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Ein
Roman aus Japan ist an sich eine Seltenheit auf dem deutschen Buchmarkt.
Es muß schon eine besondere Konstellation vorliegen, um einen Roman eines
bis dato unbekannten Autors von der anderen Seite der Erdkugel veröffentlicht
wird. Der Insel-Verlag, der dem Phantastischen nicht abgeneigt ist, man
denke an die Werke Stanislaw Lems und auch eine Reihe mit japanischer
Literatur gestartet hat, hat einen japanischen, phantastischen Detektivroman
herausgebracht, der nun nach 10 Jahren nun auch in einer Taschenbuchausgabe
vorliegt.
Der Leser der Hardcoverausgabe sollte am besten nur neugierig sein und
den Klappentext, sollte er ihn gelesen haben, vergessen, denn das Buch
läßt sich kaum einordnen, und mag Leser des Krimi- oder des phantastischen
Genres irritieren - so fern sie von ihm überhaupt Kenntnis erhalten.
Bis das phantastische Element in Erscheinung tritt, erzählt der Held von
sich und von den drei Frauen, die bis dahin in seinem Leben eine Rolle
gespielt haben, so daß die Gestalt des Ich-Erzählers Konturen bekommt.
Der Erzähler, gerade an die Dreißig, wirkt verschlossen und melancholisch,
ähnlich den Helden von Raymond Chandler. Als Teilhaber einer Übersetzungs-
und Werbeagentur wird der Held in bizarre und phantastische Ereignisse
hineingezogen, weil er ein Foto, das eine Schafherde vor einer Berglandschaft
zeigt, in einer Werbebroschüre veröffentlicht hat. Dies ruft den Sekretär
des mächtigsten Mannes in Japan auf den Plan. Dieser Geschäftsmann erpreßt
den Helden mit der Drohung, ihn zu ruinieren, falls er nicht innerhalb
eines Monats eines dieser Schafe, dasjenige, welches auf dem Rücken eine
sternförmige Verfärbung hat, findet. Denn dieses eine Schaf ist angeblich
unsterblich und die treibende Kraft hinter dem Aufstieg des mächtigen
Mannes, der nun durch einen Gehirntumor im Koma liegt und bald sterben
wird.
Ein Schaf, das in Menschen fahren kann und einen grenzenlosen Machthunger
besitzt, diese Idee mutet schon sehr ausgefallen an. Aber es auch zu suchen,
das ist noch unglaublicher. Nichtsdestotrotz macht sich der Held mit seiner
Freundin auf die Suche. Über "Ratte", den Freund des Erzählers, der dieses
Foto gemacht hat, führt die Spur nach Hokkaido, in den Norden Japans.
Beim Ort Juntaki endet die Suche. Die Passage, in denen die Geschichte
des Ortes erzählt wird, ist eine der Glanzpunkte des Romans. Dieser Ort
ist das Gegenbild zum modernen, großstädtischen, wirtschaftlich expandierenden
Japan, ein Ort auf der Grenze zur unwirtlichen Natur, der langsam ausstirbt
und dessen Einwohner mit Sympathie geschildert werden. Die Suche zeitigt
keinen Erfolg, bis sie auf den "Schafsprofessor" treffen, der bestens
Bescheid weis. In einem Ferienhaus in der Einöde der Berge wartet der
Erzähler allein auf seinen Freund, der bis vor kurzem hier gewohnt hat.
Dabei wird er sich bewußt, daß er nur ein Mittel zum Zweck ist, eine Schachfigur
in einem falschen Spiel. Doch als der Freund endlich kommt, nimmt die
Handlung einen anderen Verlauf.
Der Roman wartet mit vielen skurrilen Ideen auf, die das Buch lesenswert
machen und dem (europäischen) Leser zuweilen Kopfschütteln entlocken.
Manche Leser mögen sich auch an der subjektiven Schreibweise stören. Es
gibt Seiten, da schildert der Erzähler nur seine alltäglichen Verrichtungen,
ohne das ihre Bedeutung für das Ganze klar wird. Vielleicht sind sie auch
als Gegengewicht zur bizarren Schafsjagd angelegt.
Auch die Handlung muß
der Leser selbst interpretieren, denn der Erzähler beschränkt sich aufs
Berichten. Den Roman kann man als eine persönliche Verarbeitung des (Un)geistes
dem zügellosen Machtstreben, das der wirtschaftlichen Expansion des modernen
Japan begleitet, lesen. Oder man kann nur einen schrägen, phantastischen
Roman darin sehen, der ohne tieferen Sinn geschrieben wurde. Wenn er Klappentext
behauptet, daß der Roman das moderne Japan der Gegenwart spiegelt, das
absurd, phantastisch und real zugleich ist, dann liegt er zumindest hier
richtig. Und das moderne Japan kann einen Europäer allemal faszinieren.
Der Autor Haruki Murakami ist inzwischen in Deutschland ziemlich bekannt,
zumal auch seine nichtphantastischen Werke nun ins Deutsche übersetzt
werden. Seit dem dem Erscheinen von "Wilde Schafsjagd" auf dem
deutschen Buchmarkt bis heute sind immerhin elf Jahre vergangen.
(Michael Baumgartner 1992/2002)
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