Havasu Canyon und die Havasu Falls

Ein Reisebericht

1. Tag: Wanderung in den Canyon

Freitag, 27. Juli 2001. Um 6 Uhr klingelt der Wecker. Nichts ungewöhnliches, sollte man meinen. Allerdings sind Rob und ich gerade erst aus Wyoming zurückgekommen. 600 Meilen haben wir gestern hinter uns gebracht, bevor wir nach Mitternacht im Days Inn in Kingman gelandet sind. Da wir eine knappe Woche in der Wildnis des Grand Teton Nationalpark zugebracht hatten, war dann erstmal Duschen und Rasieren angesagt, bevor wir noch ein Sixpack leerten, uns dabei über Frauen unterhielten und letztendlich gegen halb vier morgens schlafen gingen. Dementsprechend müde schauen wir heute aus der Wäsche, und während wir von Kingman aus zum Hualapai Hilltop fahren, dem Trailhead der nächsten Wanderung, döse ich noch ein wenig im Auto.

Wir wollen in den Havasu Canyon. Die dort verborgenen Wasserfälle hatte ich mal auf einem Kalenderblatt gesehen, und während der Rest des Grand Canyon eine eher trockene und wüste Landschaft aufweist, schienen mir die Havasu Falls und die dort vorhandenen kleinen Teiche wie das Paradies anzumuten. Als sich dann die Gelegenheit bot, an dieser Wanderung teilzunehmen, habe ich natürlich sofort zugegriffen. Um neun Uhr morgens - am Trailhead angekommen - treffen wir auf einen Teil unserer Gruppe. Während Tamara und Rafael sowie Cindy und Tom (von denen wir eh kaum etwas sahen am Wochenende) bereits früh morgens los sind, um der Hitze des Tages zu entgehen. werden wir direkt von Jennifer begrüßt. Kurz darauf treffen auch Steve, Massimo und Nicole ein. Damit ist die Runde komplett; Rucksäcke werden gepackt, jeder schmiert sich mit Sonnenmilch ein, so gut er kann, und versucht noch seinem Körper ausreichend Wasser zuzuführen, bevor der mehrstündige Marsch durch die Backofenhitze des Hualapai-Canyon beginnen kann.

Die ersten Eindrücke entlang des Weges spiegeln zunächst die Bilder aus anderen Indianergebieten wider: Überall liegt Müll herum, und es macht auch nicht den Anschein, dass irgeneiner der Indianer, welche sich am Trailhead um Pferde und Maultiere kümmern, daran irgendetwas unnormales findet. Leider sind die Ureinwohner Nordamerikas mit vielen Segnungen der sogenannten Zivilisationsgesellschaft vollkommen überfordert. Dies betrifft nicht nur die Müllproduktion, sondern zum Beispiel auch den Alkohol, der - zum Glück für die Indianer - in den meisten, wenn nicht gar allen, Reservaten verboten ist. Auch die Tatsache, dass viele der jungen Indianer, die uns im Laufe des Tages auf Pferden entgegenkommen oder überholen, übergewichtig sind, stimmt recht nachdenklich. Da wundert es auch schon bald nicht mehr, dass einer von ihnen, etwa 12 bis 15 Jahre alt, gar seinen Walkman auf dem Pferd dabei hat.

Der Trail windet sich zunächst entlang steiler Serpentinen vom Trailhead aus hinunter zum Boden des Canyons. Wir folgen dann dem Canyon flußabwärts - einen Fluß gibt es hier allerdings nicht, nur Steine, Sand und Temperaturen um 35 Grad Celsius. Die landschaftlichen Attraktionen in diesem Teil sind vernachlässigbar: Ein typischer Seitencanyon des Grand Canyon eben, trocken, heiß, und nicht übermäßig spektakulär. Nach etwa zwei Stunden Marsch machen wir eine Pause unter einem Überhang, der etwas Schatten spendet. Danach geht es weiter.

Die Vegetation, welche bisher nur aus krüppeligen Bäumen und Dornsträuchern bestand, wird etwas dichter, als wir den Havasu Canyon erreichen. Und nachdem wir diesem einige Meter gefolgt sind, offenbart sich uns auch der Havasu Creek, dessen Mineralienanreicherungen ihm eine türkise Farbe (und den Namen "blau-grünes Wasser") geben. Wir überqueren eine Brücke und nähern uns alsbald dem Dorf Supai, was durch die Bewässerungskanäle, die Wasser aus dem Bach abzweigen, deutlich wird. Wir kommen an den ersten Häusern vorbei; auch an den ersten Indianern, die allerdings sehr desinteressiert wirken. Nun ja, hier sind sie mittlerweile ja an Touristen gewöhnt. Am Besucherbüro inmitten des Ortes treffen wir den Rest unserer Truppe, Jennifer kassiert die ausstehenden Beträge für den Eintritt ins Reservat und den Campground und erledigt die Formalitäten, während wir es uns im Schatten gemütlich machen.

