Lotus-Effekt
A. Rößler, H. Jänchen (Hg.)

Originalausgabe, Science-Fiction Reihe Band 11, Wurdack-Verlag Nittendorf 2008, Cover: Ernst Wurdack, ISBN 978-3-938065-32-7 , 216 S., 1095.

Mittlerweile kann man von einer Wurdack-Anthologie gutgeschriebene und schlüssige Geschichten erwarten.
Die "üblichen Verdächtigen", die Stammautoren Christian Weis, Andrea Tillmanns, Bernhard Schneider, Christian Günther, Heidrun Jänchen und Armin Rößler sind wieder dabei. Die Anthologie beginnt mit einer schwächeren Geschichte. In "Lotus-Effekt" (der Titel ist mysteriös) hat ein Arbeiter in einer stereotypen Zukunfts(stadt)welt Visionen von Kriegshandlungen. Diese passen aber nicht recht zusammen, weil die Kriegsvisionen zu archaisch für den HighTech-Hintergrund sind, in der die Mächtigen auch die Gehirne manipulieren können.
Ganz nett und vergnüglich ist "Ein Phager wird trainiert" von Thomas Hocke. Ein Phager ist ein biologischer Schädlingsbekämpfer, der erst darauf trainiert werden muss, was er fressen soll. Kompliziert wird es für den Tester dieses Wesens, wenn er gleichzeitig ein Date mit einer Frau hat.
Nadine Boos bietet dem Lesern und Leserinenn in "Photosolaris" ein Siedlungsraumschiff, das nur von Frauen bemannt scheint. Das liest man nicht oft. Im Tau Ceti-System machen sie eine Entdeckung, die ein neues Licht auf die Entstehung des Lebens im All wirft. Eine originelle Geschichte, die dazu noch gekonnt erzählt wird.
Sebastian Rieger "Nichts wie der Himmel": Die Erinnerungen eines "Ermittlers", der sich in Gehirne Toter einklinkt um die Gründe für deren Tod herauszufinden, kommen durcheinander. Gut gelöst, denn es gibt einen roten Faden durch dieses Labyrinth, ein Geschenk an seine Frau. Eine Geschichte, die ihre eigene melancholische Stimmung hat, das Ende ist aber eher ein Antiklimax.
Es folgen wieder zwei schwächere Geschichten. Lutz Hermanns "Der Traum vom Fliegen" über eine seltsame Selbstmordserie unter Angehörigen einer Firma endet vorhersehbar, und "Lapsus" von Bernhard Schneider hat zwar Wendungen, ist aber letztendlich zu verwirrend. Was wollte man wirklich bezwecken, in dem einer jungen Frau suggeriert hat, sie sei von Außerirdischen entführt worden?

Zwei Geschichten gab es, die mich zum Lachen brachten. Olaf Trint mit "Schnully" und mit Arnold Endler "Strafmaßnahmen". Erstere ist eine Krimifarce, die mit Spaß Aliens, Raumstationen, Androiden und Beziehungskisten kombiniert, und am Ende wie in bester Krimitradition eine haarsträubende Auflösung präsentiert. Dazu kommen noch die typisch sarkastischen Bemerkungen des "Ermittlers".
Die Strafmaßnahme in der zweiten Geschichte ist ein intelligentes Auto, das einem durch sein aggressives Verhalten aufgefallenen Autofahrer zugewiesen wird. Doch dies hat keinen erzieherischen Effekt. Man kann einerseits die Gedanken des Raudis nachvollziehen, doch man muss auch lachen über die Aktionen der Künstlichen Intelligenz, und was sie beim Autofahrer auslösen. Nur einen Schwachpunkt hat die Geschichte: Künstliche Intelligenzen haben nicht zu menscheln, verdammt noch mal! ;-)
"Wir könnten Kolumbus fragen" von Thomas Wawerka gehört für mich zu den Highlights des Bandes. Sie besticht durch interessante Figuren und die konsequente Umsetzung der Grundidee. Eine irdische Crew will die Landung auf Ganymed wie die Mondlandung oder auch die Entdeckung Amerikas inszenieren. Doch daraus wird nichts, weil man schon zur Sicherheit einen robotischen Erkunder vorausgeschickt hat. Der Mythos der Raumfahrt wird hier auf sehr gekonnte Art ad Absurdum geführt. Eine Geschichte, bei der man lachen und weinen zugleich könnte.
"Weg mit Stella Maris" von Karla Schmidt wirkt wie eine Geschichte aus dem Baukasten (der Science Fiction). Da gibt es einen Beziehungskonflikt, hier zwischen Mutter und Tochter. Da gibt es einen großartigen Aufbruch ins All die geniale Wissenschaftlerin Stella Maris, der von der Tochter ganz anders gesehen wird, und als Leser ahnt man schon, dass sie recht haben könnte. Hinzu kommen beunruhigende Entdeckungen auf der Erde. Und am Ende der Geschichte kommt alles zusammen. Sie ist spannend geschrieben, und sie lässt einem auch nicht unbeteiligt. Doch ist die Auflösung am Schluss unbefriedigend, weil zu konstruiert.

