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"Die Welt ist gierig, und manchmal verschlingt sie kleine Kinder mit
Haut und Haaren. Emily Laing erfuhr dies, bevor ihre Zeit gekommen war
..."
So fängt der mit dem Deutschen Phantastik-Preis ausgezeichnete erste Teil
der Lycidas-Trilogie von Christoph Marzi an, ein nicht nur vom Umfang
her mächtiges Werk, sondern zugleich auch vom Gehalt der Geschichte selbst.
Es geht um mythische Gestalten, um Engel, um sprechende Tiere, und natürlich
um die Uralte Metropole unter den Füßen der Stadtbevölkerung von London,
um Dante, die neun Höllenkreise und... ach, ich sollte vorne anfangen?
Natürlich. Dies ist die schlechte Angewohnheit eines Lesers, der das Vergnügen,
das dem Leser der Rezension (und des Buches) noch bevorsteht, natürlich
schon kennt...
Alles beginnt mit der kleinen, zwölfjährigen Emily Laing im Waisenhaus
des Reverend Dombey in Rotherhithe in London, einem Ort der Freudlosigkeit
und emotionalen Kälte, in der Emily zu der vielköpfigen Schar von verlorenen
Kindern gehört, die immer dann, wenn der Reverend ganz kleine Waisenkinder
an frohe Adoptiveltern verkauft hat, die Nasen an den kalten Scheiben
plattdrücken und diese Kinder von Herzen beneiden. Emily hat noch einen
intensiveren Grund dafür, und das hängt mit ihrem Zustand zusammen - sie
gilt als "einäugige Missgeburt", kann aber nichts dafür, denn ihr eines
Auge, das seither von einem Glasauge ersetzt wird, verlor sie erst in
der Küche des Waisenhauses. Sie weiß: niemand wird sie jemals von hier
retten.
Wie alle Kinder im Haus will sie natürlich gar zu gerne wissen, wer ihre
Eltern waren und warum sie hier im Waisenhaus gestrandet ist. Das ist
auch das Trachten ihrer einzigen Freundin, des "Schokoladenmädchens" Aurora
Fitzrovia, einer jungen Schwarzen, die man nach dem Stadtteil benannt
hat, in dem sie gefunden wurde. Emily hat ihren Nachnamen von der Fabrikationsstätte
ihres (einäugigen) Lieblingsteddybären.
Nun, vielleicht beginnt das Abenteuer doch eher in der Küche. Dort, wo
Emily voller Schreck auf einmal einer Ratte begegnet, und diese Ratte
spricht mit ihr! Sie nennt sich Lord Brewster und bittet sie, auf
den "Neuzugang" aufzupassen, ein zweijähriges Mädchen namens Mara Mushroom.
Emily ist viel zu verwirrt, um das nicht zu tun. Aber das alles hilft
nicht. Mara wird eines Nachts aus dem Waisenhaus entführt - von einer
zottigen Gestalt, die an senkrechten Wänden hinaufläuft ... von einem
Werwolf. Und dieser Werwolf sieht Emily. Damit geht alles erst richtig
los.
In dem Bestreben, Mara zu helfen, flüchtet das Mädchen aus dem Waisenhaus
und muss zu ihrem Schrecken feststellen, dass der Werwolf ihr auf der
Fährte ist, und nicht nur er. Und sie entdeckt zudem, wie die Londoner
Ratten ihr helfen, den Verfolgern zu entkommen. Sie führen sie zudem zu
jemandem, der von da an die Geschichte aus der Ich-Erzähler-Perspektive
geschickt und durchaus humorvoll weiterführt: Mortimer Wittgenstein,
seines Zeichens Alchimist und Lehrer am Whitehall College, der sich eigentlich
aus Kindern so gar nichts macht. Doch irgendwie empfindet er bald mehr
für die kleine, schmale Emily. Und er macht die Feststellung, dass sie
alles andere als ein normales Mädchen ist - ihre spitzen Ohren weisen
sie als "Wechselbalg" aus, ein Kind, das ein elfisches Elternteil aufweist,
genau wie Wittgenstein selbst auch.
Wie alle solchen Kinder besitzt Emily übersinnliche Talente, sie ist eine
sogenannte "Trickster". Emily hat die Fähigkeit, in die Geister anderer
Wesen hineinzusehen, ihre Gegenwart zu spüren und sie soll, wenn sie erst
durch Wittgenstein ihre Ausbildung vollendet hat, in der Lage sein, gezielt
den Verstand ihres Gegenüber zu verwirren.
Aber es kommt nicht dazu, dass die Ausbildung auch nur halbwegs begonnen
wird, denn die Ereignisse, die sich abzuzeichnen beginnen, ziehen sowohl
Wittgenstein als auch seine kleine Auszubildende in einen Strudel mythischer
Ereignisse, die allerdings nur der Höhepunkt sinistrer Intrigen sind.
