Die islamische Schöpfungsgeschichte
Die islamische Schöpfungsgeschichte
Die islamische Schöpfungsgeschichte
Adam und Hawa (Eva) werden von Gott aus Ton in schönster Form erschaffen, dann haucht Er ihnen von Seinem Geist ein und lehrt sie „die Namen aller Dinge" - d.h. die Unterscheidung zwischen Gut und Böse. Damit erhebt Er sie in einen Rang, der höher ist als der Engel. Von diesen Engeln verlangt Gott daher, der sich vor Adam niederzuwerfen, und sie alle tun es, bis auf Iblis/Schaitan/ Satan. Er ist zu stolz, hält sich für besser als Adam, weil er aus Feuer erschaffen ist. Gott verweist ihn deshalb aus dem Paradies. Doch er bittet um Aufschub mit den Worten:
„...Ich will ihnen gewisslich auflauern auf Deinem geraden Weg. Dann will ich über sie kommen von vorne und von hinten, von ihrer Rechten und von ihrer Linken, und Du wirst die Mehrzahl von ihnen nicht dankbar finden."(7:16-17)
Stolz ist der Anfang allen Übels. Schaitan ist stolz, aus Feuer geschaffen zu sein, meint, er sei besser als Adam, und geht dabei so weit, sich sogar Gottes Befehl zu widersetzen. Dieser stolze Schaitan will beweisen, dass er den Sieg davontragen kann über die durch ihre Urteilskraft überlegenen „Urmenschen" Adam und Eva. Er bringt sie tatsächlich so weit, auf seine Einflüsterungen zu hören. Sie fangen an, abzuwägen: sollen wir Gottes Gebot gehorchen und den verbotenen Baum nicht berühren? Oder wäre es möglich, dass wir es gar nicht nötig haben, uns dem göttlichen Willen zu unterwerfen? Vielleicht werden wir durch die Früchte des Baumes tatsächlich Einsichten gewinnen, die uns noch mehr bieten als das Leben in Glück und Frieden im Paradies? Durchläuft nicht jedes Kind in seinem Entwicklungsprozeß all diese Stadien unserer „Ur-eltern"? Und selbst wir Erwachsenen - treibt es uns nicht immer wieder wie den sprichwörtlichen Esel, dem's zu wohl wird, auf das Eis?
Obwohl ihre Vertreibung aus dem Paradies unabwendbar ist, verzeiht Gott ihnen doch und macht Adam zu seinem ersten Gesandten auf Erden. Für Adam und Eva ist die Vertreibung so etwas wie der Jüngste Tag - sie haben diese erste Prüfung nicht bestanden, aber sie erhalten die Chance für einen Neuanfang, allerdings unter wesentlich erschwerten Umständen. Wird ihnen die schmerzliche Lehre genügen, um fortan auf dem rechten Weg zu bleiben? Und wie steht es mit uns? Sind wir lernfähig, oder muss uns das Schicksal immer wieder Schläge versetzen, bis wir von unserer gottgegebenen Vernunft tatsächlich Gebrauch machen?
Noah
Er ermahnt sein ganz dem diesseitigen Leben zugewandtes Volk, nur an einen Gott zu glauben und Ihm zu dienen. Doch sie machen sich lustig über ihn und als er gemäß göttlicher Anweisung beginnt, seine Arche zu bauen, kommen sie vorbei und wollen sich ausschütten vor Lachen über so viel - ihrer Meinung nach -unsinniges Abmühen. Schließlich öffnen sich die Schleusen des göttlichen Zorns und Wasser sprudelt hervor und Noah erhält den Befehl, von allen Tieren ein Paar und die wenigen Gläubigen seiner Umgebung in seine Arche aufzunehmen. Die Wogen steigen schon hoch, da ruft er seinem Sohn zu: -Steige mit uns ein, mein Sohn, und sei nicht einer der Ungläubigen. Er antwortete: Ich will mich auf einen Berg begeben, der mich vor Gottes Befehl schützen wird.
"Da sagt Noah: Keiner ist heute vor Gottes Befehl
geschützt außer dem, dessen Er sich erbarmt hat.
Und eine Woge trennte beide, und er ertrank."
