Der wahre Schatz
Michael Schmidt (Hrsg.)

Cover von 'Der wahre Schatz'Ein hübscher Einfall, eine Anthologie mit einer "Ein verflucht gutes Buch" betitelten Geschichte zu beginnen. Und diese Geschichte ist auch wirklich gut, lässt sich nicht einordnen, beschwört mit eher dunklen Erzählton die Macht der Literatur. Eine Mann hat die absonderliche Gabe den Inhalt eines Buches erspüren, ohne es gelesen zu haben, bis er meint, dass er selbst in einem Buch steht.
Man kann die Geschichten auch in Genres einordnen. Die zweite Geschichte ist Fantasy, deshalb fangen wir mit dem Fantasy-Überblick an. In "Elyras Spiel" von Sylke Brandt würfelt eine Frau um das Leben von Wesen, die ein dunkler Magier in Erstarrung gefangenhält. Spannende Pointenstory. Die Stories sind immer dann gut, wenn sie mit Märchenmotiven und Fantasy-Klischees spielen. Wie etwa Uschi Zietzsch in "Der wahre Schatz", in der ein alternder Drachentöter eine letzte Heldentat vollbringen will. Oder "Des Sprudels Kern" von Charlotte Engmann, die zu Beginn harmlos an das Märchen vom Froschkönig anlehnt, sie dann aber ganz anders fortspinnt. Der Herausgeber steuert mit "Alles oder nichts" eine spanndende Geschichte aus dem "Saramee"- Universum bei. "Dunkle Schwingen" von Chris Schlicht gehört zur Spielart Historische Fantasy. Die Geschichte ist auf Alamut, der legendären Festung der Assassinen im Vorderen Orient, angesiedelt, und erzählt von der Freundschaft eines jungen Assassinen zu einem Gestaltwandler, halb Mensch, halb Rabe, erzählt. Eine melancholische Geschichte. Etwas unbefriedigend ist "Die Jagd" von David Grasshoff, die sich an mittelamerikanische Mythen anlehnt. Nicht belanglos, aber auch nicht bewegend. Das Highlight ist "Nidel - der Totenerwecker". Low Fantasy wenn man so will, da keine Welt gerettet werden muss und es nur um das Leben der "kleinen" Leute geht. Ein Meuchelsänger (originelle Idee, mit Gesang einen Menschen zu meucheln) versucht anderweitig zu Geld zu kommen und nutzt dazu die Leichtgläubigkeit und Dummheit der Menschen aus. Er versucht es zumindest, denn er muss improvisieren und ihm gelingt nichts alles. Achim Hildebrand versteht es in dieser Geschichte sehr gut, glaubhafte Charaktere und Typen zu zeichnen und auch ohne dass viel auf dem Spiel steht, Spannung zu erzeugen. Der Autor hat mich auf den Roman mit Nidel neugierig gemacht.

Im Genre Horror bietet das Buch eine "klassische" Gespenstergeschichten von Michael Siefener, in der der Erbe eines großen Anwesens dessen nicht froh wird, weil auf der Art der Beerbung ein gewaltiger Makel liegt. Wie in fast allen Geschichten von Michael Siefener ist das Verhängnis nicht aufzuhalten. Daher bietet diese routiniert erzählte Geschichte kein besonderes Leseerlebnis. Markus Korb gibt ein eindringliches Bild von eines Wesens, das nur ein Ziel hat, in der "Gruft am Meer" zur Ruhe zu kommen. Auf dem Weg verliert es alles Menschliche. "Besessen" spielt in einer christlich-fundamentalistischen Gemeinde, in der ein Mädchen in den Augen der Eltern und des zwielichtigen Gemeindeoberhauptes und Predigers von einem Dämon besessen ist. Erlösung soll da nur ihr Tod bringen. Das auffällige Verhalten, seine Rebellion ist für den Leser eher ein Krankheitsbild. Ihr älterer Bruder neigt ebenfalls zu dieser Meinung, und er rebelliert selbst, als das Mädchen "exorziert" werden soll. Thorsten Scheib gibt der gelungenen Geschichte jedoch eine böse Wendung.

