Der Islam
Die Offenbarung
»Lies! Im Namen deines Herrn, Der erschaffen bat,
Erschaffen hat den Menschen aus einem Anhängsel}
Lies! Und dein Herr ist der Allgütige,Der gelehrt hat durch die Feder, Den Menschen gelehrt hat, was er nicht wußte....«(Koran, Sure 96, Verse 1-5)Diese Verse waren die erste Offenbarung, die dem Propheten im Jahre 610 n. Chr. im Alter von etwa 40 Jahren — überbracht durch den Engel Gabriel (Dschibraîl)2 — zuteil wurde, als er sich gegen Ende des Monats Ramadan nachts in einer Berghöhle namens Ghrar Hira (Grotte des Forschens) des Dschabal an-Nur (Berg des Lichts) zum Gebet und zur Meditation zurückgezogen hatte. Mohammed selbst war über dieses Ereignis derart schockiert und dadurch so verängstigt, daß er sich zunächst lediglich seiner Frau Khadidschah anvertraute.
Die Offenbarung der einzelnen Suren des Korans erfolgte bruchstückhaft über dreiundzwanzig Jahre hinweg bis zum Tode Mohammeds, d.h. dreizehn Jahre in Mekka, zehn Jahre in Medina. Einige Suren bzw. Verse beziehen sich auf damalige Probleme oder Situationen, wie z.B. die beiden kriegerischen Auseinandersetzungen bei Badr und Uhud. Das erklärt auch, warum einige dieser Koranverse aggressiv wirken. Bedauerlicherweise scheinen aber gerade diese Verse eine außerordentliche Anziehungskraft auf westliche Journalisten auszuüben. Zum Verständnis des Korantextes ist jedoch stets auch die Kenntnis des historischen Hintergrundes der jeweiligen Offenbarung (Asbab an-Nuzûl) zu berücksichtigen.
1(Embryo)
2(Koran, Suren 2/ 97; 26/ 193 ff.)
Mohammed konnte weder lesen noch schreiben, daher brauchte er zuverlässige Gefolgsleute, an die er die Offenbarungen mündlich weitergeben konnte. Diese Gefolgsleute bzw. Jünger lernten wie Mohammed selbst die Verse auswendig und schrieben sie nieder. Nach dem Tod des Propheten wurde unter dem Kalifen Abu Bakr (Regierungszeit 632 bis 634 n. Chr.) der Hauptschriftführer der letzten Lebensjahre Mohammeds, Zaid Ibn Thabit, mit der vollständigen Abschrift der gesamten Offenbarungen in Form eines Buches beauftragt. Dieser Schreiber gehörte zu den in Medina damals zahlreich vorhandenen Hâfiz, d.h. zu jenen Leuten, die den gesamten Koran auswendig können. Er wurde jedoch vom Kalifen dazu verpflichtet, für jeden Vers zwei schriftliche Zeugnisse zu finden, bevor er die endgültige Zusammenfassung vornehmen durfte. Die Einwohner von Medina brachten ihm die in ihrem Besitz befindlichen Abschriften der einzelnen Teilstücke der Offenbarungen. Die »offiziellen« Mitschriften befanden sich auf Pergament, Leder, Seide und Papyrus, doch es wurde zum Beispiel auch auf Steinen oder Palmblättern notiert. Nur zwei Koranverse sollen sich auf die schriftliche Überlieferung lediglich eines einzigen Menschen stützen. Diese Abschrift der gesamten Offenbarung wird Mushaf (gesammelte Blätter) genannt und wurde beim Kalifen Abu Bakr aufbewahrt.
Unter dem Kalifen Othman (Regierungszeit 644 — 656 n. Chr.) wurden für die verschiedenen Zentren des Reiches sieben Exemplare dieser Koranabschrift angefertigt, um die Originaltreue der im Umlauf befindlichen Schriften überprüfen zu können. Was dieser Abschrift nicht entsprach, wurde vernichtet. Eine dieser sieben Abschriften ist bis heute erhalten geblieben; sie befindet sich in Taschkent.
Der Koran ist in 114 Suren aufgeteilt. Die in Mekka offenbarten Suren sind älter als die von Medina. Die Anordnung der Suren erfolgte jedoch nicht gemäß der chronologischen Reihenfolge der Offenbarungen.
Ob eine Sure in Mekka oder in Medina offenbart wurde, ist nur noch in den Überschriften angedeutet. Zunächst werden im Koran schwerpunktmäßig gesellschaftlich relevante, ethisch-rechtliche Fragen angesprochen. Es folgt die Auswertung von geschichtlichen Erfahrungen der Menschheit im Hinblick auf die Zusammenhänge zwischen Verhalten und »Gedeih« oder »Verderb« einer Zivilisation. Auch bei den theologischen und spirituellen Aussagen wird stets die Aufforderung wiederholt, Gottes Zeichen in der Schöpfung zu bedenken und daraus Konsequenzen für den eigenen Glauben sowie das eigene Tun und Unterlassen zu ziehen. Die Namen bzw. Titel der einzelnen Suren gehören nicht zu dem Text, der geoffenbart wurde, sondern sind später hinzugefügt worden. Diese Namen weisen auf das Kernthema der entsprechenden Sure hin.
Der Koran ist für die Muslime das Wort Gottes, das Er durch den Engel Gabriel Seinem Gesandten Mohammed geoffenbart hat.1
Ergänzend zum Koran kann die Sunna, d.h. die in den sogenannten Hadithen überlieferten Aussprüche und Handlungsweisen des Propheten, als weitere Grundlage der Glaubensausübung betrachtet werden. Die Hadithe sind daher in etwa vergleichbar mit den Evangelien des Neuen Testaments, die das Leben und Wirken Jesu beinhalten. Der grundlegende Unterschied besteht jedoch darin, daß die Hadithe eine lückenlose Kette von sogenannten Gewährspersonen aufweisen mußten, um als stark und damit glaubwürdig gelten zu können. An die Gewährsperson wurden dabei strenge Maßstäbe angelegt: Zum einen mußte sie in Bezug auf ihren Glauben und ihr religiöses Verhalten tadellos sein, ferner mußte sie unter den anderen Muslimen vorbehaltlose Annahme gefunden und als vertrauenswürdig gegolten haben, zum anderen mußte sie die Gewähr dafür erbracht haben, daß sie die überlieferten Aussprüche oder Handlungen des Propheten richtig verstanden und sie auch
1(Zum Vergleich siehe hierzu NT, Joh. 16, Vers 13)
richtig weitergegeben hat, und schließlich mußte sie mehr als lediglich einen Hadithen überliefert haben. In der jeweiligen Überlieferung selbst mußte ausdrücklich gesagt worden sein, daß der Prophet Mohammed dieses oder jenes gesagt oder getan habe; und sie mußte einen Inhalt haben, der in die Zeit der ersten Gemeinde hineinpaßte. Erst wenn alle diese Kriterien erfüllt waren, wurde der jeweilige Hadith. als echt bzw. authentisch (sahîh) eingestuft. Weiterhin kennt man in der islamischen Theologie die sogenannten schönen Hadithe (hasan), die aber nicht einwandfrei zuverlässig sind, und schließlich noch die schwachen Hadithe (da 'îf), deren Glaubwürdigkeit starken Zweifeln unterliegt.
Die der Sunna folgenden Muslime werden im übrigen als Sunniten bezeichnet; schi 'itische Muslime leiten ihre Glaubenspraxis neben der Sunna zusätzlich von der Schi 'a, der Partei 'Alîs ab. 'Alî war der Schwiegersohn des Propheten Mohammed. Schi 'iten folgen einem von der Sunna zum Teil stark abweichenden Ritus und werden im allgemeinen als islamische Sekte bezeichnet, die sich ihrerseits wiederum in verschiedene Splittergruppen unterteilt. Der Anteil der Schi 'iten an der muslimischen Gesamtbevölkerung beträgt etwa fünfzehn Prozent.
Mohammed selbst hat von sich nie behauptet, eine »neue« Religion zu verkünden1, was auch dem Koran an vielen Stellen entnommen werden kann:»Er hat das Buch mit der Wahrheit auf dich herabgesandt als
Bestätigung dessen, -was vor ihm offenbart worden war. Und
Er hat die Thora und das Evangelium herabgesandt vordem
als Rechtleitung für die Menschen....«
(3/3)
1(Vgl. hierzu auch Jesu Stellung zum mosaischen Gesetz z.B. im NT, Matth. 5, Vers 17)
Mohammed gilt vielmehr — wie alle Propheten — als Überbringer einer Botschaft und als Warner, was sich unter anderem anhand der folgenden Verse verdeutlichen läßt:»Mohammed ist nichts anderes als ein Gesandter, dem andere Gesandte vorausgegangen sind... .«
(3/144)
»Sprich: Ich habe nicht die Macht, mir selbst zu nützen oder zu
schaden, es sei denn, Allah will es. Und hätte ich Kenntnis von
dem Verborgenen, wahrlich, ich hätte mir die Fülle des Guten
zu sichern vermocht, und Übles hätte mich nicht berührt. Ich
bin ja nur ein Warner und ein Bringer froher Botschaft für die
Leute, die gläubig sind.«
(7/187)Aufgrund dieser klaren Definition der Aufgabe Mohammeds lehnen Muslime die Bezeichnung »Mohammedaner« ab, da dieser Begriff den Eindruck eines personenbezogenen Glaubensinhaltes vermittelt. Das Wort »Muslim« bedeutet hingegen, daß es sich um eine Person handelt, die sich allein Gott bzw. dem Willen Gottes unterwirft.
Al-lchlas
Kalligraphie der Sure Al-lchlas (112) - Die Reinheit des Glaubens
Der Glaube
»Sag: Er ist Allah, einzig,
Allah, der immer da ist.
Nie zeugte er, und nie ist er gezeugt,
Und nie gibt es Ihm Gleiches.«
(Sure 112, Al-lchlas — Die Reinheit des Glaubens)
»Allah hat bezeugt, daß es keinen Gott gibt außer Ihm, und
die Engel und die mit Wissen, feststehend in Richtigkeit, kein
Gott außer Ihm, der Mächtige, der Weise.«
(3/18)1
»Allah, es gibt keine Gottheit außer Ihm, dem Lebendigen, dem
Ewigen. Weder Müdigkeit überkommt Ihn noch Schlaf. Ihm gehört,
was in den Himmeln und was auf Erden ist. Wer ist es, der bei Ihm
Fürsprache einlegen könnte außer mit Seiner Ermächtigung? Er
weiß, was vor ihnen liegt und was hinter ihnen; sie aber begreifen
nichts von Seinem Wissen außer was Er will. Sein Thron umfaßt
die Himmel und die Erde, und es fällt Ihm nicht schwer, sie beide zu
bewahren. Und Er ist der Hohe, Erhabene.«
(2/255, Ayâ-t-al-Kursi - Der Thronvers)Der Tauhid, das heißt der Glaube an die Existenz und Einzigkeit Gottes, ist der eigentliche Kern des Islam2, der durch sämtliche islamische Lehren und die Gesetzgebung (Schari 'a) geschützt werden soll.
So ist der Tauhid auch Inhalt der Schahadah, des islamischen Glaubensbekenntnisses, das die erste der sogenannten fünf Säulen des Islam bildet. Das islamische Glaubensbekenntnis, das in Anwesenheit zweier '(Allah ist der arabische Begriff für das Wort »Gott«. Es handelt sich also nicht um einen speziell islamischen Begriff, denn arabische Christen nennen Gott ebenfalls Allah.) 2(Vgl. hierzu auch NT, Markus 12, Verse 29 bis 32; Matthäus 4, Vers 10)
Glaubensbekenntnisses
Kalligraphie des Glaubensbekenntnisses - La ilaha ilal-lah: Es gibt keinen Gott außer Gott
muslimischer Zeugen ausgesprochen wird, lautet: »Ich bezeuge, daß es keinen Gott gibt außer Gott; und ich bezeuge, daß Mohammed der Diener und Gesandte Gottes ist« (in Arabisch »ashadu alla ilaha illallah, wa ashadu anna Muhammadan abduhu wa rasûluh«).
ISLAM selbst bedeutet Hingabe und wird meist übersetzt als die friedenmachende Ergebung in den Willen Gottes. Weitere Säulen sind das Verrichten der täglichen fünf Gebete (as-Salâh), das Entrichten der Spende an Bedürftige (Zakat)1, das Fasten im Monat Ramadan und die Pilgerfahrt nach Mekka (Hadsch).
In der islamischen Theologie wird Gott als absolut transzendent und außerhalb jeder körperlichen Wahrnehmbarkeit verstanden. Gleichzeitig ist er aber auch allgegenwärtig und allmächtig, was folgende Verse verdeutlichen:»Blicke können Ihn nicht erreichen, Er aber erreicht dieBlicke... .« (Koran, Sure 6/103)
» Und wahrlich, Wir erschufen den Menschen, und Wir wissen,
was er in seinem Inneren hegt; und Wir sind Ihm näher als
seine Halsschlagader.«
(Koran, Sure 50/16)2Außer dem Glauben an die Existenz und die Einzigkeit Gottes beinhaltet der Islam auch den Glauben an die geoffenbarten Bücher Gottes, an Seine Propheten, an die Vorherbestimmung, an die Existenz der Engel (als auch die der Dschinn und des Satans), an das Jüngste Gericht (Eschatologie) und die Wiederauferstehung nach dem Tod}
1(Das »t« wird nicht ausgesprochen) •
2(Die Bezeichnung »Wir« meint nicht etwa mehrere Wesen oder gar Götter, sondern ist
symbolisch als Titel der Erhabenheit und Souveränität des Einen Gottes zu verstehen,
vergleichbar etwa mit dem Pluralis majestatis.)
3(Siehe z. B. 2/177 und 285; 4/136; 90/13 bis 19; 107/1 bis 7)
Allah
Kalligraphie des Wortes "Allah"
Die 99 schönsten Namen Gottes
Die sogenannten 99 schönsten Namen Gottes, auf die im Koran hingewiesen wird1, verstehen sich nicht als Definition des Wesens Gottes, da sich Gott als der absolut Transzendente nicht mittels menschlicher Wahrnehmbarkeit begreifen, geschweige denn beschreiben läßt. So diktierte der islamische Mystiker2 AI Halladsch (hingerichtet 913 n. Chr.) einem seiner Schüler folgende Sätze: »Wahrlich, Gott — Er ist heilig und erhaben, und Ihm gebührt das Lob — ist eine Essenz, durch sich selbst bestehend durch Seine Vorzeitlichkeit, isoliert von dem, was nicht Er ist, sich vereinzelnd von dem, was außer Ihm ist, durch absolutes Herr-Sein. Nicht mischt sich etwas mit Ihm, und nicht vermengt sich mit Ihm ein anderes; nicht enthält Ihn ein Ort, und nicht erfaßt Ihn eine Zeit; nicht schätzt Ihn ein Gedanke ab, und nicht bildet sich Ihn ein Einfall ein; nicht erreicht Ihn ein Blick, und nicht ergreift Ihn Erschlaffung. (...) Mein Sohn, hüte dein Herz davor, an Ihn zu denken, und deine Zunge, Seiner zu gedenken; doch benutze die beiden dazu, Ihm immer zu danken. Denn über Sein Wesen nachzudenken und sich Seine Attribute vorzustellen und Ihn mit Worten zu bestätigen, gehört zu den gewaltigsten Sünden und zum höchsten Hochmut.«3
Gott ist aber nicht nur nach außen hin der Einzige, sondern auch im Inneren. Sein Wesen spaltet sich nicht in mehrere Eigenschaften auf, da sonst die innere Vervielfältigung des Wesens Gottes unweigerlich die äu-
1(Suren 7/180, 17/110, 20/8, 59/24)
2(Islamische Mystiker werden als Sufis oder auch Derwische bezeichnet, von denen es
wiederum verschiedene Gruppierungen, sogenannte »Orden« gibt.)