(11:44-45)
Auch in Noah werden manche von uns sich wiederfinden. Wer hätte sich nicht schon für eine gute Idee leidenschaftlich eingesetzt, dafür von anderen aber nichts als Spott geerntet? Die Menschen verzeihen es einem ungern, wenn man sie aus ihrem üblichen, bequemen Trott aufzurütteln versucht. Sie wollen ungestört ihren eigenen Bestrebungen nachgeben und empfinden sogenannte Weltverbesserer als lästig.
Es nützt Noahs Sohn auch nichts, einen Propheten zum Vater zu haben. Er selbst muss entscheiden, wie er die Flut zu überstehen gedenkt. Vermutlich schon angesteckt durch den Hohn der Ungläubigen, hält er sich für klüger als den Vater und will sich auf einen Berg retten. Einige Verse weiter im Quran versucht Noah dann noch mit Gott zu reden. Er habe ihm doch versprochen, dass er mit seiner Familie gerettet werde, warum sei sein Sohn nun doch ertrunken? Und Gott antwortet: „Er war nicht von deiner Familie." Beschämt bittet Noah um Verzeihung. Jeder Mensch ist also letzlich für sich selbst verantwortlich. Will er auf die göttliche Weisung nicht hören, dann darf er sich nicht wundern, wenn er dafür teuer bezahlen muss.
Abraham
Auf der Suche nach Gott meint er erst, ein strahlender Stern am Nachthimmel sei die Gottheit, dann der Mond, der noch heller ist, und schließlich die Sonne, die alles mit ihrem Glanz übergießt. Doch als die Gestirne nacheinander untergehen, begreift er, dass das alles nur geschaffen und dass Gott weitaus größer ist. So macht er sich daran, die Steingötzen seines Volkes bis auf den größten von ihnen zu zertrümmern. Zur Rechenschaft gezogen fordert
er, dass man diesen „Obergott" befragen möge. Beschämt sagen die Götzenanbeter: „Du weißt sehr wohl, dass diese nicht sprechen." Doch um den Frevel zu rächen, werfen sie Abraham ins Feuer. Gott aber spricht:
„O Feuer, sei kühl und ohne Harm für Abraham. Und sie strebten, ihm Böses zu tun, allein Wir machten sie zu den größten Verlierern."(21:69-70) Wer würde nicht mit Abrahams Herz fühlen - er steht in einer stillen Sternennacht unter dem glitzernden Firmament, spürt dabei etwas von der Allmacht Gottes, will Gott in ein greifbares Bild fassen und merkt dann doch, dass das, was untergeht, nicht Gott sein kann. Einmal erkannt, dass Gott unendlich viel größer, erhabener ist als alles Sichtbare, Fassbare, überwältigt ihn der Zorn über die Götzenanbetung seiner Mitmenschen. Und Gott belohnt Abraham, indem Er eines Seiner Naturgesetze aufhebt. Er lässt das Feuer, das Abraham nach dem Willen der Götzenanbeter verbrennen soll, kühl sein für Abraham.
Als Abraham Gott im hohen Alter um Nachkommen bittet, schenkt Er ihm zwei Söhne. Für diese Gnade fordert Er eines Tages einen furchtbaren Beweis von Gottergebenheit: Abraham soll seinen geliebten Sohn opfern.
Im Quran wird uns diese Geschichte so erzählt, dass Abraham seinem Sohn sagt, was Gott von ihm verlangt und den Jungen fragt, was er tun solle. Da antwortet das Kind: „Tue was Gott dir befohlen hat und du wirst mich, so Gott will, geduldig finden." Also setzt Abraham das Messer an, doch die Stimme Gottes sagt ihm, dass er seine Opferbereitschaft hinreichend bewiesen habe und dass er anstelle seines Sohnes einen Hammel opfern solle. Im Andenken an diesen dramatischen Vorfall feiern die
Muslime bis heute ihren höchsten Feiertag, das sogenannte Opferfest.
Ich muss zugeben, es braucht wohl schon einen Propheten, um eine so schwere Prüfung zu bestehen.
