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DIE ROLLE DER FRAU IM ISLAM

die Rolle der Frau

Beruf, Familie, Freizeit, Religion

Lange habe ich darüber gegrübelt, wie ich heute zu Ihnen über die Rolle der Frau im Islam sprechen sollte. Gibt es das überhaupt: die Frau im Islam?

Es gibt die dem Glauben sehr zugeneigte Frau, deren Ideal es ist, dem Vorbild der sogenannten Mütter der Gläubigen nachzueifern, nämlich den Frauen des Propheten Muhammad und den Gefährtinnen aus jener Zeit. Diese gläubige Frau macht stets von ihrem Verstand Gebrauch, befolgt nicht blindlings, was ihr beigebracht wird, sondern steht voll hinter dem, was sie als ihre Pflicht erachtet.

Dann begegnen wir der Frau, die tief in den Traditionen verhaftet ist, in deren Umfeld sie aufgewachsen ist. Ihr ist es so wichtig, die Gefühle ihrer Angehörigen nicht zu verletzten, dass sie kaum wagt, selbständig zu denken oder gar zu handeln.

Und das Äußerste, was man sich auf dieser weitgespannten Skala mit ihren unzähligen dazwischenliegenden Unterteilungen vorzustellen hat, ist die sogenannte moderne Frau, von der oft geargwöhnt wird, der Glaube spiele für sie gar keine ernsthafte Rolle mehr.

Wollen wir es also einmal wagen, uns die vier „Selbstverwirklichungsfelder" Beruf, Familie, Freizeit und Religion jeweils unter diesen drei Blickwinkeln anzuschauen, damit wir zum Schluß - vielleicht und so Gott will - ein einigermaßen abgerundetes Bild von unserer so kritisch unter die Lupe genommenen muslimischen Schwester erhalten.

Beruf

Beruf

Mariam, für die der wohlverstandene Glaube eine so wichtige Rolle spielt, wird darauf hinweisen können, dass beispielsweise die erste Frau Muhammads, sie hieß Cha-didscha - eine sehr erfolgreiche Geschäftsfrau gewesen ist, die ihre Handelskarawanen von Mekka bis nach Syrien schickte, über ihr Vermögen selbst verfügte und in ihrem Handeln in keiner Weise von ihrem Mann eingeengt wurde. Sie wird belegen können, dass muslimische Frauen zu Zeiten des Propheten Kranke und Verwundete betreuten und zu diesem Zweck mit ins Feld zogen. Und sie wird daran erinnern, dass Frauen damals auch zu reisen pflegten: so etwa die ersten Auswanderer nach Äthiopien, die wegen der Verfolgung durch die Nichtmuslime der Einladung des Negus folgten und mehrere Jahre mit Frauen und Kindern unter dessen Schutz lebten. Oder die Auswanderer von Makkah nach Madinah, mit deren Übersiedlung im Jahre 622 die muslimische Zeitrechnung ihren Anfang nimmt. Auch Lehrtätigkeit übten die Frauen des Propheten aus. Das was sie gelernt, erfahren, miterlebt hatten, pflegten sie sowohl an weibliche wie an männliche Wissensdurstige weiterzugeben. Und die Pilgerfahrt zur Ka'aba verrichteten sie, wobei man wissen muss, dass Madinah und Makkah über 400 Kilometer auseinanderliegen und es damals auf Kamelen, Eseln oder zu Fuß gewiss ein langer und beschwerlicher Weg war. Von einigen der frühen Gefährtinnen weiß man, dass sie handwerklich besonders geschickt waren oder dass sie für die Armen sorgten.

