|
"S.F.X"
ist, wie der Titel schon andeutet, der zehnte Band der SF-Reihe im Wurdack
Verlag. Das ist fast schon eine kleine Erfolgsgeschichte, und man kann
nur hoffen, dass es so weiter geht, denn diese Anthologie hat mir wieder
recht gut gefallen.
Ein großes Spektrum an Schreibweisen und Themen ist wieder zusammengekommen.
Es reichte von Nonsens-Geschichten wie "Nor Mal" von Dirk Becker bis zu
ernsthaften Geschichten, die die Ökokalypse thematisieren. Für letzteres
ist "Kettenreaktion" von Andrea Vennekohl ein gutes Beispiel. Es gibt
unernste wie Ines Bauer "Reisefieber" über einen interstellaren Touristen
und sehr ernste Geschichte wie "Deformationen" von Niklas Peineke (Menschen
(ver)formen ihren Körper).
Da gibt es neue Variationen zur Teleportation mittels "Transmittertechnologie"
("Wo uns niemand findet" von Jakob Schmidt, die auf einem reizvollen Wortspiel
basiert), oder auch Unsterblichkeit (da nenn ich jetzt keine Namen, denn
die betreffende Geschichte ist eine Pointengeschichte), Kolonisation ("Neuanfang
im Paradies" von Andreas Flögel und "Habitat" von Christian Günther zeigen
durchaus spannend, dass die dunkle Seite des Menschen nicht auf der Erde
zurückgeblieben ist), Folgen von Kontakten mit Aliens ("Die Befreiung
eines Fremdlers" von V. Groß ist gelungen). Michael Iwoleits Geschichte
"Staub" ist kurz und erschreckend und erzählt von den vielfältigen Möglichkeiten
der Nanotechnologie. "Stadt aus Maschinen" von Christian Weis thematisiert
das Zusammenwirken von implantierter Elektronik und Gehirn in seinen Anfängen.
Es gibt auch eine leicht daherkommende, doch im Kern düstere Cyberpunk-Geschichte:
"Happy Birthday" von Andrea Tillmanns. Bei "Wunschkind AG" (von Arnold
Bucher) zeigt schon der Titel, um was es geht: um Nachwuchs nach Vorgabe
(Solche Geschichte gelingen nur, wenn wie in dieser etwas schief läuft).
Ich weiß nicht, ob Armin Rößler der Bezeichnung Space Fantasy für seine
Geschichte "Cantals Tränen" (und seine anderen im selben Universum angesiedelten
Werke) zustimmen würde, er nutzt jedenfalls die Freiheiten der Phantastik,
um eine hermetische, doch berührende Geschichte vom Umgang mit Erfahrungen
anderer Intelligenzen zu erzählen.
Auch in der Länge variieren sie. Die längste ist "Hohenzollernbrücke"
von Edgar Güttge. Der Autor findet einen interessanten Einstieg. Zwei
Wissenschaftler sind mit Teilen einer neuen Technologie zu einem Kongress
unterwegs. Sie treffen sich zufällig in einem Zugteil Abteil. Das war
nicht so vorgesehen, denn sie sollten in einem räumlichen und zeitlichen
Abstand reisen, denn wenn die beiden Teile der Maschine zusammenkommen,
aktiviert sie sich. Das ist nun geschehen und um den Zug hat sich eine
RaumZeitblase gebildet direkt auf der Hohenzollernbrücke, die wieder an
die "richtige" RaumZeit angeschlossen werden muss. Das ist aber nicht
so einfach. Während andere Autoren diesen Stoff dramatisieren würden,
erzählt Güttge mit einer Beiläufigkeit, die einfach entspannt wirkt, ohne
dass dem Leser langweilig wird. Das kommt dem Stoff aber zu gute, denn
so kann der Autor und Leser sich den vielfältigen Bemühungen und den vertrackten
Auswirkungen der Technologie widmen, worin auch der Reiz der Geschichte
besteht.
Cyberpunk trifft auf Frankenstein, das kann doch nur Science Fiction sein:
Auf "Amethyst" von Frank Hebben kann man sich sogar einen Reim machen.
Die Geschichte erzählt von einem Killer, der tötet um die Körper seiner
Opfer auszuschlachten, und von einem Kunden, der einen wahnsinnigen Plan
verfolgt. Sie kombiniert bekannte Elemente, aber sie bleibt dem Leser
als starkes Stimmungsbild in Erinnerung, denn die in Eis erstarrte Zukunftswelt
ist sehr atmosphärisch erzählt worden.
Zu meinen Spitzenreitern gehört die Geschichte von Heidrun Jänchen. Der
Zukunftsentwurf von "Der Turm der Träume" mutet bekannt an. Ein sorglose
und oberflächliche Gesellschaft basiert auch darauf, dass die digital
gespeicherten Vorfahren für das Funktionieren dieses "Paradieses" sorgen.
Die Hüterin sieht wie gefährdet die "nicht nützlichen" unter den digital
Lebenden sind, sie will, dass die biologisch Lebenden das Wissen und die
Erfahrungen nutzen. Doch ihre biologische Uhr ist fast schon abgelaufen.
Sehr gekonnt erzählt hinterlässt sie den Leser nachdenklich und ein bisschen
melancholisch.
Die Story mit dem höchsten Spaßfaktor ist für mich "Eingezogen" von Melanie
Mezenthin. Sie ist in den früheren Sammlungen schon durch ihre Grotesken
aufgefallen. Hier nun wird ein Pensionär eingezogen - es gibt zu wenige
junge Rekruten - um eine wichtige Einrichtung zu bewachen. Diese wirkt
zuerst wie eine Wohnanlage für Rentner, aber die neuen Rekruten, darunter
einer mit Krücken(!), stellen Nachforschungen an und finden bald heraus,
was sich dahinter verbirgt. So heiter und im positiven Sinne sinnlos wünsche
ich mir SF öfters.
Den Abschluss bildet Frank Haubold längere Erzählung "Heimkehr". Diese
Geschichte kann man mit Fug und Recht eher dem Mystery-Genre als der SF
zurechnen. Nach einem Experiment mit Artefakten befindet sich die betreffende
Forschungsanlage hinter einem Zeitfeld. Einer der verantwortlichen Wissenschaftler
hütet das zugrundeliegende Geheimnis und besucht jedes Jahr diesen Ort.
Er hat die Hoffnung nicht aufgegeben. Eine sehr gelungene, weil eindrückliche
Geschichte mit starken Charakteren.
Die Geschichte mit der längsten Entstehungszeit ist "Der Dichter und die
Sängerin". Kai Riedemann ist wie Iwoleit noch mit ersten Welle neuer deutscher
SF in den 80er bekannt geworden. In seiner Geschichte trägt eine Figur
einen Samtnicky. Ich erinnere mich daran, dieses dem heutigen Sweatshirt
ähnliche, aus synthetischer Faser hergestellte Kleidungsstück auch getragen
zu haben, Anfang der 70er Jahre!
So, jetzt habe ich über jede Geschichte dieses Bandes etwas geschrieben.
Ich hätte es mir auch leicht machen und nur einige herausgreifen können.
Aber ich habe auch meinen Spaß dabei, mit dieser Vielfalt umzugehen. Wer
will, kann dann in dieser Anthologie die ganzen Facetten der SF insgesamt
erblicken.
Michael Baumgartner
|