Unter der Oberfläche der literarischen Landschaft,
unter der Kruste der großen und kleineren professionell geführten und
kommerziell ausgerichteten Verlage existiert ein Meer von Geschichten.
Man hat den Eindruck, dass es größer geworden ist, seit das Internet als
Ort der Publikation von kurzen Texten entdeckt wurde. Verlage wie Web-Site-Buecher
(www.Web-Site-Buecher.de) haben ein sozusagen hybride Existenz. Sie sind
einerseits im Web aktiv, andererseits geben sie auch Bücher heraus mit
den im Netz veröffentlichten Geschichten. Bei kleinen nichtkommerziellen
Verlagen mittlerweile eine Vorgehensweise, die viele Variationen zulässt
und die erfolgreich zu sein scheint.
Die Leselupen-Bücherei ist eine solche Reihe. Sorgfältige
redaktionelle Betreuung und gelungene Cover-Gestaltung sind ein Teil des
Konzepts. Aber natürlich muss vor allem der Inhalt stimmen.
Die Geschichten "Schattenseiten" tauchen hinab in die Abgründe des Menschen,
seines Schicksals, der sozialen Verstrickungen. Sie versuchen sie für
die Zeitdauer der Lektüre (und vielleicht auch darüber hinaus) zu erhellen,
so dass der Autor und mit ihm der Leser den Schrecken, der dort lauert,
bannen kann.
Die ersten Geschichten sind Kriminalerzählungen. Herausgeber Michael Schmidt
macht den Anfang und erzählt eine Serienkillergeschichte, angesiedelt
in New York. Er erzählt routiniert aus verschiedenen Perspektiven, des
Ermittlers, des Opfers und auch des Täters. Viel Crime, aber auch ein
wenig Sex hat er hineingepackt, so dass man den Eindruck der Überfülle
hat. Die Geschichte ist spannend aufgezogen, aber es ist schwer, noch
etwas neues in diesem Genre zu erzählen.
Schwach war die folgende "Julia" von Katrin Czerny, weil nach der eindringlichen
Schilderung eines Dates aus der Sicht eines offensichtlich durchgetickten
Mannes die Erzählung abbricht, und der zweite Teil nur dazu ist, den Erzähler
als verrückten Mörder darzustellen.
Veronika Aydin hat mit "Meine Freundin Suse" eine raffinierte Kriminalgeschichte
abgeliefert. Die titelgebende Figur hat den fordernden Lover der Erzählerin
getötet. Diese hilft der Freundin und bringt sich selbst in Verdacht.
Sehr gelungen.
"Jorges Erbe" von Beate Reckmann trägt einen eigenartigen Titel, der durch
die Geschichte nur teilweise erhellt wird. Erzählt wird eine bekannte
Geschichte: Ein Mann in den besten Jahren will seine böse Frau loswerden,
weil er durch eine andere jüngere Frau die Liebe neu entdeckt. Die Autorin
variiert immerhin den bekannten Stoff geschickt, und hält die Spannung
bis zum Schluss.
"Lena" von Constantin Göttfert erzählt wie Verlangen, Missverständnisse
und Schuldgefühle zur Wiederholung eines verhängnisvollen Ereignisses
führen können. Ein Mann begegnet einer jungen Frau, die auf ihn aufmerksam
geworden ist, weil er ihrem Bruder gleicht. Bei den figuren und der lakonischen
Erzählton drängt sich der Eindruck auf, dass der Autor (zu) viele Aki
Kaurismäki-Filme gesehen hat. Denn sonst macht der Schauplatz Finnland
nicht viel Sinn.
Daniel Mylow findet im "Das Haus am Fluss" einen ganz eigenen Zugang zum
Thema Lustmörder. Seine Geschichte ist poetisch und geprägt von fast greifbarer
Einsamkeit. Ein junger Mann lebt allein in den Tag hinein, umgeben von
Natur. Als in der Umgebung junge Mädchen verschwinden, hat er den Verdacht,
dass sein einziger Besucher der Mörder sein könnte. Diese Geschichte lief
wie ein Film in meiner Vorstellung ab, war visuell und arbeitete doch
mit einem sehr literarischen Metaphern. (Die Biographie am Ende des Buches
zeigt, dass man schon auf ihn aufmerksam geworden ist. Zweifellos gehört
er zu den besten und ambitioniertesten Autoren)
Mit "Dazwischen" von Ralf Steinberg ging es dann in phantastische Gefilde.
