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Bemerkungen zur Lage des Islam und der Muslime

Kapitel 5

Bemerkungen zur Lage des Islam und der Muslime heute in der islamischen Welt und ganz besonders in Europa

Übersichtlichkeitshalber habe ich den Vortrag in eine kurze Einleitung und fünf Abschnitte geteilt.

Die Einleitung:

In der Einleitung beabsichtige ich paar Wörter über meine Einstellung zu diesem Thema erzählen:

Ich bin in Isfahan geboren. Mit 14 Jahren habe ich mit dem Erlernen der arabischen Sprache und danach der islamischen Wissenschaften begonnen. Mein Studium habe ich, abgesehen von der arabischen Sprache und Literatur in Koran, Sunna, Fiqh, Usul al-fiqh, Kalam, Philosophie, Mystik abgeschlossen. Ich kam nach Deutschland und ich habe mich ausschließlich mit europäischen Geisteswissenschaften, vor allem Philosophie, Psychologie, Pädagogik und Soziologie und ganz besonders Vergleichende Religionswissenschaften beschäftigt. Meine drei Prüfungsfächer waren Philosophie, Psychologie und Vergleichende Religionswissenschaft. Meine Doktorarbeit habe ich über Kants Praktische Philosophie geschrieben und meine Habilitation über Umgestaltung der griechischen Philosophie durch die islamische Denkweise geschrieben. Kurz nach meiner Ankunft in Deutschland, d.h. im Februar 1955, begann ich mit dem Dialog mit den Christen.

Die Hauptgrundlage für mein Gespräch und spätere Schriften war in erster Linie der Koran und die Sunna, sofern diese eindeutig mit dem Koran übereinstimmen.

Zu meiner Einstellung zu den islamischen Richtungen und Schulen ist wichtig zu bemerken, dass ich zwar eine sehr intensive schiitische Ausbildung in Kalam und Fiqh genoss, aber sehr bald, vor allen Dingen, unter Einfluss der Schriften von Sayyid jamal ad-Din und Muhammad 3Abduh, aber auch unter Einfluß einiger meiner Lehrer, begann ich mich, im Sinne der Einheit des Islam und der Muslime, über diejenigen Momente hinwegzusetzen, welche jahrtausendelang Gründe für die Streitigkeiten geliefert und die Muslime auseinandergebracht haben. Schon im Iran begann ich mich mit der hanafitischen und pafiqitischen Schule zu beschäftigen und ihre Eigenart kennen zulernen. Diesem eine Einstellung zu den islamischen Schulen und Richtungen hat mir bei meinem Dialog mit den Christen und Juden sehr viel geholfen. Das Ergebnis war die Tatsache, dass meine Diskussionsbeiträge und Schriften von Anhängern aller islamischen Schulen akzeptiert wurden. Diese, meine Haltung, bekam durch meine Lehrtätigkeit in Deutschland eine besondere Verstärkung, d. h. seit meiner Lehrtätigkeit 1960 in Deutschland habe ich hauptsächlich die sunnitischen Richtungen und Schulen gelehrt und immer wieder versucht, das Beste, das heute Brauchbarste, aus diesen Schulen herauszustellen und weiterzuentwickeln. Wenn man mich fragt, nach welcher Schule ich mich richte, ist meine Antwort darauf folgende: Ich bewundere alle diese Schulen und Richtungen, sofern sie als verschiedene Möglichkeiten der Interpretation und des Verstehens vom Islam gelten. Ich richte mich aber in der ersten Linie unabhängig von diesen Schulen nach dem Koran und entsprechend der Sunna und mache von allen vorteilhaften, spezifischen Momenten dieser Schulen Gebrauch, vor allen Dingen von denjenigen Gedanken und Prinzipien, die uns heute bei der Lösung gegenwärtiger Probleme helfen. Ich distanziere mich ganz eindeutig von allen Erscheinungen, die in der Geschichte und Gegenwart die Muslime auseinandergebracht haben.

In der Überzeugung, dass alle diese dem Sinn, dem Geist, der Absicht und dem Ziel des Korans widersprechen, egal von welcher Richtung oder Schule diese trennende Erscheinungen kommen.