Ich hätte es gewiss nicht geschafft. Aber mein Herz schlägt für diesen großartigen Mann, der durch diese Schilderung für mich ein Mensch aus Fleisch und Blut geworden ist.
Moses
Er geht mit einem weisen Mann, um von ihm zu lernen. Dieser sagt Moses aber sogleich, er werde keine Geduld haben, sondern ihn entgegen ausdrücklicher Weisung voreilig befragen. Der Weise versenkt auf ihrer gemeinsamen Wanderschaft das Boot eines Fährmanns, der sie über einen Fluss setzt, erschlägt einen jungen Mann und richtet eine umstürzende Mauer in einer Stadt auf, deren Bewohner den Wanderern das Gastrecht und die Bewirtung verweigern. Als Moses auch beim dritten Mal seine Frage nicht zurückhalten kann, trennen sich die Wege der beiden, der Weise aber erklärt, wie im Quran nachzulesen:
„...Doch ich will dir die Deutung von dem sagen, was du nicht in Geduld zu ertragen vermochtest. Was das Boot anbelangt, so gehörte es armen Leuten, die auf dem Meer arbeiteten, und Ich wollte es schadhaft machen, denn hinter ihnen war ein König her, der jedes Schiff kaperte Und was den Jüngling anbelangt, so waren seine Eltern Gläubige, und wir fürchteten, er möchte Schande über sie bringen durch Widersetzlichkeit und Unglauben. So wünschten wir,dass ihr Herr ihnen zum Tausch (ein Kind) gebe, besser als dieser an Lauterkeit und näher in (kindlicher) Zuneigung. Und was nun die Mauer anbelangt, so gehörte sie zwei Waisenknaben in der Stadt und darunter lag ein Schatz, der ihnen gehörte, und ihr Vater war ein Rechtschaffener gewesen; so dein Herr, dass sie ihre Volljährigkeit erreichen und ihren Schatz heben möchten, als eine Barmherzigkeit von deinem Herrn; und ich tat es nicht aus eigenem Ermessen... „(18:80-84)
Als Moses schließlich an Pharaos Hof zurückkommt und versucht, ihn und das Volk von ihren Irrwegen abzubringen, indem er seine göttlichen Zeichen vorweist, fordern ihn die Zauberer des Pharao zum Wettkampf auf. Sie werfen Stricke und diese werden durch einen Zaubertrick zu Schlangen. Moses aber wirft seinen Stock und dieser verwandelt sich mit Gottes Hilfe in eine noch größere Schlange, die Schlangen der Zauberer verschlingt. Da erkennen die Zauberer sofort, dass Moses ein Gesandter Gottes ist und werfen sich anbetend vor Gott nieder und sprechen, wie im Quran nachzulesen ist:
„Wir glauben an den Herrn Aarons und Moses, Pharao sprach: Glaubt ihr an Ihn, bevor ich es euch erlaube? Er muss wohl euer Meister sein, der euch die Zauberei lehrte. Wahrhaftig, ich will euch darum eure Hände und Füße wechselseitig abschlagen, und wahrhaftig, ich will euch an den Stämmen von Palmbäumen kreuzigen lassen: dann werdet ihr bestimmt erfahren, wer von uns strenger und nachhaltiger ist im Strafen. Sie sprachen: ,Wir wollen dir auf keine Weise den Vorzug geben vor den deutlichen Zeichen,
die zu uns gekommen sind, noch vor Dem, Der uns erschaffen hat. Gebiete, was du gebieten magst: du kannst ja doch nur für das irdische Leben gebieten. Wir, wir glauben an unseren Herrn, auf dass Er uns unsere Sünde vergebe und die Zauberei, zu der du uns zwangst. Allah ist der Beste und der Beständigste. (20:70-75)
Aus der Geschichte von Moses ist tröstlicherweise herauszulesen, dass die menschliche Vernunft erst durch mühevolle Erfahrungen herangebildet wird, einem also keineswegs fix und fertig in die Wiege gelegt wird.
