Philip Kerr
Das Wittgenstein-Programm
(A Philosophical Investigation, 1992) rororo 22812, ISBN 3-499-22812-2, Januar 1996, 412 Seiten, aus dem Englischen von Peter Weber-Schäfer.

London im Jahre 2013.

Chefinspektorin Isidora Jakowicz, genannt "Jake", haßt Männer. Endlose Jahre lang wurde sie in ihrer Kindheit von ihrem Vater gedemütigt, und als er ihre Mutter in den Selbstmord trieb, wußte sie, daß sie nie mehr in ihrem Leben einen Mann würde lieben können. Doch auch zu Frauen fühlt sie sich nicht hingezogen, und so lebt die attraktive, scharfsinnige und gebildete Frau ein einsames, asexuelles Leben. Ihr Ressort sind die Morde perverser Serienkiller an Frauen, was ihren Haß auf das andere Geschlecht Tag für Tag nur noch vertieft. Ein wenig Frieden findet sie nur, wenn sie nackt mit ihrer Therapeutin über ihre Probleme redet.

Probleme hat sie genügend, denn neben all den geisteskranken Frauenmördern, mit denen sie sich zu beschäftigen hat, ist plötzlich ein Serienkiller aufgetaucht, der Männer exekutiert. Nicht irgendwelche Männer, sondern ausschließlich solche, die im Rahmen des großangelegten Lombroso-Programmes als gefährliche Individuen mit Hang zur Aggressivität gelten.

Dieses Programm verkörpert die Utopie in diesem Roman. Die jahrzehntelang vorherrschende Theorie, daß die Neigung zum Begehen von Gewaltverbrechen gesellschaftliche Gründe hat, wurde nämlich widerlegt, indem man herausfand, daß das angeborene Fehlen eines bestimmten Teiles im männlichen Gehirn die Unterdrückung der Aggressionen unmöglich macht und die defekte Person ungeachtet ihrer sozialen Umstände zu einer Zeitbombe werden läßt. Um Gewaltverbrechen zu verhindern, führt man Untersuchungen an einer großen Zahl männlicher britischer Staatsbürger durch und registriert jene, die den bewußten Defekt aufweisen. Alle potentiellen Gewalttäter erhalten Codenamen (die von längst verstorbenen Schriftstellern und Philosophen), und ihre Daten werden mit einer Software namens Lombroso-Programm erfaßt.

Der Schuß allerdings droht nach hinten loszugehen, als einer der untersuchten Männer mit der Eröffnung, er gehöre zu den potentiellen Gewaltverbrechern, nicht fertig wird. Er trägt den Tarnnamen "Wittgenstein" und ist ein Meister im Umgang mit Computern. Zunächst gelingt es ihm, unbemerkt seine eigenen Daten aus dem Programm zu löschen und die der anderen Auffälligen herauszukopieren. Dann beginnt er sich immer mehr mit dem Extrem-Philosophen Wittgenstein zu identifizieren und die Männer zu exekutieren, die wie er den Defekt im Gehirn aufweisen.

Die Handlung entwickelt sich aus der Abwechslung zwischen Jakes schrittweisen Ermittlungserfolgen und den Tagebuchauszügen des falschen "Wittgensteins". Um dem philosophischen Irren auf die Spur zu kommen, muß Jake nicht nur mit engstirnigen und machistischen Kollegen und Vorgesetzten fertigwerden, sondern auch Nachhilfe in Philosophie nehmen und mit einem Professor aus Camebridge zusammenarbeiten.

Dieses Buch hat den Deutschen Krimi-Preis 1995 erhalten. Hat es ihn auch verdient?

Was diesen Roman interessant macht, ist zunächst einmal die Idee eines Mörders, der aus philosophischen Gründen tötet. Natürlich läßt sich Philip Kerr nicht kalt erwischen und hat sich gründlich in Wittgensteins Gedankenwelt eingelesen. Allerdings fallen die philosophischen Begründungen nicht wirklich schlüssig aus - angesichts der Tatsache, daß der Serienmörder sein Leben lang von einer genetisch bedingten überwältigenden Aggressivität getrieben wird, muß der Versuch, seine Taten als philosophisch motiviert darzustellen, kläglich scheitern.