Wissenschaftlich gesehen stellt meine geistige Haltung und meine wissenschaftliche Bestrebung die Einheit des Islam dar, die aber in seiner aspektuellen Vielfalt, Anlass zu verschiedenen Interpretationen und zur Entstehung verschiedener Denkrichtungen gegeben hat, die ihrerseits unterschiedlich bewertet worden sind und bewertet werden. Nach dieser Einführung, die gleichzeitig Grundlage für meine Ausführung hier bildet, wende ich mich dem eigentlichen Thema zu, das ich wie folgt in fünf Abschnitte zu erläutern versuche:

I. Die Besonderheit der koranischen Offenbarung und deren Auswirkung auf Bildung und Entwicklung der islamischen Gemeinschaft innerhalb der ersten 400 Jahre frühislamischer Zeit

II. Religion und Kultur und ihr Verhältnis zueinander und ganz besonders das Verhältnis der islamischen Lehre als Religion zur islamischen Kultur

III. Die daraus entstandene geistige Krise unter den Muslimen und die Lösungsmöglichkeiten

IV. Resümee und neue Vorschläge zur Lage der Muslime heute, aber ganz besonders der Muslime in Europa

I. Die Besonderheit der koranischen Offenbarung und deren Auswirkung auf Bildung und Entwicklung der islamischen Gemeinschaft innerhalb der ersten 400 Jahre frühislamischer Zeit:

Unter allen Büchern und Schriften (seien sie heilige oder profane) zeichnet sich der Koran dadurch aus, dass er nicht von einem Autor abgefasst, als Ganzes vorgelegt wurde. Er ist vielmehr das einzige Buch, das im Laufe von 23 Jahren nach und nach und zwar situationsadäquat offenbart bzw. verkündet wurde.

Angesprochen wird mit dieser Schrift und in dieser Schrift der Mensch, der Mensch aber nicht als abstrakter Begriff, sondern der Mensch in seiner Verbindung mit der Geschichte der Menschheit, wie der Koran sie verkündet und auch gleichzeitig der Mensch in seiner Verbundenheit in einer Gemeinschaft und voller Integrität im alltäglichen Leben. Damit sind zwei sehr wichtige Prinzipien verbunden:

Prinzip 1: Die Tatsache, dass der Mensch immer aus der geschichtlichen Dimension seiner Gattung durch die Geschichte, von seiner Schöpfung bis zur Zeit des Propheten, in Betracht gezogen wird.

Prinzip 2: Die Notwendigkeit der Entsprechung der verkündeten Verse mit der jeweiligen Situation, ein Prinzip, das sich so viel, wie die Anzahl der Koranverse, also mehr als 6000 mal, wiederholte. Daraus entwickelt sich eine weitere Wirklichkeit. Der Mensch wird als Ganzes angesprochen. Der Mensch wird nicht in eine sakrale und profane Wirklichkeit eingeteilt. Der Mensch ist als Ganzes mit allen seinen geistigen und körperlichen Belangen gleichwertig und wird in einer Harmonie vom Koran angesprochen. Voll integriert in diesem hiesigen Leben und vollkommen vorbereitet für ein Leben nach dem Tod. Aus dieser Tatsache entwickelt sich das dritte Prinzip, nämlich das Wohlergehen des Menschen im diesseitigen Leben, verbunden mit dem Jenseitigen; ein Wohlergehen, das nur gewährleistet ist, wenn alles in Bezug auf den einen einzigen Gott ausgerichtet, gehandelt und verwirklicht wird.

Die islamische Rechtslehre und auch Glaubenslehre haben zwar diese Prinzipien, vor allem die ersten beiden Prinzipien, so wichtig sie auch sind, nicht ausdrücklich formuliert und wenig davon Gebrauch gemacht. Dahingegen haben sich die Muslime stets gekonnt in entscheidender Phase ihrer Geschichte daran orientiert. Einige Beispiele erläutern das: Das wichtigste und verbindlichste Beispiel ist die Verhaltensweise der rechtgeleiteten Kalifen, vor allen Dingen die des 2. Kalifen. Seine Zeit war bestimmt durch die aller erste Begegnung der islamischen Offenbarung mit Kulturen und Religionen der Nichtaraber, d. h. in diesem Sinne mit völlig fremden Kulturen.