Aus zahlreichen Stellen, an denen im Quran von der Begegnung zwischen Moses und Pharao die Rede ist, lässt sich ersehen, dass Moses dieses Zusammentreffen fürchtete, ja Gott sogar um Unterstützung durch seinen Bruder Aaron bat. Als er sich schließlich auf den Weg macht, siegt seine Vernunft. Er vertraut fest auf Gottes zugesagten Beistand und lässt sich durch nichts mehr beirren. Auch bei den Zauberern ist es die Vernunft, die Oberhand behält. Selbst durch die Androhung eines qualvollen Todes lassen sie sich nicht mehr von ihrem neu gewonnenen Glauben abbringen. Wenn man bedenkt, dass diese Männer ein Leben lang durch ihre Zauberei Macht, Ansehen und Reichtum geerntet hatten, dass ihnen von Pharao eine großartige Belohnung in Aussicht gestellt worden war, falls sie über Moses siegen würden, kann man die Entschlossenheit ahnen, nachdem sie Moses echtes Wunder gesehen hatten.
Sie begreifen, dass es darauf ankommt, die Prüfung in diesem Leben zu bestehen, damit ihnen nicht das ungleich viel dauerhaftere Jenseits verloren geht. Dagegen erscheint ihnen Pharaos Macht über irdisches Leben und Tod nebensächlich. Das ist, was der Islam unter Nutzung der menschlichen Vernunft versteht.
Jesus
Jesus, der vorletzte der im Quran genannten Gottesgesandten und unmittelbare Vorgänger Muhammads (Friede sei mit ihm) vollbrachte mit Gottes Erlaubnis unzählige Wunder. Er heilte Leprakranke und Blinde und er erweckte Tote auf. Im Quran spricht Gott zu Jesus:
„O Jesus, Sohn der Maria, gedenke Meiner Gnade gegen dich und deine Mutter; wie Ich dich stärkte mit dem Geist der Heiligkeit, (so dass) du in der Wiege zu den Menschen redetest und im Mannes-alter; und wie ich dich die Schrift lehrte und die Weisheit und die Thora und das Evangelium... Als Ich (die Jünger Jesu) bewog, an Mich und Meinen Gesandten zu glauben, da sprachen sie: Wir glauben, und sei Zeuge, dass wir gottergeben sind". (5:111-112) Und trotzdem fragten sie Jesus, ob sein Herr imstande sei, ihnen einen Tisch vom Himmel herabzusenden. Jesus ermahnt sie, gottesfürchtig zu sein. Sie aber antworten: „Wir begehren von diesem - Tisch zu essen, und unsere Herzen sollen in Frieden sein, und wir wollen wissen, dass du die Wahrheit gesprochen hast.,, (5:116)
Jesus bittet also seinen Herrn um diese Gnade, „damit es ein Festtag und ein Zeichen sei."(5:117) Darauf spricht Gott: „Ich will ihn (den Tisch) herabsenden zu euch; wer aber von euch danach ungläubig ist, den werde Ich strafen mit einer Strafe, womit Ich keinen anderen auf der Welt strafen werde."(5:118) Die Lehre des Islam versucht also, die Unvermeidlichkeit des Todes von Anfang an im Bewusstsein des Gläubigen zu verankern, damit er sich keiner Illusion hingebe und sich stets vor Augen hält, dass er eines Tages vor Gott wird hintreten müssen. Die Gefährten Muhammads hatten dies in immer neuen Versen im Quran gewiss auf vielfältigste Weise gelernt. Und doch - als Muhammad schließlich die Augen zumachte, verfielen sie in tiefste Verzweiflung, bis einer von ihnen diesen Vers vortrug: „Muhammad ist nur ein Gesandter. Vor ihm sind Gesandte dahingegangen. Wenn er nun stirbt oder getötet wird, werdet ihr umkehren auf euren Fersen? Und wer auf seinen Fersen umkehrt, der fügt Gott nicht den geringsten Schaden zu. Und Gott wird die Dankbaren belohnen."(3:145)
Islamische Gelehrte haben aus dieser Folge von Gesandten ein sogenanntes Siebenersystem herauskristallisiert, eine Stufenleiter, die zu erklimmen Aufgabe des Menschen ist, solange er auf Erden weilt. Adam steht für das Äußere „sahir"; Eva für das Innere „batin"; Noah für das Ego „nafs ; Abraham für das Herz „qalb"; Moses für die Vernunft „aql ; Jesus für den Geist „ruh" und Muhammad für das Licht „nur'.
