Sten Nadolny: Das Erzählen und die guten Absichten

Serie Piper, Band 1319, 144 Seiten, TB, 16.90 DM, 3. Auflage 1997

Schriftsteller sind seltsame Wesen. Unergründlich tief ihr Geist, eindringlich und manchmal fremdartig skurril ihre Gedanken und Entschlüsse, unerforschlich die Quellen ihrer Kreativität, aus der sie Romane und Geschichten ohne Ende fördern. Kann man Schriftsteller begreifen? Kann man gar ihre Intentionen auf eine Art von "Kochrezept" verkürzen und damit eine Art "Do-it-yourself"-Regel zusammenstellen, nach der prinzipiell jeder fähig sein könnte, Geschichten zu schreiben und zum Bestsellerautor aufzusteigen? Es scheint unmöglich, weil jeder Schreiberling ein individueller Fall ist, singulär geradezu. Und wenn man jemanden fragen könnte, müßte man einen Schriftsteller selbst dazu verpflichten, sich zu analysieren. Doch wie könnte so eine "öffentliche Analyse eines Schriftstellers über das Schriftstellertum" aussehen? Das erfährt der Leser in diesem kleinen Buch von Sten Nadolny, in dem er über das Erzählen und die guten Absichten redet.

Vom 2. bis 17. Juli 1990 hielt Nadolny an fünf Abenden Poetik-Vorlesungen (die neckischerweise in einer Zeitung mal als "Optik-Vorlesungen" angekündigt worden waren), und die leicht überarbeiteten und mit Zusätzen versehenen Vorträge sind hier nachzulesen, eingeleitet von Wolfgang Frühwald von der Deutschen Forschungs-Gemeinschaft. Wie gelingt es ihm jetzt, dem Leser sich selbst und seine Arbeit nahezubringen? Nun, zum einen erzählt er aus seiner eigenen Praxis, d. h. aus der Entstehungsgeschichte seiner Werke "Netzkarte", "Die Entdeckung der Langsamkeit" und "Selim oder Die Gabe der Rede", zum anderen aber, und da wird es wirklich interessant, entwirft er für die Vorlesung speziell einen eigenen Roman namens "Glashütte bis Hautflügler" von einem Autor X, dessen Schicksal und Umfeld er in bemerkenswerter Weise entwickelt. Das geht hin bis zu dessen literarischen Vorlieben, zu seiner politischen Gesinnung, seiner Freundin Vera und schließlich bis zu seinem Selbstmord. Der Zuhörer/Leser ist perplex. Nadolny kann doch nicht einfach seinen Autor ermorden! Dessen Art zu arbeiten soll er doch erzählen... Doch keine Bange, es gibt ein Schlupfloch für Nadolny, und das heißt nicht posthumes Veröffentlichen, sondern ist weitaus raffinierter gestrickt... Über das Erzählen sagt er viel, sehr viel. Und dann noch was über die "guten Absichten". Was, so wird der Unwissende einwerfen, ist denn, zum Teufel, gegen gute Absichten zu sagen? Grundsätzlich nichts, aber Nadolny sagt: "Gute Absichten scheuen die Konsequenz des Traums ebenso wie das Licht des logischen Zusammenhangs. Sie halten sich mehr an Augenblicke der Schwäche, an das Hindösen eines gerade fast verzweifelnden Autors. Dann erscheinen sie im Monteursanzug des erzähltechnichen Hilfswerks, versprechen rasche Stabilisierung und kontaminieren flugs große Teile der Geschichte mit als löblich geltenden Folgeunrichtigkeiten. Sie strebt mit einem Mal danach, 'Unterprivilegierung zu artikulieren', 'Zielgruppen' zu bedienen, zugleich 'Trost anzubieten', 'Fingerzeige zur Selbstfindung' zu geben und ähnliches mehr..."

Wie der verwirrte Leser und noch mehr der etwas verstörte (Hobby-)Autor aus solchen und ähnlichen Klemmen entkommen könnte, was Nadoly selbst in solchen Situationen macht und was es sonst noch so an dankenswerten und vor allen Dingen nachdenkenswerten Vorschlägen und Hilfen gibt, läßt sich in diese Buch auf sehr vergnügliche und kurzweilige Weise nachlesen. Nadolny führt das Prädikat "Erzähler" nicht nur in den Rezensionen seiner Bücher zu recht, sondern er ist wirklich einer, ein Mann mit scharf geschliffenem Verstand, zugleich enormem Wissen und der überragenden Fähigkeit, diese eloquent zu vermitteln. Sagte da jemand "Genie"? Tsts.. als wenn dieser Jemand wirklich wüßte, was Genies sind. Ich kenne persönlich jedenfalls keins...

(Rezension von Uwe Lammers, Braunschweig, den 8. Januar 2000)