Vorwort
Vorwort
Der Islam in der Bedeutung von Hingabe gegenüber dem Schöpfer und den ewigen Lehren des Propheten Mohammed, ein Phänomen, das unabhängig von Zeit und Raum existiert, ist heute nichts grundsätzlich anderes als gestern. Was zur Verzerrung des Antlitzes der Religionen führt sind Stammesabhängigkeiten und kulturelle und zeitliche Vernetzungen, die sich zuweilen so eng mit der Religion verquicken, daß dies den Menschen als Wesensbestandteil dieser Religion erscheint. Der reine und unverfälschte Islam weist einige Besonderheiten auf, die sich nicht ohne weiteres auf das Christentum übertragen lassen; in dieser Hinsicht unterscheidet sich das Christentum grundsätzlich vom Islam. Mit seiner Weltanschauung von der Einheit Gottes hat es der Islam vermocht, zahlreiche Auseinandersetzungen und Konflikte, mit denen die christliche Welt über Jahrhunderte hinweg konfrontiert war, gewaltfrei auszutragen; darunter sind Auseinandersetzungen wie die Dualität von Diesseits und Jenseits, von Wissenschaft und Glaube, die Trennung von Religion und Staat und der Widerspruch zwischen Religion und Freiheit zu nennen, die im Christentum aufgetreten sind.
Indem der Islam solche Dualitäten ausklammert und die Grenzen wie die Rollenverteilung jeder einzelnen Kategorie klar definiert, war er in der Lage, für das Diesseits und das Jenseits seiner Glaubensanhänger einen harmonisch angelegten Plan vorzulegen. Gewiß mußten wir in der Praxis Fälle erleben, bei denen mißliches Verhalten von Moslems und der Mißbrauch der Religion durch die Herrschenden einen vernichtenden, zerstörerischen Einfluß auf die Gesellschaft ausübten, doch ungeachtet der jeweiligen Handhabung durch Moslems hat die Lehre des Islam ein geordnetes und regelmäßiges System von Denkansätzen geschaffen. Trotz Rückschritten und Rückfällen, die es in ihrer langen Geschichte gegeben hat, konnten die Moslems deshalb durch die Wiedererweckung vornehmer und lange vergessener islamischer Werte ihre Position wiederfinden. Diese Rückbesinnung auf Prinzipien und Werte soll natürlich aber keinen Rückfall weder in das Mittelalter noch auf gewisse inhumane Erscheinungsformen bedeuten. Ein Teil der Bewegungen, die sich für die Aufwertung der Stellung der Moslems einsetzten, standen der westlichen Welt kontrovers gegenüber. Im Laufe der Geschichte haben Islam und christliche Welt die unterschiedlichsten Konfrontationen erlebt. Vom 8. bis 11. Jahrhundert n.Chr. war die islamische Welt als die höhere Kulturstufe imstande, neue Auffassungen des Westens aufzunehmen, ohne etwas von seiner eigenen Vornehmheit einzubüßen. Auch die Epoche vom 11. bis 14. Jh. n.Chr. war eine Zeit des positiven Dialogs zwischen Islam und christlicher Welt, in der Moslems mit anderen Völkern in Kontakt traten und Bekanntschaft mit ihnen schlossen. Ab dem 15. Jh. n.Chr. begann seitens des Westens ein neues, einseitig ausgerichtetes Verhältnis zum Orient Raum zu greifen. Dieses Verhältnis war von der Ausrichtung auf einen Sieg durch die politisch-ökonomische Ordnung des Westens über den Islam geprägt. Diese einseitige Ausrichtung nahm mit der technologischen Entwicklung des Westens ständig zu und engte das zuvor bestehende Klima des wissenschaftlich-kulturellen Austausches ein, wobei dem Westen auf diese Weise der Weg für politisch-ökonomische Hegemonie geebnet wurde.
Im Gefolge dieser Bestrebungen begannen sich in der islamischen Welt Bewegungen und Strömungen zur Erneuerung und Rückbesinnung auf die Prinzipien des reinen Islam mit dem Ziel der Schaffung eines Gleichgewichts in den Beziehungen zwischen Westen und Orient zu formieren. Diese Bewegungen forderten die Rückkehr zu humanistischen und wissenschaftlich-kulturellen Verhältnissen. Obgleich es als Resultat der einseitig auf Dominanz ausgerichteten Bestrebungen des Westens im Orient auch zur Stärkung radikaler Bewegungen kam, so bestand unter den Moslems jedoch allgemein der Wunsch nach Schaffung eines Gleichgewichts in den Beziehungen zwischen Westen und islamischer Welt.
Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks verschärften sich die Auseinandersetzungen zwischen westlichen und islamischen Ländern. Glücklicherweise ist in der heutigen Zeit im Westen wie im Orient auch ein anderer Prozeß im Entstehen begriffen, der sich für eine Wiederbelebung der Kultur des Dialogs und die gegenseitige Respektierung der jeweiligen Kulturen und Religionen einsetzt.
Auch die Islamische Akademie Deutschland e.V. beginnt auf diesem Gebiet mit der Übersetzung und Herausgabe von Aufsätzen und Werken moslemischer Denker mit dem Ziel, die wissenschaftlich-kulturellen Beziehungen zwischen den Weltreligionen zu fördern, den Islam wissenschaftlich zu erläutern und bekannt zu machen und die Anschauungen seiner Gelehrten darzustellen. Das vorliegende Buch ist eine Auswahl wissenschaftlicher Aufsätze und Diskussionsbeiträge von Professor Abdoljavad Falaturi, die seiner Präsentation der unterschiedlichen Sichtweisen und Blickwinkel im Islam dienten.
Da Professor Abdoljavad Falaturi viele Jahre lang Islamstudien bei großen moslemischen Wissenschaftlern betrieb und er sich darüber hinaus auch lange mit Lehre und Forschung in Deutschland befaßte, aber auch weil seinem besonderen Augenmerk von Anbeginn an dem Dialog der Religionen sowie die Bekanntmachung des Islams in seiner reinen und unverfälschten Form in der europäischen Gesellschaft gegolten hat, kann die Darstellung der Anschauungen dieses moslemischen Wissenschaftlers für die Fachwelt von einigem Nutzen sein. Aus diesem Grund veröffentlicht die Islamische Akademie Deutschland e.V. diese Aufsätze und Artikel in Form des vorliegenden Buches und hofft unter Geisteswissenschaftlern auf eine positive Resonanz.
Younes Nourbakhsh
Direktor der Islamischen Akademie Deutschland e.V.
Bemerkung zur Neuausgabe
In diesem Band handelt es sich um erstmals oder erneut publizierte Aufsätze, Vorträge und Diskussionsbeiträge von Prof. Falaturi. Wir haben uns bemüht, die Texte, soweit es möglich war, den Originalvorlagen entsprechend wiederzugeben. An einigen Stellen ließ es sich jedoch nicht umgehen, im Dienste einer besseren Lesbarkeit nicht zu Ende geführte Sätze im Kontext von Diskussionen gänzlich zu streichen, während andere Sätze - um dem Original gerecht zu werden - unvollständig gedruckt wurden.
Zum Teil handelt es sich um transkribierte Tonbandaufnahmen von Vorträgen und Diskussionen. Unklare Textstellen wurden bei der Abschrift der Tonbänder durch Fragezeichen kenntlich gemacht. Diese wurden von uns in dieser Form übernommen.
Wir bitten die Leser um Nachsicht. Zu danken ist den Verlagen, die großzügig die Erlaubnis zum Wiederabdruck verschiedener Beiträge gaben.
Islamische Akademie Deutschland
Frühling 2002