Symbole des Islam
Das Buch
Beginnend mit einer Einführung in die vorislamische Zeit schildert die Autorin die damalige Gesellschaft, vor allem ihren Götzenkult vor der Offenbarung des Korans. Dabei wird deutlich, aufweiche Schwierigkeiten der Prophet Mohammed auch innerhalb seines eigenen Stammes bei der Verkündung seiner Botschaft stieß. Im Hauptteil werden Glaubensinhalte und Hintergründe islamischer Glaubenspraxis erläutert. In zahlreichen Exkursen geht die Autorin dabei auch auf konfliktbelastete Themen ein, die zum Teil nicht nur für Nichtmuslime, sondern auch für Muslime Reibungspunkte bieten. Zum Abschluß findet der Leser den noch heute anzutreffenden orientalischen Aberglauben anhand der typischsten Beispiele dargestellt, in dem unverkennbar Parallelen zum Götzenkult vorislamischer Zeit auftreten. In dieser Form gelingt es, einen zusammenhängenden Gesamteindruck zu erzeugen, der durch Koran- und Bibelverse abgerundet wird, die Gemeinsamkeiten mit dem jüdischen und christlichen Glauben aufzeigen. Dem Leser wird außerdem bewußt, daß auch im Islam Religion und Tradition mitunter getrennte Wege gehen.
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Die Autorin/Illustratorin
Die 1970 geborene und evangelisch getaufte Autorin und Juristin ging einen für Europäerinnen eher ungewöhnlichen Weg: Auf der Suche nach Gott wurde sie Muslimin. Schon früh verstand sie Gott als transzendent und einzig und konnte so mit der christlichen Vorstellung der Dreifaltigkeit nichts anfangen. Als „protestierende Protestantin" fand sie bei den christlichen Klerikern keine Unterstützung und so verlor sich ihre Gottsuche viele Jahre in diffusen Richtungen. Mit 17 begann sie diese dann zu systematisieren und fand ihre Auffassung von Gott zunächst im Judentum widergespiegelt. Dort wiederum spielt Jesus allerdings keine Rolle, was ihm nicht gerecht wurde, wie sie fand. Ab 1991 ergaben sich Gespräche mit muslimischen Nachbarn, die sie durch die Lektüre einer Koranübersetzung vertiefte, die weit entfernt von den im deutschsprachigen Markt erhältlichen, oft tendenziösen Werken war. Quasi wider Willen erkannte sie allmählich, daß sich ihre Auffassung von Gott und seinen Propheten mit jener der Muslime deckte. 1994 konvertierte die Autorin in einer Marburger Moschee zum Islam. Daß sie später einen Muslim heiratete, ergab sich unabhängig von ihrer zuerst erfolgten spirituellen Entwicklung. Wie aus ihrem Werk ersichtlich wird, ist sie immer noch eine Rebellin auf der Suche nach der für sie gültigen Wahrheit und ist nicht bereit, sich von sogenannten "gängigen Interpretationen" beeindrucken zu lassen, wenn sie ihrer Meinung nach nicht den Kern der Sache treffen.
Schirner Verlag
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SchirnerVerlag
ISBN 3-930944-86-3
Copyright © Schirner Verlag, Darmstadt Erste Auflage 1999
Alle Rechte vorbehalten. Umschlaggestaltung: Klaus Holitzka
Danksagung
Das Erscheinen des vorliegenden Buches ist zunächst einmal der Weltoffenheit des Schirner Verlages zu verdanken, der mir trotz der gesellschaftlichen Problematik des Themas den Vorschlag unterbreitete, ein Buch über den Islam und der damit zusammenhängenden Symbolik zu schreiben. Damit bedanke ich mich auch gleichzeitig für die mir eingeräumte Chance, in einigen Exkursen auf die häufigsten Vorurteile oder auch sprachlich bedingten Mißverständnisse einzugehen.
