Impressionismus
Von Maria Karnauhova
Der Begriff des Impressionismus
verkörpert die Fortschrittsgläubigkeit und Bejahung der
technisch-zivilisatorischen Leistungen der letzten Jahrzehnte des 19.
Jahrhunderts.
Der Name, aus einem Spottnamen entstanden, bezeichnet das
Schaffen einer Gruppe junger Maler in Paris (Monet , Renoir , Degas , u.a.), deren Malerei durch Optimismus und
helle, zarte Farben gekennzeichnet war. Diese Maler versuchten den Eindruck
(franz.: "impression") einzufangen, den ein Gegenstand, eine Person,
etc. in einem flüchtigen Augenblick, bei einer zufälligen Bewegung auf sie
macht. Es war nicht ihre Intention, in das "Innere" einzudringen;
ihnen genügte z.B. das Spiel des Lichtes und der Farben auf der Oberfläche der
Dinge, die "Welt von außen".
Unter diesem Einfluss
entwickelte sich auch der musikalische Impressionismus. Die wichtigsten
Vertreter dieser Stilrichtung waren Claude Debussy und Maurice Ravel .
Geprägt ist der Impressionismus
durch den Versuch der Verfeinerung der Ausdrucksmittel, Erschaffung neuer
Klangfarben, insbesondere im Orchester durch die Ausweitung der Grenzbereiche
der Instrumente. An die Stelle von prägnanten Themen treten Klangfolgen.
Der Impressionismus ist ein in Anlehnung an den Titel des
Gemäldes "Impression. Soleil levant" (1873) von Claude Monet (Bsp.1)
entstandener kunstgeschichtlicher Begriff, der um 1900 auf die französische
Musik um den Komponisten Claude Debussy übertragen wurde .
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Bsp. 1 Claude Monet: "Impression. Solei levant" (1873) |
Stilmittel der impressionistischen
Musik:
Melodik:
Vermeidung von
geschlossenen Melodien und Themen
Kurze, episodenhafte
Motive oder Melodieelemente; keine “thematische Arbeit”
Verschmelzen von
Tönen ohne deutliche Konturen
Orientierung an
Melodiebildungen außereuropäischer Musik
Häufig starke
Beziehung zur Harmonik
Vorliebe für
ornamentale und melismatische Motive
Häufige Verwendung
von kleinen Intervallsprüngen (Pendelmelodik)
Rhythmik:
Sehr kompliziert,
aber bewusst im Hintergrund gehalten
Takt ist
nebensächlich; Taktverschleierung, Taktwechsel, häufige Synkopen
Abkehr von von
stereotypen Rhythmusfiguren zu unregelmäßigen Gruppen
Exotische
Klangabläufe und Rhythmusmodelle
Harmonik:
Tendenz zur
Auflösung der Kadenz und ihrer Gesetze; Akkord als “Farbwert”
Aufnahme exotischer
und alter Tonsysteme (Modi, Pentatonik)
Verwendung neuer
Skalen (Ganztonleiter)
Verschleierung der
Tonalität, harmonische Trübungen
Übergang zur Bi-und
Polytonalität
Verwendung neuer
Akkordstrukturen; Quint- und Quartparallelen
Spannungsakkorde
werden ohne funktionsmäßige Beziehung nebeneinander gestellt.
Klangfarbe:
Farbeffekte werden
nicht nur durch neue Harmonik, sondern auch besonders aus der Instrumentation
gewonnen. Fein abgestufte, in vielen Farben schimmernde Orchestrierung.
Vorliebe für Harfe und Flöte
Hinzu kam außerdem der
Einfluss der Musik sog. primitiver Völker, insbesondere der javanischen Musik , die durch die Pariser Weltausstellung von 1889 in größerem Umfang in Europa bekannt
wurde.
Claude Debussy
(1862-1918)
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Bsp. 2 Claude Debussy. Gemälde von Edward Nauer
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Nach zarter
Schicksalsführung trägt der Meister des musikalischen Impressionismus, der
malerischen Stimmungsmusik, denselben Vornamen wie Monet, der große Begründer
des malerischen Impressionismus. Er heißt
Claude Debussy und vereinigt alle Grundelemente dieser malerischen und
dichterischen Strömungen in seiner Musik.
Walter
Niemann.
Debussy wurde am 22.
August 1862 in Saint-Germain-en-Laye geboren und kam schon mit zehn Jahren aufs
Pariser Konservatorium. Er hatte Klavierunterricht bei Madame Maute de
Fleurville, einer Schülerin Chopins, und bei Marmontel, einem Drillmeister,
Kompositionsunterricht bei E. Guiraud, Massenet und für kurze Zeit auch bei C.