Ausgangspunkt ist - natürlich, mag man später sagen - die Uralte Metropole
unterhalb Londons, jenes magische Reich, in dem die Zeit anders verläuft
als an der Oberfläche, in der Phantomzüge der Vergangenheit verkehren,
Elfen und Normalsterbliche leben - und Götter, die aus allen Teilen der
Welt auf der Wanderschaft sind und hier ihr eigenes, obskures Untergrundleben
fuhren. Es gibt eine Kopie des Londoner Towers, es gibt steinerne Ritter,
die als Passageritus die Vervollständigung von altenglischer Liebeslyrik
fordern und vieles mehr. Emily lernt in Begleitung von Wittgenstein jene
unterirdische, gespenstische Welt kennen und macht die Entdeckung, dass
seit Jahren schon kleine Kinder in London verschwinden. Aberhunderte.
Auch Mara scheint das Opfer dieser Raubaktion geworden zu sein. Es geht
die Mär um, erzählt Maurice Micklewhite, ein Elf, der bald zu Emilys
und Auroras Freunden zählt, dass ein Wesen namens "Master Lycidas" dafür
verantwortlich zeichnet, und dass diese Kinder deshalb gebraucht werden,
um ihre Unschuld als Dünger für einen legendenumwobenen Baum zu opfern,
der ein Lebenselixier für den erwähnten, geheimnisumwitterten Master
Lycidas destilliert, dessen Untergebener, der nicht minder rätselhafte
neue Kanzler in Kensington, seinen eigenen Krieg in der Unterwelt führt.
Und, schlimmer noch, dies alles ist erst der Anfang der schrecklichen
Geschichte, in die auch die rivalisierenden Elfenhäuser Manderley
und Mushroom (!) verwickelt sind. Dies alles verbindet sich schließlich
mit den "Whitechapel-Aufständen" des Jahres 1889 und mit deren Vorgeschichte,
einer blutrünstigen Gestalt namens Jack the Ripper.
Was Emily zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen kann - ihr eigenes Schicksal,
das vergangene wie das zukünftige, ist eng mit all diesen Ereignissen
verknüpft. Und sie muss durch einen Sumpf der seelischen Qualen und Zweifel
waten, bis sie schließlich in der absoluten Finsternis einer wahren wie
auch privaten Hölle den Lichtfunken der Erkenntnis findet...
Mit "Lycidas" hat Christoph Marzi ein wahrhaftig beeindruckendes Schriftstellerdebüt
vorgelegt, das es ohne Zweifel verdient hat, den Deutschen Phantastik-Preis
zu erhalten. Soviel sei dem Buch und dem Autor unbenommen. Es weist lebendige,
sehr sympathische Figuren, hinreißende Dialoge und eine Vielzahl wirklich
schrulliger Einfälle auf, die der Handlung immer wieder interessante Wendungen
verleihen. Man lernt freilich rasch, ganz wie es Emilys innerstes Wesen
als skeptisches Waisenkind ist, vorsichtig zu sein, wenn es darum geht,
den Personen Glauben zu schenken und zu vertrauen, denen man begegnet.
Okay, manchen KANN man einfach nicht glauben. Lucifer etwa, dem
man leibhaftig über den Weg läuft. Oder der ursprünglichen ersten Frau,
Lilith, die die Mädchen schon früh fürchten lernen. Kann man Larry,
dem Lykanthropen vertrauen? Natürlich nicht. Oder Mr. Wolf
und Mr. Fox, den beiden Jägern, die von den Kindern übereinstimmend
als "wie Rowan Atkinson aussehend" bezeichnet werden?(1)
Wenn man bedenkt, dass sie die Mädchen aus Armbrüsten beschießen, ihnen
beinahe die Kehlen durchschneiden und sie entführen, kann man das übrigens
wohl kaum denken. Aber es gibt ja auch noch andere Leute in der Geschichte,
nicht nur diese "Finsterlinge" (die übrigens, man wird es erkennen, wenn
man die Geschichte liest, nicht ausschließlich negativ sind).
Leider, und das ist ja oft so bei Büchern, gibt es Wermutstropfen in
der Geschichte. Mir sind drei aufgefallen, die abschließend erwähnt werden
sollen. Einer ist absolut evident und so grundfalsch, dass der Autor wirklich
besser hätte recherchieren sollen. Die anderen beiden deuten daraufhin,
dass er die Kontrolle über seine eigene Datensammlung verloren hat. Im
Zuge der Jack-the-Ripper-Geschichte erzählt Maurice Micklewhite, er selbst
habe damals am Tag des letzten Ripper-Mordes(2)
mit dem Inspector Frederick George Abberline (eine reale historische
Gestalt) den Ripper gestellt, und bei dieser Konfrontation habe Abberline
den Tod gefunden. Wohl gemerkt, am Tag des letzten Ripper-Mordes.
