StartseiteDer Heilige KoranDer IslamBücherMoscheenHaditheFragen

Bücher:

Grundkonzept

Dialog

ANJA's Buch

Augen einer Frau

Tagebuch

Traumdeutung

Qur'ân-Tagebuch

Symbole des Islam

Symbole des Islam

Harun Yahya

Vorträge

eine Religion im Aufbruch

Grundlagen

Augen einer Frau:

Offenbarung

Kernthemen

Menschen in der Gesellschaft

Die rolle der Frau

Die Geistigen Dinge

Dawa

Islamische Gemeinschaft

Der einfachheit

Tod und sterben

Schöpfungsgeschichte

Literaturverzeichnis

Allgemein:

Startseite

Nachrichten

Was ist Islam

Verweise

Suchregister

Sitemap

Kontakt

ÜBERZEUGUNGSKRAFT DER EINFACHHEIT

ÜBERZEUGUNGSKRAFT DER EINFACHHEIT

ÜBERZEUGUNGSKRAFT DER EINFACHHEIT

Was für eine Kraft besitzt ein Glaube, dem es im Verlauf dieses Jahrhunderts gelungen ist, einen neuen Staat wie Pakistan ins Leben zu rufen oder eine waffenklirrende Diktatur wie die im Iran hinwegzufegen? Wie kommt es, dass sich ihm sehr viele ganz einfache Menschen ohne nennenswerte Bildung und gleichzeitig Intellektuelle von weltweitem Ansehen mit Leib und Seele verschreiben? Verspricht er seinen Anhängern, Männern und Frauen, ein angenehmes, sorgenfreies Erdenleben oder gar irgendwelche Wunder?

Nein, ganz gewiss nicht! Wie uns gesagt wird, besteht das ewige Wunder, das Muhammad, dem Gesandten Gottes, Friede sei mit ihm, zuteil geworden ist, in der Offenbarung des Qurans. Und das ist ein Buch, das man mit Händen greifen kann, das sich aufschlagen, in dem sich lesen lässt. Also etwas ganz Natürliches. Und doch - wie wunderbar ist diese Botschaft für uns Menschen, vor allem wie wunderbar überzeugend und einfach. Denn sie befindet sich in vollkommener Übereinstimmung mit den natürlichen Anlagen des Menschen. Ja, sie bringt sie voll zur Entfaltung in dem, der sich nach ihr richtet. Wenn der Mensch sich überhaupt noch dazu bewegen lässt, sich mit Religion zu befassen, auf welche Fragen erwartet er dann Antwort von ihr? Und wie sehen diese Antworten im Quran aus?

Da ist natürlich zuerst die Frage nach Gott. Im Thronvers wird uns gesagt: „Allah - es gibt keinen Gott außer Ihm." Diese wenigen Worte packen jeden, den ganz Einfachen und den intellektuellen Giganten gleichermaßen. Aus der Fülle der Hinweise auf Gottes Güte, Gnade, Allmacht können wir vielleicht die Folgenden herausgreifen, weil sie uns zugleich Aufschluss über unsere eigene Herkunft geben:

„Wir haben euch erschaffen. Warum wollt ihr da nicht die Wahrheit zugeben? Was meint ihr denn, (wie es sich mit dem verhält) was euch an Samen entfließt? Seid ihr es, die ihr (den Menschen aus ihm) erschafft, oder sind wir die Schöpfer?wir haben unter euch den Tod verhängt, und wir können nicht daran gehindert werden, dass Wir euch durch euresgleichen ersetzen und euch auf eine Weise (wieder) entstehen lassen, von der ihr nicht(s) wisst. Und ihr kennt doch gewiss die erste Schöpfung. Warum wollt ihr euch also nicht besinnen? Habt ihr betrachtet, was ihr aussäet? Seid ihr es, die ihr es wachsen lasst, oder lassen wir es wachsen? Wollten wir, wir könnten es alles zerstören, dann würdet ihr nicht aufhören, euch zu beklagen: wir sind zugrunde gerichtet! Nein, wir sind beraubt. Habt ihr das Wasser betrachtet, das ihr trinkt? Seid ihr es, die ihr es aus den Wolken niedersendet, oder sind wir die Sendenden? Wollten wir es, wir könnten es bitter machen. Warum wollt ihr also nicht dankbar sein? Habt ihr das Feuer betrachtet, das ihr zündet? Seid ihr es, die






ihr den Baum dazu hervorbrachtet, oder sind wir die

Schöpfer? Wir haben ihn zur Ermahnung erschaffen

und zur Wohltat für die Reisenden in der Wüste.

Darum preise den Namen deines Herrn, des Großen."

