K. W. Jeter
Das Erbe des Uhrmachers

(Infernal Devices, 1987)Ullstein-Taschenbuch 22345, 1990, Übersetzer: Malte Krutzsch, Cover: David O'Connor, ISBN 3-548-22345-1, 224 S...

Im England des 19. Jahrhunderts bekämpfen sich jahrhundertalte Geheimgesellschaften im Verborgenen und werden Weltuntergangsmaschinerien gebaut. Der Anti-Held des Romans, zugleich auch der Erzähler, gerät durch seine Neugier in ein für ihn undurchschaubares Geschehen, als mehrere Personen sich um dasselbe mechanische Instrument bemühen. Im Lauf der Handlung stellt sich heraus, daß er in den Kampf der "Königlichen Anti-Gesellschaft", deren Mitglied, ein verkalkter britischer Lord, die Erde vernichten will, und dem "Frommen Heer", das diese Umtriebe vereiteln will. Beinahe zu spät merkt er, dass er die Schlüsselfigur in diesem Kampf ist. Als wenig begabter Sohn eines genialen Uhrmachers und Gerätebauers wird er immer wieder mit dessen unglaublich vielfältigem Werk, unter anderem mit seinem eigenen Simulacron - "charakterlich" das genaue Gegenteil -, konfrontiert. Und da gibt es noch den "Ledermann", der unbekannte Ziele verfolgt.
Der Roman entfaltet ein gelegentlich beängstigendes, aber immer abwechslungsreiches, leicht schräges Szenarium. Komik und Ernst sind eng miteinander verquickt. Jeter treibt die Handlung voran, ohne dabei die Schilderung des Hintergrundes zu vergessen. Bis zum ironischen Schlusseinfall ist die Handlung spannend, wobei man sagen muss, dass Jeter den Bogen manchmal überspannt, und der Leser ermüdet. Dass das Schlimmste nicht eintritt, wird dem Leser schon durch die Perspektive, die Rückschau, klar. Die Figuren sind weniger verrückt wie die Handlung, aber stimmig und psychologisch glaubhaft. Nur die weiblichen Figuren sind mit ihren für den Helden bedrohlichen Absichten einseitig ausgefallen.
Der Stil orientiert sich in seiner Weitschweifigkeit und Wortwahl geschickt am Charakter des Erzählers und den viktorianischen Vorbildern des Romans. Die Übersetzung bringt diesen Duktus sehr gut ins Deutsche herüber.
"Das Erbe des Uhrmachers" gehört mit Recht zu den Hauptwerken des sogenannten Steampunk. Gemeinsam ist allen Romanen, dass sie hauptsächlich im England des 19. Jahrhunderts spielen und hier meistens in London und Umgebung. "Steam" als Namensteil verweist recht vage auf diese Epoche, das man etwa mit dem Dampfmaschinenzeitalter gleichsetzen kann. "Punk" sind die Romane in erster Linie durch die respektlose Plünderung des Fundus aller phantastischer Genres und deren unbekümmerten Vermischung. Daneben haben die Autoren auch eine Vorliebe für die Schilderung des pittoresken "low life", des Lebens im unteren Bereich der Gesellschaft und im Milieu der Außenseiter - eine Gemeinsamkeit mit dem Cyberpunk.
Während die beiden anderen Hauptwerke des "Steampunk", "Tore zu Anubis Reich" von Tim Powers und "Homunculus" von James P. Blaylock dem Fantasy-Genre zuzurechnen sind, ist Jeters Roman SF in der Art, wie sie zu Zeiten Jules Vernes geschrieben wurde, nur eben schräger und kompakter.
Jeter gehörte mit Blaylock und Powers zum Freundeskreis Philip K. Dicks in dessen letzten Lebensjahren. Eine Affinität zur Gedankenwelt Dicks zeigt sich besonders in der Gestaltung der H Hauptfigur. Diese ist ein Durchschnittsmensch, fast zu träge, der um seine Identität, die ihm von einem Simulacron streitig gemacht wird, zu kämpfen hat. Er wird mit einer Welt konfrontiert, die für ihn undurchschaubar ist. So trägt dieses Element dazu bei, dass der Roman bei allem vorgespiegeltem Unernst dem Leser etwas zu sagen hat. "Das Erbe des Uhrmachers" ist Literatur, die keine wirklich neuen Ideen bringt, vielmehr alte neu belebt, und ist auf jeden Fall ein großes Lesevergnügen.

Michael Baumgartner

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