Oft fallen die Schilderungen sehr drastisch aus. Der Autoren Hang zur satirischen Überzeichnung bricht sich immer mal wieder Bahn. Die Autoren zeichnen ein sehr dunkles und ungeschöntes Bild Nachkriegsdeutschlands, außer Marion Hardenberg scheint es keine positive deutsche Figur zu geben. Es wird konsumiert was kommt, und man betrinkt sich, um sich für die Entbehrungen des täglichen Lebens zu entschädigen. Aber auch die Alliierten sind nicht gerade Strahlemänner. Der Roman hat die Atmosphäre eines Krimis der Schwarzen Serie, ein düsterer Schauplatz gepaart mit einem desillusionierenden Menschenbild.
Der Roman liest sich sehr gut. Er ist spannend bis zum Schluss, denn die Handlung ist geschickt konstruiert. Immer wieder gibt es Überraschungen.

Manche SF-Leser werden vielleicht etwas enttäuscht sein, denn in der Handlung selbst tauchen tauchen erst am Schluss SF-Elemente auf. Das Hamburg dieser Romanwelt ist im Grunde aus Tatsachen aufgebaut. Dennoch ist das SF-Element als Zitate aus fiktiven Zeitungsabschnitten, die eine gekonnte Mischung aus Spekulationen, realen Geschehnissen und dubiosen Augenzeugenberichten darstellen, zu Beginn der Kapitel stets präsent. Sie berichten davon, dass Hitler und viele aus seiner Führungsriege entkommen konnten und sich irgendwo, in der Arktis oder an einem anderen abgelegenen Fleck ein Nazigemeinwesen etabliert hat, das über eine weit fortgeschrittene Technik und viele Möglichkeiten verfügt. Dieses Szenario beunruhigt den Leser auch als Erfindung. Gegen Ende des Romans erhält dieses Gemeinwesen mit weitrechenden Beziehungen eine tragende Rolle im Geschehen, weil es auch ein verständliches Interesse an diesem ominösen Film hat. Was dieser Film zeigt, kommt zum Schluss auch heraus, aber die Implikationen daraus, das Wissen um seinen Inhalt sind wichtiger als der Inhalt selbst. Und wer den Verlag und das übrige Werk der Autoren kennt, kann den Filminhalt vermutlich erahnen. Letztendlich hat der eher symbolische, denn reale Bedeutung. Der kompromittierende Film ist Angel- und Schwachpunkt des Romans zugleich, was jedoch den Wert des Romans nicht schmälert.

Den Autoren ist ein spannender Detektiv-Roman in der Tradition der Schwarzen Serie gelungen. Die spekulativen und utopischen Elemente geben dem Werk eine besondere und auch beunruhigende Atmosphäre, sind aber für die Handlung überwiegend entbehrlich. Mit einem anderen Schluss könnte man sich diesen Roman in einer Krimi-Reihe eines größeren Verlages sehr gut vorstellen, dadurch würde die böse Schlusspointe jedoch wegfallen.

Michael Baumgartner

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