Verwaltungsmäßig befanden sich die Muslime auch in einer Situation, in der das arabische Volk sich nie in seiner Geschichte befand. Es tauchten die Situationen und dementsprechend neue Fragen auf, auf die der Koran und Sunna expressis verbis Bezug genommen hatte. Es war gerade der 2. KalifqUmar, der wohl bemerkt, in Beratung mit hochrangigen, hochgeistigen Gefährten des Propheten, im Geiste des Koran, im Geiste der Sunna, d.h. im Sinne der ersten beiden Prinzipien, die neue Situation, also einer der schwierigsten Phasen der islamischen Geschichte, gemeistert hatte, neue Ordnungen, neue Bestimmungen, neue Einrichtungen, neue Entscheidungen.

Ein zweites Beispiel liefert uns hundert Jahre später die Situation in den Gebieten Syrien und Irak. Hier waren es nicht mehr fremde Kulturen, sondern hauptsächlich die Muslime nichtarabischer Herkunft, die einst Träger dieser Kulturen waren und nun als Muslime vor allem als nichtarabische Muslime über einzelne Fragen, einzelne Koranverse und Sunna reflektierten und detaillierte Lösungen für immer komplizierter werdende Gesellschaft suchten. Die Folge davon war, die Entstehung zahlreicher Richtungen und Schulen im Bereich der Glaubens - und Pflichtenlehre. Auch das Bemühen dieser Zeit hätte kein Erfolg erzielt, wenn es sich nicht nach dem Geiste vom Koran und Sunna, d.h. nach den ersten beiden Prinzipien gerichtet hätte, nämlich nach:

1. Geschichtlichkeit des Menschen und der menschlichen Gemeinschaft

2. Situationsbezogenheit des menschlichen Lebens und dessen Wandel.

Wenn wir nun diese beiden entscheidenden Phasen der islamischen Geschichte zusammenfassen und diese charakterisieren wollen, können wir sagen, dass die Muslime während der ersten Phase den festen Rahmen einer islamischen Gesellschaft und eine öffentliche Ordnung der islamischen Gemeinschaft aufstellen konnten, während sie in der zweiten Phase damit begannen, diesen Rahmen durch detaillierte Normen und durch eine inhaltliche Sicherheit zu garantieren. Vielleicht war es diese feste sichere neue Struktur der islamischen Gemeinschaft, der Form und dem Inhalt nach, die den Bedarf nach Neuorientierungen nicht aufkommen ließ.

Vielleicht waren auch die Herrscher, die in jeder Neuorientierung eine Gefahr für ihre Herrschaft sahen. Es gibt dafür viele andere Thesen und Theorien, die wir hier aber nicht behandeln können. Fest steht jedoch, dass die islamische Gesellschaft in einer für die Muslime bis heute entscheidendsten Phase ihrer Begegnung mit fremden Kulturen nicht mehr in der Lage war, auf die Stimme jener Männer zu reagieren, die ihnen, gemessen an geistigen Entwicklungen im Westen, neue Wege aufzeigten. Ich nenne hier drei Persönlichkeiten aus dem islamischen Westen: Averroes, IbnValdun und Imam as-Satibi.

Averroes, der nicht nur in der Philosophie, sondern auch in gleicher Weise in der Rechtslehre zuhause war, hatte es geschafft, in Gegenüberstellung der westlichen Philosophie mit der islamischen Kultur, eine neue Definition des Menschen, der Fähigkeit des Menschen zu artikulieren. Der Mensch nämlich, der im Mittelpunkt der Offenbarung stand und steht. IbnValdun hat es geschafft, den Standort der Menschen innerhalb der Geschichte und vor allen Dingen innerhalb der von den Menschen hervorgebrachten Kulturen und Zivilisationen, neu zu definieren und der festgefahrenen Gesellschaftsstruktur der Muslime, die einst unter dem zweiten Kalifen entstand, neue Impulse zu geben.

Imam ap-Pafi3ihat es geschafft durch eine neue Analyse vom Begriff maslaha „Wohl der Gemeinschaft", und maqasid ul-ahkam „Ziele der islamischen Normen", eine differenziertere Analyse der Bedürfnisse der menschlichen Gemeinschaft in ihrem Bezug auf Raum und Zeit detailliert und differenziert darzubieten. Averroes hat mehr in der westlichen philosophischen Tradition gewirkt als in der Islamischen. Ibn Valdun wurde erst dann später von westlichen Autoren entdeckt.