3(Schimmel, Gärten der Erkenntnis, S. 48, 49)
Namen Gottes
Die 99 schönsten Namen Gottes
ßere Vervielfältigung — und damit den Polytheismus (Vielgötterei) — zur Folge haben würde. Als Beispiel für die Aufspaltung göttlicher Eigenschaften läßt sich der polytheistische Hinduismus anführen, bei dem Brahma als der Schöpfer, Wischnu als Erhalter und Schiwa als Zerstörer gilt und hier sozusagen eine Reduktion auf die jeweilige Funktion vorliegt.Die 99 schönsten Namen Gottes symbolisieren vielmehr Eigenschaften des Einen Gottes, wie beispielsweise Seine Transzendenz, Seine Barmherzigkeit, Sein Wirken, Seine Macht und Seine Richtergewalt, Seine Gerechtigkeit. Durch die koranische Offenbarung Seiner Namen bzw. Eigenschaften gibt Gott Sich dem Menschen mittelbar über Sein Wirken und Seine Schöpfung zu erkennen. Doch auch wenn Er Sich erkennen läßt, so bleibt das eigentliche Sein, das Wesen Gottes, verborgen: »Er ist der Erste und der hetzte, der Sichtbare und der Verborgene; und Er ist der Kenner aller Dinge.«(57/3)Die einzelnen Namen, die sich im gesamten Koran verteilt finden lassen, lauten wie folgt:Allah,
Ar-Rahman (Der Erbarmer, der Mitleidsvolle); Ar-Rahim
(Der Gnadenreiche); Al-Mâlik (Der König, der souveräne
Herr); Al-Quddûs (Der Heilige); As-Salâm (Der Friede);
Al-Mu 'mîn (Der Bewahrer des Glaubens, der Verleiher der
Sicherheit, der Getreue); Al-Muhaymin (Der Beschützer, der
Hüter); AI- 'Azîz (Der Mächtige); Al-Dschabbar (Der
Zwingende); Al-Mutakabbir (Der Erhabene, der
Großartige); Al-Châliq (Der Schöpfer); Al-Bârî (Der, der
aus dem Nichts erschafft); Al-Musawwir (Der Gestalter); Al-
Ghaffâr (Der Vergebende); Al-Qahhâr (Der Unterwerfer, der
Allmächtige, der Besieger); Al-Wabhâb (Der Verleiher); Al-
Misbaha
Die Misbaha - eine aus 33 oder 99 Perlen bestehende Kette - dient als Hilfsmittel zur Rezitation der 99 schönsten Namen Gottes
Raszaq (Der Versorger); Al-Fattâh (Der Öffner, der Befreier, der Richter); Al-Alîm (Der Allwissende, der Kundige); Al-Qâbid (Der Zügler, der Verweigerer); Al-Bâsit (Der
Gewährer, der Mehrer, der Verbreiter); Al-Chafid (Der
Herabsetzer); Ar-Râfi' (Der Erheber); Al-Mu 'isz (Der
Ehrende, der Stärkende); Al-Mudhill (Der Entehrende, der
Demütigende); As-Samî (Der Allhörende, der Hörer); Al-
Basîr (Der Allsehende, der Wahrnehmende); Al-Hakam (Der
Richter); Al-Adl (Der Gerechte, der Ausgleichende); Al-Latîf
(Der Edle, der Anmutige); Al-Chabîr (Der Wahrnehmende);
Al-Halîm (Der Langmütige, der Milde); Al-Adsîm (Der
Großartige, der Ungeheure); Al-Ghafûr (Der Verzeihende);
Aš-Šakûr (Der Dankbare, der Vergelter des Guten); Al-Aliy
(Der Hohe, der Erhabene); Al-Kabîr (Der Große); Al-Hafiz
(Der Erhalter, der Beschützer, der Hüter); Al-Muqît (Der
Ernährer, der Stärkende); Al-Hasîb (Der Abrechner); Al-
Dschalîl (Der Majestätische); Al-Karîm (Der Gütige, der
Großzügige); Al-Raqîb (Der Beobachtende, der Beobachter);
Al-Mudschîb (Der Erhörende, der dem Gebet Zuhörende); Al-
Wâsi (Der Allumfassende, der Universelle, der Ungeheure);
Al-Hakîm (Der Weise); Al-Wadûd (Der Liebende); Al-
Bâ 'lith (Der Erwecker von den Toten); Aš-Sahid (DerZeuge); Al-Haqq (Die Wahrheit); Al-Wakîl (Der Bevollmächtigte, der Anwalt, der Stellvertreter); Al-Qawiy (Der Starke); Al-Matîn (Der Feste, der Stetige); Al-Waliy
(Der beschützende Freund, der Patron); Al-Hamîd (Der Lobenswerte); Al-Muhsî (Der Buchführer, der Rechnende); Al-Mubdi (Der Hervorbringer, der Erzeuger); Al-Mu 'id (Der Wiederinstandsetzer, der Wiederhersteller); Al-Muhyi
(Der Belebende); Al-Mumît (Der Verursacher des Todes, der
Zerstörer); Al-Hayy (Der ewig Lebende, der Lebendige); Al-
Qayyûm (Der Ewige, der sich selbst Erhaltende); Al-Wadschid
(Der Glanzvolle, der Edle); Al-Madschid (Der Ruhmreiche);
Al-Wâhid (Der Einzigartige); Al-Ahad (Der Eine); As-
Samad (Die ewige Hilfe für die Schöpfung); Al-Qâdir (Der
Fähige, der Begabte); Al-Muqtadir (Der Vorherrschende, der
Mächtige); Al-Muqaddim (Der Beförderer, der
Vorwärtsbringer); Al-Mu'achir (Der Verzögerer, der Hinderer,
der Verschiebende); Al-Awwal (Der Erste); Al-Achir (Der
Letzte); Az-Zâhir (Der Manifeste, der Äußere); Al-Bâtin
(Der Verborgene, der Innere); Al-Wâlî (Der Regent); Al-
Mûta 'ali (Der Hohe Erhabene); Al-Barr (Der
Rechtschaffene); At-Tawwab (Der, der die Reue
entgegennimmt, der Mildernde); Al-Muntaqim (Der Rächer);
Al-Afu (Der Vergeber, der Entgegenkommende, der Milde);
Al-Ra 'uf (Der Mitleidsvolle); Mâlik Al-Mulk (Der Inhaber
der Souveränität); Dhul-Dschalâli wa-l-lkrâm (Der Inhaber
der Majestät und der Güte); Al-Muqsit (Der für
Gerechtigkeit Sorgende); Ad-Dschâmi (Der Sammler, der
Versammler); Ad-Ghani (Der, der sich selbst genug ist, der
Reiche, der Unabhängige); Al-Mughnî (Der Bereicherer); Al-
Mâni (Der Zurückhalter, der Verhinderer); Ad-Dâr (Der
Erzeuger der Not); An-Nâfi' (Der Hilfreiche, der Begünstigende); An-Nûr (Das Licht); Al-Hâdi (DerFührer); Al-Badî (Der Schöpfer, der Erfinder, der
Unvergleichliche); Al-Bâqî (Der ewig Währende, der
Dauernde); Al-Warith (Der Erbe); Ar-Raschîd (Der Führer
zum rechten Weg, der Leiter); As-Sabûr (Der Geduldige)
Die einzelnen Eigenschaften bzw. Namen sind einander absolut gleichwertig, obschon die wohl beliebtesten Namen »Der Erbarmer« und »Der Barmherzige« (ar-Rahmân, ar-Rahîm) sind. Der ägyptische Mystiker Dhu'n-Nun (gest. 859 n. Chr.) wurde einmal gefragt: »Zeige mir den größten Namen Gottes!« Daraufhin antwortete Dhu'n-Nun: »Zeige mir den kleinsten!« und warf den Fragenden hinaus.1
Die 99 schönsten Namen werden rezitiert, um über das Wesen Gottes zu meditieren. Lediglich als Hilfsmittel bei der Rezitation bzw. Andacht (Dikr) dient die Misbaha, eine aus Holz-, Glas- oder Plastikperlen gefertigte Kette mit 33 oder 99 Perlen. Die Misbaha stammt ursprünglich aus Indien, wo sie auch im Hinduismus und Buddhismus als Hilfsmittel bei der Andacht diente. Von der Funktion her ist die Misbaha mit dem Rosenkranz der Katholiken vergleichbar, denn auch er ist ein Hilfsmittel zur Andacht.
1(Schimmel, Gärten der Erkenntnis, S. 24)
Das Bilderverbot
In Anbetracht des strengen Monotheismus — dem Glauben an den Einen allmächtigen und transzendenten Gott — ist das Bilderverbot eine logische Konsequenz. Oft wird das Bilderverbot allein mit dem Islam in Verbindung gebracht (»islamisches Bilderverbot«), obwohl es bereits für Juden und Christen in den 10 Geboten klar formuliert wurde: »Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Du sollst dir kein Bildnis noch irgend ein Gleichnis machen — weder von dem, was oben im Himmel ist, noch von dem, was unten auf Erden ist, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht! (...)«1
Sowohl der strenge Glaube an einen transzendenten Gott als auch das daraus folgende Bilderverbot sind also nichts Neues, obwohl manches Kirchendekor etwas anderes vermuten läßt. Doch scheint das Bilderverbot leider auch bei vielen (»religiösen«) Führern islamisch geprägter Staaten in Vergessenheit geraten zu sein, die sich in einem Personenkult sozialistischen Ausmaßes zum Idol hochstilisieren lassen. In geradezu grotesker Ausschmückung und Häufigkeit zieren überdimensionale Porträtgemälde nebst Lobpreisungen der Wohltaten der entsprechenden Person öffentliche Einrichtungen und Hauswände, werden Plakate aufgestellt und sogar Aufkleber an den Windschutzscheiben der Autos angebracht, was im Hinblick auf die Funktion bzw. Position, die diese Personen für sich beanspruchen, um so befremdlicher und fragwürdiger anmutet.
Das Bilderverbot beruht im wesentlichen auf dem Respekt vor der Schöpfung Gottes, die unvergleichlich und einzigartig ist. Während der Mensch nur aus bereits vorhandenen Materialien oder Elementen etwas
1(AT, 2. Buch Mose, Kapitel 20, Verse 1 bis 5)
Pfaus
Weiteres Beispiel stilisierter Gegenständlichkeit: Kalligraphie in Form eines Pfaus -Bismillah ar-Rahmân, ar-Rahīm
formen bzw. herstellen kann, erschafft Gott die Dinge aus dem Nichts:
»Dem Schöpfer der Himmel und der Erde! Wenn Er eine Sache beschließt, so sagt Er nur zu ihr >Sei!< (kunn) - und sie ist.«(2/117)Als weitere Quelle des Bilderverbotes können noch folgende Koranverse und Hadithe herangezogen werden:»Sehen sie denn nicht, wie Allah die Schöpfung
hervorbringt und sie dann wiederholt? Das ist wahrlich
ein leichtes für Allah. Sprich: >Zieht auf Erden umher und
schaut, wie Er ein erstes Mal die Schöpfung hervorbrachte.
Sodann ruft Allah die zweite Schöpfung hervor. < Wahrlich,
Allah hat Macht über alle Dinge.«(29/19, 20) »Er ist Allah, der Schöpfer, der Bildner, der Gestalter....«
09/24) »Er gestaltet euch in den Mutterschößen, wie Er will....«(3/6)Ihn Abbas berichtete, daß der Gesandte Allahs sagte: »Wer immer in dieser Welt ein Bild (von Mensch und Tier) macht, wird am Tage der Auferstehung aufgefordert werden, in dieses Bild die Seele einzuhauchen, und er wird darin keine Seele einhauchen können!«'
Ibn Mas 'ud berichtete, daß der Gesandte Allahs sagte: »Diejenigen, die von Gott am Jüngsten Tag am schlimmsten bestraft werden, sind die Maler (lebender Objekte).«2Abu Huraira berichtete, daß der Gesandte Allahs sagte: »Allah, der All-
1(Auszüge aus Sahîh Al Buchâryy, Hadith Nr. 5963)2(Nach AI Buchâryy und Muslim; Riyâd-us-Sâliheen, Band II, Hadith Nr. 1682 -Narrated Ibn Mas'ud: I heard Allah's Messenger saying, »Those who will receive the most sevete punishment from Allah on the Day of Resurrection will be painters (of living objects).«)
mächtige, sagte: >Wer ist ein größerer Unterdrücker als der, der erschaffen will wie Ich erschaffe? Laß ihn eine Ameise, ein Getreidekorn oder ein Gerstenkorn erschaffen.«1
Primäre Absicht des Bilderverbotes ist zu vermeiden, daß Menschen wieder in das Stadium des Götzenkultes (Dschahiliya) zurückverfallen, indem sie Statuen oder Bilder anbeten und dem Irrtum unterliegen, daß von diesen Gegenständen irgendeine Kraft ausginge — und sich damit der Beigesellung (Schirk) schuldig machen. Figuren, die anstelle von oder neben Gott angebetet werden, sind dementsprechend natürlich am strengsten verboten. Hierzu gehören Abbilder und Statuen von Propheten wie Z.B.Jesus, Marienbilder oder -figuren genauso wie Bilder von Fatima, der Tochter des Propheten Mohammed, und ihrem Ehemann 'Alt, darüber hinaus auch die sogenannten »Heiligenbilder« oder -statuen (gleich welcher Konfession).
Darauf folgen Figuren, die nicht zur Anbetung, aber mit der Absicht des Nachahmens von Gottes Schöpfung gemacht werden. Entscheidend ist hierbei die Absicht des Künstlers. Wurden die verbotenen Statuen oder Bilder aber verunstaltet oder herabgesetzt, dürfen sie verwendet werden. Dies ist zum Beispiel bei Figuren auf Teppichen oder Matten der Fall, weil man auf sie tritt.
