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Hauptfigur dieses außergewöhnlichen Romans ist der geistig
instabile Dennis Cleg, der sich auch Spider nennt. Er wächst während der
Vorkriegszeit im Londoner East End, einer trostlosen Gegend, auf. Sein
verschlossener Vater, der dort als Klempner arbeitet, fängt vom Leben
frustriert eine Beziehung zu der Prostituierten Hilda Wilkinson an, was
den Konflikt in der Familie kulminieren läßt. Dann verschwindet die Mutter
und Dennis verliert den letzten emotionalen Halt, kapselt sich völlig
ab und beginnt zu phantasieren. Spider, seine wahre Existenz sinnt auf
Rache, er will seinen verhaßten Vater töten. Schließlich kommt es zur
Katastrophe und Dennis wird 13jährig in eine Anstalt für gefährlich Geisteskranke
eingeliefert. Dort verbringt er 20 Jahre.
Als er sich dort wohl zu fühlen beginnt, wird er in eine Art offenen Vollzug
mit medikamentöser Behandlung entlassen. Dies beraubt ihn wieder des Haltes
(und er beginnt sich wieder in Wahnvorstellungen zu verstricken.) Deshalb
beginnt er mit Aufzeichnungen über sein Leben, um sich über sich selbst
im Klaren zu sein. Der Roman besteht aus diesem Tagebuch.
Im Text fließen (Wahn)vorstellung und tatsächliches Geschehen ineinander.
Es gibt Widersprüche und irreale Szenen. Dennis Cleg ist schizophren und
als solcher kein glaubwürdiger Erzähler. Der Leser erfährt dies dank der
Erzählkunst des Autors nur allmählich.
Als Leser gerät man dabei schnell in ein Dilemma. Einerseits wird man
von der Erzählung in Bann geschlagen, entwickelt auch Sympathien für den
Erzähler, der um seine Existenz ringt; andererseits erkennt man, daß man
mit einer abstrusen Verschwörungsgeschichte getäuscht wird.
Dennis schildert die schicksalhaften Tage seiner Jugend wie einen Schauerroman.
In diesem ist er, bzw. sein Alter Ego Spider der unschuldig Verfolgte.
Er gibt seiner Erzählung die größtmögliche Plausibilität. Er versteht
es, die bedrückende Atmosphäre dieser Tage in beklemmend dichten Szenen
einzufangen. Vor dem Auge des Lesers entstehen noch einmal das schäbige,
einförmige Wohnviertel, das neblige Klima Londons, der ständig wolkenverhangene
Himmel.
Im Lauf der Aufzeichnungen jedoch wird der Erzähler immer verstörter.
Immer mehr Fakten erscheinen, die seine Version der zu seiner Einlieferung
in die Nervenheilanstalt führenden Ereignisse in Frage stellen. So ist
er nicht das Opfer, sondern der Täter. Mit dem Sinn löst sich auch das
Subjekt des Textes auf. Dennis/Spider hat sich in das Netz, daß er zu
seiner Rettung und der Abwehr der Realität gesponnen hat, selbst verstrickt,
es gibt für ihn keinen Ausweg mehr.
McGrath führt den Leser mit großer künstlerischer Meisterschaft und Sprachsicherheit
hinab in die seelische Hölle eines Schizophrenen mit seinen grotesken
Wirklichkeitsverdrehungen - und hält zugleich den Spannungsbogen bis zum
Schluß. Er dehnt den Bereich des Erzählbaren in die bodenlosen Phantasien
psychisch Kranker aus und Literatur erscheint a priori als von den Fakten
unabhängige "virtuelle", künstliche Realität. Nicht zuletzt vermittelt
er im Scheitern der Erzählabsichten seiner Perspektivfigur einen Eindruck,
was Erzählen bedeuten kann, nämlich Selbsterhaltung durch die Schaffung
einer Identität in Gestalt eines sinntragenden Textes.
Mit seinem zweiten Roman ist Patrick McGrath ein großer Wurf geglückt.
Nachtrag: Inzwischen ist der Roman von
David Cronenberg verfilmt worden. Dennis Cleg wird von Ralph Fiennes gespielt.
Michael Baumgartner
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