Für Imam as-Satibi begeistert man sich erst heute. Warum das eigentlich? Warum ist die islamische Gemeinschaft nicht in der Lage gewesen, solche Stimmen zu hören und sie in die Tat umzusetzen?

Damit komme ich zum zweiten Abschnitt meiner Darstellung, nämlich:

II. Religion und Kultur und ihr Verhältnis zueinander und ganz besonders das Verhältnis der islamischen Lehre als Religion zur islamischen Kultur

Unter Religion verstehe ich hier, im Gegensatz zur Kultur, diejenige Lehre, die für sich beansprucht, von einer höheren, die menschlichen Fähigkeiten übersteigenden Entscheidungskraft herzurühren. Unter der Kultur verstehe ich hier alle anderen sonstigen Strömungen des menschlichen Geistes, die das Leben des Menschen in seinen unendlichen Aspekten und Ausformungen ermöglichen.

Dazu gehören auf der theoretischen Ebene sämtliche Wissenschaften und Kunstarten

(z.B. darstellende Kunst, Musik und alles andere, was mit der ästhetischen Kraft des Menschen zu tun hat), Sprache in ihrer Vielschichtigkeit, Märchen, Erzählungen, Utopien, Ideale, Vorbilder, Feind - und Freundbilder, Lebensziele, die Wahrnehmungsweise von dem umgebenden Raum und der Zeit, unterschiedliche Reaktionen auf die Eindrücke von der Außenwelt, die Art, wie man Feste feiert, wie man traurige Ereignisse bearbeitet und überwindet, kurzum alles, was den Alltag des Menschen im einzelnen oder in Gemeinschaft positiv oder negativ bestimmt.

Fragt man nun nach dem Verhältnis von Religion und Kultur, so kann man das wie folgt auf einen Nenner bringen: Die Religion prägt zwar die Kultur, sie wird aber von der Kultur getragen, anders formuliert, die Kultur lässt sich von der Religion prägen, bleibt aber als wichtiger Träger der Religion bestehen.

Das Ergebnis ist: Die Religion prägt die Kultur, die Kultur trägt die Religion. Von der Harmonie bzw. Disharmonie zwischen diesen beiden Phänomenen hängen die an jedem Ort und jeder Zeit herrschenden Werte und Wertungssysteme ab.

Mir geht es hier darum, uns allen vor Augen zu führen, dass der Islam in seiner langen Geschichte auf verschiedene Teile der Erde nicht nur durch die Pflege und Weitergabe und anderen daraus entnommenen Quellen in das Leben und die Herzen des Menschen Eingang gefunden und diese Menschen als überzeugte Muslime geprägt hat.

Vielmehr hat sich der Islam in einem größeren Maße durch praktische Auswirkung in denjenigen Kulturen etabliert und das Alltagsleben bestimmt, die wir islamische Kultur nennen. Angefangen von hochgeistigen Errungenschaften, wie Philosophie, Mystik, und anderen Wissenszweigen, bis hin zu Lebenspraxis, wie Kleidung, Speisegewohnheiten, Volkssitten, Freude, Trauer, Feste, Sprachen, Gedichte, Erzählkunst, Märchen, Anekdoten, bestimmte Heldenfiguren, Sprichwörter, bis hin zu bestimmten Verhaltensweisen zur Meisterung von Problemen menschlicher Kommunikationsweise, wie das Verhältnis des einzelnen zur Gemeinschaft und umgekehrt, das Verhältnis Mann und Frau, das Familienleben, das Verhältnis der Bürger zur Politik und den Politikern, die Beteiligung der einzelnen an gesellschaftlicher Verantwortung; kurzum alle unübersehbaren Details, die eine Gesellschaft als Ganzes konstruieren und schließlich in einer unüberschaubaren Wechselwirkung aller dieser einzelnen Elemente, die, die Struktur der Gesellschaft ausmachen, enden.