Dummerweise ist historisch belegt, dass Abberline im Jahre 1929 (!) gestorben
ist. Da Marzi die Welt als weitgehend identisches historisches Kontinuum
unserer Gegenwart darstellt, ist nicht einsehbar, warum er ohne ausdrückliche
Erläuterung in dieser Hinsicht so krass von unserer Realität hätte abweichen
sollen - außer, man berücksichtigt, dass er nicht gut recherchiert hat
und von Abberlines Lebensdaten nichts wusste. Wer sich mit den Whitechapel-Morden
aber auskennt, kann über Marzis mantrahafte Wiederholung des "Heldentodes"
von Abberline einfach nur frustriert den Kopf schütteln(3).
Falsche Aussagen werden durch Wiederholung nicht wahrer.
Die andere Problematik ist das Alter von Emily. Schon recht früh begreift
der Leser, dass es hier Schwierigkeiten gibt. Und der Autor hat das bis
zum Schluss gewusst. In diesem Widerspruch verheddert er sich dann auch
prompt gegen Ende auf abenteuerliche Weise. Einmal nämlich heißt es (Seite
641), Emily sei "am Tag vor Heiligabend" geboren, was ja nun mal der 23.
Dezember ist. Später hingegen (Seite 852) wird daraus plötzlich und vollkommen
unmotiviert der "2. Juli".
Ja, was denn nun?, ruft der Leser ungehalten aus, was soll denn dieser
Unfug? Und es gibt dann noch ein weiteres Problem, nein, zwei: zum einen
ist die Person, die diese Aufklärung gibt, jemand, der zu Beginn der Handlung
weder von Emilys Existenz noch ihrer Bedeutung Kenntnis besaß. Woher hier
die genaue Kenntnis ihres Geburtstages kommt, bleibt unklar. Zweitens
aber wird die Geburt des Mädchens so weit von den Ereignissen verschoben,
wegen derer Emilys Geburt überhaupt problematisch und ihre Abschiebung
zwingend notwendig wurde, dass das kein gescheiter Leser zu glauben imstande
ist (ohne genauer werden zu wollen - es hat was mit den Whitechapel-Aufständen
zu tun).
Außerdem - gemessen an den im Buch geschilderten (manchmal fast genüsslich
geschilderten!) Grausamkeiten kann man es wohl kaum als ein Buch ansehen,
das man seinen Kindern vorlesen könnte. Manchmal bleibt man als Leser
regelrecht geschockt und zutiefst empört zurück, und der Schluss kann
das Ganze doch nur sehr mäßig relativieren und "kitten". Dennoch handelt
es sich, ungeachtet dieser Abstriche und kritischen Bemerkungen, um ein
beeindruckendes Romandebüt, das angesichts der vielen offenen Fäden zum
Schluss noch eine Menge Folgehandlung zulässt. Ich hoffe nur, dass Master
Wittgensteins Mantra "Es gibt keine Zufälle!" NICHT zutrifft. Das wäre
doch gar zu traurig und frustrierend. Es gibt nichts Faszinierendes als
den Faktor Zufall. Auch und gerade hier.
Uwe Lammers
Hier geht es zu "Lilith"(2. Teil der Trilogie)
Hier geht es zu "Lumen"(3. Teil der Trilogie)
1 Ich mußte freilich, während ich das Buch las
und dieses Duo bei seinen ständigen Wortwechseln betrachtete, weniger
an Mr. Bean denken als vielmehr an Mr. Wint und Mr. Kidd aus dem James-Bond-Film
"Diamantenfieber". Man sehe ihn sich an und vergleiche die Dialoge - die
Parallelen sind meiner Ansicht nach schlagend. >
2 Das war der 9. November 1888, einen Tag nach dem
Rücktritt des Polizeichefs der Metropolitan Police, Sir Charles Warren
- der in diesem Buch übrigens niemals erwähnt wird, was an sich schon
eine grobe Fahrläs sigkeit ist und den Leser zu falschen Vorstellungen
verleitet. Vgl. hierzu das ausgezeichnet recherchierte Sach buch von Patricia
Cornwell: "Wer war Jack the Ripper?", Bergisch-Gladbach 2002 (!), das
Marzi durchaus hätte lesen können, um es als Grundlage mit heranzufuhren.
Er hat es aber offensichtlich nicht gekannt.>
3 Es sollte vielleicht auch erwähnt werden, dass
Marzi die Ripper-Briefe, von denen es immerhin weit über 200 in dem Zeitraum
von August 1888 bis etwa 1896 gab, überhaupt nicht erwähnt. Wenn man herausfindet,
wer - in Marzis Roman - der Ripper gewesen ist, wird verstehen können,
dass ihm dieses Faktum gar nicht in den Kram paßte. Hier die Realität
wie Knetgummi zu verbiegen, tut dem Roman aber gar nicht gut.>
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