Das Bilderverbot umfaßt zudem — wie bereits oben erwähnt - Statuen, Büsten und Bilder von »großen« Persönlichkeiten wie z.B. Herrschern, Führern und Politikern, die in der Öffentlichkeit gezeigt werden, um sie zu verehren. Nach allgemeiner Auffassung sind auch Statuen von Lebewesen verboten (haram), die weder angebetet noch verehrt werden. (Spiel-)Puppen oder Schokolade bzw. Zuckerfiguren sind aber hiervon ausge-
1(Nach Al Buchâryy und Muslim; Riyâd-us-Sâliheen, Band II, Hadith Nr. 1683 -Narrated Abu Huraira: »Allah's Messenger said, that the Almighty Allah said: >Who is more an oppressor than him who goes to create like My creation? Let him make an ant or a grain of corn or a grain of barley.«)
nommen, da diesen Gegenständen keinerlei besondere Beachtung oder Verehrung zukommt. Lediglich mißbilligt (makruh) werden Bilder von Menschen oder Tieren, denen man zwar keine besondere Achtung entgegenbringt, die aber Ausdruck von Luxus oder Verschwendung sind.
Entgegen vieler Vorurteile auch in der muslimischen Bevölkerung sind Fotografien nach allgemeiner Auffassung in der islamischen Lehre grundsätzlich erlaubt, da hierbei das Abbild eines real existenten Lebewesens bzw. auch Gegenstandes eingefangen wird. Von dieser Erlaubnis ausgenommen sind natürlich Fotografien (auch Zeichnungen oder Gemälde) geschlechtsbezogenen Inhalts als auch Fotografien »großer Persönlichkeiten« zwecks Verehrung. Ferner gelten als Ausnahme von dieser Erlaubnis Bilder polytheistischer Rituale oder Symbole anderer Religionen, die dem Glauben an den einen Gott zuwiderlaufen. Wer diese Bilder jedoch nicht zu dem Zweck herstellt, Unglauben (Kufr) oder Götzenverehrung (Schirk) zu propagieren, ist »nur« schuldig, eine Abbildung (Suwar) angefertigt zu haben.'
Nach all diesen Ausführungen und Beispielen wird deutlich, daß der Islam hinsichtlich einer »Bildersprache« eher als symbolfeindlich einzustufen ist — wenngleich er auch einige symbolische Handlungen enthält -um das Abirren vom Monotheismus, dem Glauben an den einen Gott, zu verhindern. Demgemäß suchten islamische Künstler andere Ausdrucksformen als die des Realismus oder Naturalismus, so daß die abstrakte Ornamentik, insbesondere aber die Kalligraphie zu einem unvergleichlichen Höhepunkt fanden. In der Kalligraphie spiegelt sich vor allem die Liebe zum geoffenbarten Text wider.
Abschließend sei zur islamischen Kunst ein Zitat von Karl Gerstner angeführt, der in seinem Essay, »Die Formen der Farben«2 im Kapitel
1(Siehe zu der gesamten Problematik Al-Qaradawi, Erlaubtes und Verbotenes im Islam, S. 106, 98) 2(Frankfurt 1986)
Mosaik-Paneel
Das von Karl Gerstner analysierte Mosaik-Paneel der Alhambra
»Ein Bild aus der Alhambra«1 die Konzeption eines vielfarbigen Mosaikpaneels aus dem Saal der Gesandten zerlegt hat: »In der Forderung nach einer nicht-naturalistischen Kunst drückt sich die natürliche Neigung des Islam für abstrakte Ideen aus. Er sieht in dem, was wir für die Wirklichkeit halten, nichts als den Schatten der Wirklichkeit, die wirklich ist; die im Göttlichen, im Geistigen besteht. Dieses zu reflektieren, ist der Inhalt der islamischen Kunst. Nicht das Äußere der Schöpfung will sie darstellen, sondern das Innere, das Wesentliche, die Struktur sowohl des Mikrokosmos als auch des Makrokosmos. Das Ewiggültige.«
Die eingangs zitierten Koranverse und Hadithe sind jedoch nicht nur für die islamische Kunst von Bedeutung, sondern auch und vielleicht gerade im Hinblick auf die sehr kontroverse Diskussion über die Gentechnik, bei der in das Erbgut eingegriffen wird, um als »schlecht« oder »qualitativ minderwertig« geltende Erbanlagen zu beseitigen, oder um Erbgut den Schreckensvisionen der Medien zufolge zwecks Erschaffung eines »Ersatzteillagers« zu vervielfältigen. Abgesehen davon, daß beispielsweise über den Einfluß gentechnisch veränderter Lebensmittel auf die Nahrungskette noch keine wirklichen Langzeitstudien bestehen, liegt die ethische Gefahr bereits auf der Hand. Denn wer soll bestimmen, was eine »gute« oder eine »schlechte« Erbanlage ist? Aufgrund des revolutionären technischen Fortschritts gerade in diesem Jahrhundert ist mehr als je zuvor das Verantwortungsbewußtsein nicht nur der Wissenschaftler, sondern der gesamten Menschheit gefragt, wenn es um die Entscheidung über die Realisierung des technisch Möglichen aber ethisch Bedenklichen geht.2
1(die eigentlich »Alhamra«, d.h. »die Rote«, heißt - das »b« beruht auf falscher mündlicher Übertragung des Wortes)
2(Im Zusammenhang zu dem Exkurs Gentechnologie ist auch Sure 4/118, 119 beachtenswert: »Und er (Satan) sagte: (.,.) >Und ich werde sie gewiß irreführen (...) und ihnen gebieten, (...) die Schöpfung Allahs zu verändern.««)
Randmedaillon
Randmedaillon zur Kennzeichnung eines Vers-Endes aus einem Koran in magbrebinischer Schrift, 1560 n. Chr.
Die Vorherbestimmung
»Sprich: Nichts kann uns treffen außer dem, was Allah uns
bestimmt hat. Er ist unser Beschützer. Und auf Allah sollen
die Gläubigen vertrauen.«
(9/52)
»Es geschieht kein Unheil auf Erden oder an euch, das nicht in
einem Buch verzeichnet wäre, bevor Wir es ins Dasein rufen —
wahrlich, das ist für Allah ein leichtes - (..,).«
(57/22)»Es trifft kein Verhängnis ein, außer mit der Erlaubnis Allahs, (...).«(64/11)Abdullah berichtete, daß der Gesandte Allahs sagte: » (...) Ich schwöre bei Allah, daß es einige unter euch gibt, die wahrhaftig solche Werke der Bewohner der Hölle vollbringen, bis sie von ihr nur um eine Ellenlänge entfernt sind, dann ereilt sie das Vorbestimmte, und somit vollbringen sie die Werke der Bewohner des Paradieses, und gehen in dieses ein. Und es gibt einige unter euch, die wahrhaftig solche Werke der Bewohner des Paradieses vollbringen, bis sie von ihm nur um eine Ellenlänge entfernt sind, dann ereilt sie das Vorbestimmte, und somit vollbringen sie die Werke der Bewohner der Hölle, und gehen in diese ein.«1 Der Glaube an das Schicksal und die Vorherbestimmung (Qadar) ist tief im Leben der Muslime verankert. Der Verdacht einer völlig fatalistischen Lebensanschauung ohne jegliche Eigeninitiative ist jedoch insbesondere bei der einfachen Bevölkerung zuweilen nicht unbegründet, doch liegt diese gleichgültige, passive Haltung nicht im Islam begründet, sondern ist das Ergebnis von persönlicher Resignation.
1(Auszüge aus Sahîh Al Buchâryy, Hadith Nr. 6594)
» (.,.) Gewiß, Allah ändert die Lage eines Volkes nicht, ehe die Menschen nicht selbst das ändern, was in ihren Herzen ist.«(13/11)
Viele Sprichworte und Aussprüche erinnern stets an die Allmacht und den absoluten souveränen Willen Gottes. Die häufig gebrauchten Worte »Inscha 'Allah« (so Gott will) beispielsweise beschreiben die Hoffnung, daß ein Wunsch oder ein geplantes Vorhaben auch dem Willen Gottes entspricht und damit gelingt. Das kann sich auf größere Vorhaben beziehen, aber auch auf so kleine Dinge wie die bloße Einhaltung einer Verabredung. » Und sage niemals über irgend etwas: >Das werde ich bestimmt morgen tun<, ohne hinzuzufügen: >So Allah will.< (,..)«
(18/23, 24)Ein anderer Ausspruch, der an die Allmacht Gottes und an die Vorherbestimmung erinnert, lautet »la haula wa la kuwata ila b-Illah«, was übersetzt bedeutet »es gibt keine Macht und keine Kraft außer der Gottes«. Dieser Satz fällt bei Muslimen oft, wenn jemand von einem Unheil - sei es nun von einer Krankheit oder anderem privaten Unglück, geschäftlichem Fehlschlag oder von sonstigen Ärgernissen und Widrigkeiten — getroffen wurde. Zum einen dient dieser Ausspruch natürlich zur Rückbesinnung auf die alles lenkende Macht Gottes; zum anderen aber soll er dem Menschen gleichzeitig dabei helfen, geduldiger zu sein und die zur Zeit vielleicht schwierige Situation nicht überzubewerten. Ein Muslim ist sich dessen bewußt, daß eine momentan aussichtslos und bedrückend erscheinende Situation vielleicht auch nur aus der Gegenwart heraus als schlecht empfunden wird, dieser Schicksalsschlag aber gerade längerfristig betrachtet für ihn eine große Erleichterung, wertvolle persönliche Erfahrungen oder Erfolg mit sich bringt:».. .Doch es mag sein, daß euch etwas widerwärtig ist, was gut für euch ist; und es mag sein, daß euch etwas lieb ist, was übel
für euch ist. Und Allah weiß es, doch ihr wißt es nicht.«(2/216)
»Doch verkünde den Geduldigen frohe Botschaft, die, wenn sie
ein Unglück trifft, sagen: >Wir gehören Allah; und zu Ihm
kehren wir zurück. < Auf diese läßt ihr Herr Segnungen und
Barmherzigkeit herab....«
(2/155-157)
Der Islam kennt im übrigen keine ausgesprochene Leidenstheologie.
Krankheit und Leiden werden entweder als eine von Gott auferlegte
Prüfung oder aber als verdiente Strafe für begangene Sünden verstanden:
»Derjenige, der das Sterben und das Leben geschaffen hat,
damit er euch prüft, welcher von euch am besten ist im Tun,
und Er ist der Mächtige, der Verzeihende.«
(67/2)
»Jede Seele wird den Tod kosten; und Wir stellen euch mit
Bösem und mit Gutem auf die Probe; und zu Uns werdet ihr
zurückgebracht.«
(21/35)» Und bestimmt werden Wir euch prüfen mit etwas Angst, Hunger und Minderung an Besitz, Seelen und Früchten....«(2/155)».. .doch wenn sie ein Übel befällt um dessentwillen, was ihre eigenen Hände vorausgeschickt haben, siehe, dann verzweifelnsie.« (30/36)
» Unheil ist auf dem Festland und auf dem Meer sichtbar
geworden um dessentwillen, was die Hände der Menschen
gewirkt haben, auf daß Er sie die Früchte so mancher ihrer
Handlungen kosten lasse, damit sie sich besinnen.«
(30/41)
Kalligraphie - Allah
Aber in welcher Form auch immer sich die »Prüfung« oder »Strafe« zeigen mag - sei es in Form einer Krankheit oder eines herben materiellen oder persönlichen Verlustes - so sollte der Mensch daran nicht verzweifeln, sondern auf die Barmherzigkeit Gottes vertrauen und an dieser Situation reifen: »Allah bürdet keiner Seele mehr auf, als sie zu tragen vermag. Ihr wird zuteil, was sie an Gutem erworben hat, und über sie kommt, was sie sich zuschulden kommen läßt....«
(2/286)»... Und tötet euch nicht selbst. Wahrlich, Gott ist barmherzig gegen euch.«
(A/29)Und ein Hadith. besagt schließlich: Abu Huraira berichtete, daß der Gesandte Allahs sagte: »Allah hat keine Krankheit herabkommen lassen, ohne daß er zugleich ein Heilmittel herabkommen ließ.«1
Doch stellt sich im Zusammenhang mit der Vorherbestimmung noch eine weitere, theologisch viel tiefgreifendere Frage, nämlich die nach der Willensfreiheit des Menschen hinsichtlich seiner Lebensgestaltung überhaupt und damit auch nach der Eigenverantwortlichkeit für seine Taten. - Mehr noch: Gibt es die Vorherbestimmung zum Glauben oder zum Unglauben eines Menschen und damit in letzter Konsequenz eine Vorherbestimmung zum Paradies oder zur Verdammnis?
Der türkische Mystiker Yunus Emre (gest. um 1321 n. Chr.) hat die Frage der Eigenverantwortlichkeit des Menschen in sehr eindrucksvoller Weise in einem Gedicht aufgegriffen:Solltest Du, o Gott, mich einmal fragen,
Werde ich Dir dies als Antwort sagen:
Hab ich auch gesündigt gegen mich,
Doch, o Fürst, was tat ich gegen Dich?
'(Auszüge aus Sahîh Al Buchâryy, Hadith Nr. 5678; vgl. auch 2. Mose 15/26)
Eh ich kam, hast Du mich schwach erkoren,
»Ein Rebell!« sprachst Du, eh ich geboren,
Was ich tat, hast Du — nicht ich — gemacht!
Sah, die Augen öffnend, mich im Kerker,
Voll von Lüsten, drin die Teufel stärker;
Dort nicht zu verhungern, mußt' es sein,
Daß ein- zweimal aß ich, was nicht rein.
Machte ich mich so? Nein, Du voll Kraft!
Warum schufst Du mich so fehlerhaft?
Nahm von Deinem Reich ich etwas fort?
Rührte Deinen Ratschluß je mein Wort?
Aß ich Dein Mahl, ließ Dich hungrig stehen?
Ließ ohn ' Brot ich Dich bedürftig gehen?
Eine Brücke schufst Du, haaresbreit:
»Daß du Rettung findest, drüber schreit!«
Kein Mensch kann solch Brücke überschreiten;
Er muß straucheln und zu Falle gleiten,
Wir bau 'n nur zum Guten eine Brücke:
Gut ist, daß der Übergang uns glücke!
Breit und fest muß sein der Brückensteg,
Daß man sag': »Sieh da, der rechte Weg!«
Schufst die Waage, Übeltat zu wägen:
So willst Du mich in das Feuer legen!Waage für den Krämer passend ist, Goldschmied braucht sie, Händler und Drogist.Du bist wissend, Du kennst meine Lage —
Mich zu prüfen, brauchst Du denn die Waage?
