ZAHLENMYSTIK ALS ABERGLAUBE
ZAHLENMYSTIK ALS ABERGLAUBE
Brüssel, 16. Dezember 1985
Der Muslim betrachtet den Qur'an als Gottes unmittelbares Wort und damit als ein sich selbst verifizierendes Wunder. Dies ist der Hintergrund der rhetorischen Aufforderung in Sure 11, Vers 13: „Oder sie sprechen: »Er hat ihn ersonnen.« Sprich: »So bringt zehn gleiche Suren hervor, von euch erdichtet...«"
Es steht mit dieser Haltung zum Qur'an nicht im Widerspruch, wenn sich fromme Muslime seit alters her darum bemüht haben, die inneren Zusammenhänge - also die Struktur des Heiligen Buches - besser zu verstehen. Dazu boten zumindest die rätselhaften Buchstabengruppen am Beginn einiger Suren, die sog. al-muqatta'at, hinreichenden Anlaß.
Eine der Techniken zur Auflösung dieser und anderer Rätsel war auch im Islam die Zahlenmystik. Sie beruht auf der uralten Vorstellung, daß Zahlen eine über ihren numerischen Wert hinausgehende Bedeutung hätten. (Wie tief verwurzelt diese Vorstellung ist, kann man an der Rolle der Ziffer 13 ermessen, die man bekanntlich an Hoteltüren vergeblich sucht...)
Ist schon die Lehre von der Bedeutung der natürlichen Zahlen, die Zahlensymbolik, reine Spekulation, so potenziert sich das Spekulative noch, wenn man unterstellt, daß auch den Buchstaben des Alphabets Zahlenwerte entsprechen. Wer sich darauf einläßt, betreibt - wie die jüdischen Kabbalisten - letztlich nur eine andere Form der Alchemie.
Papus beschrieb dies ganz einfach und prägnant: „Man ersetzt nun die Buchstaben durch Zahlen und umgekehrt und nimmt mit den Zahlen verschiedene Rechenoperationen vor." („Die Kabbala", 4. Auflage, Wiesbaden 1983); Rechenoperationen allerdings mit dem Ziel, Zugang zu praktischer Magie und zur Gabe der Prophetie zu finden. Erstaunlicherweise hat es ein christlicher Theologe. Claus Schedl, unternommen, den Qur'an einer solchen zahlenmystischen Analyse zu unterziehen, und zwar auf kabbalistischer Grundlage („Muhammad und Jesus - die christologisch relevanten Texte des Koran", Herder, Wien 1978).
In Anwendung seiner „logotechnischen" Methode zählt Schedl, addiert und subtrahiert, bildet Quersummen von links nach rechts und von oben nach unten, und kommt schließlich auf über 500 Seiten zu dem Ergebnis, daßder Qur'an „wohlgebaut" sei;Muhammad ein bedeutender „schaffender Künstler
und Schriftgelehrter" gewesen sei, der „hart an For
mung und Gestaltung seiner Worte solange arbeitete,
bis er sie als in sich vollendetes Kunstwerk aus seiner
Hand entlassen konnte" (S. 166);die Christologie des Qur'an derjenigen des Neuen Testa-ments näher sei als viele glaubten, so daß ein christli-cher-islamischer Dialog - weniger über Person und Natur Jesu als über seine Wirkweise - erfolgversprechend sei. In diesem Zusammenhang erinnert Schedl verdienstvollerweise daran, daß die Judenchristen und mit ihnen das syrische Christentum im Gegensatz zur hellenistisch-lateinischen Kirche Jesus ursprünglich -wie der Islam - als „Knecht" Gottes gesehen hatten; vgl. Apostelgeschichte 3,13 und 26 sowie 4,27 und 30. Dieses semitische Christentum lebe sozusagen unterirdisch im Islam weiter.
So erfreulich solche Schlußfolgerungen eines christlichen Theologen sind, der sich mit der Geschichte der Nestoria-ner vertraut gemacht hat, so schade ist es doch, daß Schedl dazu mittels seines Zahlenhokuspokus kommt, und daß er dabei den Propheten Muhammad, Friede sei mit ihm, zu einem Meister der Wortarchitektur erhebt (und zugleich erniedrigt). Der Architekt, Er heißt ALLAH! Eigentlich lohnt es sich gar nicht, über Seite 34 dieses Buches hinweg zu lesen, wo steht: „Da die Buchstaben zugleich Zahlen sind, fügen wir die entsprechenden Zahlenwerte bei." Denn an dieser Stelle hört die Wissenschaft auf und fängt bereits die Magie an. Ja, worauf beruht denn die Überzeugung, daß Zahlen Wertsymbole seien? Ja, worauf beruht denn die arrogante Annahme, daß ausgerechnet die Buchstaben des hebräischen Alphabets bekannte Zahlenwerte hätten und dies auch für das Arabische gültig sei? Warum soll alif den Zahlenwert l, ta aber 400 haben, ra 200, aber ha nur 5? Und warum soll die Zahl 55 Urvoll-kommenheit symbolisieren?
Es ist amüsant, solchen Zahlenmagiern in die Kochtöpfe zu gucken.
Dabei stellt man mehrere Tricks fest: Zum einen sind sie so fest entschlossen, bedeutsame Zahlenwerte zu entdek-ken, daß sie die Zählmethode so lange ändern - oder Summen derart untergliedern - bis eine symbolträchtige Zahl erscheint. Zum anderen haben die Kabbalisten schon früh dafür gesorgt, daß es kaum noch Zahlen gibt, die nicht „relevant" sind. Hierfür zwei entlarvende Zitate aus Schedls Buch:Da es 86 mekkanische Suren gibt, „drängt sich der Gedanke auf, daß hier Zahlensymbolik im Spiel war; denn 86 ist der Zahlenwert für den hebräischen Gottesnamen Elohim" (S. 38).„Unserer Vermutung nach handelt es sich (bei den
mysteriösen Anfangsbuchstaben einiger Suren) um logotechnische Alarmzeichen, um dadurch den Text bzusichern" (S. 205).
Man sieht: Immer ergibt sich eine wundersame Zahl mit wundersamer Bedeutung. Für den, der spekulieren will. Es würde mich nicht wundern, wenn die Kabbalisten des 20. Jahrhunderts auch die mikroelektronische Revolution demnächst in ihre Dienste stellen würden, um den Qur'an wie bereits die Bibel einer komputergestützten Textanalyse zu unterziehen. Dann können wir uns daraufgefaßt machen, daß „Muhammads Stil", ja seine Vorliebe für bestimmte Vokale, quantifiziert und so Grundlage für neue Auslegungsspielchen wird. Doch so war es schon immer: Je weniger Glaube, umso mehr Aberglaube.