(56:57-74)

Wer über das nachdenkt, was hier über Gott und die Schöpfung des Menschen und der wichtigsten Dinge, die er zum Überleben benötigt, gesagt wird, können den noch Zweifel über die Existenz Gottes beschleichen? Nach islamischer Auffassung macht nur der richtigen Gebrauch von seiner Intelligenz, der mit ihrer Hilfe zu der Erkenntnis gelangt, dass es Gott gibt.

In einer unglaublichen Vielzahl von Gleichnissen wird uns im Quran gesagt, wie Gott uns mit allem versorgt hat, mit Früchten und Getreide, mit Land und Meer, mit dem Wechsel von Tag und Nacht, mit Sonne und Regen, wie Er die Bienen gelehrt hat, den heilsamen Honig für uns zu sammeln, wie Er uns Wege durch Täler und Gebkge gebahnt hat und wie Er eine Barriere zwischen Süßwasser und Salzwasser gelegt hat, in denen beiden Nutzen für uns ist: Fische, die wir essen, Perlen, mit denen wir uns schmük-ken, und deren Gewässer unsere Schiffe durchpflügen.

Es ist die Gradlinigkeit, Einfachheit, in der diese Gleichnisse gefasst sind, die uns ergreift. In einem Gespräch mit einem namhaften Wissenschaftler, Professor für semitische Sprachen an der Universität München, sagte dieser: „Verglichen mit der arabischen Poesie seiner Zeit wirkte das, was Muhammad seinen Anhängern in Form des Qurans vortrug, manchmal ungehobelt... Aber man darf nicht übersehen, dass es dabei nicht um die Besingung der Unendlichkeit und Unbarmherzigkeit der Wüste ging, um schlanke Kamelhälse oder die brunnendunklen Augen der Geliebten. Hier wurden den Arabern erstmals Grundsätze verkündet, nach denen sie ihr Leben zum Wohlgefallen Gottes einrichten sollten.

Dafür bedurfte es einer ganz anderen, ja teils neuen Sprache, auch wenn diese Muhammad den Spott seiner Zeitgenossen einbrachte."

Wirken im Gegensatz zu den schlichten Sätzen des von Gott offenbarten Qurans beispielsweise die folgenden Zitate aus der sogenannten „Ährenlese" des Begründers der Baha'i-Bewegung nicht fast grotesk: „Gesegnet der König, der voranschreitet, das Banner der Weisheit vor sich entfaltend und die Heere der Gerechtigkeit hinter sich scharend. Er ist wahrlich der Schmuck, der die Stirn des Friedens und das Antlitz der Sicherheit ziert." (Kap. 112) Oder: „Denkt darüber nach, O Menschen, und gehört nicht zu denen, die verwirrt durch die Wildnis des Irrtums wandeln." (Kap. 163) Oder: „Erleuchtet und heiligt eure Herzen. Lasst sie nicht durch die Dornen des Hasses und die Disteln der Bosheit entweiht werden." (Kap. 156) Oder: „Durch die von diesem erhabenen Wort entfesselte Kraft verleiht Er den Vögeln der Menschenherzen frischen Schwung." (Kap. 43/117) So entlarven sich fabrizierte Offenbarungen nur allzu rasch selbst. Wie etwa auch im Fall der „Ahmadiyya-Bewegung", wo sich die „Eingebungen „damit befassen, dass „diese Regierung (die Briten in Indien) das Leben und Eigentum der Muslime gegen den Angriff von Übeltätern schützt... Ich habe dies geäußert in Übereinstimmung mit dem göttlichen Befehl des Heiligen Propheten." (Nurul Haq, Teil l, S.30) Oder wo Prophezeiungen die Ernennung irgendwelcher Zeitgenossen zu Richtern usw. betreffen oder wo denen, die ein Zehntel ihres Vermögens für die Bewegung stiften, die Aufnahme in den „himmlischen Friedhof verheißen wird. (Alwas-siyyat, S.24) Man kann wirklich nur seine Zuflucht bei Gott suchen, wenn man in den Schriften dieser Bewegung auf solche Auslassungen stößt.

Im Islam ist alles klar und einfach. Muslim ist, wer das Glaubensbekenntnis ablegt: „Ich bezeuge, dass es keine Gottheit gibt außer dem Einen Gott, und ich bezeuge, dass Muhammad Sein Diener und Gesandter ist." Für den vernünftigen, einsichtigen Menschen ergibt sich daraus von selbst, dass er sich nach besten Kräften bemüht, das zu befolgen, was ihm der Gesandte Gottes übermittelt.

