Ken MacLeod
Die Mars-Stadt

(The Stone Kanal, 199 ) Heyne Taschenbuch München 2002

"Er erwachte mit Erinnerungen an seinen Tod." Der hier zu Beginn des Romans erwacht, ist Jonathan Wilde oder genauer eine Kopie von ihm, hergestellt von einer "Lebensäquivalenzmaschine" names Jay Dub. Beide machen sich auf den Weg zu Sky-City, der größten Stadt auf diesem marsähnlichen von Menschen besiedelten Planeten (Der Titel meint wohl sie, aber er ist schlicht irreführend). Dort ist auf der Flucht ein Androide in weiblicher Gestalt und genannt Dee Model. Dee ist dem mächtigen Mann in dieser Stadt David Reid entkommen, und Wilde wird ungewollt zum Gegenspieler dieses Mannes, den er schon sehr lange kennt.
Eine andere Handlungsebene ist Schottland, und später die gesamte Erde, ab den Siebziger Jahren. Zwei linke Studenten, Reid, Kommunist, der andere, Wilde, im marxistischem Milieu sozialisiert, aber nach eigenen Angaben "Liberalist", und, Marxist, schließen Freundschaft. Diese Freundschaft ist aber immer auch geprägt von Konkurrenz bei den Frauen. Die beiden erleben aktiv die Friedensdemonstrationen der Achtziger und später den Zusammenbruch des Kommunismus. Bei Reid erodiert langsam das soziale Engagement und er geht seiner Überzeugungen verlustig. Gleichzeitig macht er Karriere als Informatiker bei einem Versicherungskonzern. Jon Wilde heiratet die Ex-Freundin Reids, arbeitet in der Erwachsenenbildung und schreibt nebenher krude, politisch unkorrekte Artikel. Beide erleben gemeinsam den Zusammenbruch der Staaten und das Versinken der Welt in Krieg und Chaos. Das einzige, was noch funktioniert ist die kapitalistische Wirtschaft. Wilde hat inzwischen mit Gleichgesinnten eine Anarchokapitalistische Freihandelszone im Norden Londons gegründet, er profitiert von der Situation, aber auch Reid ist obenauf: Er ist eine große Nummer im Sicherheitsgeschäft geworden, das auch das Vermieten von Privatarmeen einschließt.
Der Fortschritt in Wissenschaft und Technik lässt sich jedoch nicht aufhalten. Man hat herausgefunden, wie man ein Bewusstsein in einem Computer speichern kann, die Nanotechnik wird entwickelt und beides kombiniert, was die "Schnelldenker" ergibt, superintelligente künstliche Wesenheiten, die sich rasant weiterentwickeln. Und auch in Sachen Künstliche Intelligenz und Genetik werden die neuen Erkenntnisse gleich umgesetzt. Wozu das alles gut ist, das zeigt sich, als sich die "Weltraumgesellschaft", die Jon Wilde mitgegründet hat, und Reids Versicherungsmulti zusammentun um die Erde in ihrem katastrophalen Zustand hinter sich zu lassen.
Wilde wird von der Entwicklung überrollt. Er wird erschossen und wacht auf als virtuelle Existenz, die einen Roboter steuert, der am Bau eines Wurmloches beteiligt ist. Durch das Wurmloch fliegen die "auserwählten" Menschen in eine neue Welt, weg von der daniederliegenden Erde.
Auf dem Neuen Mars wird dieser Konflikt zwischen Wilde und Reid weitergeführt. Dort hat sich eine anarchokapitalistische Gesellschaft etabliert. Reid ist der starke Mann, und Wilde, seine verschiedenen Versionen, wehren sich gegen seine Dominanz. Es geht um die Wiederweckung der Toten, die als Datensatz und Genprobe gespeichert sind. Dazu muss man Kontakt mit den Schnelldenkern, in Rechner auf Nanobasis eingespeicherte Bewusstseinsinhaltkonglomerate, Kontakt aufnehmen. Es geht aber auch um Dee Model, deren Genmaterial von Wildes Frau stammt und von Reid widerrechtlich benutzt wurde.

MacLeod lässt in einer Handlungsebene Jon Wilde, der viele Zustände seiner selbst und Unglaubliches erlebt, erzählen. Die andere spielt nur in der Zukunft, und ist in wechselnden Perspektiven geschrieben. Erst am Schluss schließt sich die Lücke zwischen beiden Handlungsebenen. Durch diese Struktur erzeugt McLeod eine Spannung, sonst ist die Erzählweise episch, ein atemberaubendes Finale darf man nicht erwarten. Es ist nicht einfach, herauszufinden, was oder wovon MacLeod erzählen will. Dass er erzählen kann, und versierter Romanschreiber ist, das merkt man immer wieder, denn trotz des Fehlens eines Leitmotivs, bleibt man bei der Stange, nicht zuletzt, weil es immer wieder Neues oder Überraschendes gibt. Allerdings kommen bei dem Tempo der Handlung die Charakterisierung der Figuren zu kurz.

MacLeods Phantasie ist kühn, er jongliert mit Versatzstücken der neueren Science Fiction wie Schwarze Löcher, Nanotechnik, Künstliche Intelligenzen, gespeicherte Bewusstseinsinhalte und ordnet sie neu an. Das macht den Roman lesenswert. Das "innovative" Element ist, dass McLeod diesen Zukunftsentwurf aus der Gegenwart heraus entwickelt, eben in dem er die Lebensläufen der beiden Freunde folgt. Menschen der Gegenwart erleben eine atemberaubende Zukunft am eigenen Leibe.
Der Roman zeigt, wie sehr die Zukunft ein Spiegel der Gegenwart ist. Er erzählt vom Verlust von Idealen und Utopien, die in eine Gesellschaft ohne Staat, in der nur die wirtschaftliche Interessen und Beziehungen der Menschen das Bindeglied sind, münden. Alle und Alles sind frei und können zur Ware werden. Jeder muss seine Haut zu Markte tragen. Moral ist ein Randerscheinung. Da alle bewaffnet sind, ist diese Gesellschaft unsicher und geprägt von Gewalt. Der wissenschaftlich technische Fortschritt, führt nicht hin zu einer besseren Gesellschaft. Allenfalls die (auch in der Science Fiction aktiven) Libertarians mögen darin einen idealen Zustand, in dem die Kräfte des Menschen zur vollen Entfaltung gelangen, sehen.
Das sind jetzt die Gedanken des Rezensenten. MacLeod selbst enthält sich aller Wertungen, verschanzt sich hinter Wilde. Der ist keinesfalls eine positive Gestalt, sondern ein wirklich sehr gemischter Charakter, egoistisch und wenig skrupulös, aber auch ein erfrischender Querdenker und guter Familienvater.
Letztendlich macht "Die Mars-Stadt" nachdenklich, vielleicht weil Autor und Figuren keine Überlegungen anstellen, wohin ihr Weg letztendlich führt und ob das alles wünschenswert ist, beschert der Roman doch tiefere Einsichten, wenngleich man sie nicht benennen kann.

Michael Baumgartner

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