Jeder Mensch durchläuft zuerst die Stufen des Äußeren - nimmt Gestalt an, und des Inneren, indem ihm Gottes Geist eingehaucht wird, er also zu leben beginnt. „Dann" erwacht sein Ego - arabisch „nafs" - und nun kommt es darauf an, ob es ihm gelingt dieses Ego zu erziehen und zu zügeln, so dass er es beherrschen kann, oder aber ob es ihn beherrscht. Vielen Menschen gelingt die Überwindung dieser dritten Stufe ein Leben lang nicht, sie lassen sich treiben von ihren Begierden und ihr „nafs" behält stets die Oberhand. Schaffen sie es aber doch, ihr „nafs" zu zähmen, treten sie in die nächste Stufe ein, die des Herzens. Damit ist nicht das physische Herz gemeint, sondern das liebende, Gott erkennende, demütige Herz, dessen Entwicklungsstand wir gleichnishaft an dem ablesen können, was uns im Quran über Abraham erzählt wird. Es kulminiert in der Aussage, dass Abraham der Freund „Gottes" war.
Wird auch diese Stufe bewältigt, dann folgt die der Vernunft, für die die Geschichte von Moses beispielgebend ist. Der Mensch zieht nun die Konsequenz aus seiner Gotteserkenntnis, folgt Gottes Gesetzen und verwirklicht sein Leben entsprechend dem göttlichen Willen.
Wer hierin erfolgreich ist, erreicht schließlich die Stufe des Geistes - arabisch „ruh" -, die von Jesus, der Gott so nahestand, dass er gemäß dem Willen seines Schöpfers Wunder vollbringen konnte.
Die letzte und oberste Stufe aber ist die des Lichtes „nur" die Stufe des Propheten Muhammad, Friede sei mit ihm. Sein Leben war ein einziges Gebet, Gott stand stets im Mittelpunkt seiner Gedanken und er hat seinen Anhängern und Nachfolgern einen leuchtenden Pfad vorgezeichnet, dem sie eifrig zu folgen bestrebt sind. Vielleicht ist das die Antwort auf die Frage, warum bis heute Millionen von Muslimen ohne zu Murren das fünfmalige tägliche Gebet auf sich nehmen, den ganzen Monat Ramadan hindurch fasten, Almosen für die Armen geben und, sofern die Mittel vorhanden sind, die Pilgerfahrt nach Makkah vollziehen. Vor all diesem aber: warum sie sich so ängstlich vor der einzigen unverzeihlichen Sünde hüten: dem „Schirk", der Beigesellung. Damit ist gemeint, dass der Mensch jemanden oder etwas so sehr schätzt oder liebt, dass er darüber Gott vergisst, es sich also zum Götzen nimmt. Dieser Götze kann ein Mensch sein, den man so sehr verehrt, dass man um seinetwillen göttliche Gebote außer Acht lässt. Oder er kann die Gestalt von Geld und Gut annehmen, auf dessen Altar man ethische Werte opfert. Oder Machtgier, wie sie sich im Bemühen um einen hohen gesellschaftlichen Rang manifestiert, in dessen Verlauf jegliche Skrupel auf der Strecke bleiben.
Beobachtet man den Menschen in seiner Umgebung genauer, wird man feststellen, dass zwar in jedem Ansätze von Ego, Herz, Vernunft, Geist und Licht zu finden sind, dass aber einer dieser Aspekte ganz eindeutig überwiegt. Wer von uns kennt nicht ausgeprägte Verstandesmenschen, solche, aus denen Herz, Geist oder Licht spricht, vor allem aber die ganz klare Mehrheit, die sich ein Leben lang im Kampf mit ihren Trieben und Begierden abmüht? Ich meine, dieses Abschweifen in die islamische Philosophie könnte uns ein wenig helfen, das Konzept von Tod, Sterben, und dem, was danach kommt, besser zu begreifen.