Der Einfall, die Wissenschaft könne in naher Zukunft herausfinden, daß Verbrechen aus biologischen anstatt aus sozialen Gründen begangen werden, kommt brisant daher, bleibt unter dem Strich jedoch nur ein billiger und zudem äußerst bedenklicher Einfall, versucht er doch die Erkenntnisse der Kriminalsoziologie zu ignorieren und wieder zur mittelalterlichen Vorstellung zurückzukehren, nach der es eben "gute" und "böse" Menschen gibt - unabhängig vom sozialen Umfeld. Daß diese Behauptung im Laufe des Buches niemals wirklich in Zweifel gezogen oder kritisch beleuchtet wird, ergibt auf dem Hintergrund der heutigen Möglichkeiten der Genmanipulation ein ziemlich ungenießbares Gebräu, das den stilistisch hervorragenden und hochspannenden Roman bitter aufstoßen läßt.

Zu den sachten SF-Elementen des Schmökers gehören Ganzkörper-Simulationsspiele (mit denen etwa der falsche Wittgenstein seine Aggressionen abzureagieren sucht), also virtuelle Realität, sowie eine neue Perspektive des Strafvollzugs: das Strafkoma. Während letzteres kurz andiskutiert wird, hat die virtuelle Realität nur eine schmückende Funktion und wird nicht weiter vertieft. Dasselbe gilt auch für die sozialen Probleme, die sich aus der immer größeren Armut der Bevölkerung Großbritanniens ergeben. Diese Armut wiederum wurde hauptsächlich durch die unkontrollierte Zuwanderung von Hongkong-Chinesen ausgelöst, was mir... nunja... politisch nicht ganz korrekt erscheint...

Der Roman ist über weite Strecken hinweg hervorragend geschrieben, doch schafft er es nicht, all die einzelnen Ideen in ein schlüssiges Ganzes zu bringen. Am wenigsten gelingt es, das philosophische System Wittgensteins in eine echte Verbindung zu den Mordfällen zu bringen. Auf den letzten fünfzig Seiten bricht gar alle innere Logik zusammen. Jake, die sogar freundliche und intelligente Männer nur hassen kann, entwickelt tiefe Gefühle für den Serienmörder, ohne daß klar würde, weshalb. Der Camebridge-Professor wendet sich urplötzlich von Jake ab. Der Mörder selbst läßt sich durch fadenscheinige Argumente zu einem Selbstmordversuch hinreißen, ohne daß sich diese Möglichkeit oder Neigung im Laufe des Romans jemals bei ihm angekündigt hätte, und schließlich, kurz vor seiner Versetzung ins Strafkoma, entdeckt er in einem pathostriefenden Gespräch mit Jake noch seine sanfte und poetische Ader, nur um dem Buch in letzter Minute ein kitschiges und völlig unpassendes Ende aufzupappen.

Einen Preis würde ich diesem Buch nicht verleihen, wenngleich seine ersten zwei Drittel höchst fesselnd geschrieben sind. Auch Peter Weber-Schäfers Übersetzung ist nicht vollkommen. Daß er "Mini-Disk" ständig mit "Diskette" übersetzt, verwirrt unglaublich, und "erkennen" mit "anerkennen" zu verwechseln, mag passieren, sollte aber spätestens dem Lektor auffallen. Daß es kein "Wittgensteinprogramm" gibt, sondern nur ein "Lombroso-Programm", in dem ein Mensch mit dem Decknamen "Wittgenstein" gespeichert ist, macht den Titel sinnlos, aber sicherlich stemmte sich ein Redakteur mit aller Kraft dagegen, das Buch entsprechend des Originaltitels "Eine philosophische Untersuchung" zu nennen... Man kennt so etwas ja...

(Rezension von Martin Clauß)

zurück
erster Satz
Liste