Mariam wird auch nicht aus den Augen verlieren, dass der Prophet, Friede sei mit ihm, gesagt hat: „Wissen zu erwerben ist Pflicht für jeden Muslim, Mann sowohl wie Frau, und sei es in China." Mariam wird also versuchen, eine gute Ausbildung zu machen und sich einen Beruf aussuchen, in dem sie ihre Fähigkeiten voll entfalten kann, vorausgesetzt ihre familiären Verpflichtungen erlauben dies. Sie wird sich außer Haus so kleiden, dass sie bei Männern keine Aufmerksamkeit erregt, und sich strikt an die vorgegebenen Umgangsformen mit dem anderen Geschlecht halten. Dabei wird es ihr ungestört gelingen, zum Wohl der Allgemeinheit ihren Beitrag zu leisten.

Weniger gut ergeht es ihrer traditionell ausgerichteten Schwester, der wir den Namen Farida geben wollen. Man hat ihr von klein auf gesagt, dass es für eine Frau nicht wichtig ist, einen Beruf zu haben. Sie musste sich schon früh um die kleineren Geschwister kümmern, der Mutter im Haushalt helfen, konnte die Schule nur besuchen, wenn es nichts „Wichtigeres" gab. Außerdem wurde ihr stets gesagt, dass für sie kein Beruf in Frage komme, in dem sie mit Männern zusammenkomme müsse. Auch verlässt sie ihr Haus nur in einen weiten Mantel gehüllt, das Kopftuch tief in die Stirn gezogen. Sie hat sich damit getröstet, dass der Prophet, Friede sei mit ihm, gesagt hat- „Das Paradies Hegt zu Füßen der Mutter" und „Die Frau ist die Königin in ihrem Haus".

Sollten widrige Umstände sie dazu zwingen, doch Geld verdienen zu müssen, dann bleibt ihr meist nichts anderes als das nächtliche Putzen von Büroräumen. Dort stößt sich niemand an ihrer Kleidung, Männer lassen sich auch kaum sehen - die Familienehre bleibt also gewahrt...

Die dritte im Bunde, die ganz Moderne, Jasmin soll sie heißen, hat meist mitansehen müssen, wie es ihrer in Traditionen eingebundenen Mutter ergangen ist und sich energisch dafür entschieden, ihr Leben anders zu gestalten. Sie lernt eifrig, sucht sich schon beizeiten einen Beruf aus, der ihr Freude zu machen verspricht und schießt - möglicherweise unbewusst - oft übers Ziel hinaus, um nur ja nicht als altmodisch, zurückgeblieben oder gar unterdrückt zu gelten.

Ich erinnere mich gut an so eine Jasmin, die Innenarchitektin war und unbedingt eine Bar in ihrer Wohnung haben wollte, obwohl Alkohol ihr eigentlich überhaupt nicht schmeckte. Jasmins Fingernägel sind häufig noch länger und dunkler lackiert als die Nichtmuslimischer Frauen, die Jeans noch hautenger, die Haare noch länger und verführerischer aufgewühlt.

Sie will aller Welt beweisen, wie effizient sie beruflich ist - es fragt sich nur, ob dabei nicht geistige Werte tatsächlich auf der Strecke bleiben.

Denn mit dem wirklichen Muslimsein sind Dinge wie das täglich fünfmalige Gebet mit den vorangehenden Waschungen unerlässlich.

Wer aber könnte so häufig sein Make-up erneuern, in engen Jeans Verbeugung und Niederwerfung im Gebet vollziehen? Schon darin zeigt sich, dass Muslimsein keine Nebenbeschäftigung ist...

Doch kommen wir zum nächsten Kapitel, nämlich der:

Familie

Familie

Mariam, die Nachdenkende, ist sich darüber im Klaren, dass ihre wichtigste und schönste Aufgabe innerhalb der Familie liegt. Gemeint sind damit die gesamten Angehörigen: Eltern, Geschwister, Großeltern, Tanten und Onkel mit Kindern, später der Mann, die eigenen Kinder, Schwiegereltern, Schwäger und Schwägerinnen. Durch jeden Angehörigen, der heiratet, erweitert sich der Familienkreis nochmals erheblich. Da es als Tugend gilt, sich der Familie anzunehmen, kommt auch nie Langeweile auf -irgendwo gilt es immer, Kranke zu besuchen, Neugeborene zu bewundern, eine Verlobung mitzufeiern, Einladungen zu geben oder auf Besuch zu gehen, Hinterbliebene zu trösten. Weil Mariam sich so intensiv ihrer Angehörigen annimmt, kann sie sicher sein, selbst nie allein dazustehen. Seniorenheime, in die pflegebedürftige Eltern, Tanten oder Onkel abgeschoben werden, gibt es so gut wie nicht in islamischen Ländern. Im Quran heißt es dazu:

