DIE PILGERFAHRT
Die Pilgerfahrt
Leon Adolphe Auguste Belly, Pilger ziehen nach Mekka, 1861, Sammlung des Mw.se'e d'Orsay
Begegnung mit der gemeinschaft der gläubigen im hause gottes
NACH GLAUBENSBEKENNTNIS, GEBET, ALMOSEN UND FASTEN BILDET DIE PILGERFAHRT NACH MEKKA DIE FÜNFTE UND LETZTE SÄULE des Islam.
Sie ist für alle erwachsenen Muslime -und zwar beider Geschlechter —, die über die entsprechenden Mittel verfügen, sie durchzuführen, verpflichtend, jedoch nur ein einziges Mal in ihrem Leberv1
Die große Pilgerfahrt (al-hadjdj) besteht aus mehreren Stationen, die an mehreren Tagen zu absolvieren sind, und zwar üblicherweise vom 8. bis zum 12. Dhü i-hidjdja, dem zwölften Monat des islamischen Kalenders. Begleitet wird sie von Rei-nigungsritualen, die exakt vorgeschrieben sind. Der Prophet hat sich - laut Mitteilung von Ab-dalläh ihn 'Umar (7. Jh.) - folgendermaßen dazu geäußert: „Der Mensch darf im Zustand des ihräm (der rituellen Reinheit) weder qamis (Hemd) noch Turban, Hose, Burnus tragen, noch ein Kleidungsstück, das mit Safran oder wars (eine gelbe Färberpflanze) in Berührung gekommen ist, oder Stiefel, außer er findet keine Schuhe, und selbst da muß er die Stiefel unterhalb der Knöchel abschneiden."2
Die islamische Pilgerfahrt umfaßt fünf Stationen. Wobei deren strikte Einhaltung die einzige Garantie für die Gültigkeit der Pilgerfahrt darstellt:
I. MARSCH ZUR 'ARAFA (8. Dhü l-hidjdja), der Ebene mit dem gleichnamigen heiligen Berg des Islam, die 21 km außerhalb von Mekka liegt. Bei seiner Ankunft in Mekka hat sich der Gläubige zu reinigen (ihräm), indem er seine üblichen Kleidungsstücke ablegt, um ein weißes Gewand aus ungenäh-tem Stoff anzuziehen. Ab jetzt hat er eine Übertretung von Verboten zu vermeiden, deren wichtigste sind: Blut zu vergießen, sexuellen Kontakt zu haben und auf die Jagd zu gehen. Überdies gilt: „Während der Wallfahrt darf man keinen Umgang mit Frauen haben, keinen Frevel begehen und sich nicht herumstreiten." (Die Kuh, II, 197)
Der Pilger umrundet siebenmal zu Fuß die Kaaba (tawäf). Diese Umgänge können in Begleitung eines professionellen Führers (mutawwif) durchgeführt werden. Der Pilger richtet nun Gebete und Anrufungen an Gott, von denen die bekannteste und wichtigste die talbiya ist.' Der Zyklus wird durch ein Gebet am Platz Abrahams beendet, der sich am Vorplatz zur Kaaba befindet. Schließlich führt der Pilger siebenmal einen Lauf (sa'y) zwischen as-Safä und al-Marwa, zwei Hügeln, durch. Dies geschieht in Gedenken an Ha-gar, die in Panik Wasser für ihren Sohn Ismael finden mußte und vor der Gott eine Quelle mit frischem Wasser hervorsprudeln ließ. Dieses Wasser ist zwar brackig, aber mit baraka (göttlicher Gnade) versehen und heißt Zamzam. Die Pilger nehmen das Wasser in kleinen Phiolen, die ?am-zamiyät heißen, mit sich.
II. HALT AM ARAFA (9. Dhü l-hidjdja). Die Pilger versammeln sich am 'Arafa, genauer gesagt rund um den Berg ar-Rahma, und preisen Gott den ganzen Tag lang, wobei sie besonders die talbiya rezitieren. Dieser Halt am 9. Dhü l-hidjdja ist von Bedeutung, da er auf den letzten öffentlichen Auftritt des Propheten Bezug nimmt: Als er seine „Abschieds-Wallfahrt" absolvierte, stieg er hier herauf, um seine letzte Rede zu halten und die folgende Offenbarung weiterzugeben: „Heute habe ich euch eure Religion vervollständigt und meine Gnade an euch vollendet, und ich bin damit zufrieden, daß ihr den Islam als Religion habt." (Der Tisch, V, 3) Nachdem die Pilger die Nachmittagsgebete verrichtet haben, erheben sie sich und rufen die göttliche Barmherzigkeit an, denn der Halt am Arafa gilt als Höhepunkt der Pilgerfahrt und darf daher unter keinen Umständen ausgelassen werden. Nach Sonnenuntergang verlassen die Pilger den Arafa in Richtung Minä, 5,5 km von Mekka entfernt. Nach der Hälfte halten sie in al-Muzdalifa, wo sie die Nacht verbringen. Diese Rückkehr (na/r) ist für die Pilger sehr eindrucksvoll, vor allem für die älteren, die oft die Hilfe einer dritten Person brauchen. Tatsächlich bedeutet der na/r mehr als Zerstreuung und Marschieren; es ist ein wahrer Ansturm, dessen Bedeutung im Tempo liegt, das auch der Prophet selbst gewählt hat, indem er seine Schritte
je nach Wegstrecke beschleunigte oder verlangsamte.
