Zwielicht II
Michael Schmidt (Hrsg.)
Originalzusammenstellung, Eloy Edictions 2011, Coverillustration: Susanne Jaja, Innenillustrationen: Lothar Bauer, ISBN 978-3-938411-23-0, 271 Seiten.

Cover von 'Zwielicht II'Wie ist es um den deutschen Horror bestellt ist, darüber gibt die Anthologie "Zwielicht II" einen guten Einblick. Sie versammelt Schauergeschichten, es gibt Pakte mit dem Bösen. Dunkler Zauber, Lebenssauger, Geschichten, in der der Tod nicht das Ende ist, Surrealismus, Metaphysik, Außenseiter, Rachephantasien und unheimliche Tiere. Ein großes Spektrum also. "Mia" von Christian ist eine Geschichte, die sich im Kopf des Lesers wie ein Film entfaltet. Eine junge Frau, die unheimliche Stimmen im Haus hört, und die psychisch übersensibel ist. Ein Paar in einem neuen Domizil, das doch ein altes Gemäuer ist. Der unheimliche Kellerraum und schließlich ein Hinweis auf einen Ritualmord, den der Mann der zunehmend den Eindruck erweckt, dass er etwas zu verbergen hat. Der Autor sorgt für Spannung und Grusel, wenngleich der Plot doch ziemlich konventionell ist. "Kaltblütig" von Sabine Ludwig. ist eine nordische Schauergeschichte. Zwei Brüder geraten in den Bann eines Winterdämons, dem man nur mit altnordischen Mitteln abwehren kann. Sehr kompakt erzählt und spannend. "Exit Criteria" von Peter Nahtschläger gehört zu den Geschichten, bei der die Rache einer Frau in keinem Verhältnis zur Ursache, in diesem Falle eine Kränkung in Jugendjahren, steht. Denn sie scheint sich endlos auszudehnen, mit Hilfe der neuesten Wissenschaft. Das gute an der Geschichte ist, dass sie nur mit der Vorstellung des Lesers spielt, wenn es um die grausigen Einzelheiten der Rache geht. Recht gelungen. Ein in einer idyllischen Gartenlandschaft lebender Mann bekommt in "Das Idyll" von Martin Clauß Besuch von seiner halbwüchsigen Tochter, die er schon längere Zeit nicht mehr gesehen hat. Die Tochter hat schlimmes durchgemacht, seit er fortgegangen ist. Erst allmählich zeichnet sich die Wahrheit über diesen Ort ab. Der kundige Leser weiß bald auf welche Pointe die Geschichte hinausläuft, aber sie vermag doch den Leser zu bewegen. "Eisig" von Antje Ippensen ist im heutigen Russland angesiedelt. Eine Prostituierte, noch ein halbes Kind, wird von ihrem Zuhälter dazu bestraft, in Eiseskälte auf Freier zu warten. Doch nur ein befreundeter Stricher besucht sie. Er erzählt ihr von einer Zigeunermagie, mit der er sich schützen will und verspricht, dass sie auch ihr hilft, wenn sie daran glaubt. Und dann kommt die Situation, der grausige Höhepunkt der Geschichte, da bleibt ihr nichts anderes übrig, als daran zu glauben. Aber diese Magie ist nicht besser als die grausame Welt, in der sie lebt. Eine sehr beklemmende Geschichte, schlüssig und gekonnt zu Ende erzählt. Jacob Schmidts Geschichte „Im Himmel“ ist surreal. Ein Vater und Witwer, von Beruf Dachdecker, sieht seltsame Flugwesen, doch er ist damit allein. Er muss sich auch um seine schwierige Tochter im Vorschulalter kümmern... Die Geschichte ist in einem tristen Berlin angesiedelt, die ganze Atmosphäre ist von einer diffusen Anfälligkeit, einer merkwürdigen Stimmung erfüllt. Die kreuzförmigen Flugwesen werden immer unheimlicher, denn die Nagelleisten, die er gegen die Tauben anbringt und an denen sie sich aufspießen, scheinen sie nicht töten zu können, sie selbst können aber töten, so glaubt der Mann... Eine rätselhafte traumartige Geschichte, in der der Leser zur Deutung einlädt. Der Schrecken ist eher sanft, aber doch manifest. Latent ist die Angst vor dem Verlust eines geliebten Menschen an den "Himmel". N.T. Neumann "Die Nacht des Kranichs" erlebt eine Frau einen nächtlichen Kranichzug. Tausende Vögel am Himmel, deren schauerliche Laute man hört ohne sie zu sehen, denn es ist nebelig. An sich schon eine unheimliche Erfahrung, doch es kommt noch schlimmer, als die Frau einen Jungvogel, der auf der Straße gelandet ist, überfährt. Bald ist sie von Kranichen umgeben. Und das ist erst der Anfang. Sehr stimmungsvolle Erzählung, die eine unerwartet Wendung nimmt. "Magic Potion" von Walter Diociaiuti spielt im Musikermillieu, als der Rock 'n Roll noch jung war und Drogen arglos konsumiert wurden. Ein drogengeschädigter Gitarrist führt nur noch ein schattenhaftes Dasein. Diese Geschichte von Walter Diociaiuti gehört zu den schwächeren. Und dass es eine Übersetzung aus dem Englischen ist, merkt man auch. Markus Niebios' "Pechmarie" gehört für mich zu den besten Geschichten in der Sammlung. Weil sie