Franck.
1880-81 verbrachte er
einige Monate als Hauspianist und Musiklehrer bei Tschaikowsis Gönnerin
Nadjeschda von Meck, ein Arbeitsverhältnis, das dadurch beendet wurde, dass er
sich in eine ihrer Töchter verliebte.
1881 errang er mit der Kantate L’enfant
prodigue (Der verlorene Sohn) den begehrten Rompreis. Am 21. Januar 1885
fuhr Debussy nach Rom. Nach den Regeln des Preiswettbewerbs war ihm ein
dreijähriger Aufenthalt in der Villa Medici gesichert. Dort fühlte er sich aber
so unglücklich, dass er schon nach der Hälfte der vorgesehenen drei Jahre nach
Paris zurückkehrte. 1888 und 1889 pilgerte er als glühender Wagner-Verehrer
nach Bayreuth, aber schon bald begann er sich innerlich von Wagner zu distanzieren, um nicht einer der vielen
Wagner-Epigonen zu werden.
Auf der Pariser Weltausstellung von 1889 faszinierte ihn die balinesische
Gamelanmusik, deren Nachklang in das Klavierstück Pagodes eingegangen
ist. Mit dem Prelude a l’apres-midi d’un faune schuf er sein erstes
orchestrales Meisterwerk; 1902 fand die Uraufführung seiner einzigen
vollendeten Oper Pelleas et Melisande statt, in der er auf Wagners
theatralische Maßlosigkeit verzichtete und statt dessen Subtilität und
Diskretion der kompositorischen Mittel kultivierte.
Debussys Privatleben trägt
nicht viel zur Erhellung seiner Musik bei. Immerhin sei erwähnt, dass in der
bohemehaften Phase der Entstehung des Pelleas, die sich über ein
Jahrzehnt hinzog, die grünäugige Gabrielle Dupont (Gaby) seine Gefährtin war.
1899 heiratete er die
hausfrauliche Rosalie Texier (Lilly), die er 1904 wegen der verheirateten Emma
Moyse-Bardac, der Mutter seines einzigen Kindes, der Tochter Claude-Emma,
verließ. Nach ihrer Scheidung heiratete er sie 1908.
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Bsp. 3 Rosalie Texier |

Emma
Moyse-Bardak
Mit den großen Orchesterwerken
Nocturnes (1892-1899), La Mer (1903-1905), Iberia (1908)
sowie den beiden Klavierzyklen der Preludes (1909-10 und 1913) war sein
Personalstil voll ausgeprägt, der durch die Verwendung von Ganztonreihen,
Pentatonik, Kirchentonarten, Parallelakkordik sowie den Verzicht auf
Funktionsharmonik und symphonische Durchführung charakterisiert ist.
Seine letzte Schaffensperiode
war durch eine Krebserkrankung schwer beeinträchtigt, doch entstanden noch so
wichtige Werke wie die Ballettmusiken Khamma, La boite a joujoux
(ein Kinderballett; Joujou war der Kosename seiner Tochter), das Tennisballett Jeux
sowie eine Reihe kammermusikalischer Werke, die Douze etudes (12 Etüden)
und En blanc et noir (In Weiß und Schwarz) für zwei Klaviere und die Trois
poemes de Stephane Mallarme. Eine Operation 1915 brachte keine Besserung.
Am 25. März 1918 starb der Meister der leisen Töne Kriegslärm der in Paris
einrückenden deutschen Truppen.
Prelude
a l’apres-midi d’un faune
Vorspiel zum Nachmittag eines
Fauns (mp3)
Entstehung
Prelude a l’apres midi d’un
faune war nicht nur Debussys erstes Meisterwerk, sondern auch sein erster
größerer Versuch auf dem Gebiet der Instrumentation, ein Versuch, der gleich
von größtem Erfolg gekrönt wurde.
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Bsp. 4 Der Tänzer Waclav Nijinski in der Rolle des
Fauns (1912) |
Es wurde 1892 begonnen. Als
großer Verehrer Mallarmés hatte Debussy sich vorgenommen, nach seinem
berühmten Gedicht ein Orchesterwerk in drei Teilen, also eine Art
Symphonie, zu komponieren; er wollte ihm den sehr nach Cèsar Franck klingenden Titel geben: Prelude, Interlude et
Paravhrase pour l’apres-midi d’un faune. Dieser Titel stand bereits im
Programm seines Brüsseler Konzerts, aber die Partitur wurde nicht rechtzeitig
fertig; erst Ende des Sommers 1894 erhielt Prelude a l’apres-midi d’un faune
seine endgültige Gestalt.