Auf die Frage, was eigentlich den Menschen am meisten prägt, die Religion oder die Kultur, können die Fakten Antwort geben: Wir erleben z. B., dass ein Christ innerhalb eines islamisch geprägten Kulturraumes mehr von der islamischen Kultur in sich trägt, mehr durch die islamische Kultur geprägt ist, als ein überzeugter, sogar praktizierender Muslim, der nicht in einem islamischen Kulturraum, sondern in einem, z. B. vom Christentum geprägten Kulturraum sein Leben verbringt. Es kommt sogar so weit, dass nicht selten die christlichen Gelehrten in einem islamisch geprägten Kulturraum mehr zur Pflege und zum Erhalt des Islam beitragen, als viele andere überzeugte Muslime.

Ich denke gerade an die Bücher von Giorgi Zaidan, den arabischen Christen, der z. B. durch sein Buch über arabische Literatur, Gedichte und Prosa, mehr zum arabisch - islamischen Selbstbewusstsein beigetragen hat, als viele überzeugte Muslime. Das was er bringt, ist zwar kein Koran und keine Sunna, das sind aber Gedichte und Prosatexte, die zu 80 % islamisch orientierte Inhalte haben.

Die Macht und die Gewalt der Kultur ist noch höher. Wie die islamische Geschichte zeigt, sind es die gesellschaftlichen und kulturellen Konstellationen, die jeweils die verantwortlichen Persönlichkeiten des Islam herausgefordert und eine neue Epoche eingeleitet haben. Dies waren gerade die Begegnungen der großen Kulturen mit dem Islam, die, die Verantwortlichen jener Zeit dazu brachten, im Sinne des Islam eine neue Ordnung, eine islamische Ordnung zu schaffen.

Die gleiche kulturelle sogar intensivere Bewegung war erst die, die, die Rechtsgelehrten im siebten, achten und neunten Jahrhundert zur Gründung neuer Rechtssysteme bewegt haben. Genau wie die Kultur in ihrer Dynamik die Religion herausfordert, genauso kann die Kultur, die in sich keine neuen Impulse entwickelt und auch nicht von außen beeinflusst wird, dazu führen, dass die neuen Anregungen, die seitens der Vertreter einer Religion dargeboten werden, nicht vom Volke registriert werden. Hier liegt die Antwort auf die obige Frage, warum Denker wie Averroes, IbnValdunund Imam As-Satibi nicht in den islamischen Gemeinschaften von damals anerkannt worden sind und gewirkt haben.

Dies ist aber heute nicht unser Hauptthema. Das eigentliche Problem, mit dem wir uns auseinanderzusetzen haben, ist: Die Religion und Kultur und ihr Verhältnis zueinander und ganz besonders das Verhältnis der islamischen Lehre als Religion zur islamischen Kultur. Es handelt sich dabei um eine neue Herausforderung, die seit mehr als 200 Jahren von der westlichen Kultur ausgeht. Eine kulturelle, geistige Herausforderung, die sich von der in der Zeit des zweiten Kalifen und der Entstehung verschiedener Rechtsschulen völlig unterscheidet. Eine Herausforderung von außen.

Das Problem dabei war und ist stets mit politischen und wirtschaftlichen Interessen verbunden, die Emotionen dagegen heraufbeschworen hatten. Diese ablehnende Haltung bekam Nahrung durch die missionarische Begleiterscheinungen, die dazu führten, das Westliche schlechthin als antiislamisch zu bewerten.‘

Notgedrungen haben die Muslime jedoch von der Technik bis hin zu den Geisteswissenschaften alle westlichen Wissenschaftszweige akzeptieren und pflegen müssen. Es blieb und bleibt weitgehend auf dieser theoretischen Ebene kein Widerstand mehr gegen die neuen westlichen Errungenschaften. Im Gegenteil, die Tendenz bei allen geht dahin, sich diese anzueignen, um auf der kulturellen Ebene mit dem Westen Schritt halten zu können. Diese Begegnung, die praktische Seite der westlichen Kultur, die man gerne mit der Zivilisation gleichsetzt, hat jedoch Probleme verursacht.

Dies deswegen, weil unter der westlichen Zivilisation meistens die auffallenden Äußerlichkeiten, die mehr ein Kinoleben repräsentieren, propagiert werden. Diese Werte des kulturellen Westens standen der islamischen Welt entgegen. Gleichgültig, ob diese Werte wirklich islamischen Ursprungs waren oder Volksbräuche. Danach ist ein gesellschaftlicher Wandel unumgänglich gewesen. Für diesen Wandel haben nicht nur die Vertreter der westlichen Kultur, also Europäer und Amerikaner gesorgt, sondern auch Muslime, die in diesen Ländern studiert haben und in ihre Heimatländer zurückkamen. Auf die Gesamtkultur bezogen, hat man es mit einem völlig heterogenen Komplex zu tun. Auf verschiedenen Ebenen laufen geistige und praktische Werte westlicher und islamischer Herkunft nebeneinander und durcheinander.

