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Ein
seltsamer Titel, der sich aber bald erklärt: ABC steht für "american born
chinese", einen in Amerika geborenen Chinesen.
Der Roman spielt in einer Zukunft, in der China nicht nur in der Weltwirtschaft
die Vorherrschaft errungen hat. Nach einem wirtschaftlich motivierten
Bürgerkrieg dominiert die Staatsrepublik auch Amerika vollkommen.
Ein kommunistisches Land auf kapitalistischem Abweg? Wie das, fragt man
sich. Nun, das bereitet natürlich Probleme, aber die Autorin löst das,
indem sie ihre eigenen Erklärungsprobleme einfach ihren Roman-Chinesen
in die Schuhe schiebt, die dann mehr oder weniger geschickt um diesen
Punkt herumlavieren dürfen.
Da haben wir auch schon das Hauptproblem des Roman offenliegen: die Glaubwürdigkeit.
Zum einen ist diese Gratwanderung ohnehin recht fragwürdig. Kommunismus
und Kapitalismus in Synthese... naja. Dann ist da natürlich der reale
Zusammenbruch der UdSSR, der China in eine neue, isolierte Stellung gerückt
hat. Ohne den Rückhalt des großen Bruders sieht es für die chinesische
Wirtschaft schwarz aus. Genaugenommen hat sich die einstige Hochkultur
in den vergangenen Jahrzehnten eher zum Drittweltland gemausert, als zur
gelben Gefahr. Zwar hat China ein ungeheures Potential, aber eine schmale
Elite und Fortschritte in wenigen, stark protektionierten Bereichen täuschen
nur zu oft darüber hinweg, daß China in weiten Teilen ganz einfach ein
rückständiger Agrarstaat ist. Daher sucht man Hilfe im Westen und bekommt
sie auch bereitwillig - was ja auch recht ist, da beide Seiten daran verdienen.
So. Vor diesem Hintergrund scheint die Übernahme der Weltwirtschaft durch
die Chinesen, nun, sagen wir mal: wie science fiction. Wodurch der Roman
auch wieder gerechtfertigt wäre...
Der Held des Romans, eben jener Zhang,
ist ein Mensch mit Schwierigkeiten. Er ist jung, arbeitet als Techniker
in New York auf dem Bau - und er ist schwul. Kompliziert wird das erst,
als sein Vorgesetzter sich in den Kopf setzt, daß Zhang doch ein prima
Schwiegersohn werden könnte. Die Tochter ist zwar häßlich, aber als Lohn
würde für Zhang ein Studium in China winken - ein verlockendes Angebot.
Zhangs Problem hat zwei Komponenten. Zum einen ist er als Homosexueller
sowieso nicht an dem Mädchen interessiert. Zum anderen aber ist seine
Mutter keine Chinesin, sondern Spanierin. Und das würde bei einer Hochzeit
dank genetischer Untersuchung herauskommen, obwohl er in seiner Jugend
genetisch, sagen wir mal "aufpoliert" wurde, so daß er äußerlich nicht
von einem echten Chinesen zu unterscheiden ist.
Der Hintergrund hierbei ist allerdings korrekt erfasst: Chinesen sind
in der Tat kleine Rassisten. Sie halten sich für die Krone der Schöpfung
und alle anderen Völker für minderwertig. Nun ja, ein gewisser Nationalchauvinismus
ist legitim - solange man es nicht übertreibt.
Für Zhang aber heißt das: wenn er das Mädchen nicht heiratet, muß er einen
Grund angeben. Schwul zu sein wird in China mit Todesstrafe geahndet,
weil es so was dort einfach nicht gibt. Basta. (Weil nicht sein kann...)
Im New York des Romans wird es zwar stillschweigend toleriert, aber man
erzählt es nicht gerade rum, wenn man im Leben noch was werden will. Ohne
einen guten Grund würde sich sein Vorgesetzter aber verletzt fühlen und
dann wäre Zhang seinen Job los.
Wenn er sie heiraten würde, würde die Untersuchung ergeben, daß er kein
ganz echter Chinese ist - dann würde der Vorgesetzte das Gesicht verlieren.
Und Zhang seinen Job dazu. Im Prinzip passiert nichts von beidem, aber
Zhang wird trotzdem arbeitslos. Er kommt an den Polarkreis und kommt doch
noch nach China, bevor er erkennt, daß auch das nicht das ist, was er
eigentlich will.
Und das ist das Hauptanliegen des
Romans. Die Sozialutopie wird zwar detailliert dargestellt, aber letztlich
bietet sie doch nur den ausgefeilten Hintergrund für einen schlichten
Entwicklungsroman.
Zhang treibt. Sein eigentliches Problem ist es, nicht zu wissen, was er
eigentlich will, wonach er strebt. Er tut sich schwer, Entschlüsse zu
fassen, sich zu verändern. Also wird er durch die Ereignisse getrieben,
bis er schließlich, endlich doch noch eine Richtung zu finden scheint.
Nein, kein Happy End, aber das Aufzeigen einer Möglichkeit. Immerhin.
Von der Gewichtung der Erzählung her
würde ich den Roman also nicht unbedingt als (negative) Utopie einordnen.
Aber diese Entscheidung wäre ungerecht, weil sie dem Roman vorwerfen würde,
eine Story zu erzählen, statt ein System zu beschreiben. Ich finde es
aber positiv, daß McHugh ihre Ideen in eine interessante Geschichte verpackt.
Auch wenn das gesellschaftliche System, besonders im Hinblick auf die
Beziehungen zur restlichen Welt, zu vage bleibt, hält doch die Story um
Zhang den Leser bei der Stange und verhindert das Abgleiten in eine trockene
Utopie. Und schließlich ist ja gerade seine Umgebung, die Zhang in seine
Konflikte stürzt. Also ist die Einordnung des Romans in die (übrigens
hervorragende) Reihe "social fantasies" letztlich doch in Ordnung.
Sabine Lang
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