FESTE UND RITUALE
Halal
Aufdruck, der erlaubtes, von den Muslimen zu verzehrendes Fleisch als halal ausweist.
DIE HIDJRA-ÄRA ALS GRUNDLAGE DES ISLAMISCHEN KALENDERS, DAS MONDJAHR ALS RHYTHMUS IM LEBEN DER GLÄUBIGEN
DIE RITEN RUND UM GEBURT, BEISTAND UND TOD STELLEN EINE GESCHICKTE MISCHUNG AUS BRÄUCHEN UND RELIGIÖSEN VORSCHRIEB ten dar. Im täglichen Leben glauben die Muslime an keine äußere Macht außer an Gott, aber in Augenblicken der Verwirrung können sie auf Talismane zurückgreifen, um sich vor dem bösen Blick und der jettatura zu schützen.1 Diese Talismane tragen Koranverse und erinnern an die Überlegenheit Gottes über Satan.
Von besonderer Bedeutung sind die Speiseriten und die Speiseverbote. Der Gebrauch der Nahrungsmittel ist im Islam exakt kodifiziert. Die theologischen und juristischen Werke behandeln in geradezu übertriebener Weise tausendundein Situationen in Zusammenhang mit Medizin, Reinigung, Opfer et cetera, wann ein Stück Fleisch im Zustand der Reinheit (haläl) ist oder, im Gegenteil, für den Verzehr ungeeignet bleibt. Die Speiseverbote erstrecken sich zum Beispiel auf an sich erlaubtes Fleisch, das aber nicht von einem Tier stammt, das im Namen Gottes geschlachtet oder das zu anderen Zwecken als zum Verzehr gefangen worden ist. „Verboten ist euch Fleisch von verendeten Tieren, Blut, Schweinefleisch, und Fleisch, worüber beim Schlachten ein anderes Wesen als Gott angerufen worden ist, und was erstickt, zu
Tod geschlagen, zu Tod gestürzt oder gestoßen ist, und was ein wildes Tier angefressen hat — es sei denn, ihr schachtet es -, und was auf einem Opferstein geschlachtet worden ist." (Der Tisch, V, 3) Ähnliches betrifft Eingeweide und Kadaver, da es heißt: „Weder ihr Fleisch noch ihr Blut gelangt zu Gott." (Die Wallfahrt, XXII, 37)
Was das Opfer und die Schlachtung betrifft, so handelt es sich um Praktiken, die aus dem alten Arabien stammen und die der Koran verstärkt und bestätigt hat.
Die wichtigsten rituellen Opfer im Islam bestehen in der Schlachtung eines Tieres, eines Schafes, Kamels, Stiers oder einer Ziege. Die Muslime gedenken damit der Handlung Abrahams, der nach göttlicher Weisung seinen Sohn Ismael opfern sollte. Dieses Fest, das „Schlachtopferfest" ('id al-adhä), wird auch 'id al-kabir („Großes Fest") genannt, zur Unterscheidung von dem Fest, das den Ramadan beschließt. Es findet am 10. Tage des Monats der heiligen Pilgerfahrt (Dhü l-hidjdja) statt. Muslim ibn al-Hadjdjädj (816-873) berichtet von folgendem Ausspruch des Propheten: „Wenn ihr einem Tier die Kehle durchschneidet, tut dies auf vorzügliche Weise, indem jeder von euch seine Klinge schärft und nicht das Tier, das er schlachten will, mißhandelt."2
Kalender
Kalender auf Pergamentrolle, wo für jeden Monat des Sonnenjahres dieislamischen Gebetszeiten und andere wkhtige Gegebenheiten des Kultjahres eingetragen sind.Türkei, Anfang 19. Jh., The Nasser D. Khalili Collection of klamic Art
Damit es sich um erlaubtes Fleisch handelt, muß sich der Schlachtende — immer ein erwachsener Muslim im Zustand der kanonischen Reinheit und in seinem Gebiet geschickt — sehr genauen rituellen Vorschriften unterwerfen: Richtung nach Mekka, Anrufung des Namens Allahs, Durchschneiden der Kehle mit Geschick, ohne daß der Kopf vom Nacken getrennt wird. Einige Tiere sind für den Verzehr nicht geeignet: Hund, Katze, Wolf, Fuchs, Eber und Wildschwein. Das gleiche gilt für Raben aus Gründen der schlechten Vorzeichen, die mit ihm in Verbindung gebracht werden, und für mehrere Raubvögel.
In Europa wird der erlaubte Charakter von Fleisch durch den Veterinärdienst der Großen Moschee festgestellt. Der Opferritus zum 'id al-kabir ist jedoch bei weitem nicht der einzige. Er ist nur Teil eines viel weiteren Feldes arabisch-islamischer Speiseriten, die auch einzelnen volkstümlichen Vorstellungen Platz einräumen.