Eine ganze Zukunftswelt baut Thomas Templ um seine Story ("Gebäude Nummer 15") herum auf. Die ist so komplex, dass man sie kaum in einem Satz nacherzählen kann. Die Menschheit hat sich im All ausgebreitet und es hat sich eine biologische Klassengesellschaft gebildet, mit den Illumnierten, homo sapiens superior, an der Spitze. Ein Archäologenteam macht auf einem Planeten, dessen Zivilisation gewaltsam untergegangen ist, eine wichtige Entdeckung. Der Autor gibt sich alle Mühe bis zum Ende der Geschichte auch alle relevanten Informationen unterzubringen, damit die der Ausgang plausibel erscheint. Die Figuren sind differenziert gezeichnet, doch wird die Geschichte von dem Universum drumherum erdrückt, so dass der Leser kaum mehr als ein Informationsverarbeiter ist.
"Barnabas" von Karsten Kruschel konfrontiert uns mit einem mysteriösen und gefährlichen Objekt. Der Novize Barnabas, der auf einem Mönchsplaneten lebt, wird seine rebellische Neugier fast zum Verhängnis, als er sich dem Artefakt beschäftigt. Eine Geschichte, die einem nicht berührt, weil man als Leser merkt, dass die Schilderung des Objekts im Zentrum steht und alles andere nur Beiwerk ist. Das Objekt selbst löst keine Assoziationen bei Leser aus, es ist zu singulär, wenngleich bedrohlich mysteriös. Die Geschichte wirkt wie ein Prolog zu einem größeren Werk.
Armin Rößler lässt in "Das Gespinst" menschliche und nichtmenschliche Wesen wieder auf interessante Art interagieren, so dass die Existenz klar und unergründlich zugleich aufscheint. Uwe Post Geschichte "Decoi vult" hat etwas aberwitziges an sich. Zukunftsblick als Nebeneffekt. Hypertechnologie macht die Welt nicht beherrschbarer, das Gegenteil ist der Fall. Die Stärke ist ihre Uneindeutigkeit. Der Leser nimmt Anstoß, denn so "verrückt" sie ist, sie findet Anschluss an die Erfahrungen eines jeden HiTech-Nutzers. Auch bei "Auswegsloser Morgen" von Andrea Tillmanns kann ich den Grund für die Aufnahme in die Anthologie nachvollziehen. Die Science Fiction-Idee der totalen Überwachung ist möglich nur eine Wahnvorstellung der einzigen Figur in dieser Story. Auch ist die Haltung des Lesers zur Figur keineswegs einfach. Das Ende ist nachvollziehbar, aber man will es eigentlich nicht akzeptieren.
"Entschlossen" von Christian Weis bietet keine Handlung, die weltveränderndes, die großartige weltgeschichtliche Vorgänge schildert. Auch ist die Zukunftswelt, in der die UNO eine viel aktivere Rolle übernimmt, nicht sonderlich plausibel und in ihrer Kürze kann sie dies auch nicht plausibler erscheinen lassen. Aber die Stärke von Christian Weis Geschichte ist das Wie. Die Mittelpunktfigur ist ein Polizist, der mehr mit seinen gefährlichen und problematischen Einsätzen nicht mehr zurechtkommt. Die Figuren wirken lebendig, die Dialoge sind sehr dicht.

Einer der Autoren, die in der letzten Zeit mit einer ganzen Anzahl von Geschichten hervorgetreten sind, ist Niklas Peinecke. Das gleiche kann man auch von Heidrun Jänchen behaupten.
Peinecke schildert in "Die Ernte fällt heut' aus" eine interstellare Menschheit im Krieg gegen eine außerirdische Maschinen"zivilisation". Diese hat mehr Respekt vor dem Leben der Menschen als diese selbst. Die Menschheit verwertet ihre Mitglieder im Kampf mit kalter Effizienz. Da können sich Gefühle und Beziehungen nicht entfalten. Eine sehr berührende Geschichte. Ein gelungenes Beispiel dafür, wie man aus einem Allgemeinplatz der SF noch etwas herausholen kann. "Ein Geschäft wie jedes andere" betreibt die Hauptperson der Erzählung: Körper für begüterte, aber kranke Interessenten zu requirieren, in dem er den Körperspendern, die sich in einer Notsituation befinden, ein kurzes, aber schönes Leben anbietet. Eine weitere Variante des Körpertausches, die hier jedoch nur Ausgangspunkt für eine Geschichte um den Konflikt zwischen Moral und Geschäft ist. Die Hauptperson befindet sich selbst in einer Zwangslage, denn er ist zum Erfolg verdammt, muss das Studium der Tochter bezahlen. Als er sich dann um eine Körperspenderin persönlich kümmern muss, damit sich ihr Zustand bessert, gerät er noch stärker in eine Zwickmühle. Heidrun Jänchen hat die Geschichte packend und konsequent zu Ende erzählt.

Noch viele gute Geschichten können wir erwarten. Viele gute Geschichten warten darauf, veröffentlicht und gelesen zu werden. Viele werden davon auch in der Anthologien des Wurdack-Verlages erscheinen, und vielleicht klappt es auch endlich mal für einen der drei Preise. Wünschen darf man das dem Verlag, dem Herausgeber und natürlich den AutorInnen.

Nachtrag: Es ist geschafft. "Heimkehr" (aus "S.F.X") hat den Deutschen Science Fiction Preis als beste Erzählung des Vorjahres bekommen. Gratulation an den Autor Frank Haubold, Armin Rößler, Heidrun Jänchen und Ernst Wurdack.

Michael Baumgartner

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