DAS GLAUBENSBEKENNTNIS
Gebet
Das muslimische Gebet sieht charakteristische Gesten vor, deren jede ihre spezielle Bedeutung hat.
DIE shahâda, GRUNDLEGENDER AKT JEGLICHEN GLAUBENS IM ISLAM UND GLEICHZEITIG ANFANGSBEGRIFF DER LEHRE
ALS ECHTES JUWEL DES GLAUBENS IST DIE shahâda AUF RELIGIÖSER EBENE DIE BEDEUTENDSTE HINTERLASSENSCHAFT VON MO hammed. Sie besteht daraus, die folgende Formel zu sprechen: „Ich bezeuge, daß es keinen Gott außer Allah gibt und daß Mohammed der Gesandte Gottes ist."
shahâda bedeutet „Bekräftigung, Bestätigung", aber auch „Zeugnis über die Existenz der Einheit Gottes". Sie stellt den persönlichsten Akt der Frömmigkeit eines Muslim dar, seine Zustimmung zum Glauben an den einen Gott im Rahmen der Gemeinschaft, mit Befreiung der Gläubigen von ichbetonten Neigungen und Selbstgefälligkeiten.'
Sie macht allerdings eine Vorbedingung nötig, die die Muslime mit „guter" oder „lobenswerter Absicht" (niyâ) bezeichnen. Eine Äußerung des Propheten ruft dies auch nachdrücklich ins Gedächtnis: „Eine Handlung hat nur dann ihren Wert, wenn gute Absicht vorliegt, und jedes Lebewesen wird gemäß dieser Absicht beurteilt."2
Das Gebäude des Glaubens selbst ist auf dieser niyâ errichtet, der ursprünglichen Absicht, die man mit einem der Psychologie entlehnten Ausdruck als „Anlage zur Aufrichtigkeit" (sidq) definieren kann. Die niyâ schließt somit wie die shahäda, jegliche Prahlerei und tadelnswerte Handlung aus. Noch heute wird jeder Mensch, der erwachsen und geistig gesund ist, indem er diese Formel aus Überzeugung ausspricht, entsprechend dem göttlichen Recht zum Muslim, denn: „Die wahren Gläubigen sind diejenigen, die an Gott und seinen Gesandten glauben und hierauf nicht Zweifel hegen." (Die Gemächer, XLIX, 15)
Wenn die shahâda auch der einfachste Akt der islamischen Religion ist, so ist er doch der wichtigste. Er beherrscht das Dogma, auf dem der Glaube ruht, und wird öffentlich durch Aussprechen der genannten Formel vollbracht. Nach Abu Sa'id al-Khudri wird berichtet, daß ein Muslim gekommen war, den Propheten zu sehen, und ihn fragte, ob es genüge, die koranische Formel zu sprechen: „Sag: Er ist Gott, ein Einziger." (Der Glaube ohne Vorbehalt, CXII, 1) Der Prophet Mohammed verstand, daß der Fragende die Befürchtung hegte, den Bedingungen der Lehre nicht zu genügen und antwortete: „Durch denjenigen, der meine Seele in seiner Hand hält (nämlich Gott), entsprechen diese wenigen Wörter einem Drittel des gesamten Korans."3
Das muslimische Gebet sieht charakteristische Gesten vor, deren jede ihre spezielle Bedeutung hat.
Die Bezeugung der Einheit Gottes (erster Teil der shahâda) wie der Rechtmäßigkeit der Sendung des Propheten (zweiter Teil der shahâda) in dieser Art und Weise sind Handlungen, die Gewissenhaftigkeit und Verantwortung in sich fassen. Sie müssen sinnlos bleiben, wenn sie durch Zwang erfolgen oder Folge geistiger Manipulation oder wie immer gearteter Winkelzüge sind: „Ihr Gläubigen! Glaubt an Gott und seinen Gesandten und die Schrift, die er auf den Gesandten herabgeschickt hat, und die Schrift, die er schon früher herabgeschickt hat! Wer an Gott, seine Engel, seine Schriften, seine Gesandten und den jüngsten Tag nicht glaubt, ist damit vom rechten Weg weit abgeirrt." (Die Frauen, IV, 136)
Als gesegnete Formel stellt die shahâda einen der Wege in der Ausübung der Religion dar, der am sichersten Zugang zu mehr Aufrichtigkeit gewährt. Man begibt sich damit von der einfachen Formel, die lediglich darin besteht, mit Überzeugung die Namen Allahs und des Propheten zu sprechen, inhaltlich zu einer wesentlich geistigeren Bedeutung. Denn für die Muslime kann jede menschliche Handlung den Gläubigen entweder in die Richtung des Guten oder in die des Schlechten führen, aber nur der Glaube erweist sich als genügend, um ihn des Segens Gottes zu versichern.
Dieser Glaube ist auf mehrfache Art zu demonstrieren, und den Glaubensbestimmungen nachzukommen, kann verschiedene Formen annehmen: Kein Verleumder, Lügner oder Neider zu sein bildet einen Akt des Glaubens; nach Frieden und Eintracht zu trachten, Gerechtigkeit unter den Menschen zu predigen oder anderen gegenüber Toleranz zu zeigen sind ebenfalls Glaubensakte; ebenso aufrichtig die Gegenwart seines Nächsten zu wünschen, dem Schwachen zu helfen oder Almosen zu geben. Ein hadith meint sogar: „Der Glaube umfaßt über sechzig Arten."4
Im Grunde ist eine Synthese des gesamten Lebens eines Einzelnen ein Glaubensbekenntnis. Indem es seine Überzeugung zu einem bestimmten Moment symbolisiert, macht es aus ihm einen innerhalb der Gemeinschaft der Gläubigen Handelnden. Alles ist somit in die erste Pflicht des Muslim eingeschlossen, und gleichermaßen ist die shahâda die Formel, die der Gläubige zu sprechen hat, wenn er fühlt, daß seine Sterbestunde gekommen ist. Wie sie einen Schlüssel zum irdischen Leben darstellt, zeigt sie sich auch als Formel für den Übergang in die andere Welt.
Einer verbürgten Tradition zufolge handelt es sich bei dieser Phrase um die Wiederholung von Eingangsworten, die der Erzengel Gabriel gesprochen und die der Prophet vernommen hat.Punkte, die Koran, Christentum und Judentum gleichermaßen
kennen: der gleiche Gott; der gleiche Engel Gabriel (Djibril) als
Vermittler; Adam und Eva (Hawwä'). Den Propheten, die Mo
hammed vorangegangen sind, bezeugt der Islam besonderen Re
spekt, und etliche von ihnen sind auch im Koran genannt: der
Vorfahre Abraham (Ibrahim), Vater von Ismael (Ismä'tl) und
Isaak (Ishâq), Jesus (Isä), David (Däwüd), Joseph (Yüsuf) und
Maria (Maryam). Andere sind: Elias, Johannes, Hiob, Jonas,
Saul, Zacharias. Der Islam anerkennt die Authentizität der hei
ligen Bücher, vor allem der Bibel und der Thora. Die Trinität
Vater — Sohn — Heiliger Geist dagegen wird abgelehnt, da Gott,
der Einzige, sich weder vermehren noch Nachkommenschaft ha
ben kann. Dies zu glauben, steht für die Muslime auf gleicher
Stufe wie Anthropomorphismus und Häresie.Hadith vom Propheten.Ebenda.Ebenda.
Die shahâda in kalligraphischer Form, oben ausgeführt von Sayyid Muhammad Hasan, 1897/98; unten von Shekif 1860/61; Türkei, The Nasser D. Khalili Collection of lslamic Art