Schattenseiten
hrsg. von Michael Schmidt

Originalausgabe, Leselupen-Bücherei Bd. 3, Reihe "Krimi und Horror" Bd. 2, Web-Site-Bücher 2004, Titelbild: Susanne Jaja, ISBN 3-935982-29-1, 224 S., 1200.

Unter der Oberfläche der literarischen Landschaft, unter der Kruste der großen und kleineren professionell geführten und kommerziell ausgerichteten Verlage existiert ein Meer von Geschichten. Man hat den Eindruck, dass es größer geworden ist, seit das Internet als Ort der Publikation von kurzen Texten entdeckt wurde. Verlage wie Web-Site-Buecher (www.Web-Site-Buecher.de) haben ein sozusagen hybride Existenz. Sie sind einerseits im Web aktiv, andererseits geben sie auch Bücher heraus mit den im Netz veröffentlichten Geschichten. Bei kleinen nichtkommerziellen Verlagen mittlerweile eine Vorgehensweise, die viele Variationen zulässt und die erfolgreich zu sein scheint.

Die Leselupen-Bücherei ist eine solche Reihe. Sorgfältige redaktionelle Betreuung und gelungene Cover-Gestaltung sind ein Teil des Konzepts. Aber natürlich muss vor allem der Inhalt stimmen.
Die Geschichten "Schattenseiten" tauchen hinab in die Abgründe des Menschen, seines Schicksals, der sozialen Verstrickungen. Sie versuchen sie für die Zeitdauer der Lektüre (und vielleicht auch darüber hinaus) zu erhellen, so dass der Autor und mit ihm der Leser den Schrecken, der dort lauert, bannen kann.
Die ersten Geschichten sind Kriminalerzählungen. Herausgeber Michael Schmidt macht den Anfang und erzählt eine Serienkillergeschichte, angesiedelt in New York. Er erzählt routiniert aus verschiedenen Perspektiven, des Ermittlers, des Opfers und auch des Täters. Viel Crime, aber auch ein wenig Sex hat er hineingepackt, so dass man den Eindruck der Überfülle hat. Die Geschichte ist spannend aufgezogen, aber es ist schwer, noch etwas neues in diesem Genre zu erzählen.
Schwach war die folgende "Julia" von Katrin Czerny, weil nach der eindringlichen Schilderung eines Dates aus der Sicht eines offensichtlich durchgetickten Mannes die Erzählung abbricht, und der zweite Teil nur dazu ist, den Erzähler als verrückten Mörder darzustellen.
Veronika Aydin hat mit "Meine Freundin Suse" eine raffinierte Kriminalgeschichte abgeliefert. Die titelgebende Figur hat den fordernden Lover der Erzählerin getötet. Diese hilft der Freundin und bringt sich selbst in Verdacht. Sehr gelungen.
"Jorges Erbe" von Beate Reckmann trägt einen eigenartigen Titel, der durch die Geschichte nur teilweise erhellt wird. Erzählt wird eine bekannte Geschichte: Ein Mann in den besten Jahren will seine böse Frau loswerden, weil er durch eine andere jüngere Frau die Liebe neu entdeckt. Die Autorin variiert immerhin den bekannten Stoff geschickt, und hält die Spannung bis zum Schluss.
"Lena" von Constantin Göttfert erzählt wie Verlangen, Missverständnisse und Schuldgefühle zur Wiederholung eines verhängnisvollen Ereignisses führen können. Ein Mann begegnet einer jungen Frau, die auf ihn aufmerksam geworden ist, weil er ihrem Bruder gleicht. Bei den figuren und der lakonischen Erzählton drängt sich der Eindruck auf, dass der Autor (zu) viele Aki Kaurismäki-Filme gesehen hat. Denn sonst macht der Schauplatz Finnland nicht viel Sinn.
Daniel Mylow findet im "Das Haus am Fluss" einen ganz eigenen Zugang zum Thema Lustmörder. Seine Geschichte ist poetisch und geprägt von fast greifbarer Einsamkeit. Ein junger Mann lebt allein in den Tag hinein, umgeben von Natur. Als in der Umgebung junge Mädchen verschwinden, hat er den Verdacht, dass sein einziger Besucher der Mörder sein könnte. Diese Geschichte lief wie ein Film in meiner Vorstellung ab, war visuell und arbeitete doch mit einem sehr literarischen Metaphern. (Die Biographie am Ende des Buches zeigt, dass man schon auf ihn aufmerksam geworden ist. Zweifellos gehört er zu den besten und ambitioniertesten Autoren)