Besonderer Dank gilt meiner Familie, die mich bei diesem zuweilen etwas schwierigen Vorhaben unterstützte; meinem Mann danke ich für die Mithilfe bei der Literatursuche in Damaskus und der Übersetzung von arabischer Originalliteratur. Meinem kleinen Sohn danke ich dafür, daß er oft mehr oder weniger geduldig mit seinem Spielzeug neben mir am Schreibtisch saß, gelegentlich seinen Unmut lautstark bekundete und auch mit tatkräftiger Kritik nicht geizte, indem er mein Manuskript zuweilen mit hektischem Gekritzel versah, manchmal auch einfach Seiten verschwinden ließ oder sogar zerrupfte — wahrscheinlich um mich seelisch darauf vorzubereiten, was dem Buch nach seiner Veröffentlichung blühen könnte.
Bedanken möchte ich mich auch herzlich bei der islamischen Theologin Frau Halima Krausen für ihr aufrichtiges Interesse, ihre hilfreichen Hinweise und kritischen Anmerkungen zum zweiten und dritten Teil des Buches; bei Frau Nashua Haffar von der AI Assad-Bibliothek, Damaskus, für ihre freundliche und sachdienliche Orientierungshilfe bei der Literatursuche; des weiteren bei Frau Dr. Hind Rifai, Frau Renate Schüler und Herrn Abdul Haqq Pankonin für die Zurverfügungstellung ihrer Bücher.
Erläuterungen
Begrifflichkeit
Wenn hier von Muslimen gesprochen wird, steht dieser Begriff selbstverständlich für die Gemeinschaft aller Gläubigen im Islam — Frauen und Männer. Falls eine Textstelle nur auf eines der beiden Geschlechter zutrifft, so ist dies entsprechend formuliert.
Tradition/traditionell bedeutet in der hier vorgestellten Darstellung überlieferte Handlungsweise, die nicht im Islam begründet ist.
• Übersetzungen
Arabische Begriffe werden im Textzusammenhang erklärt und übersetzt. Als zusätzliche Hilfe finden Sie ein Glossar sowie einen Index im Anschluß an den dritten Teil (kursiv geschriebene Begriffe).
• Zur Umschrift der arabischen Laute:
Die Vokale Â, â; Î, î; Û, û werden lang ausgesprochen.
Das unterstrichene h wird wie ein Zischlaut ausgesprochen, der zwischen gepreßtem Gaumen und Kehle entsteht.
Das unterstrichene th wird wie das englische »th« z.B. bei dem Wort »think« (denken) ausgesprochen.
Das ch ist ein Kehllaut, der stets wie das deutsche »ch« z.B. in dem Wort »Buch« ausgesprochen wird.
Der Buchstabe Š, š entspricht dem deutschen »sch«-Laut.
Das Z, z wird wie das stimmhafte »s« in dem Wort »Sonne« ausgesprochen.
Das dsch wird wie das »g« bei dem Wort »Genie« stimmhaft ausgesprochen.
Allahu 'âlam
Allahu 'âlam
Kalligraphie: Bismillah ar-Rahmân ar-Rahim
Vorwort
Mehr als eine Milliarde Menschen und damit etwa ein Fünftel der Weltbevölkerung ist muslimisch. Allein mehr als zwanzig Millionen Muslime leben in Westeuropa und den Vereinigten Staaten, und ihre Zahl weist weltweit eine steigende Tendenz auf. Nach dem Christentum ist der Islam die zweitgrößte Weltreligion.
