Nick Mamatas
Abwärts - Move under ground

(Move Under Ground, 2004)Deutsche Erstausgabe, Edition Phantasia Paberback (Horror Band 3004), Bellheim 2005, aus dem Amerikanischen von Jochim Körber, Titelbild: Verlag, ISBN 3-937897-08-9; 199 S., 1390.

Beat-Literatur trifft auf den Cthulhu-Mythos. Eine wahrhaft aufregende Mischung. Das machte den Rezenten aufmerksam.
Kalifornien, irgendwann Anfang der Sechziger Jahre. Jack Kerouac, der an der Küste ein einsiedlerisches Leben führt, merkt, dass sich in den Briefen seines Freundes Neal Kassidy zwischen den Zeilen etwas verborgen ist, dass sein Freund und Weggefährte etwas heraufbeschwört mit seiner Gier nach Nichts.
Und dann sieht Kerouac auch schon den großen Cthulhu in seinem Heim R'yeleh aus dem pazifischen Ozean erheben, um die Welt in sein Schreckensreich zu verwandeln. Und das drückt sich in de Verwandlung der Menschen in Mugwamps aus. Mugwamps ist ein Begriff aus "Naked Lunch" von William Burroughs, ebenfalls ein Beatnik, und bezeichnet in "Abwärts" insektenhafte Wesen, Geschöpfe, die Cthulhu ganz untertan sind.
Kerouac bricht auf, um nach Neal Kassidy zu suchen. Er, der seine Abenteuer selbst erzählt, gerät immer wieder in Lebensgefahr. Seine Reise wird ein Alptraumtrip. Seine erste Station ist San Francisco. Cthulhu ist ihm auf den Fersen und lässt die Stadt im Pazifik versinken. Im Mittelwesten versuchen die Einwohner eines Ortes ihn zu lynchen, doch William Burroughs, der ihm halb gefolgt ist und sich halb herumgetrieben hat, rettet ihn, in dem er den Lynch Mob zusammenschießt. Burroughs war bekannt für seinen Hand zu Pistolen. Aber auch danach wird er mehrmals vom großen Widersacher fast erwischt.
Kerouacs und Burroughs' Reise endet in New York, das mittlerweile ganz im Bann des großen Alten steht, und das Big Business auf groteske Weise fortgeführt wird.
Kerouac muss feststellen, dass Neal Cassidy längst nicht mehr auf seiner Seite steht, sondern dass der längst in höheren, der Lovecraftschen Mythologie zufolge in unmenschlichen Sphären schwebt, und damit auch ein Werkzeug des großen Alten geworden ist. Kerouac erkennt auch, dass er einen hohen Preis zahlen muss, um die Welt zu retten und den Großen Alten wieder zu verbannen muss. Denn ihm wird klar, dass sein und Kassidys Schreiben mit der Welt zusammenhängt. Kerouac erscheint alles so, wie er es in einen wilden Groschenroman selbst geschrieben hätte.

"Abwärts" ist eine mystische Tour durch ein verwandeltes Amerika, in dem das Grauen und der Wahnsinn herrscht. Es ist voller surrealer Bilder, die bei allem Grauen auch nicht eines gewissen Humors und auch der Ironie entbehren. Das hängt auch mit der Sprache zusammen, in . Es ist die Sprache Keroaucs, die voller Synästhesien und wilder Vergleiche ist. Für Joachim Körber als Übersetzer war das sicher ein besonderes Stück Arbeit. Die ist ihm aber auch recht gut gelungen.

Und anders als in anderen Romanen und Erzählungen, die sich um den Mythos ranken, ist die Grenze zwischen metaphorischer Darstellung und dem tatsächlich Erfahrenen recht unscharf. Kerouac zweifelt zwar nicht an seinem Verstand wie die eher nüchternen Berichterstatter HPLs, dazu hat er zu viel Phantasie und ist zu abgedreht. Aber er ist eben ein Schriftsteller, der auf dem Grat zwischen Genie und Wahnsinn balanciert. Nur sein Außenseitertum verbindet ihn mit den HPL und seinen Figuren.

So ist also "Abwärts" ein einzigartiges Leseerlebnis. Eine Spannung hält sich bis zum Schluss, Mamatas Phantasie schwingt sich am Ende noch zu einem grausigen Finale auf. Zurück im Kopf des Lesers bleibt Verblüffung und ein unverwechselbarer Eindruck eines indirekt kritischen Abgesangs auf die Beatnik-Literatur. Bisher sicher der Höhepunkt der Paberbacks bei Edition Phantasia.

Michael Baumgartner

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