Mehr als alles unrein ist die Sünde —
Fern sei 's, daß sie nahe Dir sich finde!
Warum wiegst Du so unreine Schuld? Besser wär 's, Du hülltest sie in Huld! Sagst Du nun: »Ins Feuer mit ihm her,Seh ich seine Sündenlast so schwer!« Böses kannst Du mindern, Gutes mehren,Gutes hindern, Böses mehr bescheren:
Du magst auf Dein Gutes sehn... ich brenne...
(Fern sei dies von Dir, Herr, den ich nenne!)Endet Deine Rache? Gabst zum Raub Mich dem Tod und füllst mein Aug ' mit Staub!
Tut eine Handvoll Staub denn not All dies Reden, mächt 'ger, gnäd 'ger Gott?
Schaden ward von mir nicht offenbar -Doch Du weißt das, was verhüllt, was klar!1Im Koran wird einerseits der unbedingte Wille Gottes als alleinige Ursache jedes Geschehens betont, wie beispielsweise in der eingangs zitierten Sure 57, Vers 22. Außerdem lassen sich für diese Auffassung noch eine Vielzahl weiterer Verse finden:»... Verehrt ihr das, was ihr gemeißelt habt, obwohl Allah euch und das, was ihr gemacht habt, erschaffen hat?«
(371 95 u. 96)
»... Das ist die Führung Allahs; Er leitet damit recht, wen Er
will....«
(39/23)
»Wahrlich, dies ist eine Ermahnung. So möge, wer da will, einen
Weg zu seinen Herrn einschlagen. Und ihr könnt nur wollen,
wenn Allah will. Wahrlich, Allah ist allwissend, allweise.«
(76/28, 29)
1(Schimmel, Gärten der Erkenntnis, S. 177)
Messingplattengravur
Iranische Messingplattengravur (10./11. Jh. n. Chr.)
Auch in der islamischen Mystik wird mitunter der Standpunkt vertreten, daß der Mensch betreffend seines Glaubens oder Unglaubens keine Wahl hat. So ist beispielsweise in einem Text des Mystikers Kalabadi (gest. 990 oder 994 n. Chr.) zu lesen: »Der Wollende (murid) ist in Wirklichkeit ein Gewollter (murad) und der Gewollte ein Wollender; denn wer Gott will, will nur durch ein von Gott ausgehendes, ihm zuvorkommendes Wollen. Gott sprach: >Er liebt sie und sie lieben Ihn.< (5/54) Und Er sprach: >Gott hat Wohlgefallen an ihnen und sie haben Wohlgefallen an Ihm.<« (9/118) Daß Er sie will, ist somit Ursache dafür, daß sie Ihn wollen; denn für alles ist Sein Tun die Ursache, ohne daß es für Sein Tun eine Ursache gäbe. Wenn Gott einen Menschen will, kann dieser nicht Ihn nicht wollen. Der Wollende wurde zum Gewollten und der Gewollte zum Wollenden.«1
Andere Verse des Korans hingegen weisen auf die Entscheidungsfreiheit und damit auf die Verantwortung des Menschen hinsichtlich all seiner Handlungen, seines Glaubens bzw. Unglaubens hin:» Und sag: Die Wahrheit ist von eurem Herrn; also wer will,
so soll er glauben, und wer will, so soll er den Glauben
verweigern, ... .«
(18/29)
»... Und wenn Allah gewollt hätte, hätte Er euch zu einer
einzigen Gemeinschaft gemacht. Doch Er läßt den irregehen,
der das will; und Er lenkt den recht, der das will; und ihr
werdet ganz gewiß zur Rechenschaft gezogen über das, was ihr
zu tun pflegtet.«
(16/93)Der Unglaube wird im Koran aber auch als eine Krankheit des Herzens dargestellt, als eine Folge seelischer Verstocktheit und des Hochmuts:
1(Gramlich, Islamische Mystik, S. 67)
»Wahrlich, denen, die ungläubig sind, ist es gleich, ob du sie
warnst oder nicht warnst: sie glauben nicht. Versiegelt hat
Allah ihre Herzen und ihr Gehör; und über ihren Augen liegt
ein Schleier;... .Und manche Menschen sagen: >Wir glauben an
Allah und an den Jüngsten Tag<, doch sie sind keine
Gläubigen. Sie versuchen, Allah und die Gläubigen zu
betrügen, und doch betrügen sie nur sich selbst, ohne daß sie
dies empfinden. In ihren Herzen ist eine Krankheit, und Allah
mehrt ihre Krankheit, und für sie ist eine schmerzliche Strafe
dafür bestimmt, daß sie logen,«
(2/5-9)Das Versiegeln des Herzens und der Sinne des Menschen ist hierbei jedoch nicht als Ursache des Unglaubens zu verstehen, sondern als Folge der vorsätzlichen, also wissentlichen und willentlichen Ablehnung des Glaubens.»Wen Allah irregehen läßt, für den gibt es keinen
Rechtleitenden; und Er läßt sie in ihrer Widerspenstigkeit
blindlings umherirren.«
(7/186)Die Aussagen des Koran zu der Frage nach der menschlichen Willensfreiheit sind also nicht eindeutig. Wenn aber - wie im eingangs dargelegten Standpunkt - der Mensch wirklich nicht frei wäre in seinen Handlungen und Entscheidungen, so wäre jegliche durch die Propheten vermittelte Offenbarung Gottes mit den darin enthaltenen Geboten sinnlos. Der Mensch wäre ein willenloses Werkzeug und damit auch seiner Verantwortung hinsichtlich seiner Taten und Entscheidungen entbunden. Ferner könnte man bei der Vergeltung der menschlichen Taten nicht von der Gerechtigkeit Gottes sprechen, wenn diese Taten in Wirklichkeit nicht der Eigeninitiative des Menschen, sondern allein dem Willen
Gottes entstammten. Dies aber stünde gänzlich im Widerspruch zu den Offenbarungen Gottes.Es muß daher davon ausgegangen werden, daß mit der Vorherbestimmung in erster Linie die sogenannten Schicksalsschläge gemeint sind - Einbrüche in das Leben, die den Menschen unerwartet treffen und auf die er keinerlei Einfluß hat - aber auch die unerwartet guten Ereignisse im Leben, die sogenannten »glücklichen Fügungen« wie beispielsweise das Erlangen einer gesellschaftlich hoch angesehenen Stellung, besondere persönliche Fähigkeiten oder Begabungen, Reichtum und anderes. Doch muß man sich auch bei diesen Privilegien vergegenwärtigen, daß hier gleichzeitig dem Menschen ein hohes Maß an Verantwortung abverlangt wird; denn gerade Wissen und Macht lassen sich mißbrauchen. So war sich beispielsweise Salomon (Sulaiman) der besonderen Verantwortung bewußt, die seine außerordentliche Weisheit und seine Macht erforderten: »Mein Herr, gib mir ein, dankbar für die Gnade zu sein, die Du mir und meinen Eltern gewährt hast, und gib mir ein, Gutes zu tun, das Dir wohlgefällig sei, und nimm mich in Deiner Barmherzigkeit unter Deine rechtschaffenen Diener
auf.« (27/19)
»... Dies geschieht durch die Gnade meines Herrn, um mich zu
prüfen, ob ich dankbar oder undankbar bin. Und wer dankbar
ist, der ist dankbar zum Heil seiner eigenen Seele; wer aber
undankbar ist — siehe, mein Herr ist auf keinen angewiesen,
großzügig.«
(27/40)
Vignette
Vignette, mit der der Beginn einer Koransure gekennzeichnet wird (Iran, frühes 13- Jh. n. Chr.)
Die Engel
Die unsichtbare Welt der Engel wird Malakut genannt. Engel sind aus Licht erschaffene, unsichtbare, körperlose Wesen. Im Gegensatz zu den Menschen verfügen sie über keinerlei Emotionen und besitzen keinen eigenen unabhängigen Willen; daher sind sie frei von Sünde und unbestechlich. Sie folgen allein Gottes Befehlen. Die Idee von »gefallenen Engeln« ist daher dem Islam fremd.1
Die Willens- und Entscheidungsfreiheit des Menschen, die ihm Gott verlieh, damit er auf Erden als Statthalter Gottes wirkt, zeichnet den Menschen vor allen anderen Geschöpfen aus. Daher warfen sich die Engel auf Geheiß Gottes vor Adam — dem ersten Menschen, der zugleich auch der erste der Propheten war — nieder.2
Engel sind mit verschiedenen Aufgaben betraut. Zum einen überbringt Gott mittels ihrer Seine Offenbarungen:»Er sendet die Engel auf Seinen Befehl mit der Offenbarung zu
dem von Seinen Dienern hernieder, zu dem Er will: >Warnt
(die Menschen), daß kein Gott da ist außer Mir. Mich allein
sollt ihr fürchten. <«
(16/2)Vor allem der Engel Gabriel hat bei der Übermittlung der göttlichen Botschaften eine herausragende Bedeutung. So wurde z. B. Mohammed der Inhalt des Korans von ihm überbracht;» Und wahrlich, dies ist eine Offenbarung vom Herrn der Welten,
die vom vertrauenswürdigen Gabriel herabgebracht worden ist auf
dein Herz, auf daß du einer der Warner sein mögest... .«
(26/192-194)
1(Yusuf'Alî und Daryabadi in »Die Bedeutung des Korans«, Rn. 33 zu Sure 2/30) 2(Siehe Sure 2, Verse 30-34).
Die Bezeichnung »heiliger Geist« wird im Islam als Beiname des Engels Gabriel verstanden.1
Auch die Geburt Jesu ('Isa) wurde Maria (Marjam) von den Engeln angekündigt:»Und gedenke der Zeit, ah die Engel sprachen: >O Maria, Gott hat dich wahrlich auserwählt und rein gemacht unddich vor den Frauen in aller Welt auserwählt... Gott
verkündet dir wahrlich die frohe Botschaft eines Wortes von
Ihm. Sein Name soll sein Messias Jesus, Sohn der Maria,
hochgeachtet in dieser Welt und im Jenseits und einer von
denjenigen, die Gott nahe sind. Er wird in der Wiege zu den
Menschen sprechen und als Erwachsener, und wird einer der
Gerechten sein.< Sie sagte: >Mein Herr, wie soll ich einen
Sohn haben, wo doch kein Mann mich berührt hat?< Er
sprach: >Solcherart ist Gottes Beschluß. Er erschafft, was Er
will. Wenn Er eine Sache beschließt, so sagt Er zu ihr >Sei!<
und sie ist. Und Er wird ihn das Buch lehren und die
Weisheit und die Thora und das Evangelium.*«
(3/42, 45 bis 48)Der Engel Gabriel war es schließlich, der Maria nochmals die Geburt Jesu ankündigte und ihr mit Gottes Erlaubnis den Geist einhauchte.2
Die Einzelheiten des eigentlichen Vorgangs der Übermittlung göttlicher Offenbarung bleiben für den Menschen jedoch verborgen, ein Wunder, da diese Ereignisse nicht mit Begriffen alltäglicher menschlicher Erfahrung erklärt werden können; der Mensch ist nicht dazu in der Lage, dieses Geschehen verstandesmäßig zu erfassen:
1(Yusuf 'Älî in »Die Bedeutung des Korans«, Rn. 293 zu Sure 16, Vers 102) 2(Siehe Sure 19/17-22)
»Und sie befragen dich über den Geist. Sprich:>Das Wissen
über den Geist ist allein meinem Herrn vorbehalten. Und was
ihr an Wissen erhalten habt, ist sehr gering. «
(17/85)Im übrigen wird die Seele eines jeden Menschen durch einen Engel eingehaucht, was aus folgendem Hadith hervorgeht:
Abdullah berichtete, daß der Gesandte Allahs sagte: » (...) Wahrlich, die Schöpfung eines jeden von euch wird im Leibe seiner Mutter in vierzig Tagen (als Samentropfen) zusammengebracht; danach wird er ebensolang ein Blutklumpen; danach ist er ebensolang ein kleiner Fleischklumpen; Danach entsendet Allah einen Engel, der mit vielerlei beauftragt wird: mit der Bestimmung seines Lebensunterhaltes, seiner Lebensdauer und ob er elend oder glückselig sein wird. Danach haucht er ihm die Seele ein... .« ]
Ferner helfen die Engel dem Menschen auf Befehl Gottes;2 sie werden aber auch dazu eingesetzt, die Taten der Menschen niederzuschreiben -die guten wie die schlechten:» Und über euch sind wahrlich Wachende, edle Niederschreibende, die wissen, was ihr tut.«(82/10-12)
»Wenn die zwei aufnehmenden Engel etwas niederschreiben,
zur Rechten und zur Linken sitzend, spricht er (der Mensch)
kein Wort aus, ohne daß neben ihm ein Aufpasser wäre, der
stets bereit ist, es aufzuzeichnen. «
(50/18)Und schließlich hat der Engel des Todes (Azrael) die Aufgabe, die Seele des Sterbenden in Empfang zu nehmen, um sie zu Gott zurückzubringen:
1(Auszüge aus Sahîh Al Buchâryy, Hadith Nr" 6594)
2(Siehe Sure 3, Vers 124)
»Sprich: Der Engel des Todes, der über euch eingesetzt wurde, wird euch abberufen; dann werdet ihr zu eurem Herrn zurückgebracht.«(32/11)Dem Koran läßt sich in diesem Zusammenhang außerdem entnehmen, daß die Seele nicht nur im Falle des Todes den menschlichen Körper verläßt:» Und Er ist es, Der eure Seelen in der Nacht abruft und weiß,
was ihr am Tage begeht, an dem Er euch dann wieder erweckt,
auf daß die vorbestimmte Frist vollendet werde. Zu ihm werdet
ihr dann heimkehren; dann wird Er euch verkünden, was ihr
getan habt. Und Er ist es, der alle Macht über Seine Diener
hat, und Er sendet über euch Wächter, bis endlich, wenn der
Tod an einen von euch herantritt, Unsere Boten seine Seele
dahinnehmen; und sie vernachlässigen nichts.«
(6/60, 61)
»Allah nimmt die Seelen der Menschen zur Zeit ihres Sterbens
(zu Sich) und auch die Seelen derer, die nicht gestorben sind,
wenn sie schlafen. Dann hält Er die zurück, über die Er den
Tod verhängt hat, und schickt die anderen wieder bis zu einer
bestimmten Frist ins Leben zurück. Hierin sind wahrlich
Zeichen für Leute, die nachdenken.«
(39/42)Insofern besitzt das bekannte Sprichwort, daß der Schlaf der kleine Bruder des Todes sei, aus islamischer Sicht tatsächlich einen wahren Kerngehalt.