Da der Tod also unabwendbar ist, finden sich im Islam auch zahlreiche Hinweise auf das Sterben und was dabei zu beachten ist. So muss der, der den Tod nahen fühlt, ein Vermächtnis in Anwesenheit von Zeugen machen, damit es nach seinem Ableben nicht zu Streitigkeiten unter den Hinterbliebenen kommt. Dabei sind gewisse Richtlinien zu beachten, damit niemand zu kurz kommt. Mit Bitterkeit wird manchmal vermerkt, dass dabei in der Regel weibliche Familienangehörige, insbesondere Töchter und Schwestern, nur die Hälfte von dem erben, was Söhnen und Brüdern zusteht. Hierzu m-uss man allerdings wissen, dass nach islamischer Rechtsauffassung der Mann für den Unterhalt von Frau und Kindern sowie alleinstehenden Angehörigen verantwortlich ist, während die Frau all ihr Geld, sei es verdient oder ererbt, für sich behalten darf und es ihr völlig freigestellt ist, nach eigenem Ermessen davon etwas abzugeben oder beizusteuern.
Es gibt im Islam keine Sterbesakramente. Aber wenn ein Mensch den Tod nahen fühlt, sollte man ihn so betten, dass er in Gebetsrichtung blickt, d.h. in Richtung der Ka'ba in Makkah, die ja geistiges Zentrum für alle Muslime auf dieser Erde ist. Immer wieder wird den Menschen im Quran gesagt: „Sterbt nicht denn als Gläubige - Gottergebene." So sollen dem Sterbenden Gebetsworte vorgesprochen werden, sofern er selbst nicht mehr in der Lage ist zu beten. Hat der Sterbende seinen letzten Atemzug getan, kommen nach islamischer Auffassung zwei Engel und nehmen seine Seele hinweg. Der zurückgebliebene Körper wird von den Angehörigen entsprechend rituellen Vorschriften gewaschen und in weiße ungesäumte Tücher gehüllt. Über-lässt man diese Aufgabe Fremden, so sind sie dafür entsprechend zu entlohnen. Der oder die Tote wird dann in orientalischen Ländern auf eine Holztrage gebettet, überdeckt, zur Moschee zum Totengebet gebracht und anschließend schnellstmöglich bestattet, meist vor Ablauf von 12 Stunden. Zum Begräbnis gehen üblicherweise nur Männer mit, Frauen sollen so still wie möglich zu Hause trauern. Wer als Märtyrer stirbt, also für die Sache Gottes im Kampf oder etwa auf der Reise zur oder von der Pilgerfahrt durch Unfall umkommt, soll am Todesort in seiner letzten Bekleidung und ohne Waschung bestattet werden, denn man sagt, dass Märtyrer unmittelbar ins Paradies eingehen. Stirbt ein Muslim in einem nichtmuslimischen Land, so lassen sich diese Vorschriften natürlich nicht einhalten. Verzögerungen bis zu fünf und sieben Tagen bis zur Bestattung müssen hingenommen werden; statt der Holztrage ein ordnungsgemäßer Sarg; aber wenn irgend möglich sollte darauf geachtet werden, dass der oder die Tote auf der Seite liegend, mit dem Gesicht in Richtung Makkah bestattet wird, was in muslimischen Ländern eine Selbstverständlichkeit ist. An vielen Orten in Deutschland haben islamische Vereine Abkommen mit Friedhofsverwaltungen geschlossen und Sektionen reservieren lassen, in denen ihre Toten in Richtung Makkah bestattet werden können. Verbrennung nach dem Tod ist nach islamischer Auffassung unzulässig - die Erde soll den Menschen zurückbekommen, wie er ja auch aus ihr hervorgegangen ist. An sich sollte der Muslim auch an dem Ort beerdigt werden, wo er gestorben ist. Die deutsche Regierung hat jedoch mit Ländern wie der Türkei Rückführungsabkommen geschlossen, weil es für viele Türken ein quälender Gedanke ist, nicht in ihrer Heimaterde die letzte Ruhe zu finden. Mit Islam hat dies allerdings nichts zu tun.