Kurz darauf geht es weiter, wenn auch nur zum Restaurant. Dort probieren wir indianische Tortillas und genießen die letzten kalten Getränke für die nächsten drei Tage. Cola und Fanta sind aus, aber die Limonade tut auch gut. Danach machen wir uns auf den Weg zm Campground, der noch zwei Meilen talabwärts liegt. Der Weg ist sehr sandig, und einmal müssen wir zur Seite springen, um nicht von einer Herde Pferde über den Haufen gerannt zu werden. Die ersten Wasserfälle, auf die man trifft, sind die Navajo Falls, die sich linkerhand etwas abseits vom Weg zu verstecken scheinen. Da uns allen die Wanderung in der Hitze mittlerweile zu schaffen macht, lassen wir sie kurzerhand links liegen. Kurz darauf erblicken wir dann die vermutlich meistfotografierten Wasserfälle in Arizona, die Havasu Falls. Der Anblick ist atemberaubend: Das türkise Wasser des Baches teilt sich am oberen Rand des Falles, um - nachdem es einen Teil seiner Mineralien, die nun wie versteinerte Wasserschwälle aussehen, abgelagert hat - in Form von zwei Fällen in einen aus dem Bilderbuch stammenden kleinen Teich fällt. Hier haben die Mineralien kleine abgerundete Dämme errichtet, so dass sich an den Teich kleinere Teiche anschließen, deren Wasser - je nach Tiefe - unterschiedlich dunkel ist. Kein Wunder, dass der Teich etliche, vorwiegend junge Leute zum Schwimmen und Abkühlen anzieht.

Wir gehen zunächst weiter zum Campground, an dessen Eingang wir eine Bestätigung, dass wir angemeldet sind, vorzeigen müssen. Unser Lager errichten wir auf der rechten Seite des Baches, so dass noch eine Überquerung notwendig wird. Die mutigeren balancieren über einen Baumstamm, die anderen ziehen einfach die Schuhe aus und waten durch das kühle, klare und gerade mal knietiefe Wasser. Dann wird das Lager aufgeschlagen: Während einige ihr Zelt mitgebracht haben (auch ich habe zumindest mein Überzelt mit; zum einen wegen der Ende Juli immer vorhandenen Gewittergefahr, zum anderen, damit mein Rucksack und anderer Krempel nicht einfach so rumliegt), breiten andere nur Isomatte und Schlafsack auf dem Boden aus. Rob läßt gar den Boden Boden sein und spannt seine Hängematte zwischen zwei Bäume. Den Rest dieses ersten Tages im Canyon verbringen wir mit Schwimmen, Fotografieren, Kochen, Gesprächen, oder einfach damit, die Szenerie zu genießen.

2. Tag: Zu den Beaver Falls

Am nächsten Morgen machen sich Steve und meine Wenigkeit noch vor dem Frühstück auf den Weg zu dem noch menschenleeren Teich am Fuß der Havasu Falls, um einige Fotos ohne Touristen zu machen. Danach wird erstmal gemütlich gefrühstückt. Alle sind bester Laune, und alsbald packen wir unsere Tagesrucksäcke, um den Canyon flußabwärts zu erkunden. Zunächst wandern wir entlang des Campgrounds, der sich über eine knappe Meile am Bach entlangzieht. Dann kommen wir zu den Mooney Falls, mit etwa 60 Metern die höchsten im Canyon. An deren unterem Ende liegen wieder malerische Teiche, welche aber nicht so einfach zu erreichen sind. Hier haben die Indianer einen Tunnel durch das sehr weiche Gestein geschaffen; danach muss man nach mehrere mit Tauen und Stahlkabeln gesicherte Leitern hinuntersteigen, bevor man die Mooney Falls von unten betrachten und die Wanderung flußabwärts fortsetzen kann.

Während sich die Mädels in der Gruppe durch den Bach bewegen und sich in den tieferen Passagen einfach von der Strömung treiben lassen wollen, machen sich die anderen entlang eines Trampelpfades auf den Weg. Aber auch hier geht es langsam voran, da der Bach mehrfach durchquert werden muss (also die beliebte Schuhe-aus-Schuhe-an-Prozedur). Rafael schafft es an einer Stelle, die bie dahin trockenen Schuhe dadurch nasszumachen, dass er bis zum Hals in den Fluten versinkt und die Schuhe dabei an den Schnürsenkeln über der Schulter hängen hat. Aufgrund der unterschiedlichen Ansprüche und Fähigkeiten der Gruppe sind wir alsbald in Kleingruppen unterwegs, und mit Massimo zusammen gelange ich nach einer geraumen Zeit Wandern an eine Stelle, an der man sich an einem Seil hochziehen müßte. Massimo ist kein Kletterer, und so bin ich jetzt alleine unterwegs. Der Trail führt auf einem Absatz einige Meter über dem Canyonboden an den Beaver Falls vorbei. Wieder im Bachbett angekommen, wandere ich also ein Stück bachaufwärts, nur um an einem herrlichen Swimmingpool zu gelangen, in dem die Strömung gerade richtig ist, dass man gut schwimmen kann. Auch ein kleiner Felsabsatz zum Sonnenbaden ist vorhanden. Der Platz ist so paradiesisch, dass ich einen Moment überlege, einfach nackt schwimmen zu gehen. Die Entscheidung, das doch nicht zu tun, erweist sich als richtig, als kurz darauf eine junges Pärchen dieselbe Stelle entdeckt. Wir unterhalten uns eine Weile, und noch wußte ich nicht, dass die beiden auf dem Rückweg noch Wasser für mich filtern würden, da ich meinen Filter im Camp gelassen hatte.