eine unglückliche Existenz konsequent zu Ende erzählt, und das Mitgefühl mit der Hauptfigur bis zum Ende bleibt. Das übernatürliche Element, die Katze als Todesbotin ist eigentlich keines, denn von einer solchen Katze mit solchem Gespür für Todesnähe habe ich in der Presse schon gelesen. "Der Tod ist dir sicher" vom Herausgeber Michael Schmidt hat einen metaphysischen Touch. In Tanger muss ein Mann, der sich mit allerlei nicht immer legalen Geschäften am Leben erhält, immer wieder dieselbe Situation druchleiden. Er trifft sich mit einem Kunden. Den soll er am nächsten Tag zu einem alten Tempel führen. Aber es kommt nicht dazu, der Typ ist der Tod persönlich, denn der erschießt alle Frauen, mit denen der Fremdenführer sich abgeben will. Es muss etwas schiefgegangen sein, und der einzige Ausweg daraus ist, dass er selbst zum Todbringer wird. Der Erzählton ist der Figur angemessen, die Verzweiflung des Gefangenseins in einer ausweglosen Situation zwischen Leben und Tod kommt gut rüber, aber man sollte sie nicht logisch zu begreifen versuchen. Rainer Nietsch "Unsterblich": Ein Mann saugt einer unbeteiligten nur über einen Händedruck alle Lebensenergie ab. Er hat vor kurzem das Geheimnis der Unsterblichkeit entdeckt, mit der Konsequenz, dass er wie ein Vampir die Lebensenergie der anderen Menschen braucht. Anfänglich ringt er noch mit sich, doch dann ist er nicht mehr richtig der Herr über sich selbst und die Geschichte nimmt die Wende zum schlimmsten. Die Geschichte lässt einen unbefriedigt zurück. Sie ist zu kurz, und die Entwicklung erscheint herbei geschrieben. Torsten Scheib ist der Autor, der den Horror gerne als drastische, physische Bedrohung der Existenz schildert. Das Böse der Bewohner einer Mietskaserne färbt auf das Haus, in dem sie wohnen, ab. Es und die Motten, die tierischen Bewohner wenden sich gegen die verworfenen Bewohner mit brachialer, blinder Gewalt. "Motten" ist eine drastische Geschichte mit einigen Schockeffekten geworden, die einem aber doch ziemlich kalt lässt. "Feuerhaut" von Marcus Richter ist die längste und die beste Geschichte dieses Bandes. Gaspard, ein junger Mann, noch ein Teenager, ist durch einen Feuer entstellt und fristet ein verbittertes Außenseiterleben. Er trägt einen französischen Namen und scheint Franzose zu sein, was ihn noch mehr zum Außenseiter macht, denn die Geschichte spielt in Deutschland. In einer Discothek begegnet er einem Mann, der durch Verbrennung noch übler entstellt ist, aber das Feuer nicht fürchtet. Im Gegenteil er liebt es, und er kann es auch aus sich heraus erzeugen. Und er will Gaspard dazu bringen, so zu werden wie er... Der Autor treibt die Geschichte erbarmungslos voran, und hat dabei den Atem eines großen Erzählers. Es herrscht Finsternis, Gewalt und Qual in Gaspards Welt, doch er erfährt auch Liebe und Fürsorge. Der Leser folgt den Verbrannten fasziniert durch die Nacht. Die Geschichte gewinnt durch die Bezüge zum Horror des dritten Reiches. Der Sachteil ist im Vergleich zu Zwielicht 1 umfangreicher geworden. Das Haus. House of Leaves von Mark Danielewski wird von Markus Mäurer vorgestellt. Man wird neugierig auf diesen einzigartigen unheimlichen Roman. Ausführlich, auch mit einigen Zitaten, wird die "Twilight Zone" von Daniel Neugebauer beleuchtet. Das war eine wegweisende Serie, die das Phantastische sozusagen in die Fernsehlandschaft eingeführt hat. Getragen wurde sie hauptsächlich vom Autor Rod Serling, der sie auch selbst initiiert hatte, und hatte auch in den bekannten Autoren Richard Matheson und Charles Beaumont ebenso gute hochkarätige Zuträger, die phantastische Geschichten erzählen konnten. Ein von Begeisterung getragener Beitrag über die Repairman Jack, auch als „Handyman Jack“ bekannt, einer der ungewöhnlichsten Helden der unheimlichen Literatur, folgt. Sehr gut führt Torsten Scheib aus, wie diese Figur von ihrem Autor F. Paul Wilson immer weiter ausgebaut wird, wie sich das Universum entwickelt und darin ein metaphysischer Kampf von Gut gegen Böse sichtbar wird. Und der rührige Herausgeber stellt sein Projekt vor, den Vincent Preis für die beste Horror-Erzählung. Die Illustrationen runden den positiven Gesamteindruck ab. Lothar Bauer variiert seine Darstellungsmittel. Meistens sind es Collagen, oder sind computergeneriert, er zeigt aber auch, dass er malen kann. Nicht immer passen die Motive richtig zu den Stories, sie haben aber eine eigene Stimmung.

Michael Baumgartner

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