Maureen McHugh
ABC Zhang

OT: China Mountain Zhang, 1992. Vollständige überarbeitete Neuausgabe, Ariadne Social Fantasy 2053, ISBN 3-88619-953-3, basierend auf der Übersetzung von Michael Windgassen, überarbeitet von Hannes Riffel und Iris Konopik, Umschlaggestaltung: Martin Grundmann, 350 Seiten, 1990

Ein seltsamer Titel, der sich aber bald erklärt: ABC steht für "american born chinese", einen in Amerika geborenen Chinesen.
Der Roman spielt in einer Zukunft, in der China nicht nur in der Weltwirtschaft die Vorherrschaft errungen hat. Nach einem wirtschaftlich motivierten Bürgerkrieg dominiert die Staatsrepublik auch Amerika vollkommen.
Ein kommunistisches Land auf kapitalistischem Abweg? Wie das, fragt man sich. Nun, das bereitet natürlich Probleme, aber die Autorin löst das, indem sie ihre eigenen Erklärungsprobleme einfach ihren Roman-Chinesen in die Schuhe schiebt, die dann mehr oder weniger geschickt um diesen Punkt herumlavieren dürfen.
Da haben wir auch schon das Hauptproblem des Roman offenliegen: die Glaubwürdigkeit. Zum einen ist diese Gratwanderung ohnehin recht fragwürdig. Kommunismus und Kapitalismus in Synthese... naja. Dann ist da natürlich der reale Zusammenbruch der UdSSR, der China in eine neue, isolierte Stellung gerückt hat. Ohne den Rückhalt des großen Bruders sieht es für die chinesische Wirtschaft schwarz aus. Genaugenommen hat sich die einstige Hochkultur in den vergangenen Jahrzehnten eher zum Drittweltland gemausert, als zur gelben Gefahr. Zwar hat China ein ungeheures Potential, aber eine schmale Elite und Fortschritte in wenigen, stark protektionierten Bereichen täuschen nur zu oft darüber hinweg, daß China in weiten Teilen ganz einfach ein rückständiger Agrarstaat ist. Daher sucht man Hilfe im Westen und bekommt sie auch bereitwillig - was ja auch recht ist, da beide Seiten daran verdienen. So. Vor diesem Hintergrund scheint die Übernahme der Weltwirtschaft durch die Chinesen, nun, sagen wir mal: wie science fiction. Wodurch der Roman auch wieder gerechtfertigt wäre...

Der Held des Romans, eben jener Zhang, ist ein Mensch mit Schwierigkeiten. Er ist jung, arbeitet als Techniker in New York auf dem Bau - und er ist schwul. Kompliziert wird das erst, als sein Vorgesetzter sich in den Kopf setzt, daß Zhang doch ein prima Schwiegersohn werden könnte. Die Tochter ist zwar häßlich, aber als Lohn würde für Zhang ein Studium in China winken - ein verlockendes Angebot.
Zhangs Problem hat zwei Komponenten. Zum einen ist er als Homosexueller sowieso nicht an dem Mädchen interessiert. Zum anderen aber ist seine Mutter keine Chinesin, sondern Spanierin. Und das würde bei einer Hochzeit dank genetischer Untersuchung herauskommen, obwohl er in seiner Jugend genetisch, sagen wir mal "aufpoliert" wurde, so daß er äußerlich nicht von einem echten Chinesen zu unterscheiden ist.
Der Hintergrund hierbei ist allerdings korrekt erfasst: Chinesen sind in der Tat kleine Rassisten. Sie halten sich für die Krone der Schöpfung und alle anderen Völker für minderwertig. Nun ja, ein gewisser Nationalchauvinismus ist legitim - solange man es nicht übertreibt.
Für Zhang aber heißt das: wenn er das Mädchen nicht heiratet, muß er einen Grund angeben. Schwul zu sein wird in China mit Todesstrafe geahndet, weil es so was dort einfach nicht gibt. Basta. (Weil nicht sein kann...) Im New York des Romans wird es zwar stillschweigend toleriert, aber man erzählt es nicht gerade rum, wenn man im Leben noch was werden will. Ohne einen guten Grund würde sich sein Vorgesetzter aber verletzt fühlen und dann wäre Zhang seinen Job los.
Wenn er sie heiraten würde, würde die Untersuchung ergeben, daß er kein ganz echter Chinese ist - dann würde der Vorgesetzte das Gesicht verlieren. Und Zhang seinen Job dazu. Im Prinzip passiert nichts von beidem, aber Zhang wird trotzdem arbeitslos. Er kommt an den Polarkreis und kommt doch noch nach China, bevor er erkennt, daß auch das nicht das ist, was er eigentlich will.

Und das ist das Hauptanliegen des Romans. Die Sozialutopie wird zwar detailliert dargestellt, aber letztlich bietet sie doch nur den ausgefeilten Hintergrund für einen schlichten Entwicklungsroman.
Zhang treibt. Sein eigentliches Problem ist es, nicht zu wissen, was er eigentlich will, wonach er strebt. Er tut sich schwer, Entschlüsse zu fassen, sich zu verändern. Also wird er durch die Ereignisse getrieben, bis er schließlich, endlich doch noch eine Richtung zu finden scheint. Nein, kein Happy End, aber das Aufzeigen einer Möglichkeit. Immerhin.

Von der Gewichtung der Erzählung her würde ich den Roman also nicht unbedingt als (negative) Utopie einordnen. Aber diese Entscheidung wäre ungerecht, weil sie dem Roman vorwerfen würde, eine Story zu erzählen, statt ein System zu beschreiben. Ich finde es aber positiv, daß McHugh ihre Ideen in eine interessante Geschichte verpackt. Auch wenn das gesellschaftliche System, besonders im Hinblick auf die Beziehungen zur restlichen Welt, zu vage bleibt, hält doch die Story um Zhang den Leser bei der Stange und verhindert das Abgleiten in eine trockene Utopie. Und schließlich ist ja gerade seine Umgebung, die Zhang in seine Konflikte stürzt. Also ist die Einordnung des Romans in die (übrigens hervorragende) Reihe "social fantasies" letztlich doch in Ordnung.

Sabine Lang

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