Während die Produkte der Wissenschaften wie Psychologie, Soziologie, Politologie, Pädagogik, Philosophie. die in der Tat als tragende Säulen einer Kultur gelten, in der

islamischen Welt Anerkennung fanden, traf und trifft man auf einen Widerstand gegen Verhaltensweisen, die direkt oder indirekt die herkömmliche Identität berührten.

Die Entwicklung hat zu keiner einheitlich konstruierten Kultur geführt, die in der Lage gewesen wäre, mit dem Islam zu harmonisieren. Aber auch die Religion Islam war und ist noch nicht der Lage, ein so entstandenes Mischgebilde zu prägen. Weder könnte eine solche Mischkultur in diesen Ländern, als Ganzes betrachtet, in der Lage sein, den Islam in seiner herkömmlichen Form zu tragen, noch ist der Islam in seiner herkömmlichen Gestalt imstande, dieser Kultur eine islamische Prägung zu geben.

Man könnte auch auf keines von beiden verzichten. Auf die Religion kann man nicht verzichten, weil die islamischen Länder auf die Dauer einen absoluten Säkularismus nicht hinnehmen (Beispiel Türkei). Auf die Kultur kann man nicht verzichten, weil ihr Untergang dem Westen gegenüber dann besiegelt wäre.

Das Hauptproblem, um es auf einen Nenner zu bringen, ist eine gewaltige Disharmonie zwischen Religion und Kultur. Diese Disharmonie hat sogar zu großen Generationsproblemen geführt. Die junge Generation, die durch Schule, Studium und höhere Ausbildung in den westlichen Wissenschaften sich eine ganz andere kulturelle Voraussetzung geschaffen hat, weiß wenig von den eigenen kulturellen Werten und lässt sich nicht mehr von derjenigen religiösen Argumentation überzeugen, die ihre Eltern aufgrund ihrer herkömmlichen Kultur überzeugen konnte. Eine offene oder latente geistige Krise war die Konsequenz daraus, was das Thema des III. Abschnitts ist.

III. Die daraus entstandene geistige Krise unter den Muslimen und die bisher unterbreiteten Lösungsvorschläge:

Die Reaktion auf diese neue Herausforderung und die daraus entstandene Kulturkrise war von Anbeginn unterschiedlich. Je nach der Zeit, dem Ort und der Art dieser Konfrontation, und je nach der Einstellungsweise zum Islam oder zur westlichen Kultur, aber auch nach dem Wissensgrad und der fachlichen Richtung.

Die Muslime haben zur Lösung dieses geistigen Komplexes einen anderen Vorschlag unterbreitet, die eine oder andere Forderung an die Verantwortlichen gestellt. Angefangen von einer absoluten Ablehnung des Islam zu Gunsten der westlichen Zivilisation bis hin zu einer absoluten Ablehnung des Westens zum Schutz des Islam. Zwischen diesen beiden gegensätzlichen Polen liegen dann eine Anzahl von Theorien, die, je nachdem, mehr zu dem einen oder anderen Pol neigen. Auch die Versuche ein Gleichgewicht zwischen den islamischen und positiven Werten der westlichen Kultur zu erzielen sind selten.

Die Versuche gehen dahin:

Entweder Abstriche beim Islam vorzunehmen, um ihn lebensfähig zu machen oder das Westliche im Sinne des Islam zurechtzubiegen, um es mit dem Islam zu verbinden. Dabei haben sich die Urheber dieser Denkrichtungen weitgehend auf Koran und Sunna zu berufen versucht, namentlich auf die Prinzipien wie: awwarurat tubih al-mahdurat, d. h. die Notsituation, in der das Verbotene zulässig ist oder das Prinzip yusr, Erleichterung in der Sache der Religion.