Ein Mann erleidet einen schlimmen Unfall, er erwacht in einem Zustand
zwischen Leben und Tod und beginnt als Heimsuchung der besonderen Art
umherzustreifen. Recht gelungen in ihrer lakonischen Kürze.
"Basalt" von Anna Rinn-Schad erzählt von einem Spuk bei Tageslicht. Ein
harmloser Waldspaziergang endet in einem alptraumhaften Erlebnis. Sehr
atmosphärisch.
Es folgen zwei Geschichten, die im Mittealter spielen. Die erste von Heike
Rau ist kurz und hinterlässt keinen großen Eindruck. Eine "Hexe" erzählt
von ihrem Schicksal, doch dieses bleibt blass. Man muss zur Kritik sagen,
die Geschichte konnte in der Kürze nicht viel anders erzählt werden. Denn
dem Stoff nach hätte sie eine Novelle oder gar Roman werden können.
"Mordbrand" von Marlene Geselle ist eine solider Krimi aus dem frühen
Mittelalter (11. Jahrhundert). Präzision und Geschichtskenntnis zeichnen
diese Geschichte aus. Eine Fridelfrau, die uneheliche Lebensgefährtin
eines Grafen ist ermordet worden. Der Sendgraf Benedikt von Luchtenberg,
betraut mit der Verbrechensbekämpfung, übernimmt die Ermittlungen. Eine
heikle Angelegenheit, denn der Graf stand davor, standesgemäß zu heiraten,
und nun ist er der Hauptverdächtige. Doch der Ermittler macht seine Sache
gut. Eine spannende und informative Geschichte. Ich kann mir vorstellen,
dass es noch mehr Fälle mit dem sympathischen Ermittler gibt.
Dann kommt der "Zukunftsblock". "Ich will hier raus" von Barbara Jung
schildert ein verhängnisvolles Experiment mit Bewusstseintransfer. Kurzweilig,
wenn auch eine Drehung zu phantasievoll und zu blutig.
Das einsame Leben im All kann auch zu Persönlichkeitsdeformationen führen,
aber sie müssen nicht gefährlich sein, wie die interessante Geschichte
"Hell und Dunkel" von Nina Horvath dem Leser nahe legen will.
Surreal geht es in "Flecke auf dem Ring" von Edgar Güttge zu. Interessantes
Pendeln zwischen zwei Bewusstseinsebenen prägt diese Geschichte. Verbunden
ist der Plot mit Kritik an der Vermüllung der Städte. Trotzdem wirkt die
Geschichte nicht ganz gelungen.
Zuletzt drei Geschichten, in denen Magie eine tragende Rolle spielt. Schwarzhumorig
"Lykanthropulus" von Achim Hildebrand, die Geschichte von der Befreiung
des Tieres im Mann durch zeitweise Verwandlung in ein solches. Mit dem
bekannten Motiv der Verwandlung spielt der Autor verschmitzt, wenn auch
der versierte Leser ahnt, dass dies bei der Hauptfigur, einem harmlosen
Bibliotheksangestellten (müssen Bibliothekare immer so blass sein?) nicht
gut geht, zumal er vorher nicht weiß welches Tier er werden wird... Gelungen
auch die Titelwahl.
N.T. Neumanns Geschichte "Die Seelenkamera" lässt Anteil nehmen am Schicksal
eines Außenseiters, der mit Hilfe eines magischen Fotoapparates, Frauen,
in die er sich verliebt hat, an sich bindet. Doch der Effekt der Kamera
beruht auf einer Verletzung, das dem Außenseiter zu spät bewusst wird.
Eindrucksvoll und originell, wenn auch zuviel Sentiment am Ende.
"Devil's Food" von Udo Ahrens ist eine schön grelle Voodoo-Geschichte,
die ohne Zombies auskommt. Clever aufgezäumt und temporeich erzählt. Psychische
Abgründe müssen nicht geschildert werden, denn die sind sozusagen konkretisiert
in den Manifestationen der Voodoo-Religion.
Eine große Bandbreite von meist gelungenen Geschichten,
nicht immer düster und ausweglos oder gar unheimlich, dafür ist der Tod
allgegenwärtig, sind doch die meisten Protagonisten bedroht vom Tod, oder
bringen anderen den Tod. So ist der Tod das heimliche und unheimliche
Zentrum dieser Geschichten.
Michael Baumgartner |