Der Ritus der Beschneidung ist ebenfalls von sehr großer Bedeutung. Obwohl der Koran die Beschneidung (khitän) an keiner Stelle nennt, handelt es sich dabei um eine arabisch-beduinische und semitische Praxis, die für männliche Kinder nachdrücklich empfohlen ist. In zunehmendem Maße hat sie im rituellen System der islamischen Welt, besonders in deren zentralen Ländern (Iran, Türkei, Ägypten, Arabien, islamisches Afrika, Maghreb), Platz gegriffen.
Sie ist als kollektive Tradition vorgeschrieben und symbolisiert eine Art von Vollendung, ohne aber Glaubensrang einzunehmen. Die Beschneidung folgt ebenso religiösen Belangen wie medizinischen, hygienischen und gesellschaftlichen Erfordernissen. Je nach Gebiet wird sie bei Kindern im Alter zwischen drei und neun Jahren durchgeführt. Gegenwärtig geht die Tendenz dahin, sie weniger schmerzhaft auszuführen, insbesondere sie bereits für einen früheren Zeitpunkt zu empfehlen und sie durch einen Kinderarzt oder Chirurgen ausführen zu lassen.
Die Rituale verstärken die Anhänglichkeit und Ehrerbietung des Muslim gegenüber seiner Religion. Sie sind Quellen für Dogma und Recht, aber auch Unterscheider im Glauben: „Und für jede Gemeinschaft haben wir einen Ritus bestimmt, damit sie den Namen Gottes ausspreche ..." (Die Wallfahrt, XXII, 34) Schließlich sind die Rituale, da sie den Apparat der Identifikation für Millionen von Menschen darstellen, die Drehpunkte der Vergeistigung des religiösen Lebens.
Weitere bedeutende Zeitpunkte des religiösen Lebens sind die Feste, die das islamische Jahr kennzeichnen. Der islamische Kalender (die Hidjra-Ära) beruht auf einem Mondjahr und beginnt offiziell am 24- September 622 n. Chr., was nach islamischem Kalender dem 12. Rabi' al-awwal des Jahres l der Hidjra entspricht.3 Das Wort hidjra bedeutet „Exil, Emigration, Auswanderung", was erklärt, daß das islamische Jahr den Eintritt eines neuen Zyklus darstellt und nicht bloß die Zurückweisung des heidnischen Kalenders des vorislamischen Hidjäz. Bei dieser Auswanderung mußten der Prophet und seine Gefährten am 16. September 622, verfolgt von ihren mekkanischen Gegenspielern, nach Yathrib emigrieren, dem alten Namen von Medina. So wurde Medina der Zufluchtsort der islamischen Gemeinschaft, der Ort der Annahme des neuen Glaubens und der erste islamische Stadtstaat. Das islamische Jahr hat zwölf Mondmonate zu 29 oder 30 Tagen, hat somit 355 oder 356 Tage, was eine Differenz von etwa elf Tagen zum Sonnenjahr bedeutet. Von daher rührt die jährlich steigende Abweichung zwischen dem Hidjra-Kalender und dem Gregorianischen Kalender. Die Namen der islamischen Monate sind: al'Muharram, Safar, Rabi' al-awwal, Rabi' ath-thäni, Djumädä al-ülä, Djumädäal-äkhira, Radjab, Shabän, Ramadan, Shaw-wäl, Dhü l-Qa'da, Dhü l-Hidjdja. Die heiligen Monate darunter, die der Koran anspricht, sind vier und heißen „Monate Gottes":
— al'Muharram (wörtlich: „untersagt, verboten" und daher „heilig"), der erste Monat des Hidj-ra-Jahres;Radjab, ein Monat, der bereits vor dem Islam hoch angesehen war;Dhü l-Qa'da, was „Monat der Ruhe" bedeutet, der elfte Monat des Jahres, ein Monat des Frie
dens, in dem die Stämme alle Konflikte aussetzen und sich um ihre Handelsgeschäfte kümmern; Dhü l-Hidjdja, der zwölfte Monat des islamischen Jahres und Monat der Pilgerfahrt nach Mekka.Zahlreiche Feste und Zeremonien sind über das ganze islamische Jahr verteilt:
I. NEUJAHR (ra's al-'äm) am 1. al-Muharram. Es ist der Anfang des islamischen Kalenderjahres. Die Iraner bleiben allerdings bei ihrem Nou-rüz (wörtlich: „neuer Tag"), dem sassanidischen Neujahr, das die Islamisierung überlebt hat und dessen
Fest nach dem Frühlings-Äquinoktium (21. März) gefeiert wird.
II. ÄSHÜRÄ' am 10. al-Muharram. Während dieses Tages fasten viele Muslime, beten und widmen sich rituellen Handlungen. Für die Schiiten stellt dieser Festtag einen nationalen Trauertag dar, da er dem Gedenken an den Märtyrertod des zweiten Sohns des imam Ali, al-Husain, gewidmet ist, den er am 10. al-Muharram 680 bei Karbalâ' (Irak) erlitt.DIE GEBURT DES PROPHETEN (maulid an-nabi) am 12. Rabi' al-awwal. Zu diesem Fest, das jedes
Jahr unter großer Beteiligung in der islamischen Welt begangen wird, werden Veranstaltungen mit mystischen Trauerreden und Koranlektüre durch geführt.