Man hat auch mit der These, dass nicht der Wortlaut, sondern der Geist der Wörter als Offenbarung gilt, versucht, sich von der Enge der Wörter zu befreien. Einige andere versuchen sich nur am Koran zu orientieren und die Sunna auszulassen, weil diese in der Überlieferung - Ahadit- als ein Hindernis für das Überleben des heutigen Islam gesehen wird. Manch andere wollen sich durch die Trennung der mekkanischen von den medinensischen Schulen den späteren medinensischen Normen entziehen.

All diese Versuche gehen von einer Voraussetzung aus: nämlich davon, dass man den Koran und die Sunna nicht mehr so wie in der herkömmlichen Verfahrensweise anwenden kann. Ihr Erfolg oder Misserfolg lag und liegt doch in ihrem Orientierungsgrad an Koran und Sunna. Die Allgemeinheit der Muslime glaubt und hält am Koran fest. Selbst diejenigen von ihnen, die recht westlich orientiert sind möchten den Koran nicht aufgeben, sondern lieber beide vereinbart wissen. An dieser Stelle möchte ich meine Ausführungen mit dem IV. Abschnitt abschließen, nämlich:

IV. Resümee und neue Vorschläge zur Lage der Muslime heute, aber ganz besonders der Muslime in Europa.

Dafür wähle ich einen extremen Fall, nämlich die Situation der Muslime in Europa. Die Trennung zwischen der Kultur im jeweiligen europäischen Land und dem Islam ist am deutlichsten und die Diskrepanz zwischen der jüngeren Generation und ihren Eltern noch größer. Die christlich—abendländische, ja sogar atheistische Kultur in der die jüngere Generation der Muslime ihre Persönlichkeit bildet, hat keinen Bezug zum Islam und überhaupt wenig Verbindung zur Religiosität. Umgekehrt hat auch der Islam, den die Emigranten aus den orientalischen Ländern mitgebracht haben, keinen Zugang zu der jeweiligen Kultur der europäischen Länder. Dem Islam fehlt hier eine entsprechende Kultur als Basis, die in allen materiellen Lebensbereichen die islamischen, ja sogar die religiösen Aspekte repräsentiert.

Der Islam kann auch nicht mit all seinen kulturspezifischen - arabischen, persischen, türkischen, pakistanischen, afrikanischen, indischen, indonesischen usw. Ausformungen eine neue kulturelle Heimat in der abendländischen Kultur gewinnen. Er kann nicht in seiner orientalisch geprägten Gestalt die abendländische Kultur prägen und in gleicher Weise von dieser Kultur getragen werden. Das Problem liegt in dieser Realität begründet und nicht im Islam selbst, wie ihn der Koran verkündet hat. Kehren wir zum Koran selbst und zu den Prinzipien zurück, die ihm seine zeit- und raumübergreifende Gültigkeit garantiert haben, so erhalten wir eine ganz andere Perspektive, die durchaus einen neuen Beginn in Sicht stellt.

Es sind wie oben erwähnt:

1. Die Geschichtlichkeit des Menschen und der menschlichen Gemeinschaft;

2. Situationsbezogenheit des menschlichen Lebens und dessen Wandel;

3. Die zentrale Bedeutung der Menschen und seine materiellen und geistigen Belange für die Offenbarung;

4. Die Verknüpfung der zeit - und raumunabhängigen Werte mit dem sich im Fluss befindlichen menschlichen Gesellschaften und menschlichen Bedürfnissen.

Betrachten wir von diesen Prinzipien ausgehend die islamische Geschichte daraufhin, wo, wann, wie und von wem diese - bislang noch nicht genau formulierten Prinzipien - gewirkt haben, so finden wir genug authentische Belege dafür, die uns inhaltlich und geschichtlich eine Garantie für die Richtigkeit des Weges geben:

Es ist die Zeit der Rechtgeleiteten Kalifen, die Zeit der Entstehung der Schulen, die zeitgemäße Entwicklung dieser Schulen, die aus dem Koran und der Sunna herausgefundenen Prinzipien, die seitens der Vertreter all dieser Schulen artikuliert worden sind, wozu noch Versuche einzelner Gelehrter kommen, die darauf bedacht waren, auf die Herausforderung ihrer Zeit und ihres Raumes Antwort zu finden, usw. Dabei haben bestimmte Gestalten aus der Geschichte, wie z.B. Imam as-Satibi, IbnValdun und dergleichen eine besondere Bedeutung dadurch, dass sie am Koran und an dem Islam festhalten, sie haben den Wandel der Gesellschaft als das wichtigste Moment für den Erhalt der Religiosität der Menschen entdeckt.

