Patrick McGrath
Spider

(OT: Spider) Roman. S.Fischer, 287 Seiten, aus dem Englischen übersetzt von Brigitte Walitzek

Hauptfigur dieses außergewöhnlichen Romans ist der geistig instabile Dennis Cleg, der sich auch Spider nennt. Er wächst während der Vorkriegszeit im Londoner East End, einer trostlosen Gegend, auf. Sein verschlossener Vater, der dort als Klempner arbeitet, fängt vom Leben frustriert eine Beziehung zu der Prostituierten Hilda Wilkinson an, was den Konflikt in der Familie kulminieren läßt. Dann verschwindet die Mutter und Dennis verliert den letzten emotionalen Halt, kapselt sich völlig ab und beginnt zu phantasieren. Spider, seine wahre Existenz sinnt auf Rache, er will seinen verhaßten Vater töten. Schließlich kommt es zur Katastrophe und Dennis wird 13jährig in eine Anstalt für gefährlich Geisteskranke eingeliefert. Dort verbringt er 20 Jahre.
Als er sich dort wohl zu fühlen beginnt, wird er in eine Art offenen Vollzug mit medikamentöser Behandlung entlassen. Dies beraubt ihn wieder des Haltes (und er beginnt sich wieder in Wahnvorstellungen zu verstricken.) Deshalb beginnt er mit Aufzeichnungen über sein Leben, um sich über sich selbst im Klaren zu sein. Der Roman besteht aus diesem Tagebuch.
Im Text fließen (Wahn)vorstellung und tatsächliches Geschehen ineinander. Es gibt Widersprüche und irreale Szenen. Dennis Cleg ist schizophren und als solcher kein glaubwürdiger Erzähler. Der Leser erfährt dies dank der Erzählkunst des Autors nur allmählich.
Als Leser gerät man dabei schnell in ein Dilemma. Einerseits wird man von der Erzählung in Bann geschlagen, entwickelt auch Sympathien für den Erzähler, der um seine Existenz ringt; andererseits erkennt man, daß man mit einer abstrusen Verschwörungsgeschichte getäuscht wird.
Dennis schildert die schicksalhaften Tage seiner Jugend wie einen Schauerroman. In diesem ist er, bzw. sein Alter Ego Spider der unschuldig Verfolgte. Er gibt seiner Erzählung die größtmögliche Plausibilität. Er versteht es, die bedrückende Atmosphäre dieser Tage in beklemmend dichten Szenen einzufangen. Vor dem Auge des Lesers entstehen noch einmal das schäbige, einförmige Wohnviertel, das neblige Klima Londons, der ständig wolkenverhangene Himmel.
Im Lauf der Aufzeichnungen jedoch wird der Erzähler immer verstörter. Immer mehr Fakten erscheinen, die seine Version der zu seiner Einlieferung in die Nervenheilanstalt führenden Ereignisse in Frage stellen. So ist er nicht das Opfer, sondern der Täter. Mit dem Sinn löst sich auch das Subjekt des Textes auf. Dennis/Spider hat sich in das Netz, daß er zu seiner Rettung und der Abwehr der Realität gesponnen hat, selbst verstrickt, es gibt für ihn keinen Ausweg mehr.
McGrath führt den Leser mit großer künstlerischer Meisterschaft und Sprachsicherheit hinab in die seelische Hölle eines Schizophrenen mit seinen grotesken Wirklichkeitsverdrehungen - und hält zugleich den Spannungsbogen bis zum Schluß. Er dehnt den Bereich des Erzählbaren in die bodenlosen Phantasien psychisch Kranker aus und Literatur erscheint a priori als von den Fakten unabhängige "virtuelle", künstliche Realität. Nicht zuletzt vermittelt er im Scheitern der Erzählabsichten seiner Perspektivfigur einen Eindruck, was Erzählen bedeuten kann, nämlich Selbsterhaltung durch die Schaffung einer Identität in Gestalt eines sinntragenden Textes.
Mit seinem zweiten Roman ist Patrick McGrath ein großer Wurf geglückt.

Nachtrag: Inzwischen ist der Roman von David Cronenberg verfilmt worden. Dennis Cleg wird von Ralph Fiennes gespielt.

Michael Baumgartner

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