Hinterland
Karla Schmidt (Hrsg.)
Wurdack Verlag, Paperback, 2010, Titelbild von Jacek Kaczynski, ISBN 978-3-938065-69-3i, 383 Seiten
Cover von 'Hinerland', hrsg. von Karla Schmidt

Themenanthologien haben ihren ganz besonderen Reiz. Neben der primären Qualität der enthaltenen Texte gibt es immer noch eine weitere Ebene, eben jene des Themas unter dem sie alle stehen. Mit „Hinterland“ liegt nun zum ersten Mal eine Antho mit Texten basierend auf Songs von David Bowie vor, so im Vorwort der Herausgeberin, die den Lesern spätestens seit dem Gewinn des Science Fiction Preises ein Begriff sein dürfte. Vorweg gesagt, Ergebnis dieses Unterfangens ist eine Sammlung recht vielfältiger Geschichten von mir bekannten, aber auch bislang unbekannten Autoren: von der Military-Homo-Schmonzette („Der Anfänger“ von Valérie Kreifelts) bis zur Rekapitulation der Nazi-Zeit („V2-Schneider“ von Dirk C. Fleck) ist alles vorhanden. 20 Geschichten, nicht immer Science Fiction wie der Klappentext besagt, aber Genreeinordnungen machen in diesem Fall sowieso wenig Sinn.
Gut gefallen hat mir, dass zu jeder Geschichte der Autor respektive die Autorin ein paar Worte beisteuert, in denen der jeweilige Bowie-Song erwähnt wird und wie er inspiriert hat.
Alles in allem eine interessante Mischung mit nur einem einzigen Totalausfall, nämlich „Kleines Mädchen aus China“ von Jasper Nicolaisen – natürlich stand „Little China Girl“ Pate –, in dem die Vergewaltigung einer chinesischen Minderjährigen geschildert wird, und deren Rache danach mit der Entmannung des Täters. Die Geschichte hat ein paar schöne literarische Bilder, ist ansonsten aber total daneben.
Nachfolgend seien die besten Beiträge von „Hinterland“ etwas genauer vorgestellt.
„Die betrübte Strahlenkanone“ von Jakob Schmidt ist eine nette kleine SF-Geschichte von einer Waffe, die mitdenkt und fühlt bei ihrem Job. Dass das nicht immer glatt gehen kann, ist zu erwarten. Aus dieser Idee hätte man noch mehr machen können, finde ich, wenn ich z.B. an die räsonierende Bombe in „Dark Star“ denke.
Die titelgebende Geschichte stammt von Pepe Metropolis. In ihr bricht ein Team von Wissenschaftler in die Südsee auf, um einen verschollenen Forscher zu finden. Was sie finden, ist unglaublich. Diese längste Story des Bandes hat einen schönen Spannungsaufbau, bis am Ende das Rätsel eine sehr originelle Auflösung findet. Lesenswert, zumal „Hinterland“ die erste Veröffentlichung des Autors ist. Man kann es kaum glauben.
Ebenfalls eine biologische Vision schildert bibo Loebnau in „Tief-Blau“ Das Szenario hat bei mir Bilder wie bei Giger im Kopf entstehen lassen. Leider fällt die eigentliche Handlung dann doch etwas ab. Barbar Streun steuert dann mit „On Idle“ eine gelungene Zeitreisegeschichte bei. Zunächst spielt alle in einer Ebene, der Leser wird eingelullt, und fragt sich, auf was das ganze hinaus steuern soll; wieder eine matte Dystopie, nicht mehr? Und dann kommt das furiose Ende, in dem in wenigen Sätzen alles auf den Kopf gestellt wird. Für mich die zweitbeste Geschichte der Anthologie.
Die Herausgeberin ist mit „Erlösungsdeadline“ vertreten, einer Dystopie, die den Kern einer Utopie in sich hat. Geschildert wird das Schicksal eines 80jährigen Ex-Säufers vor dem Hintergrund des Aufkommens einer Organisation die sich die Salvationisten nennen. Diese behaupten in fünf Jahre sei die Welt gerettet, wenn alle mitmachen. Das Wort Deadline hat einen zwiespältige Bedeutung, und beschreibt das Szenario gut. Hat diese Bewegung, die teilweise sektenartigen Charakter aufweist, wirklich nur Gutes vor? Ein interessantes Stück Soziofiction, das förmlich danach schreit, in längerer Form ausgearbeitet zu werden.
Ein komplexes Zukunftsszenario in wenigen Dialogsequenzen schildert Nadine Boos in „Kamera(d), Action!“. Zwei Ebenen wechseln sich ab. Einerseits prahlt ein abgehalfterter Elitesoldat vor einem Journalisten, der mittels Hirnkamera alles aufzeichnet, daneben wird der Besuch einer deutschen Delegation beim Außenminister in den USA geschildert. Beide Ebenen prallen zum Ende aufeinander. Stilistisch mit die beste Darbietung in diesem Band.
Bei Markolf Hoffmann dreht sich in „Triptychon“ alles um die Kunst – allerdings in negativer Hinsicht. Gemeint ist die Kunst des Tötens. Der Protagonist, ein Polizeiinspektor, steht vor der Aufgabe zu ermitteln, ob ein äußert unappetitlicher neuer Fall Kunst darstellt und damit straffrei sein wird, oder eben nicht. Eine interessante Idee. Hier funktionieren die Grauendarstellungen in ihrer Überzeichnung gut.
Die beste Geschichte ist „Die letzte Telefonzelle“ von Tobias Bachmann. Darin versucht ein Agent seine Vorgesetzten anzurufen; muss dann aber realisieren, dass die Telefonzelle, in der er ist (sein Handy geht wegen eines Funklochs nicht), Intelligenz besitzt und ein Gespräch mit ihm anfängt. Ein herrlich absurdes Stück, das sich nahe an der Groteske bewegt.
„Hinterland“ hat mir insgesamt recht gut gefallen. Hinterland, so der Bereich des menschlichen Verstandes, aus dem die Ideen kommen, wie David Bowie laut Vorwort in „Red Sails“ beschreibt, das Unbewusste also, ist auch der Fundus aus dem die Autorinnen und Autoren dieses Bandes reichlich schöpfen.
Zum Schluss sei noch erwähnt, dass es eine Homepage zum Buchprojekt gibt: unter www.hinterland-stories.com sind weitere Infos und die jeweiligen Songs abrufbar. Die Texte derselben sind unter www.davidbowie.de zu finden.

Jürgen Thomann

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