Er fühlt sich auch geborgen in der Obhut Gottes, denn im Quran wird gesagt:

„Er ist mit Euch, wo immer ihr sein mögt."(57:4) Darum hütet sich der Muslim davor, irgend jemandem oder einer Sache solche Zuneigung entgegenzubringen, dass er dadurch Gott und Seine Vorschriften vernachlässigen würde. Denn das wäre Götzendienst, die einzige unverzeihliche Sünde nach islamischer Auffassung, sofern man sich nicht rechtzeitig besinnt und aufrichtig bereut. Dieser unerschütterliche Glaube an den Einen, Einzigen Gott stellt die erste der fünf Säulen des Islam dar. Diese fünf Säulen tragen das Gebäude des Islam, in dem die Gemeinschaft Schutz sucht und in Sicherheit leben kann.

Die anderen sind: Das Gebet, über das uns gesagt wird:

„Und verrichtet das Gebet. Wahrlich, das Gebet hält

ab von aller Art von Schändlichkeit und Unrecht."

(29:45)

Denn es erinnert uns an den Sinn unseres Daseins. Das




Fasten, von dem es heißt:

„O die ihr glaubt! Fasten ist euch vorgeschrieben, wie es denen vor euch vorgeschrieben war, auf dass ihr gerecht werden möget."(2:183) Gerecht und gottesfürchtig ist der, der nicht gedankenlos tagtäglich isst, wann und wie viel ihm Spaß macht, sondern zum Fasten bereit ist. Denn Fasten fordert in unserem mitteleuropäischen Überfluss dem Menschen ein hohes Maß an Selbstbeherrschung ab. Und es öffnet die Herzen für echtes Mitleiden mit den Bedürftigen, nicht nur für flüchtiges Mitleid, das mit einem Groschen in die Sammelbüchse irgendeiner Welthungerhilfe abgetan ist.

Die Zakatabgabe für Bedürftige und für die Sache des Islam, zu der wir im Quran lesen:

„Und was ihr an Zakat gebt, indem ihr nach (Wohlgefallen vor) Gottes Antlitz verlangt - sie sind es, die vielfache Mehrung empfangen werden."(30:39) Und an anderer Stelle heißt es: „Sie befragen dich, was sie spenden sollen. Sprich: Das Entbehrliche."(2:219)

Hier möchte ich kurz verweilen. Denn der Islam scheint mir mit diesen wenigen Worten eine Lösung aufzuzeigen für die kommenden Jahrzehnte, die über das Weiterbestehen der Menschheit auf Erden die Entscheidung bringen werden. Rufen sie uns doch dazu auf, uns von dem zu trennen, was entbehrlich ist. Der Abgrund des bevorstehenden Untergangs tut sich vor uns auf, weil die bereits Besitzenden immer mehr zusammenzuraffen versuchen, weil niemand mehr zum freiwilligen Verzicht zugunsten anderer bereit ist, weil sich zu viele Menschen mit keineswegs beunruhigtem Gewissen wohlgesättigt in ihre weichen Betten sinken lassen und einfach an die Hungernden, Frierenden nicht denken wollen. Wenn wir nicht bald von unserer Einsicht Gebrauch machen und für andere, benachteiligte Menschen mitdenken lernen, muss es zu einem Kampf auf Leben und Tod zwischen all jenen kommen, die nach den Reis- und Kartoffelschüsseln drängen. Wenn andere sagen: alles, was wir hingeben, ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein; dann müssen wir Muslime uns daran erinnern, dass das Geben unsere religiöse Pflicht ist, nach deren Erfüllung wir dereinst befragt werden. Da nützen dann keine Ausreden. Hundert Haushalte aber, in denen monatlich zehn Mark oder Dollar oder Franken an üppigen Fleischgerichten eingespart werden und dafür Gemüse gegessen wird, könnten schon 1.000 Mark oder Dollar oder Franken für einen guten Zweck sammeln und dabei gleichzeitig die Gesundheit der sowieso allzu oft übergewichtigen Familienmitglieder fördern. Wenn Eltern ihren Kindern einen solchen Gemeinsinn vormachen, wird vielleicht auch die Trost- und Hoffnungslosigkeit der jungen Generation und ihre Ablehnung den Erwachsenen gegenüber allmählich abgebaut. Islam wirklich vorgelebt hat die rettende Alternative durchaus zu bieten, in dem ganz einfachen Konzept der fünf Säulen. Glauben an einen Einzigen Gott, was gleichbedeutend ist mit bewuss-ter Abwendung vom Götzen Materialismus, Gebet, das uns in der Hektik des heutigen Lebens zur Besinnung auf unser wahres Ziel hinlenkt: Fasten, das uns zu sinnvollem Verzicht erzieht; Zakatabgabe, die uns unsere Habgier durch tätige Linderung der Not anderer und Zuwendung an die Sache des Islam besiegen hilft; und die Pilgerfahrt nach Makkah, wo Menschen aller Zungen und Hautfar-
ben zusammenkommen, um gemeinsam in Demut Gott ihren Dank abzustatten, so wie es die Gläubigen in ununterbrochener Kette bis hin zum Propheten 1400 Jahre lang getan haben.