„Wir haben dem Menschen Güte gegen seine Eltern zur Pflicht gemacht. Seine Mutter trägt ihn mit Schmerzen, und mit Schmerzen gebiert sie ihn. Und ihn zu tragen und zu entwöhnen erfordert dreißig Monate, bis dann, wenn er seine Vollkraft erlangt und vierzigJahre erreicht hat, er spricht: Mein Schöpfer und Erhalter, sporne mich an, dankbar zu sein für Deine Gnade, die Du mir und meinen Eltern erwiesen hast, und Rechtes zu wirken, das Dir Wohlgefallen mag. Und lass mir meine Nachkommenschaft rechtschaffen sein. Siehe, ich wende mich zu Dir; und fürwahr, ich bin einer von denen, die sich ergeben." (46:15) Und an anderer Stelle lesen wir: „Dein Herr hat befohlen: Verehret keinen anstelle von Ihm, und (erweiset) Güte den Eltern. Wenn eines von ihnen oder beide bei dir ein hohes Alter erreichen, sage nie pfui zu ihnen und stoße sie nicht zurück, sondern sprich zu ihnen ein ehrerbietiges Wort. Und neige gütig gegen sie die Schwingen der Barmherzigkeit (und Demut). Und sprich: Mein Herr, erbarme Dich ihrer, so wie sie mich ernährten, als ich klein war."(17:23-24)

Eine eigene Familie zu gründen ist Pflicht für jeden Muslim und jede Muslima, sofern sie dazu gesundheitlich und wirtschaftlich in der Lage sind. Ein Leben in Askese läuft dem Sinn des menschlichen Daseins zuwider: der Mensch soll seine natürlichen Anlagen und Gaben zur vollen Entfaltung bringen. Im Quran finden wir dies: „Und unter Seinen Zeichen ist dies, dass Er Gattinnen - Gatten - für euch schuf aus euch selber, auf dass ihr Frieden in ihnen fändet, und Er hat Liebe und Zärtlichkeit zwischen euch gesetzt. Hierin sind wahrlich Zeichen für ein Volk, das nachdenkt." (30:21)

In einem besonders schönen Gleichnis heißt es von den ehelichen Lebensgefährten:

„Sie sind euch ein Gewand und ihr seid ihnen ein Gewand."(2:187)

Ein Gewand oder Bekleidungsstück gibt Wärme, Geborgenheit, Schutz und Sicherheit - kann man mehr erwarten von einer ehelichen Gemeinschaft?

Mariam schämt sich also nicht ihrer Sexualität. Nur weiß sie, dass sie sich dieser einzig und allein mit ihrem Ehemann erfreuen darf. Eine Liebschaft ist in ihren Augen etwas Ungeheuerliches.

Und nun wieder unsere traditionsbewusste Farida. Sie lebt so in ihren, dem Islam oft nur aufgepfropften, keineswegs beabsichtigten Bräuchen, dass sie sich als Mädchen voll und ganz dem Vater oder den Brüdern unterordnet. Man hat ihr ja den Quranvers mit auf den Lebensweg gegeben:

„Und die Frauen haben die gleichen Rechte, wie sie (die Männer) über sie haben in Billigkeit, doch die Männer haben einen Vorrang vor ihnen; und Gott ist Allmächtig, Weise.(2:228)