Trotz unseres gemeinhin als aufgeklärt bezeichneten Medienzeitalters herrschen jedoch oft Unwissenheit und Desinformation über den Islam. Vorurteile und Misstrauen oder aber romantisch verklärte Vorstellungen wie aus einem Märchen von Tausendundeiner Nacht bestimmen das Bild. Auch die Medien tragen mitunter bedauerlicherweise mehr zur Verwirrung als zur Aufklärung bei; und es ist zuweilen erstaunlich, welche »Zitate« so mancher Journalist angeblich dem Koran, der Heiligen Schrift der Muslime, entnommen haben will. Darüber hinaus lassen nicht selten von Nichtmuslimen vorgenommene Koranübersetzungen an Richtigkeit und Genauigkeit zu wünschen übrig und wirken daher selbst auf aufgeschlossene, vor allem aber wohl weibliche Leser eher abschreckend als einladend. Da wird in der antiquierten Übersetzung von Max Henning zum Beispiel die vierte Sure des Korans wenig schmeichelnd mit »Die Weiber« übersetzt, statt richtigerweise wertungsneutral mit »Die Frauen«; da wird ferner an einigen Stellen der Eindruck erweckt, daß das Paradies nur für Männer geschaffen sei. Derartige Übersetzungen lassen jedoch eher Rückschlüsse auf die Wunschvorstellungen der Übersetzer zu. Ein objektiver Einblick in den Islam ist somit selbst für Interessierte schwer möglich.
Indes sind die Gräben zwischen den Konfessionen nicht so tief, wie sie für manchen zu sein scheinen:
Für Muslime ist Jesus zum Beispiel zwar kein »Gottessohn«, aber einer der großen Propheten, der Sohn der Jungfrau Maria und der Messias, der auch nach koranischer Offenbarung und islamischer Überlieferung am Ende der Welt wieder erscheinen wird. Im Gegensatz zu den
Christen verwerfen jedoch Muslime die polytheistisch anmutende Trinitätslehre1 als Irrlehre. Tatsächlich wurde die Trinitätslehre erst unter Konstantin dem Großen auf dem Konzil von Nizäa im Jahre 325 n. Chr. durchgesetzt. Unter Konstantin wurde zwar das Christentum neben dem römischen Heidentum zur »gleichberechtigten Religion« erklärt, erfuhr aber sogleich mit der Trinitätslehre einen einschneidenden und folgenschweren Eingriff in das urchristliche Gedankengut. Bei dem Konzil von Nizäa wurde die zuvor herrschende arianisch-christliche Lehre, nach welcher Jesus nicht wesensgleich mit Gott ist, unter dem Einfluß Konstantins verdammt. Konstantin - obwohl selbst kein Christ - ließ sich als der erste große »christliche« Herrscher feiern. Er baute heidnische Tempel, ließ sich gemäß dem römischen Kaiserkult als Jupiter darstellen und von den Heiden als Gott verehren. Seine Hinwendung zum Christentum stand hauptsächlich im Einklang mit seinen politischen Zielen, da sich die Christenverfolgungen als Fehlschlag erwiesen hatten. So klingt die Lehre von der Dreieinigkeit eher wie ein innenpolitischer Kompromiß zwischen den mehrere Götter anbetenden Heiden - hatten doch gerade die Römer von jeher eine Schwäche für Göttertriaden2 -und den nicht mehr zu verdrängenden Christen im Römischen Reich. Erst auf dem Totenbett empfing Konstantin die Taufe. Warum also sollte ausgerechnet einer aus religiöser Sicht so fragwürdigen Person wie Konstantin dem Großen die als »heilig« bezeichnete Dreifaltigkeit als Quintessenz des christlichen Glaubens zu »verdanken« sein? Aus der Zeit Jesu gibt es keine originalen aramäischen Texte — alles, worauf man sich stützt, sind spätere Quellen in Übersetzungen; und in der historisch-kritischen Bibelforschung geht man heute davon aus, daß die biblischen Texte im Laufe der Zeit verändert wurden.