Wir sind aber auch hier und heute daran gehalten, aufgrund der koranischen Führung, analog zu den Leistungen, ja zu den authentischen Leistungen unserer Vorfahren, der heutigen Herausforderung gerecht zu werden. Ich nehme die Herausforderung der heutigen Weltgemeinschaft - betone Weltgemeinschaft und nicht einzelne Gemeinschaften an. Wir müssen entsprechend dieser Herausforderung aus dem Koran und der wissenschaftlich gesicherten Sunna Prinzipien ableiten und diese als Prinzipien der Rechtsentscheidung, d.h. mit praktischen Wirkungen aufstellen können. Wir können und müssen heute z. B. das Prinzip der rahmah, das uns der Koran mehr als 700mal auferlegt und das, das Wesen des Islam als Religion der Barmherzigkeit bestimmt hat, als oberstes Prinzip unseres Denkens, Handelns, unserer juristischen Gesellschaft und gesellschaftlichen Entscheidungen in den Vordergrund stellen. Dieses Prinzip kann mit anderen Prinzipien z. B. mit dem Prinzip der absoluten Gleichheit der Menschen vor Gott, einen großen Teil der heutigen Probleme der menschlichen Gemeinschaft, adäquat zu den humanen Prinzipien wie Menschenrechte und dergleichen, beantworten. Voraussetzung dafür ist, dass man diese Prinzipien nicht nur als Besonderheiten des Islam vorträgt; diese müssen viel mehr als Prinzipien einer neuen Rechtsentscheidung fungieren können. Damit bekommen wir einen weiteren Horizont, um die Errungenschaften der Rechtsschulen von neuem zu interpretieren und einen größeren Anwendungsbereich dabei zu sichern, z. B: die Prinzipien von 3Urf (alle Rechtsschulen), Maslaha (malikitische Schule), Qiyas (hanafitische und pafi’itische Schule), Hermeneutik (hanbalitische Schule - ganz besonders Ibn Taymiya und Ibn jausi) die Vernunft und ihtiyax- Methode (die imamitische Schule) um nur einige Beispiele zu nennen.

Damit werden auch die Bemühungen der zeitgenössischen Muslime, mit der gegenwärtigen Krise fertig zu werden, in ein neues Licht gerückt. All diese Fakten setzen eine intensive wissenschaftliche Arbeit, nämlich eine historisch kritische Untersuchung der islamischen Tradition und geistlichen Errungenschaften voraus, d. h. eine kritische Untersuchung aus der Sicht der Muslime selbst und zwar aufgrund der Herausforderung, die, die zeit- und raumunabhängigen islamischen Werte einerseits und die zeitbedingten Erscheinungen dieser Werte innerhalb der islamischen Geistesgeschichte andererseits, bieten. Eine solche Untersuchung gibt uns die Möglichkeit, in Hinblick auf die heutige Weltgemeinschaft, die zentralen Begriffe neu zu definieren. Erneut muss z.B. der Mensch, die Gemeinschaft (umma), die Welt und ihre Beziehung zu Gott definiert werden.

Damit wird den Muslimen die Möglichkeit gegeben, den Herausforderungen der Weltkultur gerecht zu werden und ihrerseits diese Weltkultur im Interesse der Menschheit mit zu prägen, wie dies koranisch gesehen von allen Menschen verlangt wird, durch den Begriff ‘Amanah. Somit können die Muslime aus der bisherigen Defensive herauskommen und sich positiv an der Verantwortung für die Menschen und für die Welt beteiligen.

Ich bin mir der Tatsache bewusst, dass es uns sehr schwer fällt, diese Aufgabe allen Muslimen in der ganzen Welt plausibel zu machen, es fehlt vielerorts die Voraussetzung dafür. Die Muslime in Europa hingegen können das am besten begreifen und nachempfinden und dieser Verantwortung, die heute auf sie zukommt, eine positive Antwort erteilen. Gelingt ihnen das, so werden sie mit der Zeit als Vorbild für einen neuen gangbaren Weg auch in den islamischen Ländern ihre Wirkung haben.