Jack McDevitt
Küsten der Vergangeneit

(Ancient Shores, 1996) SF-Roman, Deutsche Erstausgabe, Bastei Lübbe TB 24 235, ISBN 3-404-24235, ins Deutsche übertragen von Axel Merz, Titelbild: Stephen Youll, Bergisch Gladbach 1998, 444 Seiten

In "Erstkontakt", seinem ersten SF-Roman, ist Jack McDevitt der Frage nachgegangen, was geschehen würde, bekäme die Menschheit tatsächlich eine Botschaft aus dem All. In "Die Küsten der Vergangenheit" geht, hat er sich der Frage gestellt, was geschähe, würde man auf der Erde ein Artefakt einer technisch weitfortgeschrittenen Zivilisation finden.
Die Handlung beginnt mit einer Entdeckung eines Segelbootes aus einem fieberglasähnlichen Material inmitten des amerikanischen Mittelwestens, genauer North Dakota. Der Finder, ein Farmer, weiß damit zuerst gar nichts anzufangen. Ein Freund der Familie wird hinzugezogen, der wiederum eine Probe des Materials an ein Labor schickt. Das Boot wird als Kuriosum von der lokalen Presse aufgegriffen, schnell wird es als "Teufelsboot" zu einem touristischen Ausflugsziel, was von den Honoratioren der nächsten Stadt gern gesehen wird, beschert es doch der Geschäftswelt neue Erwerbsquellen. Unterdessen hat die Chemikerin in diesem Labor, die ungeheure Entdeckung gemacht, dass das Boot aus einem Transuran besteht, ein chemisches Element, das es noch gar nicht geben dürfte. Ein praktisch unvergängliches Material, das mit der Umgebung überhaupt nicht reagiert. Dies weißt das Objekt eindeutig als außergeschichtliches Artekfakt aus. Die Chemikerin, eine Farbige, sieht in der Erforschung dieses Sache die Chance ihres Lebens und gemeinsam mit dem Freund der Familie sucht sie nach einem weiteren Artefakt, da das Land vor 10000 Jahren zu einem großen See gehörte. Und tatsächlich finden sie in einem Einschnitt bei den nächsten Bergkette, die das Binnenmeer damals begrenzte, ein weiteres Artefakt. Dieses Land gehört zu einem Sioux-Indianerreservat, und mit Erlaubnis des Stammes graben sie aus. Das zweite Objekt erweist sich als eine Bootsstation, als sie ins Innere gelangen, machen sie eine aufregende Entdeckung: Sie finden eine Art Transmittersystem, mit dem man auf fremde, jedoch "verlassene" Welten gelangen kann. Die Erbauer des Systems treffen sie nirgends an.
Mittlerweile zieht die Entdeckung immer weitere Kreise, die überregionalen und bald die übernationalen Medien berichten darüber.
Man wundert sich als Leser, dass Regierungsbehörden erst ab der Mitte des Buches, als praktisch die ganze Welt dank CNN davon weiß, auf das Objekt aufmerksam werden.
Als das Objekt, oder besser Gerüchte über die technische Verwendung des Transurans, dann die Auto- und Reifenindustrie in eine Krise stürzen, die sich wiederum über die Börse auf die Gesamtwirtschaft negativ auswirkt, spitzen sich die Ereignisse zu. Die Regierung sieht sich bald gezwungen, etwas gegen das Objekt zu unternehmen, da es mittlerweile auch weltweit ein Politikum geworden ist. Doch auch die Indianer aus dem Reservat haben ein Interesse an dem außerirdischen Artefakt, das ja ihnen gehört. Ein Konflikt bahnt sich an.
Jack McDevitt zeichnet ein Panorama der amerikanischen Gesellschaft, die im Banne diese ungeheuren Entdeckung steht. Esoteriker, ganz normale Leute, Spinner mit eindeutigen Absichten, Gewerkschaftler und Lobbyisten, bis hin zum amerikanischen Präsidenten, der daran am schwersten zu tragen hat, jede Figur in diesem Roman reagiert auf die Artefakte, auf die Möglichkeiten, die sie in sich bergen, anders. Hoffnungen und Ängste, Aggressionen und Verehrung, aber auch geschäftliche Interessen und wissenschaftliche Neugier werden geweckt. Das Szenario erhält dadurch große Glaubwürdigkeit. McDevitt behält im Großen ganzen den Überblick und vergisst nicht, jede Nebenfigur mit einem eigenen Charakter auszustatten. Dabei überlässt er es dem Leser, das Verhalten der Figuren zu bewerten. Er erzählt einfach. Manchmal überzeichnet er die Figuren ein bisschen, oder man merkt, wie er sich insgeheim amüsiert, aber McDevitt hat eindeutig ein positives Verhältnis zum Dargestellten.
Schließlich ist durch Handlungs- und Figurenkonstellation auch für Spannung gesorgt.
Mit einem Wort, der Roman ist rundum empfehlenswert, nicht zuletzt, weil er Einblick in die (amerikanische) Wirklichkeit zu geben vermag. Man wünscht sich so ein ähnlichen Roman von einem deutschen Autor.

Michael Baumgartner

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