Als weiterer Unterschied zwischen Christen und Muslimen ist zu erwähnen, daß aus islamischer Sicht Jesus nicht gekreuzigt und getötet wurde,
1(Lehre von der Einheit in der Dreifaltigkeit aus Vater, Sohn und Heiliger Geist) "(Dreiergruppen wie Jupiter, Mars und Quirinus)
sondern »er/es schien ihnen (nur) so...«1. Es wird in der islamischen Lehre zum Teil die Auffassung vertreten, daß statt Jesu einer seiner Gefährten, der ihm ähnlich sah, am Kreuz getötet wurde. Da Jesus dem Koran zufolge nicht getötet wurde, wird im Islam zugleich die Auferstehung verworfen. In diesem Zusammenhang ist daraufhinzuweisen, daß auch die sogenannte Himmelfahrt Christi2, derzufolge Jesus nach seiner »irdischen« Auferstehung in den Himmel aufgefahren ist, erst seit dem 4. Jh. nach Christus Bestandteil des christlichen Glaubens ist. Im übrigen vertreten auch einige christliche Theologen unserer Zeit3 die Auffassung, daß das Mysterium der Auferstehung Jesu sehr zweifelhaft sei.
Die Differenzen zwischen Muslimen und Juden dürften dagegen wohl eher auf familien- und erbrechtliche sowie territoriale Streitigkeiten zurückzuführen sein, die schon bei Abraham — dem Stammesvater sowohl der arabischen als auch der jüdischen Stämme — ihren Ursprung haben. Abraham zeugte zunächst mit seiner Zweitfrau Hagar seinen ersten Sohn Ismael, von dem sich die Araber ableiten. Später gebar seine erste Frau Sarah Abrahams zweiten Sohn, Isaak (Ishak), von dem sich die Juden ableiten. Der Prophet Mohammed entstammt — entgegen biblischer bzw. jüdischer »Tradition« — der arabischen Linie, die in der biblischen Überlieferung nicht weiter berücksichtigt wird.
Doch gerade mit den Juden haben die Muslime einige Gemeinsamkeiten, zum Beispiel im Bereich der Speisegebote4 und bei der Beschneidung der männlichen Nachkommen.5 An dieser Stelle sei daran erinnert, daß auch Jesus durch seine Mutter Maria jüdische Wurzeln hatte und nach neutestamentarischer Überlieferung nicht zu dem Zweck ge-
1(Koran, Sure 4 /157-158)
2(NT, Apostelgeschichte 1/9-11)
'(So z.B. der Göttinger Theologe und Professor Gerd Lüdemann in seinem Buch »Die
Auferstehung Jesu«)
4(Kein Schweinefleisch, kein Fleisch von Verendetem, kein Blut etc.; vgl. hierzu AT, 3.
Buch Mose, 11/7 u. 17/10 ff. und Koran, Sure 5/3)
5(AT, 1. Buch Mose, 17/10, 26; NT, Lukas 2/21)
sandt worden war, das mosaische Gesetz abzuschaffen.1 In diesem Zusammenhang ist erwähnenswert, daß auch die koptischen und die syrisch-orthodoxen Christen die Speisegebote unter Berufung auf das Alte Testament streng beachten.
Im Laufe der Geschichte kamen vom 11. bis zum 13. Jh. n. Chr. für das Verhältnis aller dieser drei Konfessionen (Juden, Christen und Muslime) untereinander die Kreuzzüge erschwerend hinzu. Dabei wird gerne übersehen, daß mit den Kreuzzügen wichtige hellenistisch-arabische Errungenschaften auf dem Gebiet der Mathematik, Astronomie, Optik, Alchimie, Naturgeschichte, Geographie, Medizin, Philosophie, Theologie und Mystik in die westliche Welt importiert wurden. Auch das mittelalterliche und neuzeitliche westliche Kunsthandwerk profitiert(e) von der islamischen Kultur.