Die SF-Geschichten warten mit ein paar ungewöhnlichen Zukunftsentwürfen auf. Da ist der Computer-Himmel, den in Mommers Geschichte "Auf immer und e-wig" noch die gewöhnlichste. Denn die virtuelle Welt, die ein Mann nach seinem Tode erlebt, ähnelt stark dem christlichen Himmel. Die Last des Daseins ist von den Menschen abgefallen, sie können auch fliegen. Und irdischen Bedürfnisse spielen keine Rolle. Allerdings ist diese Gesellschaft ausgesucht. Und der Zeitraum ist auch begrenzt.
Michael K. Iwoleit gibt eine Ahnung, wohin es führen kann, bzw. was aus dem Menschen wird, wenn er in eine unkontrollierbare Sphäre der genetischen, nanotechnischen und elektronischen Manipulation und Datenübertragung hineingerät. Ein Personenschützer wird bei einem Attentat auf seine Zielperson schwer verletzt. Er hätte eigentlich tot sein müssen, weil zu wenig von ihm übrig geblieben ist. Er selbst kann sich das nicht erklären, aber vielleicht - denkt man sich als Leser - hängt es damit zusammen, dass am Ort des Attenttats technologisch eine ungeheure Informationsdichte geschaffen wurde. Diese Story zeigt die für Iwoleit typische Phantasie, die beim Leser Beängstigung und Faszination gleicherweise auslöst.
Das titelgebende Ersatzteil in Ralph Steinbergs Geschichte ist ein Mensch. In einer nicht näher datierten Zukunft betreibt ein Energiewirt einen landwirtschaftlichen Betrieb. Sein Kraftwerk, sein Betrieb allgemein versorgt Menschen, die ihr körperlich aktives Leben aufgegeben haben, um im Datennetz Aufgaben zu übernehmen. Aber auch diese Menschen leben nicht ewig, und Ersatz muss gefunden werden. Die Zurückhaltung des Autors bei der Bewertung dieses Leben ist in dieser ruhigen und einfühlssamen Geschichte fast schon auffällig. Gegenüber der zuspitzenden Geschichte von Iwoleit ist das ein fast utopisches, aber auf jeden Fall idyllisches Zukunftsbild.
Edgar Güttge ist auch einer der Autoren des Bandes, die in vielen Anthologien vertreten sind. Güttges Markenzeichen: außergewöhnliche und abgefahrene SF-Szenarien über die Figuren als völlig normal schildern. Diese Geschichte gehört eher zu seinen schwächeren, sie ist auch schräg und lässig erzählt, aber die Grundidee basiert auf einem Wortspiel. Am schwächsten ist die Story von Andreas Gruber. "Mind.in.a.box" bietet sprachlich dichte Stimmungsbilder von einer Existenz auf der Kante, ohne Vergangenheit und Zukunft, mehr aber nicht. In den Nachbermerkungen erfährt man, dass Gruber hier Songtexte einer Band zu einer Story geformt hat.
Am stärksten weil eigenwilligsten ist "Unschärfe", die Story von Antja Ippensen. Das Wohl einer Stadt ruht auf den Schultern einer einstmals verfolgten, künstlich geschaffenen Mutantin mit überragenden Geisteskräften. Ein ausgearbeiteter und sehr detaillierter Zukunftsentwurf, der auch esoterisch anmutende Ideen und Spekulationen einbaut, was heutzutage unter SF-Autoren nicht gerade üblich ist.

Es gibt natürlich auch noch Geschichten, die sich nicht in Genres einordnen lassen. "Abfallprodukte" von Jakob Schmidt gehört dazu. Eine Figur erlebt einen Alptraum, in dem er bei lebendigen Leib, schmerzlos natürlich, ausgehöhlt wird. Der Autor bemerkt dazu, dass diese Geschichte auf einem "realen" Traum basiert. Höchst bizarr. Eher Mystery ist "Der erste Tag der Ewigkeit" von Christian Weis. Ein Detektiv soll die Ehefrau, die jedes Jahr um dieselbe Zeit an die Küste Sardiniens fährt, im Auftrag ihres Mannes beschatten und kommt dabei ihrem Geheimnis auf die Spur. Eine gelungene Geschichte, auch weil der Ort, an dem sie spielt, so gut in die Geschichte einbezogen wird.

Die ausführlichen Erläuterungen der Autoren zu ihren Geschichten sind ein großes Plus des Bandes. Sie geben Einblick in unterschiedliche Arbeitsweisen und Gedankenwelten. Die Entstehung von Geschichten wird bei vielen nachvollziehbar. Ein weiteres Plus sind die Illustrationenen. Jeder Geschichte gibt es eine passende Illustration - von verschiedenen Künstlern aus der fannisch halbprofessionellen Umfeld von FantasyGuide. Das Niveau ist hoch, keine amateurhaft wirkende ist darunter. Das Cover trägt natürlich auch zu diesem gelungenen Band bei. Es irritiert gekonnt durch das den Betrachter anblickende Auge und weil es zu keinem Genre eingeordnet werden kann und so für das Phantastische allgemein steht.

Michael Baumgartner

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