Als besondere Gnade gilt es, wenn ein Pilger während seines Aufenthaltes in Makkah oder Madinah stirbt. Ich erinnere mich an meinen zweiten Aufenthalt in Mekka. Unser Hotel lag an der Straße zum Friedhof . Nach fast jedem der fünf täglichen Gebete musste ein Totengebet für einen oder mehrere Verstorbene verrichtet werden. Im Anschluss daran eilten Träger mit dem Verstorbenen dem Friedhof zu, wobei viele Gläubige mitliefen und versuchten, wenigstens für kurze Zeit beim Tragen des Toten mitzuhelfen, weil dies als sehr verdienstvoll gilt. Man konnte die verhüllten Umrisse der Verstorbenen auf der Trage liegen sehen, was einen als Europäer schon recht seltsam anmutet. Aber irgendwie gehört es eben mit dazu zum Leben, sozusagen ständig bereit zu sein, abberufen zu werden.
In den meisten islamischen Ländern sehen die Friedhöfe sehr streng, ja trist aus, denn es ist nach einem Prophetenspruch verboten, Grabsteine oder gar Tempel über den Toten zu errichten. Wer allerdings schon einmal in der Türkei war, kennt die unzähligen Friedhöfe mit ihren beturbanten Grabsteinen, aus denen Fachleute Geschlecht und gesellschaftliche Stellung der Verstorbenen herauszulesen vermögen. Blumen als Grabschmuck auf einen Friedhof zu bringen ist allerdings völlig unüblich. Wer ein Grab besucht, was insbesondere an islamischen Feiertagen Sitte ist, legt drei aufgesammelte Steine als Zeichen seines Besuches auf das Grab.
Doch nun, nach dem Tod und Sterben zu „Und was dann?" - aus quranischer Sicht. Es gibt eine ganze Sure, die sogenannt „Die Auferstehung", in der besonders die angesprochen werden, die ein Jenseits abstreiten wollen: „Nein! Ich rufe zum Zeugen den Tag der Auferstehung. Nein! Ich rufe zum Zeugen die sich selbst anklagende Seele (dass der Tag des Gerichts gewiss ist). Wähnt der Mensch, dass Wir seine Gebeine nicht sammeln werden? Fürwahr, Wir sind imstande, (sogar) seine Fingerspitzen zusammenzufügen. Doch der Mensch wünscht, Sündhaftigkeit vor sich vorauszuschicken. Er fragt: Wann wird der Tag der Auferstehung sein? Wenn das Auge geblendet ist, und der Mond, sich verfinstert, und die Sonne und der Mond vereinigt werden. An jenem Tag wird der Mensch sprechen: Wohin nun fliehen? Nein! Keine Zuflucht! (Nur) zu deinem Herrn wird an jenem Tag die Rückkehr sein. Verkündet wird dem Menschen an jenem Tag, was er vorausgeschickt hat und was er zurückgelassen hat. Nein, der Mensch ist Zeuge wider sich selbst, auch wenn er Entschuldigungen vorbringt „
Von jeher wurden die Propheten nach der „Stunde", „Jüngsten Tag", dem „Jenseits" befragt. Alle wahren Gottesgesandten haben darauf geantwortet, dass das Wissen um die „Stunde" allein bei Gott sei. Aber sie räumten auch ein, dass sie schon ganz bald eintreffen könne. Und im Quran heißt es:
„Am Tage, an dem sie schauen (da wird es sein), als hätten sie (in der Welt) nicht länger geweilt als einen Abend oder den Morgen darauf. „(79:48) Im Quran wird uns gesagt, dass der Jüngste Tag ganz plötzlich kommen wird - schneller als ein Augenzwinkern-, dass an diesem Tag die Berge eingeebnet werden, die Erde eine andere Gestalt annehmen und die Himmel eingerollt werden wie Schriftrollen. „Wenn das Ereignis eintrifft - es gibt nichts, was ein Eintreffen verhindern könnte-, dann wird es die einen erniedrigen, andere wird es erhöhen. Wenn die Erde heftig erschüttert wird, und die Berge gänzlich zertrümmert werden, dann sollen sie zu Staub werden, zuweithin verstreutem; und ihr sollt in drei Ränge geteilt werden: Die zur Rechten, die zur