Mit "Dazwischen" von Ralf Steinberg ging es dann in phantastische Gefilde. Ein Mann erleidet einen schlimmen Unfall, er erwacht in einem Zustand zwischen Leben und Tod und beginnt als Heimsuchung der besonderen Art umherzustreifen. Recht gelungen in ihrer lakonischen Kürze.
"Basalt" von Anna Rinn-Schad erzählt von einem Spuk bei Tageslicht. Ein harmloser Waldspaziergang endet in einem alptraumhaften Erlebnis. Sehr atmosphärisch.
Es folgen zwei Geschichten, die im Mittealter spielen. Die erste von Heike Rau ist kurz und hinterlässt keinen großen Eindruck. Eine "Hexe" erzählt von ihrem Schicksal, doch dieses bleibt blass. Man muss zur Kritik sagen, die Geschichte konnte in der Kürze nicht viel anders erzählt werden. Denn dem Stoff nach hätte sie eine Novelle oder gar Roman werden können.
"Mordbrand" von Marlene Geselle ist eine solider Krimi aus dem frühen Mittelalter (11. Jahrhundert). Präzision und Geschichtskenntnis zeichnen diese Geschichte aus. Eine Fridelfrau, die uneheliche Lebensgefährtin eines Grafen ist ermordet worden. Der Sendgraf Benedikt von Luchtenberg, betraut mit der Verbrechensbekämpfung, übernimmt die Ermittlungen. Eine heikle Angelegenheit, denn der Graf stand davor, standesgemäß zu heiraten, und nun ist er der Hauptverdächtige. Doch der Ermittler macht seine Sache gut. Eine spannende und informative Geschichte. Ich kann mir vorstellen, dass es noch mehr Fälle mit dem sympathischen Ermittler gibt.
Dann kommt der "Zukunftsblock". "Ich will hier raus" von Barbara Jung schildert ein verhängnisvolles Experiment mit Bewusstseintransfer. Kurzweilig, wenn auch eine Drehung zu phantasievoll und zu blutig.
Das einsame Leben im All kann auch zu Persönlichkeitsdeformationen führen, aber sie müssen nicht gefährlich sein, wie die interessante Geschichte "Hell und Dunkel" von Nina Horvath dem Leser nahe legen will.
Surreal geht es in "Flecke auf dem Ring" von Edgar Güttge zu. Interessantes Pendeln zwischen zwei Bewusstseinsebenen prägt diese Geschichte. Verbunden ist der Plot mit Kritik an der Vermüllung der Städte. Trotzdem wirkt die Geschichte nicht ganz gelungen.
Zuletzt drei Geschichten, in denen Magie eine tragende Rolle spielt. Schwarzhumorig "Lykanthropulus" von Achim Hildebrand, die Geschichte von der Befreiung des Tieres im Mann durch zeitweise Verwandlung in ein solches. Mit dem bekannten Motiv der Verwandlung spielt der Autor verschmitzt, wenn auch der versierte Leser ahnt, dass dies bei der Hauptfigur, einem harmlosen Bibliotheksangestellten (müssen Bibliothekare immer so blass sein?) nicht gut geht, zumal er vorher nicht weiß welches Tier er werden wird... Gelungen auch die Titelwahl.
N.T. Neumanns Geschichte "Die Seelenkamera" lässt Anteil nehmen am Schicksal eines Außenseiters, der mit Hilfe eines magischen Fotoapparates, Frauen, in die er sich verliebt hat, an sich bindet. Doch der Effekt der Kamera beruht auf einer Verletzung, das dem Außenseiter zu spät bewusst wird. Eindrucksvoll und originell, wenn auch zuviel Sentiment am Ende.
"Devil's Food" von Udo Ahrens ist eine schön grelle Voodoo-Geschichte, die ohne Zombies auskommt. Clever aufgezäumt und temporeich erzählt. Psychische Abgründe müssen nicht geschildert werden, denn die sind sozusagen konkretisiert in den Manifestationen der Voodoo-Religion.

Eine große Bandbreite von meist gelungenen Geschichten, nicht immer düster und ausweglos oder gar unheimlich, dafür ist der Tod allgegenwärtig, sind doch die meisten Protagonisten bedroht vom Tod, oder bringen anderen den Tod. So ist der Tod das heimliche und unheimliche Zentrum dieser Geschichten.

Michael Baumgartner
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