Auszug aus dem FOCUS Nr. 6/99: "Hier schreibt Harald Schmidt"
Kindergeld
Vor einem großem Walde wohnten einmal viele Eltern mit zwei Kindern, die hatten wenig zu brechen, denn voller Neid und Missgunst schauten sie auf Hänsel und Gretel, die wohnten hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen und hatten auch zwei Kinder, aber weil Hänsel und Gretel nicht verheiratet waren wie die Eltern vor dem großen Walde, kassierten sie Kindergeld und Steuervergünstigungen, dass es nur so pfiff und lebten darob in Saus und Braus. Eines Tages sagte eine böse Stiefmutter zu ihrem Mann: "Weißt Du was, Mann, wir wollen morgen in aller Früh die Kinder hinaus in den Wald führen, dort wo er am dicksten ...". Denkste, böse Stiefmutter! Erstens gibt es kein am dicksten mehr im Wald (Umwelt!), und zweitens hätten die Kinder einfach eine ihrer fünfzig Märchenkassetten aus der Hülle gepult und so ganz einfach den Weg zurück gefunden und gefragt: "Stiefmutter, Stiefmutter, warum hast Du denn darauf bestanden, dass unser Vater Dich heiratet? So ist die schöne Rente von Deinem verstorbenen Mann flöten gegangen und wir müssen darben, statt mit goldenen Löffeln aus goldenen Tellern unsere Suppe zu essen."
Nun geschah
es aber, dass eine gute Fee in Karlsruhe das Elend nicht länger
mit ansehen konnte und beschloss, dass er verheiratete Eltern
fortan genau so im Geld ertrinken sollten wie Hänsel und Gretel,
die sich auch ohne Trauschein auf die Nerven gingen. Das hörte
der böse Zwerg in seinem Schloss am Rhein, der täglich darauf
sann, wie er den Menschen noch mehr Geld aus der Tasche ziehen
konnte. Weil es direkt zu sagen, fraß er einen Eimer Kreide und
sagte irgendetwas anderes.
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Während dessen machte Hänsel und Gretel einen Ausflug zur Oma, die von allen nur liebevoll Hexe genannt wurde. Hänsel zündete sich vom vielen Kindergeld mit Fünfzigmarkscheinen eine Zigarre an und überlegte , wie er diesmal Oma Hexe dazu bringen konnte, ihnen das Haus schon zu Lebzeiten zu überschreiben, von wegen Erbschaftsteuer. Oma Hexe verstand aber nur Lebkuchenzeit und führte die Verwandtschaft ums Haus, weil sie ihre neueste Errungenschaft zeigen wollte. Ein lieber Nachbar hatte ihr - selbstverständlich schwarz - das Dach mit Lebkuchen gedeckt und die Fensterrahmen mit Zuckerguss bestrichen. "Süß, gell?" fragte Oma Hexe, und brach sich ein wenig vom Dach ab. Vater Hänsel bedauerte derweil, dass die Zeit der großen Märchenöfen durch die neumodische Mikrowelle abgelöst worden war. Die Kästen in allen Ecken mit Perlen und Edelsteinen nahm er gar nicht wahr, weil er selbst durchs Kindergeld so reich geworden war, dass er mit Vergnügen jeden Tag ein Croissant wegwarf, welches am Vortag von seinen Kindern nicht gegessen worden war. Mein Märchen ist aus, dort läuft die Maus, und wer zwanzig Kinder hat, zahlt keine Steuern mehr.
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" Wer suchet die Freiheit, wird sie finden im Steuerschlupfloch !"
Aktualisierung der Seite: 11.06.2006
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