So lässt sie es häufig auch klaglos über sich ergehen, wenn ihre Eltern oder Brüder einen Mann für sie „aussuchen", heiratet, ohne ihren Mann vorher wirklich kennengelernt zu haben -unverheiratete Männer und Frauen dürfen ja nicht zusammenkommen - und ist voll der Dankbarkeit, wenn es ein guter Mann ist, den sie lieben lernt. Oder aber trägt es geduldig als Prüfung Gottes, wenn sie nicht gerade das große Los gezogen hat. Sie wagt es nicht, an Geburtenkontrolle auch nur zu denken und zittert vor Angst vor Mann und Schwiegermutter, wenn sie womöglich kein Kind oder „nur" Mädchen zur Welt bringt. Trost findet sie vor allem bei den Zusammenkünften mit anderen Frauen, bei denen Männer keinen Zutritt haben. Denn ihr Mann seinerseits ist so an Männergesellschaft gewöhnt, dass er seine Freizeit weitgehend mit Freunden verbringt. Mann und Frau sehen sich bei Tisch und nachts im Ehebett. Ihr wurde vor der Hochzeitsnacht der Quranvers vorgelesen:

„Eure Frauen sind euch ein Acker; so nahet eurem Acker wann und wie ihr wollt, und sendet etwas voraus für euch und fürchtet Gott und wisset, dass ihr Ihm begegnen werdet; und bringe frohe Botschaft den Gläubigen."(2:223)

Und wie steht es mit Jasmin, der Supermodernen und ihrer Einstellung zum Thema Familie? Jasmin entscheidet sich, wenn irgend möglich, für die Kleinfamilie nach westlichem Vorbild. Die Angehörigen vor allem der Eltern- und Großeltern- sowie der Onkel- und Tantengeneration fallen ihr auf die Nerven, weil sie ihr mit Misstrauen begegnen, offenbar nur darauf lauern, dass etwas schief geht mit diesem aus der Art geschlagenen Küken.

Also hält sie in Schule oder Universität beziehungsweise am Arbeitsplatz selbst Ausschau nach dem passenden, ebenfalls „modern" gesinnten Partner. Allerdings weiß sie, dass voreheliche Beziehungen ihre Heiratschancen nahezu auf Null reduzieren, dass sie sich völlig isolieren würde, wenn sie einen nichtmuslimischen Mann heiraten würde. Und dazu sind die islamischen Moralbegriffe doch zu tief in ihr verwurzelt. Sie hat jedenfalls verstanden, dass es im Islam sehr leicht ist, zu heiraten, wenn man jemanden liebt und das tut sie dann auch.

Notfalls ist ja auch die Scheidung erlaubt, wenn sie auch nach einem Prophetenwort das „verhassteste unter den erlaubten Dingen ist".

Vor Verhütungsmitteln hat sie keine Scheu, denn sie weiß, dass selbst unter den Prophetengefährten die damals mögliche und bekannte Methode praktiziert wurde. Schließlich will man als jung Verheiratete erst mal das Leben ohne Kindersegen genießen... Und das bringt uns zur:

Freizeit



Freizeit

Mariam hat diesbezüglich in ihren Büchern geblättert und gelesen, dass der Prophet durchaus mit seinen Frauen auch Freizeitvergnügungen kannte. So weiß man, dass er mit seiner wesentlich jüngeren Frau Aischa Wettläufe veranstaltete. Ich habe vor einiger Zeit einen Fernsehbericht über muslimische Familien in Deutschland gesehen und meinen Spaß an einer jungen Frau gehabt, die ganz in Kopftuch, weiten langen Pulli und Schlapperhosen gehüllt mit ihrem Mann Schlittschuh lief. Auch kenne ich eine Imam-Familie, die im Sommer Urlaub am Meer macht und wo die Frau an einem abgelegenen Platz in langen Pluderhosen, langärmeliger Bluse und Kopfbedeckung sich das Baden nicht nehmen lässt. In einer anderen Familie wird ein Ruderboot gemietet und so weit hinausgefahren, dass die sportliche junge Frau ungesehen von fremden Männeraugen schon mal einen Kopfsprung wagen kann.