Seit geraumer Zeit bemüht sich insbesondere die katholische Kirche um einen Dialog mit Muslimen. Dies ist sehr begrüßenswert; denn leider wissen nur wenige »westliche« Menschen von den gemeinsamen religiösen Wurzeln von Muslimen, Christen und Juden. Im Koran werden Juden und Christen als »Leute der Schrift« (Ahlu-l-Kitâb) bezeichnet, die als Dhimmis (Schutzbürger) nicht nur den Schutz und die Toleranz des islamischen Staates genießen, sondern auch Autonomie in rechtlichen Fragen. Der Koran erkennt die Thora (Taura) des Mose und die Evangelien (Indschît) Jesu in ihrer ursprünglichen Lehre als Offenbarungen an; auch werden z.B. die Psalmen Davids als sogenannte Bittgebete (Duo) im Koran aufgeführt. Hierbei ist erwähnenswert, daß der islamischen Theologie zufolge alle Propheten im Prinzip nichts anderes als den Islam - den Glauben an einen einzigen allmächtigen Gott und die Hingabe des Menschen an Gott — predigten, daß jedoch die Offenbarungen (Thora, Evangelium) später durch Menschenhand verändert wurden.
1(Vgl. NT, Matthäus 5, Vers 17)
Einundzwanzig der achtundzwanzig im Koran erwähnten Propheten kommen auch in der Bibel vor, wobei jedoch einige Propheten gemäß der biblischen Überlieferung im Gegensatz zur koranischen Offenbarung im Hinblick auf ihre Lebensführung und ihren Lebenswandel ein vergleichsweise schlechtes Bild abgeben.
Als Beispiel für Gemeinsamkeiten bei der Prophetenfolge seien hier nur die wohl den meisten Menschen bekannten Propheten wie Adam (Âdam), Noah (Nûh), Abraham (Ibrahim), Lot (Lûth), Jakob (Yakûb), Joseph (Yusuf), Moses (Mûsa), David (Da 'ud), Salomon (Sulaimân), Jonas (Yûnus), Henoch (Idrîs), Hiob (Ajjûb), Johannes »der Täufer« (Yahyah) und Jesus ('Isa) genannt. Mohammed (Muhammad) gilt im Islam als das »Siegel der Propheten« — dementsprechend der Koran als abschließende Offenbarung (siehe Sure 33, Vers 40).
Trotz der gemeinsamen Wurzeln scheint es Juden, Christen und Muslimen nicht zu gelingen, in Frieden miteinander zu leben; unzählig sind die sogenannten »heiligen« Kriege und Attentate, die von allen Angehörigen dieser drei Konfessionen angeblich im Namen Gottes ausgelöst wurden und werden. Doch sollten sie sich nicht gegenseitig töten1 und nicht miteinander streiten2, sondern »wetteifern in guten Taten«3. Für jede dieser Konfessionen wurde »ein eigenes Brauchtum und ein eigener Weg bestimmt«4; und Gott wird dereinst die Menschen darüber aufklären, worüber Uneinigkeit bestand5.
Der erst seit kurzem befürwortete Islamunterricht an deutschen Schulen ist zu begrüßen, doch sollte hier sorgfältig geprüft werden, wem dieser Lehrauftrag anvertraut wird. Die Verunsicherung, die angesichts
1(Vgl. außer dem wohl allen bekannten Gebot »Du sollst nicht töten« auch Koran, Sure 5/32: »Wenn jemand einen Menschen tötet, ohne daß dieser einen Menschen getötet hätte, oder ohne daß ein Unheil im Land geschehen wäre, soll es so sein, als hätte er die ganze Menschheit getötet...«) 2(Koran, Sure 29/46) 3(Koran, Sure 22/68) 4(Koran, Sure 5/48) 5(Koran, Sure 22/68)
dessen herrscht, daß dieser Unterricht zum Teil von »importierten« Lehrkräften verschiedener Nationalitäten übernommen werden soll, ist nachvollziehbar. Genauso wenig wird man aber der Sache gerecht, wenn man den Islamunterricht »christlichen« Lehrern überlässt, die als mindestens genauso »befangen« betrachtet werden müssen, zumal hier das Problem der sprachlichen Barriere hinzukommt, die gerade angesichts der mangelhaften aber trotzdem im Buchhandel verbreiteten Koranübersetzungen eine wesentliche Rolle spielt. Als praktikablere Lösung des Problems würde es sich hingegen anbieten, den Islamunterricht deutschsprachigen bzw. europäisch-stämmigen Muslimen zu überlassen. Damit soll nicht die Behauptung aufgestellt werden, dass europäische oder deutsche Konvertiten1 »bessere« Muslime sind, doch wäre hierbei am ehesten gewährleistet, dass sich der Islamunterricht nicht mit eventuell unislamischen, traditionellen bzw. auch nationalen Bräuchen vermischt. Bedauerlicherweise haben die Politiker diesen Lösungsansatz bisher nicht in Betracht gezogen.