Linken und die Vordersten - das sind die, die Gott nahe sein werden. Eine Anzahl von den Früheren, doch nur wenige von den Späteren, auf Ruhebetten lehnend, kein eitles Geschwätz noch sündige Rede hörend... Die zur Rechten haben Wir als eine wunderbare Schöpfung erschaffen, eine große Anzahl von den Früheren und eine große Anzahl von den Späteren. Die zur Linken aber werden inmitten von glühenden Winden und siedendem Wasser sein und im Schatten schweren Rauches, denn sie verharrten in großer Ruchlosigkeit. Und sie pflegten zu sprechen: Wie! Wenn wir tot sind und zu Staub und Gebeinen geworden sind, sollen wir dann wirklich wieder auferweckt werden? Und unsere Vorväter auch?' Sprich: Ja, die Früheren und die Späteren."(aus der Sure 56)
Doch es gibt auch immer wieder Hinweise auf die gleichnishafte Darstellung dieser endzeitlichen Ereignisse im Quran. In Sure 2 Vers 27/28/29 heißt es:
„Und bringe frohe Botschaft denen, die glauben und gute Werke tun, dass Gärten für sie sind, durch die Ströme fließen. Wann immer ihnen von den Früchten daraus gegeben wird, so werden sie sprechen: Das ist wie das, was uns zuvor gegeben wurde. Und Gaben gleicher Art sollen ihnen gegeben werden. Und sie werden darin Gefährten und Gefährtinnen haben von vollkommener Reinheit, darin werden sie weilen. Allah verschmäht nicht ein Gleichnis zu geben so klein wie eine Mücke oder noch kleiner. Die da glauben, wissen, dass es die Wahrheit von ihrem Herrn ist, dieweil die Ungläubigen sprechen. Was meint Allah mit solchem Gleichnis? Viele verurteilt Er damit, Irrende zu sein, und viele leitet
Er damit, aber niemanden verurteilt Er zu irren außer den Ungehorsamen, die den Bund Allahs brechen, nachdem sie ihn aufgerichtet, und zerschneiden, was Allah zu verbinden gebot, und Unfrieden auf Erden stiften; dies sind die Verlierenden." Gleichnisse, Parabeln, Geschichten von früheren Völkern - aus all dem im Quran geht immer wieder hervor, dass unter dem „Yaum-ud-din", dem Jüngsten Tag, nicht nur das zu verstehen ist, was am Ende der Zeiten kommen wird, sondern dass solch ein Jüngster Tag im Leben des einzelnen jederzeit eintreten kann, bei seinem körperlichen Tod oder auch wenn er an einen Wendepunkt in seinem Leben angelangt ist. Dann hängt es davon ab, welchen Gebrauch er von seiner Vernunft, seiner Unterscheidungsfähigkeit macht, ob er sich für den vielleicht dornen-reicheren geraden Weg zu Gott entscheidet, oder ob er .. seine Seele um einen geringen Preis verkauft, um den kurzlebigen Genuss des diesseitigen Lebens. Aber auch ganze Völker oder Gemeinschaften erleben von Zeit zu Zeit einen solchen „Jüngsten Tag":
„Wie so manche Stadt haben Wir zerstört! Unsere Strafe kam über sie des Nachts oder während sie schliefen am Mittag, und ihr Ruf, da Unsere Strafe über sie kam, war nichts anderes als dass sie sprachen: Wir waren fürwahr Frevler."(7:5-7) Hier und heute also leben wir und müssen uns bewähren, als Menschen, die zu Statthaltern Gottes auf Erden erhoben worden sind. Wir müssen danach trachten, aus der „Nafsu-l-amara", der Triebseele, die „Nafsu-I-Iawama", die sich anklagende und damit ihrem Gewissen gehorchende Seele zu machen, um dereinst als ,Nafsu-l-mudma'inna" vor Gott zu stehen, als Seele, die mit Gott wohl zufrieden ist. „Und wir werden (genaue) Waagen der Gerechtigkeit aufstellen für den Tag der Auferstehung, so dass keine Seele in irgendetwas Unrecht erleiden wird. Und wäre es das Gewicht eines Senfkorns. Wir wollen es hervorbringen. Und Wir genügen als Rechner." (21:48)