Lesen von lehrreichen Büchern, Anschauen von Tatsachenberichten im Fernsehen, Spaziergänge und viel Spielen mit Kindern steht durchaus auch auf der Tagesordnung.

Recht geteilt sind die Meinungen was Musik machen oder anhören, Malen, Liebesromane lesen oder Kriminalfernsehspiele anschauen angeht.

Alles was von den Realitäten des Lebens zu sehr ablenkt, dazu angetan ist, einen in romantische Träumereien zu verstricken, sollte nach Mariams Meinung besser vermieden werden. Warum nicht ein Strickzeug oder einen Stickrahmen zur Hand nehmen, dazu vielleicht ein Gespräch unter Frauen oder in der Familie?

Reisen dagegen wird sehr empfohlen, weil man durch die Entbehrungen des Unterwegs s eins das Zuhause erst richtig zu schätzen vermag, andere Menschen trifft, fremde Lebensgewohnheiten beobachten kann, vielleicht manche Anregung mit heim nimmt.

Das schönste Freizeitvergnügen unserer Schwester Farida ist das Picknick mit der Familie oder befreundeten Familien und Nachbarn. Dafür steht sie schon im Morgengrauen auf, bäckt, wäscht Obst, bereitet Thermosflaschen voll Tee und kühle Getränke für die Kinder vor, schleppt alles ins Auto, vom Auto zum Picknickplatz und wieder zurück und hat eigentlich noch mehr Mühe als sonst.

Nachmittags mit anderen Frauen zusammenkommen ist eine andere Abwechslung, nur sitzt kaum eine dabei, die nichts tun würde. Es wird genäht, gestickt, Kinder toben ab und zu durch die Versammlung, müssen versorgt werden. Handelt es sich um die Farida, die wir hier in Deutschland am häufigsten zu Gesicht bekommen, die Türkin mittleren Alters, die sich immerhin schon die Freiheit erkämpft hat, abends ein Büro putzen zu dürfen, dann sieht ihr Urlaub etwa so aus:

Sie hat den wesentlichen Teil ihres Verdienstes gespart, um für die Angehörigen in der Heimat Geschenke kaufen zu können. Ihren Urlaub nimmt sie in einem, denn die weite Reise würde sich nicht lohnen, wenn man abgesehen von der angestrengenden Hin- und Rückreise im eigenen Auto oder im preiswerten Reisebus nicht mindestens vier Wochen in der Türkei bleiben kann. Ist sie aus einer bäuerlichen Familie, kann es geschehen, dass sie - statt sich im Urlaub zu entspannen - bei der Ernte hilft. Oder sie sorgt endlich mal für die alten Eltern oder Angehörigen, muss viele Verwandte besuchen, die Geschenke abliefern und, ganz wichtig, Vorräte für die Heimreise zusammenkaufen - ein Jahr wird es dauern, bis sie wieder Gelegenheit haben wird, die gewohnten Gewürze, Nüsse, getrockneten Paprikaschoten preiswert einzukaufen. Wundert es einen da, wenn sie Monate braucht, um sich von ihrem Urlaub einigermaßen zu erholen?

Kino, Restaurantbesuche oder wirkliche Entspannung gibt es in Fardas Leben kaum. Stattdessen wird von ihr verlangt, dass sie ihre Familie mit der weithin berühmten türkischen Küche verwöhnt, die sehr arbeitsaufwendig ist. So ist es nur allzu verständlich, wenn sie meist schon in mittleren Jahren ganz schön mollig ist. Essen ist möglicherweise das einzige ungetrübte Vergnügen für sie.

Jasmin dagegen versagt sich kaum irgendeine der üblichen Ablenkungen. Sie leistet sich ein Auto, fährt mit Freundinnen spazieren, geht auch schon mal in eine Disko, hat eine Musikanlage und macht womöglich auch einen Strandurlaub, allerdings nicht in ihrem Heimatland.