Theologisch umstritten ist die Befragung der Toten im Grab durch die Engel Munkâr (Verwerflich) und Nakîr (Gräßlich), obgleich sie einen festen Bestandteil der Volksfrömmigkeit darstellt. Gemäß der Überlieferung erscheinen diese beiden Engel nach der Bestattung des Toten, um
den Toten nach seinem Glauben und seinem Glaubensleben zu befragen. Im Koran lassen sich hinsichtlich der Befragung im Grab keinerlei Belegstellen finden, jedoch ist sie Inhalt einiger Hadithe:
Abu Huraira berichtete: »Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Heil auf ihm, sprach gewöhnlich folgendes Bittgebet: >O Allah mein Gott, ich nehme meine Zuflucht bei Dir vor der Peinigung im Grab, vor der Peinigung im Höllenfeuer, vor der Versuchung zu Lebzeiten und beim Tod, und vor den Wirren des falschen Messias.<«1
Anas berichtete, daß der Gesandte Allabs sagte: »Wenn der Diener Gottes in sein Grab gebettet worden ist, seine Gefährten die Beerdigung beendet haben und dabei sind, wegzugehen — so daß der Verstorbene selbst ihre Schritte hört - kommen zu ihm zwei Engel, die ihn aufrecht setzen und befragen: >Was pflegtest du über diesen Mann Muhammad, Allahs Segen und Heil auf ihm, zu sagen?< Er sagt dann: >Ich bezeuge, daß er der Diener Allahs und Sein Gesandter ist.< Es wird zu ihm gesagt: >Schau hin zu deinem Sitz im Höllenfeuer! Allah hat dir statt dessen einen Sitz im Paradies gegeben!« Er sieht dann alle beide! Was den Ungläubigen oder den Heuchler angeht, so beantwortet dieser die Frage so: >Ich weiß es nicht! Ich habe nur das gesagt, was die Menschen zu sagen pflegen!< Es wird zu ihm gesagt: >Du weißt nichts und sprichst nichts!" Dann wird ihm mit einem Eisenhammer ein Schlag zwischen seine beiden Ohren versetzt, der ihn zu einem Geschrei bringt, das von allem Nächsten gehört wird, mit Ausnahme der beiden Erdbewohner (d.h. mit Ausnahme der Menschen und der Dschinn).«2
Skepsis erregt dieser Hadith sicherlich dadurch, daß er so detailfreudig geschildert ist. Vorab ist anzumerken, daß es sich hierbei um einen sogenannten »gesunden« Hadith handelt, d.h. mit einer starken Über-
1(Auszügc aus Sahîh Al Buchâryy, Hadith Nr. 1377) 2(Auszüge aus Sahîh Al Buchâryy, Hadith Nr. 1338)
lieferungskette. Das Problem der Auslegung von Hadithen zeigt sich an dieser Stelle geradezu exemplarisch; denn sehr viele Hadithe — insbesondere die hinsichtlich des Jüngsten Tages — beinhalten derart detaillierte Schilderungen, die nicht wörtlich, sondern nur in übertragenem Sinne verstanden werden können. Solche bildhaften Vergleiche kommen der menschlichen Psyche entgegen, um eine Ahnung bzw. Vorstellung des Geschilderten zu ermöglichen. Eine wörtliche Auslegung sowohl von Hadithen als auch Koranversen ist in der islamischen Theologie verfehlt, wenn sie der Erfahrung und der Vernunft widerspricht.
So ist auch dieser Hadith nicht wörtlich, sondern symbolisch zu verstehen. Für die übertragene Deutung sprechen hier mehrere Gründe: Zum einen könnte ein Christ oder ein Jude mit der Frage, was er zu Lebzeiten über Mohammed gesagt habe, vermutlich sehr wenig anfangen (wenn sie ihm nicht sogar zum Verhängnis würde). Jeder Mensch wird aber am Jüngsten Tag nach der Absicht seiner Taten und seiner eigenen Religionszugehörigkeit bewertet und gerichtet, was eindeutig aus dem Koran hervorgeht:»Wahr/ich, diejenigen, die glauben, und die Juden, die Christen
und die Sabäer, wer an Allah und den Jüngsten Tag glaubt und
Gutes tut - diese haben ihren Lohn bei ihrem Herrn; und sie
werden weder Angst haben, noch werden sie traurig sein.«
(2/62)
» Und wahrlich, unter den Leuten der Schrift gibt es solche, die
an Allah glauben und an das, was zu euch hinabgesandt
worden ist, und was hinabgesandt worden ist zu ihnen. Sie
sind Demütige vor Allah und verkaufen Seine Zeichen nicht
gegen einen winzigen Preis. Jene haben ihren Lohn bei ihrem
Herrn. Wahrlich, Allah ist schnell im Anrechnen.«
(3/199)
Zum anderen wird es als Barmherzigkeit Gottes verstanden, daß Gott den Menschen absichtlich nicht alles wissen läßt, was die Geheimnisse zum Beispiel um die menschliche Seele, insbesondere aber die Geschehnisse nach dem Tod und am jüngsten Tag betrifft, da das Wissen über die am Jüngsten Tag bevorstehenden Schrecken eine zu große Belastung für die menschliche Psyche wäre.»Sie befragen dich nach der Stunde, wann sie wohl eintretenwerde. Sprich:>Das Wissen darum ist bei meinem Herrn.
Keiner als Er kann sie zu ihrer Zeit bekannt geben. Schwer
lastet sie in den Himmeln und auf der Erde. Sie soll über euch
nur plötzlich hereinbrechen .<...«
(7/185)Und ein Ausspruch des Propheten lautet: »Wenn ihr nur wüßtet, was ich weiß, würdet ihr wenig lachen und viel weinen!«1
Die Überlieferung über die Befragung im Grab muß also dahingehend verstanden werden, daß der Mensch nach seinem Ableben darüber Rechenschaft ablegen muß, was er getan hat und wem er eigentlich in seinem Leben gedient hat, wen oder sogar was er sich in seinem Leben zur Gottheit oder gar zum Götzen gemacht hat. Als Götzen kommen nicht nur Figuren/Statuen oder Idole und Personen in Betracht, die verehrt werden, sondern auch und vielleicht gerade Reichtum, gesellschaftliche Stellung und Macht.
Die Frage, was man zu Lebzeiten über Mohammed gesagt habe, muß daher als austauschbar betrachtet werden. So könnte zum Beispiel ein Christ darüber befragt werden, was er zu Lebzeiten über Jesus gesagt habe, ein Jude wiederum darüber, was er über Moses oder David gesagt habe. Es geht hierbei auch um die Beziehung des einzelnen Menschen zu seiner eigenen Religionszugehörigkeit, d.h. ob er sich während seines
1(Auszüge aus Sahîh Al Buchâryy, Hadith Nr. 6486)
Lebens an das gehalten hat, was ihm die Religion, der er sich zugehörig fühlt, geboten hat.
Für diese Deutung sprechen sowohl zwei Koranverse zu den religionsabhängigen Riten bzw. Bräuchen als auch zwei weitere Hadithe, in denen die Überlieferung hinsichtlich der Befragung im Grab wesentlich neutraler behandelt wird:»...Für jeden von euch haben Wir Richtlinien und eine
Laufbahn bestimmt. Und wenn Allah gewollt hätte, so hätte
Er euch zu einer einzigen Gemeinde gemacht. Er wollte euch
aber in alledem, was Er euch gegeben hat, auf die Probe stellen.
Darum sollt ihr um die guten Dinge wetteifern. Zu Allah
werdet ihr allesamt zurückkehren; und dann wird Er euch das
kundtun, worüber ihr uneins waret.«
0/48)»Einem jeden Volke haben Wir Andachtsriten gegeben, die sie befolgen;... .«(22/67)Al-Bara Ibn Azib berichtete, daß der Gesandte Allahs sagte: »Wenn der Muslim (nach seinem Tod) im Grab gefragt wird, so bezeugt er, daß kein Gott da ist außer Allah, und daß Mohammed der Gesandte Allahs ist ... .«1 Abu 'Amr hörte von Uthman Ibn 'Affan, daß der Gesandte Gottes nach einer Beerdigung am Grab des Verstorbenen zu stehen und zu sagen pflege: »Trachtet nach Vergebung für euren Bruder und bittet um Standhaftigkeit für ihn; denn nun wird er über seine Taten befragt.«2
1(Auszüge aus Sahîh Al Buchâryy, Hadith Nr. 4699)2(Nach Abu Dawud; Riyâd-us-Sâliheen, Band II, Hadith Nr. 946 - Narrated Abu 'Amr from Uthman Ibn 'Affan: »After the burial of a dead man, Allah 's Messenger would scay by the grave and say >Seek forgiveness fot your brother and supplicate for him for steadfastness because he is being questîoned (about his deeds) now.<«)
Die Überlieferung hinsichtlich der Befragung im Grab ist insofern für die Glaubenspraxis der Muslime von Bedeutung und hier so detailliert besprochen, als sie einen wesentlichen Bestandteil des Bestattungs-ritus darstellt, bei dem die Trauergemeinde während des Trauerzuges versucht, dem Verstorbenen zu helfen, ihn auf die Befragung durch die Engel vorzubereiten. Hierbei wird dem Toten (je nach Tradition) folgende Formel nachgerufen: »O Diener Gottes! Erinnere dich an die Verpflichtung, die du vor Verlassen dieser Erde auf dich genommen hast: Das Wissen darum, daß es keine Gottheit gibt außer dem Einen Gott, und daß Mohammed des Einen Gottes Sendbote ist; daß der Glaube an das Paradies Wahrheit ist, und daß die Hölle Wahrheit ist, und daß die Befragung im Grabe Wahrheit ist und es keinen Zweifel daran gibt, daß der Jüngste Tag kommen wird, an dem Gott diejenigen, die in den Gräbern sind, auferwecken wird; und daß du erkannt hast, daß Gott dein Herr ist.«
Abschließend sei zu dieser Überlieferung gesagt, daß der Glaube an die Befragung im Grab nicht zwingend ist; denn selbst einen starken Hadith anzuzweifeln bedeutet nicht Kufr (Glaubensverweigerung bzw. Unglaube). Pflicht ist es hingegen, an den Jüngsten Tag zu glauben, bei dem ohnehin die Taten in letzter Instanz beurteilt werden.
Andere Engel wiederum haben die Aufgabe von Wächtern; so wird z.B. einem Hadith zufolge die Stadt Medina durch Engel vor dem falschen Propheten bzw. dem falschen Messias (Dadschal) geschützt:
Abu Huraira berichtete, daß der Gesandte Allahs sagte: »An den Eingängen von Medina befinden sich Engel. Daher drängen weder die Pest noch der Dadschal hinein.«1
Der Jüngste Tag wird dadurch eingeleitet, daß von einem Engel in eine Posaune bzw. ein Horn, in den Sûr, gestoßen wird. Dieser Engel wird
1(Auszüge aus Sahîh Al Buchâryy, Hadith Nr. 7133)
von der Tradition Esrafil genannt und hat die ausschließliche Aufgabe, die Endzeit durch das Blasen dieses Instrumentes, das natürlich - gemessen an dem gewaltigen Ereignis - wiederum nur symbolisch mit einer Posaune oder einem Hörn verglichen werden kann, anzukündigen.» Und in den Sûr wird gestoßen, und alle, die in den Himmelnund auf der Erde sind, werden tot niederstürzen; mit
Ausnahme derjenigen, die Allah ausnehmen will. Dann wird
wiederum in den Sûr gestoßen, und dann stehen sie; sie warten.
Und es erstrahlt die Erde vom Licht ihres Herrn, und es wird
die Schrift aufgelegt, und es werden die Propheten und die
Zeugen gebracht, und es wird zwischen ihnen entschieden
gemäß der Wahrheit, und es wird ihnen kein Unrecht
(39/68 u. 69)
» Und höre zu an dem Tag, wenn der Rufer von einem nahen
Ort zum Jüngsten Gericht rufen wird. An dem Tag hören sie
(alle Geschöpfe) den Schreckensschrei mit der Wahrheit; das ist
der Tag der Auferstehung.«
(50/41,42)Im Koran namentlich erwähnt ist schließlich der Engel Mâlik, der mit dem Höllenfeuer beauftragt ist:»Wahrlich, die Sünder werden ewig in der Strafe der Hölle
verharren; sie wird für sie nicht gemildert werden, und sie
werden in ihr von Verzweiflung erfaßt werden. Nicht Wir
taten ihnen Unrecht, sondern sie selbst taten (sich) Unrecht.
Und sie werden rufen: >O Mâlik, laß deinen Herrn ein Ende
mit uns machen!< Er wird sprechen: >Ihr müßt bleiben. <«
(43/74 bis 11)
Kachelmotiv
Kachelmotiv aus der Alhambra (Granada, Spanien)
Die Dschinn
» Und Wir haben den Menschen wahrhaftig aus tönendem Lehm geschaffen, aus formbarem Schlamm; und die Dschinn erschufen Wir vordem aus dem Feuer des sengenden Windes.«
(15/26, 21) »Und die Dschinn schuf Er aus rauchloser Feuerflamme.«
(55/15) »Und eines Tages bringt Er sie zusammen, allesamt: >0 ihrSchar der Dschinn! Ihr habt schon viele der Menschheit
fehlgehen lassen!< Und ihre Freunde unter den Menschen sagen:
> Unser Herr, manche von uns haben sich anderer bedient, und
wir haben unsere Frist erreicht, die Du für uns festgesetzt hast. <
Er spricht: >Das Feuer ist eure Wohnstätte. Dort werdet ihr
ewig verweilen, außer wenn Allah anders entscheidet. <
Wahrlich, dein Herr ist weise, allwissend.«
(6/128)
»>0 ihr versammelten Dschinn und Menschen! Sind nicht
Gesandte aus euren Reihen zu euch gekommen, die euch Meine
Zeichen vorgetragen und euch vor dem Eintreffen dieses eures
Tages gewarnt haben?< Sie werden sagen: >Wir legen Zeugnis
gegen uns selbst ab!< Und das Leben dieser Welt hat sie
getäuscht, und sie haben gegen sich selbst bezeugt, daß sie
Glaubensverweigerer waren.«
(6/130)» Und Wir haben viele von den Menschen und Dschinn für die Hölle bestimmt. (Denn) Sie haben Herzen, doch sie verstehen nicht damit; und sie haben Augen, doch sie sehen nicht damit; und sie haben Ohren, doch sie hören nicht damit. Sie sind wie
das Vieh, nein, sie sind noch weiter abgeirrt. Sie sind es, die
allen Ermahnungen gegenüber achtlos sind.«
(71179)Die Dschinn sind Wesen, die auf einer anderen (feinstofflicheren) Ebene als die Menschen existieren. Dem anfangs zitierten Koranvers ist zu entnehmen, daß die Schöpfung der Dschinn der Schöpfung der Menschen voranging. Im Gegensatz zu den Menschen, die Gort aus Lehm erschuf (55/14), wurden die Dschinn aus Feuer, also aus nicht-körperlichen Elementen erschaffen. Mit den Menschen haben die Dschinn jedoch gemeinsam, daß sie im Gegensatz zu den Engeln einen freien Willen haben, was daran deutlich wird, daß sie den Glauben verweigern können. Das Wort Dschinn entstammt der Wurzel dschanna, d.h. (passiv) verborgen sein oder (aktiv) verbergen.1
Mit dem Begriff Dschinn sind also die Wesen gemeint, die man gemeinhin unter der Bezeichnung Geister versteht. Man sollte sich jedoch nicht zu Vorstellungen wie aus den Märchen von Tausendundeiner Nacht2 verleiten lassen, denn es können auch psychische Kräfte unter dem Begriff Dschinn verstanden werden. Bei den Dschinn handelt es sich jedoch nicht um die Geister Verstorbener, sondern um eine von der menschlichen Existenz unabhängige Lebensform, die jedoch nicht näher bestimmt werden kann.