Der Sinn des menschlichen Lebens besteht darin, dass wir unsere Rolle als Statthalter Gottes auf Erden akzeptieren. Das bedeutet, dass jeder einzelne von uns auch bewusst die Verantwortung dieser Statthalterschaft zu tragen hat, sich also nicht am rücksichtslosen Raubbau beteiligt, sondern das ihm Anvertraute hegt und pflegt. Uns hierzu die Anleitung zu geben, hat Gott den Menschen Seine Offenbarung gesandt.

„Wahrlich, Wir schickten Unsere Gesandten mit klaren Beweisen und sandten mit ihnen das Buch und die Waage herab, auf dass die Menschen Gerechtigkeit üben möchten. Und Wir sandten das Eisen herab, worin (Kraft zu) gewaltigem Krieg wie auch zu (vielerlei anderem) Nutzen für die Menschen ist, damit Allah die erkenne, die Ihm und Seinem Gesandten beistehen, wenngleich ungesehen. Fürwahr, Allah ist Allgewaltig, Allmächtig."(57:25) Wenn der Mensch, wie von dem bekannten Giessener Psychoanalytiker Horst Eberhard Richter in seinem Buch „Der Gotteskomplex"1 beschrieben, zu stolz und überheblich ist, sich durch vorbehaltlosen Glauben an Gott in Abhängigkeit Ihm gegenüber zu begeben und sich selbst für allmächtig hält, beraubt er sich des Sinns seines Daseins. Erst wenn er erkennt, woher er kommt und dass er das Leben als Prüfung zu bestehen hat, also auch bereit sein

1 Horst E.Richter DER GOTTESKOMPLEX, Rowohl 1979


muss, zu leiden, und dass er schließlich wird sterben müssen, kann er bewusst und in Zufriedenheit jedes Stadium seiner irdischen Existenz durchmessen. Um mit Richter zu sprechen:

„Der Mensch könnte sich jeweils als das bejahen, was er ist, und nicht immer nur als das, was er hofft zu werden, oder als das, was er -vielleicht- einmal war. (S.235)

Und das bringt uns zu den sogenannten „letzten Dingen des Menschen". Auch hierzu wird uns ganz klar im Quran gesagt:

„Jede Seele soll den Tod kosten."(3:185) Während den „Zeugen Jehovas" schon seit den Zwanzigerjahren verkündet wird: „Millionen werden nicht sterben", denn mindestens seit 1925 wird ihnen in gewissen Abständen unablässig der „Weltuntergang" prophezeit, heißt es im Quran:

„Wo ihr auch sein mögt, der Tod ereilt euch doch, und wäret ihr im festest gebauten Turm."(4:78) Daran ist nicht zu rütteln und so mag sich der Mensch beizeiten darauf einstellen, dass er dereinst wird Rechenschaft ablegen müssen über sein Leben. Schlicht und einfach sieht das Lebensrezept für den Muslim im Quran aus: „Bei der flüchtigen Zeit, wahrlich, der Mensch ist im Zustand des Verlusts, außer denen, die glauben und gute Werke tun und einander zur Wahrheit ermahnen und einander zur Geduld und Standhaftig-keit ermahnen."(Sure 103)

Einer der schönsten Aspekte des Islam ist, was er über das Miteinander der Menschen aussagt. So wird den Männern über ihre Frauen gesagt:

„Sie sind euch ein Gewand, und ihr seid ihnen ein Gewand"(2:187).