Sie unternimmt gerne einen Einkaufsbummel, liest Liebesromane und schaut sich Musical- oder Grusical-Filme im Fernsehen an. Allerdings wird sie nur in den seltensten Fällen alleine wohnen. Solange sie nicht verheiratet ist, bleibt sie bei ihren Eltern oder in der Familie eines Bruders. Heiraten wird sie nur, wenn sie und ihr Mann es sich leisten können, eine eigene Wohnung zu haben. Denn sich ihrer Schwiegermutter unterzuordnen, das schafft sie einfach nicht. Jasmins Freizeitgestaltung unterscheidet sich also kaum von der gleichaltriger nichtmuslimischer Mädchen und Frauen.

Doch nun wollen wir zum wichtigsten und abschließenden Kapitel kommen, nämhch der

Religion

Und hier bleiben wir gleich mal bei Jasmin, wählen also die umgekehrte Reihenfolge. So modern unsere Jasmin auch scheinen mag, irgendwo in ihrem Herzen ist und bleibt sie doch Muslima. Sie ist vielleicht im Augenblick zu beschäftigt, um regelmäßig zu beten, aber sie denkt in einem Winkel ihres Herzens doch daran, dass sie einmal, wenn sie älter und alles um sie herum ruhiger sein wird, damit anfangen könnte. Oder das Fasten -merkwürdigerweise gibt es viele Frauen, die zwar nicht beten, aber im Ramadan doch fasten, zumindest zeitweise. Dazu muss man wissen, dass in Ländern mit muslimischer Bevölkerung im Ramadan tagsüber Essen tatsächlich tabu ist. Man wird kaum ein Restaurant finden, das geöffnet ist. Auf der Straße wagt in dieser Zeit niemand, öffentlich zu essen, zu trinken oder zu rauchen. Kinder und alte oder kranke Menschen sowie Frauen, die während ihrer Periode, der Schwangerschaft oder Stillzeit nicht fasten - die Tage aber zu anderer Zeit nachholen müssen - essen nur ganz verstohlen und so, dass es möglichst niemand sieht. Man will keine Gefühle verletzen.

Wenn also unsere Jasmin schon nicht den ganzen Ramadan fastet, wird sie vielleicht wenigstens das Rauchen sein lassen in dieser Zeit. Schade, dass sie kaum auf die Idee kommt, in den Quran zu schauen. Sie hat vielleicht von der Großmutter gehört, dass das Buch nur von denen berührt werden soll, die rein sind und kann sich schon gar nicht erst aufraffen, die rituelle Waschung vorzunehmen. Auch diese Lektüre meint sie, sich für die alten Tage aufsparen zu können.

Jasmin glaubt an Gott, sie hat auch große Angst vor dem Sterben und dem, was danach kommt, denn ihr schlechtes Gewissen lässt sie tief im Innersten nie ganz in Ruhe. Umso hektischer muss sie sich in ihre berufliche Karriere, ihren Freundinnen-Kreis oder ihre familiäre Zwei-samkeit stürzen. Es soll ja nicht so viel Zeit zum Nachdenken sein.

Wenn sie Kinder bekommt, hält sie meist doch Ausschau danach, wo diese Religionsunterricht bekommen könnten - in ihr eigenes Wissen setzt sie nicht viel Vertrauen. Ich kenne eine ganze Reihe von Jasmins, die aus Liebe zu ihren Kindern oder aus Angst darum, was aus ihnen einmal werden soll, den Islam ernst zu nehmen beginnen. Sie haben sich teilweise zu kompetenten Dialogpartnerinnen mit Andersgläubigen entwickelt, weil sie sich besser in andere hineindenken, deren Zweifel und Einwände besser verstehen können. Ihre eigenen inneren Kämpfe helfen ihnen, akzeptable Antworten zu finden.