Dieses Buch soll nun dazu beitragen, Ihnen einen differenzierteren Einblick in die (Vor-)Geschichte des Islams und in die Details und Hintergründe islamischer Glaubensausübung zu ermöglichen. Wer jedoch unter dem Begriff »Symbol« bzw. »Symbolik« lediglich geheimnisvolle Zeichen im Sinne einer Bildsprache und deren Deutung versteht, wird sein »Bild« über den Islam überprüfen müssen. Der Begriff der Symbolik ist hier im weitesten Sinne zu fassen. Die sonst dienliche alphabetische Auflistung von Symbolen bzw. symbolischen Handlungen und deren Bedeutung ist im Islam nicht möglich und generell auch nicht wünschenswert, da man bei dieser Vorgehensweise — wenn überhaupt — höchstens bruchstückhaftes Halbwissen vermitteln kann, ohne daß dadurch jemand die Sache selbst, d.h. den Islam, verstehen könnte. Daher sind die jeweiligen Bräuche bzw. Handlungen im Kontext mit den ihnen zugehörigen Themenkreisen erläutert. Dies ermöglicht wiederum eine anschauliche Darstellung der muslimischen Glaubenspraxis, die bis dato
1(zum islamischen Glauben übergetretene Menschen)
vielleicht für manch »Außenstehenden« aufgrund der sprachlichen Barriere etwas »Unheimliches« oder gar »Bedrohliches« hatte.
Selbstverständlich wurden für dieses Buch nur Koranübersetzungen verwendet, die von Muslimen vorgenommen wurden, unter den deutschsprachigen Muslimen verbreitet sind und allgemein als empfehlenswert gelten. Gleichzeitig werden durch Verweise auf Bibelverse für Christen und Juden (unter Umständen ungeahnte) Parallelen mit dem eigenen Glauben aufgezeigt. Diese Verweise sind Ausdruck des Bemühens, Gemeinsamkeiten zwischen den drei abrahamitischen Religionen (Christen, Juden, Muslime) herauszuarbeiten, ohne jedoch dabei in eine Art Gleichmacherei zu verfallen, die unangebracht wäre.
Daneben werden insbesondere im dritten Teil des Buches anhand der am häufigsten vorkommenden Beispiele auch Widersprüche in islamisch geprägten Staaten und orientalischer Aberglaube erörtert, welche oft irrtümlicherweise mit dem Islam in Verbindung gebracht werden. Dieser Teil des Buches birgt sicherlich auch für einige Muslime, die sich der Unvereinbarkeit gewisser Praktiken der »Volksfrömmigkeit« mit der islamischen Lehre bisher vielleicht nicht bewusst waren, sehr interessante Details.
Aufgrund des Umfangs und der Komplexität, die jeder einzelne Teil dieses Buches bereits für sich betrachtet aufzuweisen hätte, kann das vorliegende Buch in dem gegebenen Rahmen natürlich nicht den Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Es ist aber zu hoffen, daß es ein fundiertes und ausbaufähiges Grundwissen zu vermitteln vermag. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der islamischen Symbolik, da es sich hierbei um etwas Gegenwärtiges, Lebendiges handelt und fast jeder mehr oder weniger täglich mit dem Islam »konfrontiert« wird — sei es durch die Medien oder über persönliche Kontakte zu muslimischen Kollegen, Nachbarn etc. Es werden insbesondere Themenbereiche behandelt, zu denen gerade Nichtmuslime Fragen haben, wobei auch »aktuellen«, zum Teil problematischen und konfliktgeladenen Themen in diversen Exkursen nicht aus dem Weg gegangen wird.
