ANLEITUNG
I. DAS UMFELD DES ISLAM BEI SEINER ENTSTEHUNG
Der Islam ist eine monotheistische Religion, die im 7. Jh. geboren und auf die Verherrlichung Gottes, des Einen, ausgerichtet ist und sich um ein heiliges Buch dreht, den Koran, der zwischen 610 und 632 dem Propheten Mohammed offenbart wurde.
Die im Entstehen begriffene Religion hat sich um drei Pole gruppiert: Allah, Mohammed und den Koran, die eingebunden sind in einen einzigen Gedanken, nämlich den ständigen Aufruf zum Glauben, der zur Folge hat, daß er die Bestrafungen verhindert, die Polytheisten, Götzenanbeter und Ungläubige in der Hölle erwarten.
Arabien selbst, „die Wiege des Islam", und teilweise ihr westlicher Teil, der Hidschäz, in dem Mekka und Medina liegen, waren noch von Götzenanbetern bewohnt. Diese verehrten zahlreiche Gottheiten, von denen zehn auch im Koran genannt sind: al-Lät, al-'Uzza, Manät, Wadd, Suwä', Yaghüth, Ya'üq, Nasr, Hubal und Täghüt.
Der Koran ruft das immer wieder in Erinnerung und gibt so den muslimischen Schriftstellern die Möglichkeit, im Verlauf der Jahrhunderte die Unbeugsamkeit des Islam gegenüber Häresien aller Arten, Schismen, Vereinigungsbewegungen und verschiedensten Abweichungen hervorzukehren. Im Herzen dieses Spektrums an Gottlosigkeit befand sich Mekka, eine bereits bedeutende Stadt und gut besuchtes Ziel der vor-
islamischen Pilgerfahrten; sie verfügte über zwei wichtige Trümpfe: ihre geographische Lage, die aus ihr einen Haltepunkt für den Karawanenhandel machen mußte, einen Kreuzungspunkt, der den reichen Süden der Halbinsel mit den nördlichen Regionen Syrien, Palästina, Ägypten und Irak verband; und ein aktives politisches Leben zu bestimmten Jahreszeiten an diesem Treffpunkt für alle Stämme der Halbinsel. Sie war der Treffpunkt der Literaten und der Ort, an dem die berühmten Dichterwettstreite stattfanden.
Die spätere muslimische Orthodoxie hat im übrigen keine Gelegenheit zu Übertreibungen ausgelassen hinsichtlich einer Götzen anbetenden Bevölkerung, die noch dazu die Schuld auf sich geladen hatte, den Propheten Mohammed zu bekämpfen und zu verfolgen, als er zu predigen begann. Diesen schwierigen Zeiten entstammen die QuasiTotalität der Leitprinzipien, die Ethik und die immer wieder erneuerte Kraft des Islam.
II. KORAN, ISLAM UND MUSLIME
Die Kunde von den Engeln im Islam weist dem Erzengel Gabriel eine beneidenswerte Stellung zu: Er ist der Ankündiger der „frohen Botschaft", des Korans, den der Prophet seinen Schülern in „klarer Sprache"1 nur zu rezitieren (iqra' [„lies!", so Gabriel zu Mohammed]) braucht. Der Koran behandelt die Mehrzahl der religiösen und sittlichen Aspekte, denen der Muslim im Verlaufe seines Lebens begegnet. Dieses Leben ist als Übergangszustand zu betrachten und als kostbares Geschenk des Schöpfers.
Als inhaltsreicher und komplexer Text ist der Koran gleichzeitig das stärkende Brevier, über das der z'mam (Vorsteher) seine Betrachtungen anstellt, das theologisch-moralische Corpus, das der Gelehrte auslegt, und die Summe der Geistigkeit, die den Mystiker, den süfi, inspiriert. Der muslimische juristische Bereich wird durch eine ansehnliche Sammlung kanonischer Texte geregelt, die vielfach auf die Anfänge zurückgehen und die sunna, den (durch den Propheten) „gezogenen Weg", bilden. Das religiöse Gesetz, sharfa genannt, leitet sich direkt daraus her und ist in seiner Gesamtheit davon beeinflußt, gelegentlich sogar in äußerst strenger Weise. Es ist in mehreren Theokratien noch in Kraft, zum Beispiel im Sudan. Andererseits ist der Koran wegen seines einigenden Charakters und seines Aufbaus ein unnach-ahmbarer Text (i'djäz). Und als solcher ist er eine echte „Herausforderung" für das menschliche Bewußtsein, ein ästhetisches Gebilde, das alles andere an Schönheit und Ausgeglichenheit übertrifft. Die Bedeutung des Wortes „Islam" (isläm) ist vielschichtig. Es gehört grundsätzlich zur Wurzel s-1-m, die wörtlich „Ruhe" bedeutet, „Friede" (saläm) oder, strenggenommen, „gesund und wohlbehalten sein", „am Leben bleiben".
