S.F.X
Armin Rößler und Heidrun Jänchen (Hg.)

Armin Rößler und Heidrun Jänchen (Hg.) Originalausgabe, Wurdack Verlag, Nittendorf 2007, Cover: Ernst Wurdack, ISBN 3-938065-29-X, 224 S., 1095.

"S.F.X" ist, wie der Titel schon andeutet, der zehnte Band der SF-Reihe im Wurdack Verlag. Das ist fast schon eine kleine Erfolgsgeschichte, und man kann nur hoffen, dass es so weiter geht, denn diese Anthologie hat mir wieder recht gut gefallen.
Ein großes Spektrum an Schreibweisen und Themen ist wieder zusammengekommen. Es reichte von Nonsens-Geschichten wie "Nor Mal" von Dirk Becker bis zu ernsthaften Geschichten, die die Ökokalypse thematisieren. Für letzteres ist "Kettenreaktion" von Andrea Vennekohl ein gutes Beispiel. Es gibt unernste wie Ines Bauer "Reisefieber" über einen interstellaren Touristen und sehr ernste Geschichte wie "Deformationen" von Niklas Peineke (Menschen (ver)formen ihren Körper).
Da gibt es neue Variationen zur Teleportation mittels "Transmittertechnologie" ("Wo uns niemand findet" von Jakob Schmidt, die auf einem reizvollen Wortspiel basiert), oder auch Unsterblichkeit (da nenn ich jetzt keine Namen, denn die betreffende Geschichte ist eine Pointengeschichte), Kolonisation ("Neuanfang im Paradies" von Andreas Flögel und "Habitat" von Christian Günther zeigen durchaus spannend, dass die dunkle Seite des Menschen nicht auf der Erde zurückgeblieben ist), Folgen von Kontakten mit Aliens ("Die Befreiung eines Fremdlers" von V. Groß ist gelungen). Michael Iwoleits Geschichte "Staub" ist kurz und erschreckend und erzählt von den vielfältigen Möglichkeiten der Nanotechnologie. "Stadt aus Maschinen" von Christian Weis thematisiert das Zusammenwirken von implantierter Elektronik und Gehirn in seinen Anfängen. Es gibt auch eine leicht daherkommende, doch im Kern düstere Cyberpunk-Geschichte: "Happy Birthday" von Andrea Tillmanns. Bei "Wunschkind AG" (von Arnold Bucher) zeigt schon der Titel, um was es geht: um Nachwuchs nach Vorgabe (Solche Geschichte gelingen nur, wenn wie in dieser etwas schief läuft). Ich weiß nicht, ob Armin Rößler der Bezeichnung Space Fantasy für seine Geschichte "Cantals Tränen" (und seine anderen im selben Universum angesiedelten Werke) zustimmen würde, er nutzt jedenfalls die Freiheiten der Phantastik, um eine hermetische, doch berührende Geschichte vom Umgang mit Erfahrungen anderer Intelligenzen zu erzählen.
Auch in der Länge variieren sie. Die längste ist "Hohenzollernbrücke" von Edgar Güttge. Der Autor findet einen interessanten Einstieg. Zwei Wissenschaftler sind mit Teilen einer neuen Technologie zu einem Kongress unterwegs. Sie treffen sich zufällig in einem Zugteil Abteil. Das war nicht so vorgesehen, denn sie sollten in einem räumlichen und zeitlichen Abstand reisen, denn wenn die beiden Teile der Maschine zusammenkommen, aktiviert sie sich. Das ist nun geschehen und um den Zug hat sich eine RaumZeitblase gebildet direkt auf der Hohenzollernbrücke, die wieder an die "richtige" RaumZeit angeschlossen werden muss. Das ist aber nicht so einfach. Während andere Autoren diesen Stoff dramatisieren würden, erzählt Güttge mit einer Beiläufigkeit, die einfach entspannt wirkt, ohne dass dem Leser langweilig wird. Das kommt dem Stoff aber zu gute, denn so kann der Autor und Leser sich den vielfältigen Bemühungen und den vertrackten Auswirkungen der Technologie widmen, worin auch der Reiz der Geschichte besteht.
Cyberpunk trifft auf Frankenstein, das kann doch nur Science Fiction sein: Auf "Amethyst" von Frank Hebben kann man sich sogar einen Reim machen. Die Geschichte erzählt von einem Killer, der tötet um die Körper seiner Opfer auszuschlachten, und von einem Kunden, der einen wahnsinnigen Plan verfolgt. Sie kombiniert bekannte Elemente, aber sie bleibt dem Leser als starkes Stimmungsbild in Erinnerung, denn die in Eis erstarrte Zukunftswelt ist sehr atmosphärisch erzählt worden.
Zu meinen Spitzenreitern gehört die Geschichte von Heidrun Jänchen. Der Zukunftsentwurf von "Der Turm der Träume" mutet bekannt an. Ein sorglose und oberflächliche Gesellschaft basiert auch darauf, dass die digital gespeicherten Vorfahren für das Funktionieren dieses "Paradieses" sorgen. Die Hüterin sieht wie gefährdet die "nicht nützlichen" unter den digital Lebenden sind, sie will, dass die biologisch Lebenden das Wissen und die Erfahrungen nutzen. Doch ihre biologische Uhr ist fast schon abgelaufen. Sehr gekonnt erzählt hinterlässt sie den Leser nachdenklich und ein bisschen melancholisch.
Die Story mit dem höchsten Spaßfaktor ist für mich "Eingezogen" von Melanie Mezenthin. Sie ist in den früheren Sammlungen schon durch ihre Grotesken aufgefallen. Hier nun wird ein Pensionär eingezogen - es gibt zu wenige junge Rekruten - um eine wichtige Einrichtung zu bewachen. Diese wirkt zuerst wie eine Wohnanlage für Rentner, aber die neuen Rekruten, darunter einer mit Krücken(!), stellen Nachforschungen an und finden bald heraus, was sich dahinter verbirgt. So heiter und im positiven Sinne sinnlos wünsche ich mir SF öfters.
Den Abschluss bildet Frank Haubold längere Erzählung "Heimkehr". Diese Geschichte kann man mit Fug und Recht eher dem Mystery-Genre als der SF zurechnen. Nach einem Experiment mit Artefakten befindet sich die betreffende Forschungsanlage hinter einem Zeitfeld. Einer der verantwortlichen Wissenschaftler hütet das zugrundeliegende Geheimnis und besucht jedes Jahr diesen Ort. Er hat die Hoffnung nicht aufgegeben. Eine sehr gelungene, weil eindrückliche Geschichte mit starken Charakteren.
Die Geschichte mit der längsten Entstehungszeit ist "Der Dichter und die Sängerin". Kai Riedemann ist wie Iwoleit noch mit ersten Welle neuer deutscher SF in den 80er bekannt geworden. In seiner Geschichte trägt eine Figur einen Samtnicky. Ich erinnere mich daran, dieses dem heutigen Sweatshirt ähnliche, aus synthetischer Faser hergestellte Kleidungsstück auch getragen zu haben, Anfang der 70er Jahre!
So, jetzt habe ich über jede Geschichte dieses Bandes etwas geschrieben. Ich hätte es mir auch leicht machen und nur einige herausgreifen können. Aber ich habe auch meinen Spaß dabei, mit dieser Vielfalt umzugehen. Wer will, kann dann in dieser Anthologie die ganzen Facetten der SF insgesamt erblicken.

Michael Baumgartner

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