Haruki Murakami
Wilde Schafsjagd

Roman. Aus dem Japanischen übersetzt von Annelie Ortmanns-Suzuki u. Jürgen Stalph. Insel Verlag Frankfurt/Main 1991. 306 S. ca 20 Euro - oder: Suhrkamp TB Nr. 3728, 1997, 305 S., 10 Euro

Ein Roman aus Japan ist an sich eine Seltenheit auf dem deutschen Buchmarkt. Es muß schon eine besondere Konstellation vorliegen, um einen Roman eines bis dato unbekannten Autors von der anderen Seite der Erdkugel veröffentlicht wird. Der Insel-Verlag, der dem Phantastischen nicht abgeneigt ist, man denke an die Werke Stanislaw Lems und auch eine Reihe mit japanischer Literatur gestartet hat, hat einen japanischen, phantastischen Detektivroman herausgebracht, der nun nach 10 Jahren nun auch in einer Taschenbuchausgabe vorliegt.
Der Leser der Hardcoverausgabe sollte am besten nur neugierig sein und den Klappentext, sollte er ihn gelesen haben, vergessen, denn das Buch läßt sich kaum einordnen, und mag Leser des Krimi- oder des phantastischen Genres irritieren - so fern sie von ihm überhaupt Kenntnis erhalten.
Bis das phantastische Element in Erscheinung tritt, erzählt der Held von sich und von den drei Frauen, die bis dahin in seinem Leben eine Rolle gespielt haben, so daß die Gestalt des Ich-Erzählers Konturen bekommt. Der Erzähler, gerade an die Dreißig, wirkt verschlossen und melancholisch, ähnlich den Helden von Raymond Chandler. Als Teilhaber einer Übersetzungs- und Werbeagentur wird der Held in bizarre und phantastische Ereignisse hineingezogen, weil er ein Foto, das eine Schafherde vor einer Berglandschaft zeigt, in einer Werbebroschüre veröffentlicht hat. Dies ruft den Sekretär des mächtigsten Mannes in Japan auf den Plan. Dieser Geschäftsmann erpreßt den Helden mit der Drohung, ihn zu ruinieren, falls er nicht innerhalb eines Monats eines dieser Schafe, dasjenige, welches auf dem Rücken eine sternförmige Verfärbung hat, findet. Denn dieses eine Schaf ist angeblich unsterblich und die treibende Kraft hinter dem Aufstieg des mächtigen Mannes, der nun durch einen Gehirntumor im Koma liegt und bald sterben wird.
Ein Schaf, das in Menschen fahren kann und einen grenzenlosen Machthunger besitzt, diese Idee mutet schon sehr ausgefallen an. Aber es auch zu suchen, das ist noch unglaublicher. Nichtsdestotrotz macht sich der Held mit seiner Freundin auf die Suche. Über "Ratte", den Freund des Erzählers, der dieses Foto gemacht hat, führt die Spur nach Hokkaido, in den Norden Japans. Beim Ort Juntaki endet die Suche. Die Passage, in denen die Geschichte des Ortes erzählt wird, ist eine der Glanzpunkte des Romans. Dieser Ort ist das Gegenbild zum modernen, großstädtischen, wirtschaftlich expandierenden Japan, ein Ort auf der Grenze zur unwirtlichen Natur, der langsam ausstirbt und dessen Einwohner mit Sympathie geschildert werden. Die Suche zeitigt keinen Erfolg, bis sie auf den "Schafsprofessor" treffen, der bestens Bescheid weis. In einem Ferienhaus in der Einöde der Berge wartet der Erzähler allein auf seinen Freund, der bis vor kurzem hier gewohnt hat. Dabei wird er sich bewußt, daß er nur ein Mittel zum Zweck ist, eine Schachfigur in einem falschen Spiel. Doch als der Freund endlich kommt, nimmt die Handlung einen anderen Verlauf.
Der Roman wartet mit vielen skurrilen Ideen auf, die das Buch lesenswert machen und dem (europäischen) Leser zuweilen Kopfschütteln entlocken. Manche Leser mögen sich auch an der subjektiven Schreibweise stören. Es gibt Seiten, da schildert der Erzähler nur seine alltäglichen Verrichtungen, ohne das ihre Bedeutung für das Ganze klar wird. Vielleicht sind sie auch als Gegengewicht zur bizarren Schafsjagd angelegt.
Auch die Handlung muß der Leser selbst interpretieren, denn der Erzähler beschränkt sich aufs Berichten. Den Roman kann man als eine persönliche Verarbeitung des (Un)geistes dem zügellosen Machtstreben, das der wirtschaftlichen Expansion des modernen Japan begleitet, lesen. Oder man kann nur einen schrägen, phantastischen Roman darin sehen, der ohne tieferen Sinn geschrieben wurde. Wenn er Klappentext behauptet, daß der Roman das moderne Japan der Gegenwart spiegelt, das absurd, phantastisch und real zugleich ist, dann liegt er zumindest hier richtig. Und das moderne Japan kann einen Europäer allemal faszinieren.
Der Autor Haruki Murakami ist inzwischen in Deutschland ziemlich bekannt, zumal auch seine nichtphantastischen Werke nun ins Deutsche übersetzt werden. Seit dem dem Erscheinen von "Wilde Schafsjagd" auf dem deutschen Buchmarkt bis heute sind immerhin elf Jahre vergangen.

(Michael Baumgartner 1992/2002)

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