Was den Terminus aslama betrifft (das Verb, zu dem das Wort islam den Infinitiv darstellt), der „sich ganz der Ruhe hingeben", „sich auf Gott verlassen" bedeutet, so hat er muslim hervorgebracht, den Muslim, den Gläubigen, der sich als einen Diener Gottes betrachtet, der Gott gegenüber gehorsam ist. Tatsächlich ist dieser Gehorsam einer der Schlüsselbegriffe des Islam, da er mit dem Aufeinanderfolgen von Streit und heftiger Rivalität bricht, die den heidnischen Polytheismus der Mekkaner ausgezeichnet hat: „Wer nun Gott und seinem Gesandten gehorcht, den läßt er dereinst in Gärten eingehen, in deren Niederungen Bäche fließen, und in denen sie ewig weilen werden. Das ist dann das große Glück. Wer aber gegen Gott und seinen Gesandten widerspenstig ist und seine Gebote übertritt, den läßt er in ein Feuer eingehen, damit er ewig darin weile. Eine erniedrigende Strafe hat er zu erwarten." (Sure Die Frauen, IV, 13-14)2
Die Rolle des Koran erstreckt sich aber auch auf die Gestaltung des Diesseits. Indem er die islamische Gemeinschaft regelt, die „die beste Gemeinschaft, die unter den Menschen entstanden ist" (Sure Die Sippe 'Imräns, m, 110), darstellt und die sich in zukünftiger Zeit bis zu den Grenzen des Planeten ausdehnen wird, ist der Koran ein weitreichend erprobtes Ordnungswerk geworden -von, wie man beobachten kann, furchtbarer Wirkungskraft.
Die Verbindung von Diesseits und Jenseits, die der Islam geltend macht, hat die muslimischen Theologen in der Zeit seiner politischen Größe dazu angeleitet, diesen Begriff des Gehorsams auf das politische Verhalten der muslimischen Massen auszudehnen, die so nicht nur Gläubige, sondern auch Untertanen eines Kalifats-Systems wurden. Es ist eine Eigentümlichkeit dieser neuen Lehre, daß sie Wert legt auf ihren arabisch-beduinischen Ursprung, auf eine unauslöschliche Prägung von Gründungslegenden aus der arabischen Halbinsel und auf eine Abschaffung heidnischer Vorstellungen. Als einfache und kämpferische Religion, die leidenschaftlich die geistige Gleichheit der Menschen predigt, hat der Islam sofort und endgültig fünf Pflichten ins Leben gerufen, die alle Muslime ohne Ausnahme befolgen: Glaubensbekenntnis, Gebet, Almosen, Fasten und die Pilgerfahrt nach Mekka. Dies sind jedoch nur die „Säulen" (arkan) des Glaubens, die die „schöne Wohnstatt" eines aufrichtigen Menschen, den Glauben (imän) selbst, nicht ersetzen.
Die Muslime glauben, daß jeder der Propheten gesandt wurde, um ein bestimmtes Volk zu befreien, während Mohammed, der letzte Gesandte, derjenige ist, der sich an die Menschen in ihrer Gesamtheit wendet. Seitdem gilt die muslimische Lehre von der Gleichheit aller Menschen als gerechtfertigt. Man geht in dieser Religion und der daraus resultierenden Gesamtkultur davon aus, daß in bezug auf Gott kein Unterschied zwischen Mann und Frau sei, zwischen Araber und NichtAraber, ausgenommen in der Aufrichtigkeit ihres Glaubens, der allein ausschlaggebend ist.
Der Koran stellt die ungeschaffene Rede des lebendigen Gottes dar und sein allmächtiges Wort, und der Islam sieht sich als Fortführung der Tradition Abrahams. Die Predigertätigkeit Mohammeds hat zweiundzwanzig Jahre gedauert. Sie beginnt gegen 610 und endet im Juni 632. Heute pflanzt der Islam seine Fahne auf einem Band von Ländern auf, das vom Atlantik, dem äußersten Nordwesten des Afrikas, bis Südostasien reicht und sich über die Inseln des Indischen Ozeans ebenso erstreckt wie über einen Teil des Balkans und mehrere Republiken Zentralasiens. Ägypten, der Maghreb, die Türkei, der Iran und alle Staaten des modernen Vorderen Orients sind im wesentlichen bereits im Verlaufe des 7. und 8. Jh. islamisiert worden.
Diese erste Periode der Islamisierung mit Feuer und Schwert ist mit der Eroberung Spaniens, die 711 begann, beendet. Nach den Zeugnissen der Muslime der klassischen Epoche (10. bis
12. Jh.) bildete Spanien die „Perle" des „Hauses des Islam" (dar al-isläm [Bezeichnung für die islamischen Länder im Gegensatz zu den nichtislamischen]). Andere muslimische Gebiete wie Schwarzafrika und Südasien sind ohne Durchführung des djihäd (des Heiligen Krieges) bekehrt worden. Sie sind für den Islam durch eine „zweite Predigt" gewonnen worden, die bis zum Ende des 17. Jh. angehalten hat.