Und Farida? Wenn sie aus einer ländlichen Gegend stammt, mag es sein, dass sie in ihrer Muttersprache weder lesen noch schreiben gelernt hat. Dafür war sie aber mit Sicherheit in der Dorfmoschee und hat dort brav und artig das Gebet auf Arabisch sagen gelernt, allerdings ohne zu wissen, was sie spricht. Möglicherweise kann sie sogar den Quran auf Arabisch lesen, nur begreift sie nicht, was das Gelesene bedeutet. Aber es liegt so viel Segen in diesen Worten, die seit 1400 Jahren von unzähligen Menschen auf dem ganzen Erdenrund wiederholt werden, dass ihr oft beim Beten die Tränen in die Augen treten. Sie spürt, es ist etwas Gutes, Hilfreiches. Im Ramadan, den sie strikt einhält, geht sie unter Tags zu Frauenzusammenkünften und hört sich erbauliche Erzählungen aus dem Leben des Propheten und seiner Gefährten an. Abends verrichtet sie lange zusätzliche Gebete, nach dem anstrengenden Fastenstag und obwohl sie sehr früh am nächsten Morgen auf den Beinen sein muss, um das Mahl vor Fastensbeginn, gut zwei Stunden vor Sonnenaufgang, für die Familie auf den Tisch zu bringen.

Das Glaubensbekenntnis - es gibt keine Gottheit außer dem einen Gott und Muhammad ist Sein Prophet - und die fünf Säulen des Islam sind ihr wichtigstes religiöses Rüstzeug. Die erste Säule - das Bekenntnis zur Einheit Gottes - wird in ihren fünfmaligen Gebeten jeden Tag bekräftigt. Die zweite Säule, das Gebet, bestimmt ihren Tagesablauf, gibt ihm einen gewissen Rhythmus. Die dritte Säule - das Fasten - nimmt sie überaus ernst und holt auch durch Krankheit oder Unpässlichkeit versäumte Tage sorgfältig im Lauf des Jahres nach. Die vierte Säule - die Zuwendung an Bedürftige - kann sie oft nicht in Geld ableisten, weil sie selbst kaum etwas übrig behält. Aber sie macht es wett, indem sie Kranke besucht, Nachbarinnen hilft, sich anderer Kinder annimmt, deren Eltern sich zum Beispiel wegen Berufstätigkeit nicht um sie kümmern können. Für die fünfte Säule schließlich - die Pilgerfahrt nach Makkah mindestens einmal im Leben, sofern die Mittel dazu vorhanden sind - spart sie oft viele, viele Jahre. Erst in hohem Alter, wenn die Kinder versorgt und aus dem Haus sind, schafft sie es dann, tatsächlich dorthin zu reisen. Und das ist der religiöse Höhepunkt ihres Lebens. Hier trifft sie Menschen aus aller Herren Länder, mit allen nur möglichen Hautfarben und Trachten, die wie sie nur ein Ziel haben: einige Tage alles andere hinter sich zu lassen und an jenen Orten Gott ganz nahe zu sein, wo auch der Prophet und seine Gefährten schon diesen geheiligten Ritus vollzogen.

Sie versteht nicht die Sprachen der anderen Frauen, aber sie beten alle in derselben Sprache, lächeln sich zu, danken Gott, dass sie das noch erleben durften.