Es wurde uraufgeführt
am 22. Dezember 1894 unter Leitung von Gustave Doret . Obwohl die Orchestermusiker sich zunächst
heftig wehrten gegen das Werk, wurde die erste Aufführung dennoch ein großer
Erfolg.
Am 29. Mai 1912 brachte
das Russische Ballett Serge Diaghilews das Prelude a l’apres-midi d’un faune
in der Choreographie ind der Interpritation des berühmten Tänzers Nijinski zu
einer Art zweiter Premiere auf der Bühne.
Inhalt
Der Inhalt des Gedichts lässt
sich wie folgt wiedergeben: Faun, ein antiker Fruchtbarkeitsgott, erwacht an
einem schwülen Nachmittag aus einem sinnenfrohen Traum. Unter dem Zauber seiner
Syrinx (Panflöte) überlässt er sich der berauschenden Erinnerung an die schönen
Nymphen, die seine Begierden erregt haben. Dann lässt ihn die Sonnenglut erneut
in tiefen Schlaf versinken.
Musikalische Gestaltung
Das Instrumentarium besteht aus
drei Flöten, je zwei weiteren Holzblasinstrumenten, vier Hörnern, zwei Harfen
und den Streichern; Trompeten, Posaunen und Schlagzeug kommen nicht vor.
Die Form des Prelude ist
bereits typisch für Debussys Stil: er lehnt die klassischen Modelle ab
zugunsten einer Art Improvisation um ein Kernthema.
Man kann sechs Teile
abgrenzen; sie sind folgendermaßen angelegt:
1.
Exposition des
Hauptthemas ( Takt 1 bis 20 )
2.
Durchführung ( Takt
21 bis 55 )
3.
Mittelstück ( Takt
55 bis 78 )
4.
Durchführung ( Takt
79 bis 93 )
5.
Wiederaufnahme der
Exposition ( Takt 93 bis 104 )
6.
Coda ( Takt 105 bis
110 )
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1.Das Hauptthema
erscheint gleich zu Anfang in der Soloflöte, hier noch nicht harmonisiert.
Dieses berühmte Flötenthema
tritt zehnmal auf und ist immer verschieden harmonisiert.
Die ersten Takte
bewegen sich innerhalb der engen Grenzen eines Tritonus g-cis (Pendelmelodik).
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Beim zweiten Auftreten
ist das in E-Dur stehende Thema harmonisiert, aber einen Ton tiefer in D-Dur.
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2. Die Entwicklung vollzieht
sich in zwei Teilen. Der erste bringt zweimal das Hauptthema, dabei taucht auch
mehrmals die für Debussy so charakteristische Ganztonleiter auf.

Der zweite Teil, in dem
die Oboe das zweite Thema aus zwei Elementen einführt , verläuft tonal und
kündigt durch seine Modulationen den lyrischen Erguss im Mittelstück an.
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Der dritte Teil ist
Orgelpunkt auf der Dominante von Des-Dur, bereitet also auf die Tonart des
Mittelstücks vor.
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3. Das Mittelstück in
Des-Dur, der expressive Höhepunkt des ganzen Werks, besteht aus einer großen
Phrase in vier Perioden und beruht auf zwei Elementen. Das erste ist sehr ausdrucksvoll:
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Das zweite tritt in der
dritten Periode auf, es scheint aus einem Fragment des zweiten Themas
hervorgegangen zu sein.
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In der vierten Periode
werden diese beiden Elemente kombiniert.
4. Diese Durchführung bringt
das Thema in Vergrößerung mit der sechsten Harmonisierung und dann, mit der
siebenten, in einer neuen Variante.
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5. Zu Beginn der
Reexposition wird das Hauptthema in den Flöten mit dem zweiten Element des
Themas aus dem Mittelstück und dann in einer neunten Harmonisierung gebracht,
die sehr Sparsam instrumentiert ist.
6. Die letzte Harmonisierung
, die mit der Coda zusammenfällt, baut das Thema über einem Orgelpunkt auf der
Tonika auf. Über dem Orgelpunkt der Kontrabässe wird das Thema von zwei
gedämpften Hörner und einigen Violinen angedeutet.
Durch den verhallenden Klang
wirkt das Stück scheinbar unvollendet und lässt auch den Hörer in der Schwebe.
Und somit trägt das gesamte Werk zu Recht den Titel Prelude.
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