III TAG DER OPFERS
(yaum an-nahr), al-Muzdalifa
(10. Dhü l-hidjdja). Dies ist der Ritus der Opferung des Opfertiers, den man am gleichen Tag in der gesamten islamischen Welt ebenso begeht. Dieses Opfer findet im Gedenken an die Handlung Abrahams statt, der, von Gott auf die Probe gestellt, seinen ältesten Sohn Isaak opfern wollte. Im Gegensatz allerdings zu dem, was die Genesis berichtet4, handelt es sich um Ismael, der nach muslimischem Glauben zum Gegenstand des Tauschhandels mit dem Erzengel wurde und Opfer Abrahams werden wollte, und nicht um Isaak. Gott hat ja in seiner großen Güte den Erzengel Gabriel gesandt und das geliebte Kind durch ein Schaf ersetzt, das seitdem seine Stelle für den genannten Zweck einnimmt. Jedenfalls bekräftigt dies die Mehrheit der traditionellen Korankommentatoren. Ismael gilt als Stammvater der beduinischen Araber und als Vater ihrer Nation. Im übrigen schreibt eine uralte Tradition Ismael zu, seinem Vater geholfen zu haben, als dieser den heiligen Tempel der Kaaba wieder aufbauen mußte, nach dem er gesehen hatte, daß er einzustürzen und zur Ruine zu werden drohte.
Pilger, in eine weiße Tunika namens ihrfun gekleidet, am Berg ar-Ra/ima bei 'Arafa.
AUFENTHALT IN MINÄ (11. Dhü l-hidjdja).
Hier spielt sich der Tag der Betrachtung (Meditation, tarwiya) ab, der sich manchmal um die zwei folgenden Tage (12. und 13. Dhü l-hidjdja) verlängert. Ein uralter und verpflichtender Ritus begleitet diese Station, nämlich die Steinigung des Satans (radjm ash-shaitän) mittels am Vorabend in al-Muzdalifa aufgeklaubter Steine. Der Teufel wird durch drei „Stelen" symbolisiert, deren stärkste immer weiter durch Anhäufung kleiner Kieselsteine bedeckt wird. Nachdem der Pilger alle diese Stationen gewissenhaft absolviert hat, legt er den Weihezustand ab, opfert sein ganzes oder einen Teil seines Haares (viele scheren sich vollständig den Kopf) und hebt damit alle Tabus auf, die er eingegangen ist. Die Stationen und Rituale haben eine besondere Bedeutung. Der Umgang um das heilige Haus ist eine Wiederholung dessen, was die Engel um den Thron Gottes ausführen, denn, so al-Ghazäli (gestorben 1111), „das Haus Gottes ist ein auf Erden sichtbares Symbol für das den Blicken nicht zugängliche Reich Gottes"5. Die Koranexegese hat demgemäß alle Stationen der Pilgerfahrt gründlich untersucht und jeder von ihnen eine Bedeutung auf mehreren Ebenen zugewiesen: eine offenkundige, verborgene, tiefgründige, außerordentlich tiefgründige ... Nur einige wenige Eingeweihte können die letzte Stufe verstehen und a fortiori erklären.
Neben der großen Pilgerfahrt führen die Muslime auch die 'umra durch, die „kleine" oder „kleinere" Pilgerfahrt: sie beschränkt sich auf den Ha-ram — das eigentliche heilige Gebiet Mekkas —, Mekka und seine unmittelbare Nähe. Beide sind jedoch koranisch vorgegeben, was sie vom einfachen Besuch heiliger Stätten (ziyära) unterscheidet: „Führt die Wallfahrt (hadjdj) und die Besuchsfahrt ('umra) im Dienste Gottes durch! Und wenn ihr an der Ausführung der Wallfahrtszeremonien behindert seid, dann bringt als Sühne für
die Unterlassung Opfertiere dar, was für euch erschwinglich ist." (Die Kuh, II, 196)
Wichtig für die frommen Muslime ist es, die 'umra aber doch dem Ermessen jedes Einzelnen zu überlassen. Sie kann zu jeder Zeit im Jahr stattfinden, außer zur Zeit des hadjdj, allerdings wird der siebente Monat (radjab) bevorzugt, der seinerseits zu den vier „heiligen Monaten" zählt.6
Obwohl es sich bei der 'umra um ein sehr segensreiches Unternehmen handelt, kann sie den hadjdj nicht ersetzen, der allein Titel und Prestige — und die Bezeichnung hädjdji — dem vollendeten Muslim verleiht.
Die religiöse Kraft der Pilgerfahrt kommt daher, weil sie das vollständige Eintauchen des Pilgers in das Allerheiligste garantiert. Sie bietet auch die Gelegenheit, persönlich der islamischen Gemeinschaft, al'Umma al-islänuya, zu begegnen, all ihren Männern und Frauen, die millionenfach aus allen Ländern der Erde herbeiströmen, um den gleichen Gott zu verehren.„Die Menschen sind Gott gcgenüher verpflichtet, die Wallfahrt nach dem Haus zu machen, soweit sie dazu eine Möglichkeit finden." (Die Sippe 'Imräns, III, 97)El-Bokhari, Les Timim'ons islamiqucs, Bd. 4, Paris 1984, S. 99.„Hier hin ich, Gott, zu Deinen Diensten, hier hin ich." (labbaika Allähumma labbaika)Genesis 22,1-19.
M. Hamidullah, Le pelerinage ä La Meccjue, in: Les Pelerinages, Paris 1950.Nach koranischer Vorgabe (Die Buße, IX, 36) handelt es sich hei diesen Monaten um al-Muharram (1.), Radjab (7.), Dhü l-Qada (l 1.) und Dhü l-Hidjdja. In diesen Monaten „des Gottesfriedens" war in der Zeit des alten Arahiens eine Reihe von Verholen in Kraft, darunter das des Krieges zwischen den Stämmen.