Die Muslime bilden in mehr als 35 Staaten die Mehrheit der Bevölkerung, und ihre Zahl beläuft sich weltweit auf etwas weniger als eine Milliarde Menschen. Davon leben über 6 Millionen - sie entstammen hauptsächlich den ehemaligen Kolonien in Westeuropa: 3,5 Millionen in Frankreich, 2 Millionen in Deutschland und 1 Million in Großbritannien.
Beschäftigt man sich mit Abbildungen und Gegenständen, die als typisch islamisch gelten, muß man zunächst darauf hinweisen, daß den Islam von anderen Religionen unterscheidet, daß er ein einfaches Ritual hat, daß alles Zeremonielle fehlt und daß keine speziellen liturgischen Gegenstände oder Kleidungsstücke verwendet werden. Es gibt weder Kelch noch Hostie, noch geweihtes oder Weih-Wasser. Auch der Beichtstuhl ist dem Islam fremd, und der Kontakt zu Gott findet ohne Mittelsperson und ohne Kommunion statt. Vielmehr ist das liturgische Symbol auf seine einfachste Ausdrucksweise reduziert, nämlich sich der Schuhe zu entledigen, die basmala (die Formel bi'smi llahi r-rahmäni r-rahim, „im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes") und die shahäda (das Bekenntnis zum Ein-Gott-Glauben und zur Prophetenschaft Mohammeds) zu sprechen, sich rituell zu reinigen und sich in einen Gebetsraum oder in eine Moschee zu setzen. Dies alles genügt,um einen direkten Kontakt zu Allah herzustellen. Für den gläubigen Muslim ist nichts so notwendig wie die religiöse Vervollkommnung und die Vertiefung des Bewußtseins. Sein ganzes Leben lang hat der Prophet selbst das Vorbild dafür geliefert. Dennoch ist der Islam nicht lange außerhalb eines symbolträchtigen Umfeldes geblieben. Da es sich beim Islam aber um eine Religion ohne Ver mittlung zum Schöpfer und ohne Mittelsperson handelt, eine Religion, die weder Klerus noch Ikonen noch Idole hat, sind die Abbildungen im Islam vollkommen verschieden von denen anderer Religionen.
III. DER ISLAM UND DIE ANDEREN Der Islam anerkennt die beiden anderen Offenbarungsreligionen Judentum und Christentum und gesteht ihnen einen besonderen Platz zu. Juden und Christen werden „Schriftbesitzer" (ahl al-kitab) genannt, da ihre Rechtsauffassungen ebenfalls an ein offenbartes Buch gebunden sind: „Sag: Wir glauben an Gott und an das, was auf uns, und was (als Offenbarung) auf Abraham, Ismael, Isaak, Jakob und die Stämme Israels herabgesandt worden ist, und was Moses, Jesus und die Propheten von ihrem Herrn erhalten haben, ohne daß wir bei einem von ihnen einen Unterschied machen. Ihm sind wir ergeben." (Sure Die Sippe 'Imräns, III, 84) Der Bibel folgend, bestätigt der Koran die Existenz des Paradieses, der Hölle und des Tags der Auferstehung. Er räumt den Engeln einen bevorzugten Platz ein, anerkennt die Existenz des Satans und bekräftigt die Strafen, die die Ungläubigen im Jenseits erwarten. Als Religion mit Gnadenlehre versichert der Islam die Sterblichen, sofern sie bereuen, vorbehaltlos des Heils, denn kein anderer als Gott ist der Garant und Beschützer des Gläubigen.3
Einem großen Publikum ist die von Beginn an krampfhafte Züge aufweisende Geschichte des Islam nur wenig bekannt. Diese Unkenntnis allein erklärt allerdings noch nicht das Überangebot an einschlägigen Publikationen, die seit einigen Jahren die Buchhandlungen füllen. Das vorliegende Buch beleuchtet die grundsätzlichen Elemente der islamischen Lehre entsprechend der Doktrin: Glaubensbekenntnis, Gebet, Almosen, Fasten und Pilgerfahrt sowie die bekannten Elemente der Praktiken des Islam wie Opferriten, Rosenkranz, Farben, Kleidung und die Stätten, wo die Gläubigen sich versammeln: die Moschee, die Kaaba, Mekka, die Madrasa und so weiter. Beabsichtigt ist damit eine in Bilder gekleidete Zusammenschau arabisch-islamischer Zivilisation an ihrem Höhepunkt und, soweit möglich, heute.
„Und er (der Koran) ist vom Herrn der Menschen in aller
Welt als Offenbarung herabgesandt. ... Er ist in deutlicher ara
bischer Sprache geoffenbart. (Sure Die Dichter, XXVI, 195)Die Koranstellen sind der Übersetzung von R. Paret, Der Ko
ran, Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart — Berlin — Köln — Mainz,
2. Aufl. 1982 entnommen.3 „Vertrau auf Gott! Er genügt als Sachwalter." (Sure Die
Frauen, IV, 81)