Mariam kennt nicht nur den Quran ziemlich gut, sie liest auch viel über ihren Glauben, was von islamischen Denkern und Gelehrten geschrieben worden ist. Dadurch ist sie zu der Überzeugung gelangt, dass das Leben auf Erden als Prüfung zu verstehen ist. Es kommt ihr darauf an, die fünf Beziehungen, die der Mensch zu sich selbst, zu Gott, zu seinen Mitmenschen, zu anderen Geschöpfen und zur Umwelt hat, auf gesunder, ausgewogener Grundlage zu pflegen und auszubauen. Wenn sie nicht mit sich selbst einigermaßen im Reinen ist, das weiß Miriam, dann kann sie auch keine fruchtbare Beziehung zu ihrem Schöpfer entwickeln. Sie hat längst begriffen, dass der goldene Mittelweg der Schlüssel zum Erfolg ist, während Übertreibung, selbst in Dingen wie Gebet und Fasten, ja sogar im Spenden für Notleidende, von Übel ist. Der Mensch hat schließlich Rechte und Pflichten sich selbst und anderen gegenüber. Sein Körper hat ein Anrecht auf genügend Schlaf, bekömmliches Essen und bequeme Kleidung, wie die Seele auf menschliche Wärme, geistige Nahrung und ein höheres Ziel im Leben als nur materielles Wohlergehen.

Einer von Mariams liebsten Versen im Quran ist der Folgende:

„Wahrlich, die gottergebenen Männer und die gottergebenen Frauen, die gläubigen Männer und die gläubigen Frauen, die gehorsamen Männer und die gehorsamen Frauen, die wahrhaftigen Männer und die wahrhaftigen Frauen, die standhaften Männer und die standhaften Frauen, die demütigen Männer und die demütigen Frauen, die Männer, die Almosen geben und die Frauen, die Almosen geben, die Männer die fasten und die Frauen, die fasten, die Männer, die ihre Keuschheit wahren und die Frauen, die ihre Keuschheit wahren, die Männer, die Gottes häufig gedenken und die Frauen, die (Seiner häufig) gedenken - Gott hat ihnen Vergebung und einen herrlichen Lohn bereitet."(33:37)

Dazu muss man wissen, dass in der arabischen Sprache in der Mehrzahl bei Verwendung der männlichen Form automatisch auch Frauen miteingeschlossen sind. Dass in einem so langen Vers also ganz ausdrücklich immer Männer und Frauen eigens angesprochen werden, betont ihre individuelle Verantwortlichkeit gerade in religiösen Dingen. Es sind auch keineswegs nur die Frauen, von denen Gehorsam und Demut - selbstverständlich Gott gegenüber -erwartet wird, nein, auch von den Männern werden diese Eigenschaften ausdrücklich gefordert!

Unsere Zeit hat leider nur gereicht, um ganz zart anzutippen, welche Rolle der muslimischen Frau in Beruf und Familie, in der Freizeit und in der Religion zukommt. Mein kleines Experiment mit Mariam, der Denkenden, ihre Vernunft Gebrauchenden, Farida, der in den Islam Hineingeborenen und darin Verhafteten, und Jasmin, die hin- und hergerissen ist zwischen zwei Welten, sollte Sie dazu anregen, Fragen, ruhig auch kritische, zu stellen. Und ich hoffe, ich werde auch kräftige Unterstützung bei der Beantwortung aus den Reihen der hier Anwesenden erhalten. Ich würde mich freuen, wenn Sie auch noch die Meinung anderer zu hören bekämen.

Lassen Sie mich schließen mit einem Quranvers, der uns alle, die wir hier versammelt sind, betrifft und uns anspornen möge:

„Wahrlich, der Mensch ist aus Ungeduld erschaffen; wenn ihn Schlimmes trifft, ist er voller Klage, doch wenn ihm Gutes widerfährt, ist er knauserig. Nicht so die, die beten, die standhaft an ihrem Gebet festhalten, und die, in deren Besitz ein bestimmter Anteil ist für den Bittenden sowohl wie für den, der es nicht kann. Und die, die den Tag des Gerichts für wirklich erklären. Und die das Missfallen ihres Herrn fürchten - denn wahrlich, das Missfallen ihres Herrn ist das Gegenteil von Frieden und innerer Ruhe..., und die das ihnen Anvertraute wahren und ihre Verträge einhalten, und die, die aufrichtig sind in ihrem Zeugnis, und die ihre Gebete getreulich verrichten, diese sind es, die in den Gärten sein werden, hochgeehrt."70:19-28/32-35)