Allzu detailfreudige Schilderungen der Dschinn und Dämonen, wie sie zum Teil auch in muslimischer Literatur zu finden sind, können in Anbetracht dessen, daß die Aussagen des Korans und der Hadithe eben nicht immer wörtlich, sondern bildlich zu verstehen sind, oft nur auf reine Annahmen gegründet sein. Die Existenz anderer feinstofflicher Lebensformen wie die der Dschinn (oder auch der Engel) bleibt letztend-
1(Yusuf 'Alî in »Die Bedeutung des Korans«, Rn. 277 zu Sure 6/100) 2(Wie z.B. bei dem Flaschengeist aus »Aladins Wunderlampe«)
lich ein Mysterium, das nicht »abschließend« beantwortet werden kann.Die Dscbinn sind für den Menschen normalerweise nicht sichtbar, können aber für den Menschen sichtbare Handlungen oder auch hörbare Geräusche bewirken; zuweilen werden Aktivitäten der Dscbinn in Séancen und bei anderen okkulten Praktiken herausgefordert, worauf noch näher im nachfolgenden Kapitel über den Satan und die Dämonen eingegangen wird.
In diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen, daß die Dschinn auch in der Lage sind, Menschen nachzuahmen. Dies ist beispielsweise der Fall, wenn in einer Sêance mit einem Verstorbenen »Kontakt« aufgenommen werden soll. Die eventuellen Reaktionen sind nach islamischer Auffassung nicht die Antworten des Verstorbenen (da dessen Seele bereits zu Gott geführt wurde), sondern die eines Dschinn, der aufgrund seiner unsichtbaren Beobachtungsmöglichkeiten natürlich auch die persönlichen Gewohnheiten und Lebensverhältnisse des Verstorbenen kennen kann. Daher können sogenannte »Testfragen« - zum Beispiel nach dem Lieblingsgetränk des Verstorbenen - keinerlei »Beweisfunktion« haben. Es handelt sich lediglich um täuschende Aktionen durch diese Wesenheiten. Darüber hinaus sind »spiritistische« Sitzungen nicht gerade ungefährlich für die Psyche des Menschen. Da es sich bei Séancen um sinnlose (weil trügerische) und mitunter gefährliche Versuche handelt, mit einem nicht (oder nicht mehr) auf der Seinsstufe des Menschen befindlichen Wesen zu kommunizieren, sind im Islam Sêancen und dergleichen verboten (haram).1
Trotz alledem gelten die Dschinn als gewöhnliche Geschöpfe Gottes, welche wie die Menschen sterblich sind und auch am Jüngsten Tag gerichtet werden.2 Zu beachten ist jedoch, daß der Koran in Bezug auf die
1(Siehe hierzu Al-Qaradawi, Erlaubtes und Verbotenes im Islam, S. 202 ff.) 2(Daryabadi in »Die Bedeutung des Korans«, Rn. 57 zu Sure 15/27)
Kachelmotiv am der Alhambra
Kachelmotiv am der Alhambra (Granada, Spanien)
Dschinn keinerlei Angaben über eine wie auch immer geartete Geschlechtlichkeit gibt, weshalb von einer zu vermenschlichenden Betrachtungsweise dieser Wesenheiten Abstand genommen werden sollte. Dem Koran ist zwar immer wieder entnehmbar, daß Gott alles paarweise erschaffen hat, doch muß sich das nicht stets auf eine Geschlechtlichkeit der erschaffenen Dinge beziehen, sondern kann auch Gegensätze bzw. Wortpaare wie »positiv« und »negativ« meinen. Gedanken, also psychische Kräfte, die ebenfalls unter dem Begriff »Dschinn« verstanden werden können, treten ebenfalls paarweise (positiv-kreativ und negativ-destruktiv) auf. Als weitete Beispiele seien hier noch Tag und Nacht, positive und negative elektrische Ladung, Süßwasser und salziges Meerwasser für paarweise Erschaffenes genannt.»Sprich: Es wurde mir offenbart, daß eine Schar der Dschinn
zuhörte und dann sagte: >Wahrlich, wir (Dschinn) haben einen
wunderbaren Koran gehört, der zur Rechtschaffenheit leitet; so
haben -wir an ihn geglaubt, und wir werden unserem Herrn nie
jemanden zur Seite stellen. Und wir haben gehört, daß unser
Herr — erhaben ist Er — Sich weder Gattin noch Sohn genommen
hat. Und ein Narr von uns hat über Allah Abweichendes gesagt.Und wir hatten angenommen, daß weder Menschen noch Dschinn je eine Lüge über Allah sprechen würden. Es haben
manche von den Menschen bei manchen von den Dschinn Zuflucht gesucht, was sie gemehrt hat an Fehkrlast. Und sie haben gemeint, wie ihr (Menschen) gemeint habt, daß Allahsicher keinen auferweckt. Und wir haben den Himmel
untersucht, und wir haben ihn gefunden, angefüllt mit starken
Wachen (Engeln) und Flammen. Und wir haben immer dort
gesessen, um zu lauschen. Wer aber jetzt lauscht, der findet einen
schießenden Stern für sich auf der Lauer. Und wir wissen (nach
dem heimlichen Zuhören) nicht, ob etwas Böses für diejenigen
beabsichtigt ist, die auf der Erde sind, oder ob ihnen der Herr
etwas Gutes zukommen lassen will. Und manche unter uns sind
Rechtschaffene, und manche unter uns sind weit davon entfernt;
wir gehen verschiedene Wege. Und wir wissen, daß wir auf keine
Weise Allah auf Erden zuschanden machen können, noch können
wir Ihm durch Flucht entrinnen. Und als wir aber von der
Rechtleitung vernahmen, da glaubten wir an sie. Und der, der
an seinen Herrn glaubt, fürchtet weder Einbuße noch Unrecht.
Und manche von uns sind Gottergebene, und manche unter uns
sind vom rechten Weg abgewichen.«
(72/1-14)Über König Salomon erfahren wir aus dem Koran, daß ihm u.a. die Dschinn und die Teufel bzw. Dämonen auf Gottes Geheiß gehorchen mußten und er sich ihre Fähigkeiten dienstbar machen konnte: »Wir gaben Salomon volle Einsicht in die Sache, (...) Weisheitund Wissen. (...) Und Salomon machten Wir den Wind
dienstbar, der in seinem Auftrag in das Land blies, das Wir
gesegnet hatten. Und Wir besitzen Kenntnis von allen Dingen.
Und von den Satanen, die für ihn tauchten (nach Perlen) und
dazu noch andere Werke verrichteten; und Wir Selbst
beaufsichtigten sie.«
(21/79 bis 82)
»Und Salomon wurde Davids Erbe, und er sagte: >0 ihr
Menschen, die Sprache der Vögel ist uns gelehrt worden; und
alles wurde uns beschert. Das ist wahrlich die offenbare Huld.<
Und dort vor Salomon wurden dessen Heerscharm der Dschinn
und Menschen und Vögel versammelt, ... .«
(27/16, 17)
»Und Salomon machten Wir den Wind dienstbar; (...). Und
Wir verflüssigten ihm eine Metallquelle. Und von den Dschinn
gab es welche, die unter ihm auf Geheiß seines Herrn arbeiteten.
Und sollte sich einer von ihnen von Unserem Befehl abwenden, so
würden Wir ihn die Strafe des Feuers kosten lassen. Sie machten
für ihn, was er begehrte: Gebetsstätten und Bildwerke, Becken
wie Teiche und fest verankerte Kochkessel...«
(34/12, 13)Trotz ihrer Fähigkeiten, z.B. allerlei Trugbilder hervorzurufen, darf man aber keinesfalls annehmen, daß die Dschinn außer ihrer Möglichkeit zu heimlichen Beobachtungen zu besonderen Wahrnehmungen fähig sind, d.h. zukünftige Ereignisse vorhersehen können. So bemerkten die Dschinn (wie auch alle anderen Lebewesen) beispielsweise zunächst nicht, daß Salomon längst verstorben war. Erst als der Stab, auf den sich Salomon zu stützen pflegte, durch das Nagen eines Holzwurms brüchig geworden war und zerbarst, woraufhin der leblose Körper des Königs zusammensackte, bemerkten sie, daß Salomon tot war:» Und als Wir über ihn (Salomon) den Tod verhängt hatten, da
zeigte ihnen nichts seinen Tod außer einem Tier aus der Erde,
das seinen Stock zerfraß; so gewahrten die Dschinn deutlich,
wie er fiel, so daß sie, hätten sie das Verborgene gekannt, nicht
in schmählicher Pein hätten bleiben müssen,«
(34/14)Nach Salomon hat(te) im übrigen kein Mensch mehr die Macht über die Dschinn und die Dämonen.
Der Satan und die Dämonen
Der Satan (Iblis, Schaitan) ist nach islamischer Auffassung kein »gefallener Engel«, da Engel wie bereits erwähnt keinen eigenen Willen besitzen, sondern sozusagen ein »gefallener Dschinn« - das heißt ein Dschinn, der sich dem Willen Gottes verweigert hat. Die Bezeichnung »Schaitan« ist von dem Verb schatana abgeleitet, was übersetzt heißt »er war entfernt«. Dies wird so verstanden, daß er von allem Guten und Wahren entfernt ist1. Als weitere Wurzel gilt auch das Verb »schâta«, das heißt »brennen«.
Iblis ist es auch, den die Dschinn selbst in Sure 72, Vers 4 als »Narr« bzw. »Tor« bezeichnen. Der Name Iblis bedeutet übersetzt »der Enttäuschte«.2 Warum Satan enttäuscht ist und seinen Gehorsam gegenüber Gott verweigert, erklären die folgenden Verse:» Und da sprachen Wir zu den Engeln: > Werft euch vor Adam
nieder!< Und sie warfen sich nieder, außer Iblis. Er war einer
der Dschinn, so war er ungehorsam gegen den Befehl seines
Herrn. (...)«
(18/50)
»Da sprach dein Herr zu den Engeln: >Es ist Mein Wille,
einen Menschen aus Ton zu erschaffen. Und wenn Ich ihn
gebildet und Meinen Geist in ihn eingehaucht habe, dann fallt
vor ihm nieder. < Da warfen sich alle Engel nieder, aber Iblis
nicht. Er wandte sich hochmütig ab und war ungläubig. Gott
sprach: >Iblis, was hat dich gehindert, daß du dich
1(Asad in »Die Bedeutung des Korans«, Rn. 37 zu Sure 15/17) 2(Maududi in »Die Bedeutung des Korans«, Rn. 39 zu Sure 2/34)
niederwirfst vor dem, was Ich mit Meinen Händen geschaffenhabe? Wähnst du dich groß, oder bist du einer von den
Überheblichen?'< Er (Iblis) sagte: >lch bin besser als er. Du
erschufst mich aus Feuer, und ihn (den Menschen) hast Du aus
Ton erschaffen. < Gott sprach: >So geh hinaus von hier; denn du
bist ein Verfluchter, Und Mein Fluch soll auf dir bis zum Tage
des Gerichts lasten. < Er (Iblis) sagte: >0 mein Herr, gewähre
mir eine Frist bis zu dem Tage, an dem sie auferweckt werden,<
Gott sprach: >Also wird dir die Frist gewährt, bis zum Tage
einer vorbestimmten Zeit.' Er (Iblis) sagte: >Bei Deiner
Erhabenheit, ich will sie sicher alle in die Irreführen.
Ausgenommen davon sind Deine erwählten Diener unter
ihnen. < Gott sprach: >Dann ist dies die Wahrheit, und Ich rede
die Wahrheit, daß Ich wahrlich die Hölle mit dir und denen,
die dir folgen, insgesamt füllen werde. <«
(38171-83)Aus dem arabischen Text scheint übrigens auch hervorzugehen, daß Iblis nicht der einzige war, der sich weigerte, sich vor Adam, dem ersten Menschen, niederzuwerfen, sondern daß es noch andere, ungehorsame Dschinn gab. Der Name von Iblis ist vermutlich besonders erwähnt, weil er den Aufruhr anführte.1 Die Dschinn, die sich der Verweigerung Iblis ' anschlossen, werden ebenfalls als Satane, Teufel oder Dämonen bezeichnet.
Jeder Mensch wird dem Koran zufolge von Engeln, aber auch von einem Schaitan bzw. Dämon begleitet, der ihn zum Bösen verleitet; stirbt der Mensch, so stirbt mit ihm auch der Dämon, der als »Gefährte« des Menschen bezeichnet wird:
1(Siehe Maududi in »Die Bedeutung des Korans«, Rn. 39 zu Sure 2/34)
» (...) und es kommt die Agonie des Sterbens mit der
Wahrheit: >Das ist es, dem du zu entrinnen suchtest. < (,,.)
'Wahrlich, du warst dessen ahnungslos gewesen; nun haben
Wir deine Hülle von dir genommen, so daß dein Blick heute
scharf ist.< (...) Sein Gefährte spricht: >0 unser Herr, ich
verführte ihn nicht zur Empörung, sondern er selbst ging zu
weit in die Irre.' Er (Allah) spricht: >Streitet nicht vor Mir,
wo Ich euch doch die Warnung im voraus gesandt hatte. <«
(50/19-28)Satan bzw. Iblis ist nicht irgendeine abstrakte Kraft des Bösen, sondern ein Wesen mit eigener Persönlichkeit wie der Mensch.1 Im Unterschied zu den anderen Dschinn bzw. auch den anderen Dämonen stirbt er jedoch gemäß der Frist, die ihm gewährt wurde, nicht bis zum Eintreffen desjüngsten Gerichts. Seinem Ungehorsam liegen offensichtlich Hochmut und Eitelkeit zugrunde, indem er sich als besser, als etwas Besonderes wähnte gegenüber der körperlichen Schöpfung des Menschen. Seine Enttäuschung gründet auf Eifersucht gegenüber dem Menschen, weil Iblis sich von Gott zurückgewiesen fühlte; denn Gott hatte den Menschen vor allen anderen Geschöpfen ausgezeichnet, indem Er ihn als Seinen Statthalter auf Erden bestimmt hatte. Der Mensch ist der Herr der Erde, seinetwegen ist alles auf ihr erschaffen worden. Er gilt als das wertvollste und wichtigste Geschöpf und spielt auf Erden die führende Rolle — er hat die Macht, aber auch die Verantwortung.» Und gedenke der Zeit, als dein Herr zu den Engeln sprach:
>Wahrlich, Ich werde auf Erden einen Statthalter einsetzen.<
(...) Und Er lehrte Adam alle Namen... .«
(2/30,31)
1(Siehe Maududi a.a.O.)
