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"Er erwachte
mit Erinnerungen an seinen Tod." Der hier zu Beginn des Romans erwacht,
ist Jonathan Wilde oder genauer eine Kopie von ihm, hergestellt von einer
"Lebensäquivalenzmaschine" names Jay Dub. Beide machen sich auf den Weg
zu Sky-City, der größten Stadt auf diesem marsähnlichen von Menschen besiedelten
Planeten (Der Titel meint wohl sie, aber er ist schlicht irreführend).
Dort ist auf der Flucht ein Androide in weiblicher Gestalt und genannt
Dee Model. Dee ist dem mächtigen Mann in dieser Stadt David Reid entkommen,
und Wilde wird ungewollt zum Gegenspieler dieses Mannes, den er schon
sehr lange kennt.
Eine andere Handlungsebene ist Schottland, und später
die gesamte Erde, ab den Siebziger Jahren. Zwei linke Studenten, Reid,
Kommunist, der andere, Wilde, im marxistischem Milieu sozialisiert, aber
nach eigenen Angaben "Liberalist", und, Marxist, schließen Freundschaft.
Diese Freundschaft ist aber immer auch geprägt von Konkurrenz bei den
Frauen. Die beiden erleben aktiv die Friedensdemonstrationen der Achtziger
und später den Zusammenbruch des Kommunismus. Bei Reid erodiert langsam
das soziale Engagement und er geht seiner Überzeugungen verlustig. Gleichzeitig
macht er Karriere als Informatiker bei einem Versicherungskonzern. Jon
Wilde heiratet die Ex-Freundin Reids, arbeitet in der Erwachsenenbildung
und schreibt nebenher krude, politisch unkorrekte Artikel. Beide erleben
gemeinsam den Zusammenbruch der Staaten und das Versinken der Welt in
Krieg und Chaos. Das einzige, was noch funktioniert ist die kapitalistische
Wirtschaft. Wilde hat inzwischen mit Gleichgesinnten eine Anarchokapitalistische
Freihandelszone im Norden Londons gegründet, er profitiert von der Situation,
aber auch Reid ist obenauf: Er ist eine große Nummer im Sicherheitsgeschäft
geworden, das auch das Vermieten von Privatarmeen einschließt.
Der Fortschritt in Wissenschaft und Technik lässt
sich jedoch nicht aufhalten. Man hat herausgefunden, wie man ein Bewusstsein
in einem Computer speichern kann, die Nanotechnik wird entwickelt und
beides kombiniert, was die "Schnelldenker" ergibt, superintelligente künstliche
Wesenheiten, die sich rasant weiterentwickeln. Und auch in Sachen Künstliche
Intelligenz und Genetik werden die neuen Erkenntnisse gleich umgesetzt.
Wozu das alles gut ist, das zeigt sich, als sich die "Weltraumgesellschaft",
die Jon Wilde mitgegründet hat, und Reids Versicherungsmulti zusammentun
um die Erde in ihrem katastrophalen Zustand hinter sich zu lassen.
Wilde wird von der Entwicklung überrollt. Er wird
erschossen und wacht auf als virtuelle Existenz, die einen Roboter steuert,
der am Bau eines Wurmloches beteiligt ist. Durch das Wurmloch fliegen
die "auserwählten" Menschen in eine neue Welt, weg von der daniederliegenden
Erde.
Auf dem Neuen Mars wird dieser Konflikt zwischen
Wilde und Reid weitergeführt. Dort hat sich eine anarchokapitalistische
Gesellschaft etabliert. Reid ist der starke Mann, und Wilde, seine verschiedenen
Versionen, wehren sich gegen seine Dominanz. Es geht um die Wiederweckung
der Toten, die als Datensatz und Genprobe gespeichert sind. Dazu muss
man Kontakt mit den Schnelldenkern, in Rechner auf Nanobasis eingespeicherte
Bewusstseinsinhaltkonglomerate, Kontakt aufnehmen. Es geht aber auch um
Dee Model, deren Genmaterial von Wildes Frau stammt und von Reid widerrechtlich
benutzt wurde.
MacLeod lässt
in einer Handlungsebene Jon Wilde, der viele Zustände seiner selbst und
Unglaubliches erlebt, erzählen. Die andere spielt nur in der Zukunft,
und ist in wechselnden Perspektiven geschrieben. Erst am Schluss schließt
sich die Lücke zwischen beiden Handlungsebenen. Durch diese Struktur erzeugt
McLeod eine Spannung, sonst ist die Erzählweise episch, ein atemberaubendes
Finale darf man nicht erwarten. Es ist nicht einfach, herauszufinden,
was oder wovon MacLeod erzählen will. Dass er erzählen kann, und versierter
Romanschreiber ist, das merkt man immer wieder, denn trotz des Fehlens
eines Leitmotivs, bleibt man bei der Stange, nicht zuletzt, weil es immer
wieder Neues oder Überraschendes gibt. Allerdings kommen bei dem Tempo
der Handlung die Charakterisierung der Figuren zu kurz.
MacLeods Phantasie
ist kühn, er jongliert mit Versatzstücken der neueren Science Fiction
wie Schwarze Löcher, Nanotechnik, Künstliche Intelligenzen, gespeicherte
Bewusstseinsinhalte und ordnet sie neu an. Das macht den Roman lesenswert.
Das "innovative" Element ist, dass McLeod diesen Zukunftsentwurf aus der
Gegenwart heraus entwickelt, eben in dem er die Lebensläufen der beiden
Freunde folgt. Menschen der Gegenwart erleben eine atemberaubende Zukunft
am eigenen Leibe.
Der Roman zeigt, wie sehr die Zukunft ein Spiegel
der Gegenwart ist. Er erzählt vom Verlust von Idealen und Utopien, die
in eine Gesellschaft ohne Staat, in der nur die wirtschaftliche Interessen
und Beziehungen der Menschen das Bindeglied sind, münden. Alle und Alles
sind frei und können zur Ware werden. Jeder muss seine Haut zu Markte
tragen. Moral ist ein Randerscheinung. Da alle bewaffnet sind, ist diese
Gesellschaft unsicher und geprägt von Gewalt. Der wissenschaftlich technische
Fortschritt, führt nicht hin zu einer besseren Gesellschaft. Allenfalls
die (auch in der Science Fiction aktiven) Libertarians mögen darin einen
idealen Zustand, in dem die Kräfte des Menschen zur vollen Entfaltung
gelangen, sehen.
Das
sind jetzt die Gedanken des Rezensenten. MacLeod selbst enthält sich aller
Wertungen, verschanzt sich hinter Wilde. Der ist keinesfalls eine positive
Gestalt, sondern ein wirklich sehr gemischter Charakter, egoistisch und
wenig skrupulös, aber auch ein erfrischender Querdenker und guter Familienvater.
Letztendlich macht "Die Mars-Stadt" nachdenklich,
vielleicht weil Autor und Figuren keine Überlegungen anstellen, wohin
ihr Weg letztendlich führt und ob das alles wünschenswert ist, beschert
der Roman doch tiefere Einsichten, wenngleich man sie nicht benennen kann.
Michael Baumgartner
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