Nicole Rensmann
Anam Kara - Seelenfreund

(Originalausg. ) Paperback, Atlantis Verlag, ISBN 3-936742-43-X, Titelbild von Mark Freier, 2003, 1190, 178 Seiten.

Ein ungewöhnlicher, anspruchsvoller Roman, der sich deutlich von den üblichen Schemata abhebt. Es ist erstaunlich, wie viele Themen die Autorin auf nur 178 Seiten anreißt: es geht um Seelenwanderung, Zeitreise, künstliche Intelligenz, Homosexualität, ewige Liebe, ebensolchen Haß und nicht zuletzt um den Umgang mit Tod und Trauer.
So beginnt das Buch denn auch: Sinas Mann stirbt bei einem Autounfall. Überwältigt von Trauer versucht sie, weiterzuleben und sich um die beiden Kinder zu kümmern, aber die "Normalität" will sich einfach nicht wieder einstellen. Und auch die gutgemeinten Ratschläge von Vater und Freundin sind ihr eher Störung denn Hilfe.
Nun wird es etwas kompliziert, denn parallel zu dieser Handlung erleben wir andere Szenen, die sowohl in der Zukunft, wie auch in der Vergangenheit spielen. Denn: jede Seele wird wiedergeboren und die Seele von Sinas Mann versucht verzweifelt, wieder zu Sina zurückzukehren. Noch verwirrender wird das ganze, weil die Reinkarnation hier eine ziemlich vertrackte Sache ist: wer gewaltsam zu Tode kam, dessen Seele wird in der Vergangenheit wiedergeboren, die anderen in der Zukunft. Zudem landen die Seelen nicht automatisch in den Körpern von Neugeborenen, nein, da sind noch ganz andere Varianten möglich. Den Rest gibt einem dann die Tatsache, daß Handlungen in der Vergangenheit natürlich die Zukunft beeinflussen können. Das heißt, das es in diesem Buch mehrere verschiedene, also parallele Zukünfte und Vergangenheiten gibt, die sich und die Gegenwart (also Sinas Gegenwart) gegenseitig beeinflussen.

Verwirrt? Das ist das große Manko dieses Romans: er liest sich, besonders zu Beginn, etwas sperrig und auch später ist es ratsam, bei der Sache zu bleiben, damit man die Handlungsfäden auseinanderhalten kann. Also keine Lektüre für jeweils fünf Minuten vor dem Einschlafen. Allerdings ist das Buch recht schmal, also sollte es kein Problem sein, es zügig durchzulesen.

Wer das schafft und sich erst mal reingelesen hat, wird mit einer zunehmend interessanten Geschichte belohnt, die zum Schluß sogar richtig spannend wird, wenn noch eine Krimihandlung dazu kommt. Es gibt einen Mord, zwei Mordversuche und einen sehr kurios verlaufenden Selbstmordversuch.

Trotz kompliziertem Aufbau ist das Buch souverän geschrieben, stilsicher und mit glaubwürdigen Charakteren bestückt, gerade was die Hauptpersonen angeht. Daß manche Nebendarsteller etwas plakativ bleiben mag man dem geringen Umfang anrechnen. An Dramatik, Tränen und großen Gefühlen wird jedenfalls nicht gespart.

Es gibt viel Phantastik, etwas Science Fiction, ein bißchen Krimi, dazu ein umfassendes Autorenporträt und insgesamt gute Unterhaltung auf hohem Niveau.

Sabine Lang

zurück
erster Satz
Liste