DIE NACHT DER HIMMELFAHRT DES PROPHETEN (lailat almirädj) am 27. Radjab. Nach den Berichten der Geschichtsschreiber fand sie im zweiten Jahr der Predigttätigkeit des Propheten statt. Obwohl sie von den Gläubigen nicht durch gehend gefeiert wird, gilt die Nacht der Himmelfahrt als vorteilhaft für Versammlungen zwecks Meditation und Anrufung Gottes, und es werden Trankopfer dargeboten.V. DIE NACHT DES SCHICKSALS, auch Nacht der
Bestimmung (lailat al-qadr), am 27. Ramadan. Sie ist die wichtigste des Monats, da es sich um die Nacht der koranischen Offenbarung handelt: „Wir haben ihn (den Koran) in der Nacht der Bestimmung herabgesandt." (Die Bestimmung, XCVII, l) Auf geistiger Ebene entspricht sie dem Wert von eintausend Monaten, und der Koran definiert sie: „Sie ist voller Heil und Segen, bis die Morgenröte sichtbar wird." (Die Bestimmung, XCVII, 5)
VI. DAS FEST DES FASTENBRECHENS ('id al-fitr), auch „kleines Fest" ('id saghir), am 1. Shawwäl. Es verdankt seine Bedeutung der Tatsache, daß es den
jährlichen Fastenmonat schließt. Mit einem bedeutungsvollen Gebet in der Moschee beginnen vergnügte Festlichkeiten, die manchmal zwei oder drei Tage lang dauern.
VII. DAS OPFERFEST ('id aladhä) am 10. Dhülhidjdja. Es heißt auch „großes Fest" ('id kabir, in der Türkei kurban bairam), da es an das Opfer Abrahams erinnert. Geschenk und Verteilung sind dabei das Wesentliche. In diesen strikt religiösen Rahmen
ist die Schlachtung des Schafes des id eingefügt. Wenn das Tier geopfert, zerteilt und zerlegt ist, ist es für die Familie, die Armen und die Freunde bestimmt. Das gleiche gilt für diejenigen, die sich zum Zeitpunkt der Pilgerfahrt in Mekka befinden. Ihr Schaf wird an bestimmten Plätzen geschlachtet, wobei das überzählige Fleisch den Bedürftigsten gehört.
Zu diesem rituellen Kalender kommt noch eine Reihe weiterer Feierlichkeiten von gesellschaftlichem und familiärem Charakter wie eine Heirat
(zawädj) oder der Abschluß der Koranlehrzeit (khat-ma). Eine Heirat zum Beispiel erfordert die aktive und vollständige Verfügbarkeit der gesamten Familie, manchmal sogar der ganzen Sippe. Das Ansehen einer Heirat ist im islamischen Bereich so groß, daß selbst bescheidene Familien ein einwöchiges Festessen geben, sogar auf die Gefahr hin, sich schwer zu verschulden. Da der Islam keinen Zölibat kennt, folgen die Muslime dem Beispiel des Propheten und seiner ihm nahestehenden Gefährten. Der Abschluß der Koranlehrzeit gehorcht Regeln auf pädagogischem Gebiet und der Übertragung von Gedächtnisinhalten. Die Lehrzeit beginnt in frühester Kindheit in der nächstgelegenen Koranschule und setzt sich bis zur Hochschule fort. Theoretisch betrifft die khatma nur diejenigen, die den Koran zur Gänze auswendig gelernt haben, aber die Familien sind schon sehr zufrieden, wenn ihr Kind ihn auch nur zur Hälfte oder zu drei Viertel gelernt hat. Oft zeigt ein Festessen, das die ganze Familie zusammenbringt, den Abschluß dieser Ausbildung an.Ganz kurz zu einem charakteristischen Objekt des islamischen Volksglaubens, zur Hand der Fätima. Sie wird, ebenso wie Fisch zeichnungen in Fischerdörfern oder wie das Hufeisen, das man an Hausgiebeln befestigt, dazu verwendet, um böses Schicksal fernzuhalten. Obwohl die Hand der Fätima ein Gesellschafts symbol darstellt, die vor allem die arabisch-berberische Volkskultur betont, entspricht sie keiner rituellen, koranischen oder in der Tradition begründeten Vorschrift.Nawawi, Les Quarante Hadiths, Paris 1980, S. 46.Die Entscheidung, den neuen Kalender mit dem Zeitpunkt der Hidjra beginnen zu lassen, geht zurück auf 'Umar, den zweiten Kalifen. Die Historiker setzen diese Entscheidung in das Jahr 17, das dem Jahr 639 n. Chr. entspricht.