Die den Text zuweilen begleitende, humorvoll-bissige Ironie ist durchaus beabsichtigt, da dieses Buch nicht »leichte Kost« sein will, sondern zum Nachdenken anregen soll. Auf diese Weise gelingt es, krasse Mißstände, Mißverständnisse und Vorurteile herauszuarbeiten, wobei auch vor den »eigenen Reihen« nicht Halt gemacht wird.
Hispanomaureske
Sichtbarer Einfluss islamischen Kunsthandwerks in Europa: Hispanomaureske aus dem 15. Jh. n. Chr. (Alhambra, Granada)
Einleitung
Der erste Teil des Buches befaßt sich mit den Ausprägungen des arabischen Heidentums in vorislamischer Zeit und zeigt eine Momentaufnahme der Gesellschaft und des religiösen Lebens kurz vor der Offenbarung des Korans.
Die Angaben und Beschreibungen über die einzelnen Götzen beruhen im Wesentlichen auf der Übersetzung des Götzenbuches des Ibn al-Kalbî, dem Kitâb al-Asnâm sowie dessen Auswertung und Interpretation im religionsgeschichtlichen Zusammenhang. Ibn al-Kalbî1 war eine der herausragendsten Gestalten der kûfischen Philologenschule, die als eine eher der Beobachtung zuneigende Schule galt. Im Wettstreit mit der kûfischen Philologenschule stand die theoretisierende Schule von Basra. Die irakischen Städte Kûfa und Basra waren im zweiten und dritten Jahrhundert der Hidschra2 unter der Herrschaft der Abbasiden zwei berühmte Zentren der Wissenschaft. Ibn al-Kalbî galt als bedeutender Gelehrter der Tradition, der Genealogie und der Geschichte des alten Arabiens. Er starb im Jahre 204 oder 206 der Hidschra. Er war der erste Gelehrte, der mit dem »Götzenbuch« dem arabischen Heidentum, der so genannten Dschahiliya (Zeit der Unwissenheit), eine besondere Studie widmete.
Das Götzenbuch ist eine Sammlung von Bräuchen und Überlieferungen bzw. Aussagen über die Götzenverehrung der vorislamischen Zeit und die einzige altarabische Monographie über das arabische Heidentum. Zugunsten der besseren Verständlichkeit wurde jedoch im ersten Teil des Buches auf die einzelnen Ketten der Überlieferer, also die namentliche Angabe der Personen, die von anderen Personen Aussagen über die vorislamische Zeit erhalten hatten, verzichtet. Außerdem werden nur die heidnischen Götzen und Bräuche erörtert, die auch namentlich im Koran
1(Sein voller Name lautete Hischâm Ibn Muhammad Ibn as-Sâ'ib Ibn Bisr al-Kalbî.) 2(Hidschra ist die Flucht des Propheten und seiner Anhänger von Mekka nach Medina im Jahre 622 n. Chr.; mit der Hidschra beginnt die islamische Kalenderrechnung)
oder in den Hadithen (den Aussprüchen des Propheten Mohammed) erwähnt werden und/oder aber in enger Verbindung zur Ka 'ba in Mekka standen, damit ein zusammenhängender, geschlossener Gesamteindruck über die Vorgeschichte des Islams, den Islam selbst als auch den orientalischen Aberglauben entsteht.
Der zweite Teil des Buches befasst sich mit den Grundsätzen des islamischen Glaubens, deren Konsequenzen und faktischen Umsetzung im täglichen Leben der Muslime sowie den jeweiligen Hintergründen bzw. Bedeutungen der einzelnen Handlungsweisen und Aussprüche.
Der dritte Teil des Buches erläutert die noch heute bestehenden abergläubischen Bräuche, die anhand der typischsten Beispiele erörtert werden und in denen viele abergläubische Vorstellungen aus der vorislamischen Zeit wieder zu erkennen sind.