2(Das Buch der Ts, Sechstes Kapitel)
»Er ist es, Der für euch alles erschuf, was auf Erden ist; (...).«
(2/29)Der islamische Mystiker Al-Halladsch (hingerichtet 309 n.Chr.) ging davon aus, daß es sich bei Iblis bzw. Satan um einen »verachteten Liebenden« handelt.1 Satan habe die Niederwerfung vor Adam, dem ersten Menschen, verweigert, weil er sich nur vor Gott niederwerfen wollte, dem einzig Anbetungswürdigen. Satan habe demnach die Niederwerfung vor einem Körper sozusagen als Verrat an der Liebe zu Gott betrachtet. Wenn auch die Auffassung Halladschs eine gewisse Logik aufweist, so darf man dabei nicht vergessen, daß er sich hierbei nicht auf koranische Aussagen über die Motive Satans stützen konnte. Indes sind nämlich die Gründe für die Verweigerung Satans hinsichtlich der Niederwerfung vor Adam nicht so »edel«, wie man aufgrund der Ausführungen Halladschs meinen könnte; denn aus dem Koran geht mehrfach deutlich hervor, daß Satan sich selbst als die bessere Schöpfung betrachtete2, obwohl Gott lediglich dem Menschen als einzigem Lebewesen von Seinem Geist eingehaucht hatte. Der Ausspruch »Ich bin besser als er« hat zudem auch Kritik an der Schöpfung des Menschen durch Gott zum Inhalt, indem Satan die Schöpfung des Menschen (ungerechtfertigterweise) als fehlerhaft gegenüber der seinen empfindet, worin der eigentliche Hochmut zu sehen ist — und zwar nicht nur gegenüber dem Menschen, sondern vor allem gegenüber Gott. Wenn Iblis Gott wahrhaftig geliebt hätte — den Willen und die Souveränität Gottes respektierend — so hätte er die Schöpfung des Menschen akzeptiert. Iblis aber kam über das Stadium der eifersüchtigen Liebe, die in Wirklichkeit nur projizierte Eigenliebe ist, nicht hinaus.
1(Gramlich, Islamische Mystik, S. 42) 2(Siehe Suren 7/12; 38/76)
»Er (Iblis) sagte weiter: >Was denkst Du? Dieser (Mensch) ist es, den Du hoher geehrt hast als mich! (.. .)<«(17/62)Gott lehrte Adam alle Namen, was den Menschen vor allen anderen Geschöpfen auszeichnet. Nach einhelliger Auffassung in der islamischen Theologie sind mit den »Namen« das innere Wesen und die Eigenschaften der Dinge gemeint, wobei in diesen »Dingen« auch Nicht-Greifbares wie Empfindungen und Gefühle eingeschlossen sind.1 Daher verdiente Adam entsprechend Gottes Gebot die Ehrerbietung in Form der Niederwerfung durch alle anderen Geschöpfe als Symbol seiner herausragenden Schöpfung unter allen sonstigen von Gott erschaffenen Kreaturen.
Aufgrund der feindseligen Einstellung, die Iblis gegenüber den Menschen hat, versucht Iblis, den Menschen von Gott und von seiner eigenen herausragenden Stellung unter den Geschöpfen Gottes abzulenken, ihn in Versuchung zu führen. Damit will er aber letztendlich Gott herausfordern. Indem er die Schwächen des Menschen ausnutzt, will er Gott beweisen, daß der Mensch nicht in der Lage ist, Statthaltet Gottes auf Erden zu sein, und folglich dem Menschen ein derartiger Respekt vor allen anderen Geschöpfen nicht gebührt:»Er (Iblis) sagte: >Darum, daß Du mich hast abirren lassen, will ich ihnen (den Menschen) gewiß auf Deinem geraden Wegauflauern. Dann will ich über sie von vorne und von hinten
kommen, von rechts und von links, und Du wirst die Mehrzahl
von ihnen nicht dankbar finden. <«
(7/ 16, 17)» (...) >lch (Iblis), werde von Deinen Dienern einen bestimmten Teil nehmen; und ich werde sie irreleiten und ihre
1(Yusuf 'Alî in »Die Bedeutung des Korans«, Rn. 35 zu Sure 2/31; ders. a.a.O., Rn. 22 zu Sure 7/11)
Hoffnungen anregen und ihnen Befehle erteilen, dem Vieh die
Ohren aufzuschlitzen, und ich werde ihnen befehlen, und sie
werden Gottes Schöpfung verändern.<(...); er macht ihnen
Versprechungen und erweckt Wünsche in ihnen, und was Satan
verspricht, ist Trug.«
(4/119, 120)
»>Und betöre nun mit deiner Stimme von ihnen, wen du
vermagst, und treibe dein Roß und dein Fußvolk gegen sie und
habe an ihrem Vermögen und Kindern teil und mache ihnen
Versprechungen.< Und Satan verspricht ihnen nur Trug.«
(17/64)Die erste Konfrontation des Menschen mit Satan bestand darin, daß Satan Adam und Eva (Hawwa) dazu überredete, sich dem verbotenen Baum zu nähern:»Da sprachen Wir: >0 Adam! Wahrlich, dieser (Satan) ist dir
und deiner Gefährtin ein Feind. Darum laßt ihr beide euch
nicht von ihm aus dem Paradiesgarten vertreiben und euch ins
Elend stürzen. Du hast darin fürwahr genug, um weder hungern
zu müssen noch nackt zu sein. Auch brauchst du darin weder
unter Durst zu leiden noch unter Sonnenhitze. < Doch Satan
flüsterte ihm Böses ein. Er sprach: >O, Adam! Soll ich dich zum
Baum der Ewigkeit führen und zu einem Königreich, das nie
vergeht?< Da aßen sie beide (Adam und Eva) davon und ihreBlöße wurde ihnen bewußt und sie begannen, sie mit zusammengefügten Blättern des Paradiesgartens zu bedecken. So widersetzte sich Adam seinem Herrn und verfiel dem Irrtum.«(20/117-121; siehe auch 2/35, 36)
»So verführte er (Satan) sie durch Betrug. (...)«
(7/22)
Im Gegensatz zur herrschenden christlichen Auffassung handelt es sich bei dem Baum der islamischen Theologie zufolge nicht um den »Baum der Erkenntnis«, da dem Menschen in jenem Stadium viel tieferes Wissen gegeben war als in seinem jetzigen Zustand (denn Gott hatte ihm ja alle Namen gelehrt). Es wird vielmehr davon ausgegangen, daß es sich um den Baum des Bösen handelte, von dem zu essen Adam verboten war und in dessen Nahe er nicht einmal kommen sollte.1 In Sure 17, Vers 60 ist vom »verfluchten Baum« die Rede. Doch stellt der Baum an sich schon ein Symbol dar, nämlich das des Verbotenen. Es war eine Prüfung, an welcher der menschliche Wille wachsen sollte, bei der die Geduld des Menschen und seine Treue zu Gott geprüft werden sollten.2
Zu beachten ist außerdem, daß im Koran - im Gegensatz zum Alten Testament - die Frau (Eva) nicht für den Fehltritt Adams verantwortlich gemacht wird. Vielmehr sind Adam und Eva gleichzeitig von Satan dazu verführt worden, die Früchte des verbotenen Baums zu essen.3
In einem anderen Koranvers lassen sich noch andere Worte finden, mit denen Satan Adam und Eva überredete:»(...) Er (Satan) sagte: >Euer Herr bat euch diesen Baum nur
verboten, damit ihr nicht Engel oder unsterblich werdet. <«
(7/20)Der Irrtum, dem Adam und Eva unterlagen, indem sie der Versuchung Satans nachgaben, bestand zum einen darin, daß sie vergaßen, daß der Mensch bereits schon vor allen anderen Geschöpfen, auch den Engeln, den Vorrang hatte. Der Mensch vergaß also nicht nur Gottes Gebot, sondern auch seine eigentliche Würde als »Statthalter Gottes«. Der weitere Trugschluß bestand darin, daß der Mensch meinte, er kön-
1(Yusuf 'Alî in »Die Bedeutung des Korans«, Rn. 42 zu Sure 2/35) 2(Qutb in »Die Bedeutung des Korans«, Rn. 42 zu Sure 2/35) 3(Siddiqui in »Die Bedeutung des Korans«, Rn. 46 zu Sure 2/36)
ne unsterblich sein — mehr noch, er könne so ewig und unabhängig sein wie Gott.
Der Mensch wird nach islamischer Auffassung rein, unschuldig und frei von allem Bösen geboren, was sich daraus ergibt, daß im Koran immer wieder gesagt wird, daß es sich bei dem Bösen (boshafte, negative Gedanken wie beispielsweise Haß, Hochmut, Neid, Eifersucht, Habgier usw.) um »Einflüsterungen« des Satans handelt, also um etwas, das von außen kommt und nicht Bestandteil der menschlichen Schöpfung ist. So verkörpert der Satan auch bei den Sufis das Negative an sich.1 Die Worte Satans, daß er dem Menschen von allen Seiten auflauern will, um ihn zu verführen und ihn vom richtigen Weg abzubringen, sind wiederum eine symbolische Darstellung dessen, was sich in der Psyche des Menschen abspielt, wenn sich negative und zerstörerische Gedanken fast unmerklich einschleichen; kein Mensch bleibt davon verschont. Daher wird während des Gebetes oft die 114. Sure des Korans — eine »Schutzsure« — rezitiert:»Sprich: Ich suche Zuflucht beim Herrn der Menschen,
Dem König der Menschen, dem Gott der Menschen, Vor dem Übel des sich (immer wieder) zurückziehendenEinflüsterers,Der einflüstert in die Herzen der Menschen, Unter den Dschinn und den Menschen.«
(Sure 114)Satan hat aber nur über die Menschen Macht, die sich verführen lassen; Zwang in irgendeiner Form kann er nicht anwenden, was er selbst den Menschen am Jüngsten Tag entgegenhalten wird:» Und wenn die Sache entschieden worden ist, dann wird Satan sagen:>Allah hat euch ein wahres Versprechen gegeben, ich aber
1(Steffân, Sufi-Praxis, S. 12)
versprach euch etwas und hielt es nicht. Und ich hatte keine
Macht über euch, außer euch zu rufen; und ihr gehorchtet mir. So
tadelt nicht mich, sondern tadelt euch selbst. Ich kann euch nicht
retten, noch könnt ihr mich retten. Ich habe bereits zuvor gegen
Gott rebelliert, mit Dem ihr mich gleichgesetzt habt. Wahrlich,
denen, die Unrecht tun, wird schmerzliche Strafe zuteil. <«
(14/22)Als Adam und Eva von dem verbotenen Baum kosteten, wurde ihnen klar, daß Satan sie betrogen hatte. Ihnen wurde auch bewußt, daß sie durch diesen Ungehorsam ihre Unschuld verloren hatten. Der Verlust, den sie durch ihre falsche Entscheidung erlitten, war sehr groß: im Gegensatz zum vorhergehenden paradiesischen Zustand empfanden sie herben Mangel. Sie schämten sich und fühlten sich bloßgestellt, da plötzlich ihre schlechten Eigenschaften offenkundig wurden, was sie durch das Bedecken ihrer physischen Blöße mit Blättern auszugleichen versuchten.1 Adam und Eva bereuten aufrichtig ihren Fehltritt und baten Gott um Vergebung:»Sie sagten: > Unser Herr! Wir haben uns selbst Schaden zugefügt, und wenn Du uns nicht verzeihst und Dich unserer erbarmst, so werden wir wahrlich unter den Verlorenen sein.<«
(7/23)
»Da empfing Adam von seinem Herrn Worte, und Er wandte
Sich ihm in Seiner Gnade wieder zu; denn wahrlich, Er ist der
gnädig Sich wieder Zuwendende, der Barmherzige.«
(2/37)
»Dann erwählte ihn sein Herr und wandte ihm Seine Gnade
wieder zu und gewährte ihm Rechtleitung.«
(20/122)
1(Siehe Siddiquî und Qutb in «Die Bedeutung des Korans«, Rn. 54 zu Sure 7/22)
Da ihre Reue aufrichtig war, wurde ihnen von Gott Vergebung zuteil. In diesen Versen wird auch deutlich, daß sowohl Schuld als auch Reue bzw. Bedauern rein individueller Natur sind. Daher ist der Begriff der »Erbsünde« dem Islam völlig fremd, demzufolge auch die Idee deren Sühne durch eine Kreuzigung.1 Entsprechend der Gerechtigkeit Gottes ist jedes Lebewesen »nur« für das eigene Handeln und Unterlassen verantwortlich. Das Bedauern für ein Fehlverhalten muß jedoch aufrichtig und von dem Willen getragen sein, nicht denselben Fehler erneut zu begehen. Erst dann wird von der »Umkehr« des Menschen zu Gott gesprochen, bei der Vergebung gewährt wird.
Gott erwählte sodann Adam als Seinen Propheten und setzte ihn wie geplant als Seinen Statthalter auf Erden ein, wo der Mensch die Gelegenheit bekommt, sich im irdischen Leben zu bewähren.»Er sagte: >Geht hinunter von hier (vom Paradies) allesamt.
Der eine ist des anderen Feind, Und die Erde soll euch als
Wohnstatt und Versorgung bis zur festgesetzten Zeit dienen.
(...) Dort sollt ihr leben und dort sollt ihr sterben; und von
dort werdet ihr wieder hervorgebracht werden. <«
(7/24, 25; 20/123; 2/38)
» Und wenn dann eine Rechtleitung von Mir kommt, brauchen
diejenigen, die Meiner Rechtleitung folgen, keine Angst zu
haben, noch müssen sie traurig sein.«
(2/38; 7/123)Das Paradies verließen sowohl die Menschen als auch Satan, der Geist des Bösen, was mit dem Wort »allesamt« zum Ausdruck gebracht wird. Mit dem Satz »Der eine ist des anderen Feind« ist natürlich nicht gemeint, daß die Menschen untereinander Feinde sind, sondern daß Satan der Feind des Menschen ist, wie auch immer wieder an anderen Stellen
1(Siehe Siddiqui in »Die Bedeutung des Korans«, Rn. 50 u. 51 zu Sure 2/37, 38)
Himmelsuhr
Miniatur der Himmelsuhr des al-Gazari (türk. Wissenschaftler), Mitte 13. Jh. n. Chr
des Korans betont wird. Im Gegensatz zu Adam und Eva, denen Gott verzieh, wurde aber Satan auf ewig verflucht, weil ihn sein Hochmut und seine Arroganz nicht an Reue denken lassen.