Das heißt sie schützen, wärmen, bedecken einander. Über die Gläubigen heißt es:

„Er hat Liebe (zueinander) in ihre Herzen gelegt. Hättest du auch alles aufgewandt, was auf Erden ist, du hättest doch nicht Liebe in ihre Herzen zu legen vermocht. Allah hat Liebe in sie gelegt. Er ist Allmächtig, Weise.(8:63)

Doch lassen wir abschließend Al-Ghasali zu Wort kommen, dessen Ratschläge zum Miteinanderleben heute genau so gültig sind wie zu seinen Lebzeiten um das Jahr 1100. Obwohl er einer der größten Gelehrten in der Geschichte des Islam war, ist es die Schlichtheit in dem, was er zu sagen hat, die ihn zum beispielhaften Spiegelbild islamischer Größe macht:

„Die Pflicht der Zunge ist bald eine Pflicht zum Schweigen, bald eine Pflicht zum Reden. Die Pflicht zum Schweigen besteht darin, dass du von den Fehlern des Bruders schweigst, sei es in seiner Gegenwart, sei es, wenn er fern ist, sondern tust, als ob du nichts davon wüsstest; ferner darin, dass du nicht widerredest dem, was er sagt und nicht mit ihm streitest noch richtest, und dass du ihn nicht aushorchst noch ausfragst nach dem, was er gern geheim halten will. Wenn du ihn auf der Straße triffst oder mit etwas beschäftigt siehst und er nicht von selbst mit dir zu reden anfängt über das, was er vorhat, woher er kommt und wohin er geht, so solltest du nicht danach fragen. Denn vielleicht wäre es ihm lästig, davon zu reden, oder er müsste dir eine Lüge sagen. Du sollst Stillschweigen bewahren über das, was der Bruder dir anvertraut und keinem jemals etwas davon sagen, auch nicht deinem nächsten Freunde,auch nicht nach einem Bruch oder Zerwürfnis mit dem Bruder, denn das ist niedrig und gemein. Und du sollst seine Freunde und sein Weib und Kind nicht tadeln oder schmähen, auch den Tadel anderer nicht hinterbringen; denn der Zuträger der Schmähung ist selbst ein Schmäher. Auch der Prophet pflegte, wie Anas berichtet, niemandem das ins Gesicht hinein zu sagen, was ihm zuwider sein musste... Du sollst aber dem Bruder auch das Lob nicht verhehlen, das du über ihn hörst, denn auch die Freude am Lob kommt zuerst vom Überbringer, dann erst von dem Urheber des Lobes... Du sollst also jegliches Reden, das dem Bruder zuwider ist, unterlassen, sei es lang oder kurz, es sei denn, dass du ihn in einer Sache zum Rechten ermahnen und vom Unrecht abhalten musst und dir das Gesetz nicht zu schweigen erlaubt. Dann gilt es gleich, ob es ihm angenehm oder zuwider ist, denn dann erweist du ihm in Wirklichkeit eine Wohltat, wenn es ihm auch als Übeltat erscheinen mag... Auch bedenke: Wenn du einen Menschen suchst, der von allen Fehlern frei ist, so bedeutet das den Verzicht auf jede Gesellschaft mit Menschen, denn dann wirst du nie einen Menschen finden, mit dem du umgehen kannst. Jeder Mensch hat Tugenden und Fehler, und wenn die Vorzüge die Fehler überwiegen, so ist das Äußerste, was du verlangen kannst... Dein Bruder hat vielmehr ein Recht darauf, dass du sein Tun nie zum Schlechten auslegst, solange es dir möglich ist, es zum Guten auszulegen... Denn Schlechtdenken von anderen ist üble Nachrede mit dem Herzen, und auch dies ist uns untersagt... Der Gesandte Gottes sagt: Wer die Blöße seines Bruders bedeckt, den bedeckt Gott in dieser und in jener Welt. ... Der Fehltritt deines Freundes kann entweder in einer Sünde gegen Gott oder in einem Vergehen gegen dich durch Verletzung der Bruderpflicht bestehen. Sündigt er gegen Gott und beharrt bei dieser Sünde, so sollst du ihn freundlich ermahnen und versuchen, das Krumme gerade zu richten und ihm wieder zurecht zu helfen. Ob man aber, wenn das nicht gelingt, und er doch bei seinem Tun beharrt, die Pflicht der Liebe weiter erfüllen oder abbrechen solle, darin sind die Gefährten des Propheten und ihre Nachfolger verschiedener Meinung gewesen... Man erzählt von zwei Freunden aus der alten Zeit, von denen der eine den rechten Weg verließ. Da fragte man den anderen, ob er nicht mit ihm brechen und ihn verlassen wolle. Er aber antwortete: Das, was er am meisten von mir nötig hat in dieser Zeit, da er gestrauchelt ist, ist dass ich seine Hand fasse und ihm freundlich zurede und für ihn bitte, damit er auf den rechten Weg zurückkehrt. ... Der Grund für das Schließen eines Bruderbundes ist doch der, dass man einander weiterhelfen will auf dem Weg zu Gott2.

2Al-Ghasali DAS ELIXIER DER GLÜCKSELIGKEIT übers, v: H. Ritter, Diederichs- Verlag, Düsseldorf- Köln, 1959