Nach über einer Stunde an diesem Platz ist die Sonne soweit gewandert, dass dieser Pool im Schatten liegt. Ich klettere an einer Felswand hoch und wandere an deren oberem Ende, etwa 15 Meter über dem Bach, wieder zurück, bis ich tatsächlich an den Beaver Falls ankomme. Diese sind gänzlich anderer Natur als Havasu und Mooney Falls: nur atwa fünf Meter hoch, aber aus mehreren Kaskaden bestehend, welche eine ganze Reihe von kleinen Teichen miteinander verbinden. Während ich Fotos mache, sehe ich auf dem Weg die Mädels unserer Gruppe vorbeiwandern. Auch sie sehen mich, aber aufgrund des Rauschens der Wasserfälle funktioniert die Kommunikation nicht, und so verliere ich sie erstmal wieder aus den Augen.

Kurz darauf trete ich den Rückweg an, der mir deutlich schneller vorkommt als der Hinweg. Am unteren Ende der Mooney Falls treffe ich dann einen Teil unserer Gruppe. Der Rest trifft kurz nach mir ein, und gemeinsam wandern wir von dort zurück zum Campground. Nach Abladen unserer Rücksäcke begeben wir uns wieder zu den Havasu Falls, um zu schwimmen oder einfach so im Wasser rumzuhängen. Rob und ich entdecken hinter den Wasserfällen einen kleinen Hohlraum, von dem aus man den Teich wie durch einen Vorhang betrachten kann. Auch kann man direkt unter den Fällen durchschwimmen. Wir können Rafael von der Einmaligkeit des Ortes überzeugen, und so verbringen wir drei eine geraume Zeit damit, immer und immer wieder hinter den Wasserfall zu schwimmen, in diesen Hohlraum zu klettern, um dann mit einem Hechtsprung unter dem Wasserfall hindurch wieder nach draußen zu schwimmen.

Pechvogel des Tages ist Nicole. Nicht nur, dass ihre Kamera unvorbereitet das Tauchen lernte. Beim abendlichen Teekochen schüttet sie sich auch noch das kochende Wasser über die Beine, worauf sie erstmal eine halbe Stunde lang zur Kühlung im Bach kniet. Ansonsten kam es aber zu keinen größeren Verlusten - wenn man mal von Cindy und Tom absieht, die einen Bekannten haben, welcher im Reservat arbeitet, und die zweite Nacht wohl bei jenem verbrachten.

3. Tag: Zurück zum Trailhead

Die Wanderung aus dem Canyon erfolgt am nächsten Morgen in zwei Gruppen: Außer Rob und mir, die nochmal Fotos an den Havasu Falls machen wollen, steht der Rest der Truppe um fünf Uhr auf, um noch vor der Hitze des Tages am Trailhead zu sein. Sie sind nicht die einzigen: Als ich morgens kurz wach werde und einen Blick aus dem Zelt werfe, sind es ganze Heerscharen von Backpackern, die sich mit dem Sonnenaufgang auf den Weg machen. Rob und ich lassen es dagegen gemütlich angehen. Wir frühstücken und packen unsere Sachen, bevor wir die Fotosession an den Fällen abziehen und etwa um halb acht tatsächlich loswandern. Da wir beide nach unserem Grand Teton-Abenteuer recht gut in Form sind, legen wir ein immenses Tempo vor, und überholen sogar Wanderer mit leichtem Gepäck, welche ihre großen Rucksäcke lieber den Maultieren anvertraut haben. Mit zwei kurzen Pausen erreichen wir den Trailhead nach noch nicht mal vier Stunden. Hier verbringen wir etwa 30 Minuten damit, uns zu erfrischen und Kleidung zu wechseln, bevor wir eine Nachricht am Scheibenwischer entdecken, wonach die anderen, die zwei Stunden vor uns aufbrachen, wohl nur wenige Minuten vor unserer Ankunft gefahren sind. Also legen wir uns nochaml ins Zeug und fahren ein wenig schneller, und die Überraschung der anderen ist recht groß, als wie sie in einem Restaurant in Seligman beim Mittagessen ausfindig machen. Danach verabschieden wir uns voneinander und treten die Heimfahrt nach Tucson an.

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