Satan und seine Anhänger (Dämonen) werden nicht nur als verfluchte Satane oder Teufel bezeichnet, sondern auch als gesteinigte (radschîm) Teufel, da sie von allen Seiten beworfen werden. Sie sind überall Ausgestoßene, da sie sich der göttlichen Ordnung widersetzen. Eine sehr plastische Darstellung dafür, wie die Satane verfolgt werden, findet sich in den folgenden Suren:»Wir haben den untersten Himmel mit den Sternen ausgeschmückt, die einen Schutz vor jedem aufrührerischen Satan bilden. Sie können nichts bei den höheren Bewohnernerlauschen, und sie werden von allen Seiten beworfen als
Ausgestoßene; und für sie ist dauernde Strafe vorgesehen, mit
Ausnahme dessen, der etwas aufschnappt, doch ihn verfolgt ein
flammendes Feuer von durchbohrender Helligkeit,«(37/6-10) » Und Wir setzten im Himmel Sternbilder und schmückten sie
für die Schauenden. Und Wir bewahrten sie vor jedem verfluchten Satan. Außer dem, der verstohlen lauscht; doch der
wird von einer hell leuchtenden Flamme verfolgt.« (15/16 bis 18; siehe aber auch die Suren 26/212;
67/5 u. 72/9)Die Sternbilder dienen zum einen als Schmuck, zum anderen aber auch als Orientierungshilfe. Der astrologische Tierkreis (Zodiac — siehe Abb. der Himmelsuhr) markiert beispielsweise den Stand der Sonne im Laufe eines Jahres als auch das Maß der Wanderung des Mondes und der anderen Planeten. Die zwölf Teile des Zodiacs, die »Tierkreiszeichen«, kennzeichnen den Stand der Sonne in einem bestimmten
Monat. Damit lassen sich die Jahreszeiten eines Sonnenjahres berechnen sowie andere wichtige meteorologische Faktoren ablesen. Diese astronomischen Daten ermöglichen jedoch keine Rückschlüsse auf zukünftige Ereignisse - seien sie nun globaler oder individueller Natur — so wie es die Anhänger der »Astrologie« behaupten.1 Diese Bestrebungen gehören in den Bereich des Aberglaubens und sind mit dem Monotheismus unvereinbar.
Es wird davon ausgegangen2, daß mit dem Begriff »gleißendes Licht« bzw. »hell leuchtende Flamme« als Wurfgeschosse die Sternschnuppen gemeint sind, die verhindern sollen, daß die Satane in andere Sphären aufsteigen. Bei dieser Deutung werden ganz materielle Geschehnisse mit rein spirituellen Betrachtungen verknüpft, auf die die moderne Wissenschaft keine Antwort zu geben vermag.3
Die Frage nach den Beweggründen der Satane für das Lauschen wird von den Kommentatoren unterschiedlich beantwortet: Nach Yusuf 'Alî4 wollen die Satane an der Schönheit und der Harmonie des Universums teilhaben. Da sie aber die göttliche Harmonie von Grund auf leugnen und sich nicht in die göttliche Ordnung einfügen wollen, werden sie mit dem gleißenden Licht bestraft. Dem Licht kommt dabei eine symbolische Bedeutung zu, da es eingesetzt wird, um die Kräfte der Finsternis (Dämonen) zu bekämpfen.
Nach Daryabadi5 versuchen die Satane, den Gesprächen der Engel zu lauschen, um Kenntnis von zukünftigen Ereignissen zu erlangen, die sie
1(Al Hilâlî/Khân, The Interpretation of the meanings of The Noble Qur'an, Anm. 2 zu Sure 15/16; Asad in »Die Bedeutung des Korans«, Rn. 37 zu Sure 15/17) 2(Der Koran in der deutschen Übertragung von Ahmad v. Denffer, Anm. 10 zu Sure 38/10; Yusuf 'Alî, »Die Bedeutung des Korans«, Rn. 39 zu Sure 15/18; AI Hilâlî/Khân, The Interpretation of the meanings of The Noble Qur'an, Anm. 2 zu Sure 15/16) 3(Siehe Bucaille, Bibel, Koran und Wissenschaft, S.164) 4(in »Die Bedeutung des Korans«, Rn. 38 zu Sure 15/18) 5(in »Die Bedeutung des Korans«, Rn. 38 zu Sure 15/18)
dann Menschen vermitteln, die sich mit Okkultismus befassen. Letztere Interpretation deckt sich am besten mit den Aussagen des Korans, daß die Satane den Engeln (in Sure 37/8 als »höhere Bewohner« bezeichnet) heimlich zuhören wollen. Darüber hinaus lassen sich auch Hadithe unterstützend zu dieser Auslegung heranziehen:
Aisha berichtete: »Einige Leute befragten den Gesandten Allahs über die Wahrsagerei, und er sagte zu ihnen: >Das ist nichts!< Die Leute entgegneten: >Aber sie erzählen uns manchmal von einer Sache, die wahr ist!< Der Gesandte Allahs erwiderte: >Dieses einzige wahre Wort schnappt ein Dschinn in aller Eile (von den Engeln) auf und flüstert es in das Ohr seines Gefährten, der es dann mit einhundert Lügen vermischt.««1
In diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen, daß jede Art von Bemühung, mit welchen Hilfsmitteln auch immer, die Zukunft vorherzusagen (Astrologie, (Tarot-)Kartenlegen, Handlesen, Sêancen, Bibliomantie u.s.w.), im Islam verboten ist (haram):2»Sag: Niemand in den Himmeln und auf der Erde kennt das Verborgene, außer Allah ... .«
(27/65)
» Und verboten ist euch, daß ihr, was euch beschieden ist, durch
Lospfeile zu wissen sucht. Dies alles ist Frevel.«
(5/3)
1(Nach Al Buchâryy u. Muslim, Riyâd-us-Sâliheen, Band 2, Hadith Nr. 1668; siehe auch Auszüge aus Sahîh Al Buchâryy, Hadith Nr. 5762 - Narrated Aisha: Some people asked Allah's Messenger about soothsayers. He said, >They are of no account<«. Upon this they said to him, >O, Allah 's Messenger! But they sometimes make true predictions<. Thereupon Allah's Messenger said, >That is a word pertaining to truth which a jinn snatches (from the angels) and whispers into the ears of his friend (the soothsayer), who will then mix more than a hundred lies with it.<«)
2(Vgl. aber auch z.B. AT, Jesaja, Kapitel 44, Verse 6 bis 11; Jeremia Kapitel 10, Vers 2 und Kapitel 14, Verse 13 bis 16)
Bismillah ar-Rahmân
Kalligraphie der Lobpreisung -Bismillah ar-Rahmân, ar-Rahīm
Und zum Orakeln »böser Omen«, was ebenfalls zur Wahrsagerei gehört, heißt es:»Eure Omen sind in euch seiht ... .«
(36/19)Qabisah Ibn al-Muhariq berichtete, daß der Gesandte Gottes sagte: »Das Deuten von Omen anhand des Vogelflugs oder durch das Ziehen von Linien in den Sand sowie das Vorausschauen böser Omen (generell) sind satanische Praktiken.«1
Die Wahrsagerei in all ihren Varianten wird der Magie zugeordnet, die im Islam strengstens untersagt ist — und zwar in jeder Form (»schwarze Magie«, »weiße Magie«).» .. .und sie schaden damit keinem, außer mit der Erlaubnis
Allahs, und sie lernen, was ihnen (selbst) schadet und ihnen
nicht nützt, und bestimmt haben sie schon gewußt, wer sich dies
erkauft, für ihn gibt es am Jenseits keinen Anteil.«
(2/102)Das Vertrauen auf die Magie gilt sowohl als Kufr (Glaubensverweigerung, Unglaube) als auch Schirk (Beigesellung): Kufr, weil die Souveränität des Willens Gottes durch diese Praktiken geleugnet wird; Schirk, weil hierbei dem Wahrsager oder Magier unterstellt wird, er würde das Verborgene kennen bzw. könnte irgendeinen Einfluß auf Ereignisse haben.2 Die Aufspaltung in schwarze und weiße Magie ist letztendlich auch eine Unterscheidung, die anhand menschlicher Maßstäbe getroffen wurde und daher insgesamt betrachtet als kurzsichtig bezeich-
1(Nach Abu Dawud, Riyâd-us-Sâliheen, Band II, Hadith Nr. 1670. - »Narrated Qabisah bin Al-Mukhariq: I heard Allah's Messenger saying, >The Practice of Iyafah, the Interpretation of omens from the flight of birds, the practice of divination by drawing lines on the ground and taking evil omens are all practices of al-Jibt (satanic deeds).<«) 2(Siehe zu der gesamten Thematik AI Qaradawi, Erlaubtes und Verbotenes im Islam, S. 202 ff.)
net werden muß; denn was dem einen Menschen hilft, schadet unter Umständen zugleich einem anderen, oder der momentane Nutzen erweist sich im Laufe der Zeit als das Gegenteil, sozusagen als Fluch; die Konsequenzen sind mitunter schwer abzusehen.
Abschließend sei erwähnt, daß Muslime bei vielen Gelegenheiten — seien es wichtige Vorhaben oder auch bloß das Essen oder das Betreten eines Hauses — die Worte »Bismillah ar-Rahmân ar-Rahîm« (»Im Namen Gottes, des Allerbarmers, des Barmherzigen«) sowie bei Beendigung der Handlung die Worte »Al-hamdu lil-lah« (»Alles Lob gebührt Allah«) aussprechen. Diese Handlung spiegelt die Hoffnung wider, Satan von dem beabsichtigten Vorhaben ausgeschlossen bzw. vertrieben zu haben:
Dschabir berichtete, daß der Gesandte Gottes sagte: »Wenn jemand bei Betreten seines Hauses oder beim Essen den Namen Gottes erwähnt, sagt Satan zu seiner Gefolgschaft: >Hier wird man weder einen Platz finden, um die Nacht zu verbringen, noch Nahrung.< Erwähnt man jedoch beim Betreten des Hauses nicht den Namen Gottes, so sagt Satan zu seiner Gefolgschaft: >Ihr habt einen Platz gefunden, wo ihr die Nacht verbringen könnt.< Wird zudem auch beim Essen der Name Gottes nicht erwähnt, sagt Satan: >Ihr habt sowohl einen Platz für die Nacht als auch Nahrung gefunden^«1
Eine weitere symbolische Handlung im Zusammenhang mit dem Satan stellt z.B. auch das Aussprechen der Worte »Auzu bilahi min aš-Saitani ar-radschîm« (Ich nehme bei Gott Zuflucht vor dem gesteinigten
1(Nach Muslim; Riyâd-us-Sâliheen, Band I, Hadith Nr. 730 - Narrated Dschabir: »I heard Allah' s Messenger saying, >If a person mentions the Name of Allah upon entering his house or eating, Satan says, addressing his followers: >>You will find no where to spend the night and no dinner.<< But if he enters without mentioning the Name of Allah, Satan says to his followers: »You have found a place to spend the night in.« And if he does not mention the Name of Allah at the time of eating, Satan says: You have found a place to spend the night in as well as food.«)
Satan) mit anschließendem dreimaligen Pusten über die linke Schulter dar. Diese soll gemäß der Sunna nach schlechten Träumen ausgeführt werden; das dreimalige Pusten über die linke Schulter symbolisiert das Verjagen des Satans:
Abu Qatada berichtete, daß der Prophet sagte: »Das wahrhaftige Traumgesicht ist von Allah, und das bloße Träumen ist von Satan. Wer von euch im Traum etwas sieht, das er nicht mag, soll er auf seine linke Seite dreimal pusten und seine Zuflucht (bei Allah) suchen; dadurch wird ihm kein Schaden entstehen; (...)•«1
Die Bevorzugung des Gebrauchs der rechten Gliedmaßen basiert auf einigen Hadithen, denenzufolge Satan sich mit seiner linken Hand ernährt:
Dschabir berichtete, daß der Gesandte Gottes sagte: »Eßt nicht mit eurer linken Hand; denn der Satan ißt und trinkt mit seiner linken Hand.«2
Allerdings sollte man nicht der irrigen Annahme unterliegen, die linke Seite symbolisiere generell die »satanische« Seite:
Abdullah sagte: »Keiner von euch soll für Satan einen Anteil seines Gebetes machen, indem er glaubt, es sei ihm Pflicht, seine Gebetsstelle nur von der rechten Seite zu verlassen; denn ich habe oft den Propheten gesehen, daß er seine Gebetsstelle von der linken Seite verließ.«3
Die Bevorzugung des Gebrauchs der rechten Gliedmaßen zeigt die Hoffnung, am Tag des Jüngsten Gerichts zu den Menschen zu gehören,
1(Auszüge aus Sahîh Al Buchâryy, Hadith Nr. 6995)
2(Nach Muslim; Riyâd-us-Sâliheen, Band II, Hadith Nr. 1634 - Narrated Dschabir: »I
heard Allah's Messenger saying: >Do not eat with your left hand, because Satan eats
and drinks with his left hand.<«)
3(Auszüge aus Sahîh Al Buchâryy, Hadith Nr. 0852)
4(Asad in »Die Bedeutung des Korans«, Rn. 8 zu Sure 56/9; siehe aber auch Steffan,
Sufi-Praxis, S. 126, wo der bevorzugte Gebrauch der rechten Gliedmaßen bedeutet,
(bald) auf dem rechten Weg zu sein; vgl. aber auch NT, Matthäus 25/ 34 ff.)
die ihr Buch, also die Niederschrift ihrer Taten, in die rechte Hand bekommen, da diese ins Paradies eingehen werden. »Rechts« sagt hierbei aus, rechtschaffen (bzw. auch rechtgläubig) zu sein4:» Und gedenke des Tages, an dem Wir die Menschen
gruppenweise mit ihren Führern herbeirufen werden. Und wem
seine Aufzeichnungen in seine rechte Hand gegeben werden,
diese werden ihre Bücher gerne lesen, und nicht das Geringste
soll ihnen vorenthalten werden.« (17/71)
»Dann wird der, dem seine Aufzeichnungen in seine rechte
Hand gegeben werden, bald in leichter Abrechnung zur
Rechenschaft gezogen werden, (...), doch der, dem seine
Aufzeichnungen hinter seinem Rücken gegeben werden, der
wird seine eigene Vernichtung herbeiwünschen, und er wird in
der Feuerglut brennen.«
(84/ Verse 7-12)
»Doch die, die nicht an unsere Zeichen glauben, das sind die
Gefährten der linken Hand.«
(90/19)