DER KORAN
Koran
Koran, kleines Manuskript im arabischen Schriftduktus Naskhi; das Frontispiz trägt die Fâtiha und den Anfang der II. Sure; Türkei, osmanisch,Anfang 18. Jh., Sammlung ].
ungeschaffene rede, körperliches wort, göttlicher atem
IN GHÄR HIRÄ', EINER HÖHLE NAHE MEKKA, HÖRTE DER PROPHET MOHAMMED ETWA IM JAHRE 610/611, ALS ER SICH WIEDER EINMAL IN die Einsamkeit zurückgezogen hatte, wie der Erzengel Gabriel (Djibril) zu ihm sprach: „Rezitiere, lies, verkündige (iqra')". Überrascht antwortete er: „Aber ich kann doch nicht lesen." Gabriel forderte ihn neuerlich auf, das Wort zu wiederholen: „Trag vor im Namen deines Herrn, der erschaffen hat, den Menschen aus einem Embryo erschaffen hat! Trag vor! Dein Herr ist edelmütig wie niemand auf der Welt, er, der den Gebrauch des Schreibrohrs gelehrt hat, den Menschen gelehrt hat, was er zuvor nicht wußte." (Der Embriyo, XCVI, 1-5)
Soweit die ersten Wörter des ungeschaffenen, erhabenen „Worts", gesprochen durch den Engel Gabriel, verkündet durch den Propheten und den Menschen durch Vermittlung der Rezitatoren (huffäz) übermittelt, deren außerordentliches Gedächtnis es nicht hat in Vergessenheit geraten lassen.
Der Koran ist das Buch schlechthin, in seiner Gesamtheit in „reiner" arabischer Sprache1, der Sprache des Hidjaz offenbart, und er duldet weder Umformungen noch Zusätze, noch Weglassungen. Es ist das Buch, über das kein Zweifel zulässig ist (lä raiba fihi), da Zweifel in dieser Hin-
sicht Unglauben bedeutet. „Dies ist die Schrift, an der nicht zu zweifeln ist, offenbart als Rechtleitung für die Gottesfürchtigen. ... Denen, die ungläubig sind, ist es gleich, ob du sie warnst, oder nicht. Sie glauben nicht. Gott hat ihnen das Herz und das Gehör versiegelt, und ihr Gesicht verhüllt. Sie haben dereinst eine gewaltige Strafe zu erwarten." (Die Kuh, II, 2-7)
Im übrigen ist der mushaf, der physische Koran, den man konsultieren und berühren kann, für muslimische Esoteriker nur eine sichtbare Kopie des göttlichen Originals, einer materia prima, die seit Urewigkeit auf einer behüteten Tafel aufbewahrt wird.2 Der Ausdruck Koran (al-Qur'än) leitet sich vom Verb qara'a („lesen, rezitieren") und vom Substantiv qirä'a her, das „Lektüre, Rezitation" bedeutet und auf das Diktat des Erzengels an den Propheten anspielt, das circa 610/611 begonnen hat und 632 n. Chr. beendet war.
Der Koran wurde nach und nach in Mekka — man spricht von der „ersten Periode" (611-622) -und danach in Medina — der „zweiten Periode" (622-632) - offenbart. Er umfaßt 114 Kapitel, die Suren heißen und ihrerseits 6 219 Verse beinhalten. Der Vers, das Grundelement des Korans, ist ein mächtiges Zeichen, das die Gegenwart Gottes garantiert, als „Wunder" gilt und den Ausdruck des über alle Maßen erhabenen göttlichen Willens darstellt.
Die Suren sind in 60 Abteilungen zusammengefaßt, die ahzâb genannt werden und von unterschiedlicher Länge sind. Die längsten Suren - von Sure II (Die Kuh) bis Sure LXXI (Noah) -können bis zu viele Hunderte von Versen beinhalten, wobei die längste Sure des Korans überhaupt, Die Kuh, 286 Verse zählt. Die Suren mittlerer Länge reichen von Sure LXXX (Er zog die Stirne kraus) bis Sure XCII (Die Nacht), während die kürzesten manchmal nur drei Verse haben und von Sure XCIII (Der Morgen) bis Sure CXIV (Die Menschen), der letzten Sure des Korans mit sechs Versen, reichen. Jeder Sure ist mit Ausnahme der neunten5 eine Anrufung Gottes vorangestellt, die basmala, ein symbolischer Schlüssel, der in das Mysterium des Korans einführt. Die generelle Einführung erfolgt durch die Sure al'Fâtiha („die Eröffnende, Einführende"), die eine der am häufigsten rezitierten Suren darstellt. Ihre sieben Verse (vergleiche Seite 9) tragen die Ehrenbezeichnung „Mutter des Buches", da sie - einer Tradition des Propheten zufolge — dessen gesamte Fülle und Komplexität zusammenfaßt.
Man nimmt an, daß es Zaid ibn Thäbit, der Sekretär des Propheten, war, der auf Befehl des Kalifen 'Uthmän (Osman) zwischen 644 und 656 die Grundlagen für die spätere Vulgata des Korans gelegt hat.
Seit dieser Zeit wird der Koran in allen Moscheen gesungen und rezitiert, in erster Linie aber schreibt man ihn ab, meditiert über ihm, interpretiert ihn und lernt ihn in den Koranschulen (madäris). Schließlich wird er in großem Stile übersetzt.4 Den Koran auswendig zu lernen ist für alle Muslime ein sehr segensreicher Akt. Für Koranexegese, Theologie und islamische Jurisprudenz ist er geradezu eine Vorbedingung.
Als machtvoller Text in Form fortgeführter Faßbarkeit des Gewissens und unentwegter Erklärung liegt diesem „großen Wunder" ein grenzenloses, ästhetisches Argument zugrunde: „Und wenn ihr hinsichtlich dessen, was wir auf unseren Diener herabgesandt haben, im Zweifel seid, dann bringt doch eine Sure gleicher Art bei und ruft, wenn ihr die Wahrheit sagt, an Gottes Statt eure Zeugen an!" (Die Kuh, II, 23)„Die Sprache dessen, auf den sie anspielen, ist nichtarabisch.
Dies hingegen ist deutliche arabische Sprache." (Die Biene, XVI,
103)„Es ist ein preiswürdiger Koran, auf einer wohlverwahrten Ta
fel." (Die Türme, LXXXV, 21-22)Die Sure trägt den Namen Die Buße.Seit dem Mittelalter liegen lateinische Übersetzungen vor, und
noch immer wird der Koran in immer neue Sprachen übersetzt.
Seit dem Ende des vorigen und im Verlaufe dieses Jahrhunderts
haben die Übersetzungen besonders stark an Zahl und Dichte zu
genommen. Neben Übersetzungen ins Französische (in der es
nicht weniger als zwölf wichtige gibt), ins Deutsche und Engli
sche sei an solche ins Finnische (seit 1942), Afrikaans (1950),
Baskische (1952), Gälische, das Tiefland-Schottische (1948)
oder das Jiddische (in hebräischer Schrift) erinnert. Es existieren
auch Übersetzungen ins Plattdeutsche (seit 1698), ins Rätoro
manische (1949), ins Volapük (die Welthilfssprache, die Johann
Martin Schleyer 1879 erfunden hat; seit 1951), schließlich ins
Hindustani, Uzbekische, Chinesische, Malinke, Suahili, Peuhl...
Koran
Koran aus der Moschee von Paris