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EXPLOSION IN ALGERIEN

EXPLOSION IN ALGERIEN  

Algier, 5.-12.0ktober 1988

Meine Erinnerungen an den Befreiungskrieg waren so schmerzhaft, daß ich seither keinen Fuß mehr auf algerischen Boden setzte. Doch dann - 25 Jahre danach - wurde ich am 17. August 1987 deutscher Botschafter, ausgerechnet in Algerien.
Auf den ersten Blick wirkte die weiße Stadt Algier unverändert schön. Aber dann konnte man doch weder die Übervölkerung übersehen, noch die negativen Symptome des sozialistischen Systems. Wohnraum war so rar, daß viele städtische Wohnungen grotesk überbelegt waren. Nicht wenige Familien nutzen ihr Schlafzimmer in Rotation: die Kleinen nachts und die (natürlich arbeitslosen; Älteren am Tag - bis Mutter sie zum Putzen und Lüften alle auf die Straße schickte. Kein Wunder, daß viele algerische Kinder merkwürdig alte Gesichter trugen und sich auch wie kleine Erwachsene verhielten. Bei Schulschluß liefen sie keineswegs lustig lärmend auf die Straße. Die grandiose Idee, das Land von oben nach unten zu industrialisieren - „ industrialisation industrialisante" genannt - war gescheitert und hatte zugleich zum Ruin von Landwirtschaft und Handwerk geführt. So gut wie alle großen Industriekomplexe, viele davon am falschen Standort errichtet, arbeiteten defizitär. Zum Weinen war es. die ehemals so fruchtbare und jetzt geradezu zuzementierte Mitidja-Ebene um Blida so wiederzusehen. Nach ihrem Sieg über Frankreich meinten viele Algerier, daß sie fortan niemand mehr zu dienen hätten, und schon gar nicht westlichen Touristen. Doch der algerische
Reichtum an Erdöl und Erdgas, für 97% des algerischen Exports verantwortlich, konnte die Unproduktivität der übrigen Wirtschaftszweige nicht ständig wettmachen. Derzeit jedenfalls gibt es hierzulande nur dreierlei im Überfluß: Sonne, Sand und Kinder. Witzbolde fürchten allerdings, daß in einem sozialistischen Wüstenland eines Tages auch der Sand rationiert werden muß. Nach einem Vierteljahrhundert Alleinherrschaft der Einheitspartei FLN sieht in der Tat nichts nach echter Reform aus. Die Alphabetisierung und der Gesundheitsdienst sind jedoch so erfolgreich gewesen, daß es jetzt ein riesiges, weiterwachsendes Heer an akademischem Proletariat gab, das von der Nomenklatura wissen will, warum ihr so reiches Land so arm ist? Manche Kritiker klagen den FLN an, die Früchte des Befreiungskriegs „konfisziert" zu haben. Mir fiel auf, daß junge Leute nicht „wir" sagten, wenn sie von ihrem Land sprachen, sondern von „sie", d.h. von denen da oben. Sie waren also auf der Suche nach einer neuen (oder alten) Identität, und diese konnte ihnen nur ihre Religion liefern: der Islam. Tatsächlich boten nur die (überwiegend privaten) Moscheen Freiraum für die Artikulierung und Organisation ihres sonst stummen Protestes. Und so wurde das geboren, was man bald den „parallelen Islam" nannte.
Das ist der Hintergrund für das, was sich diese Woche abspielte: ein Volksaufstand, vor allem - aber nicht nur -in Algier, im Westen meist völlig als „Brotrevolte" verkannt. Eine ganze lange Woche wurde die Stadt von zornigen Teenagern und jungen Männern beherrscht. Polizei, Armee und Regierung verschwanden. Die Rebellen van-dalierten scheinbar ziellos; doch dann wurde offenbar, daß sich ihre Zerstörungswut fast ausschließlich gegen ungeliebte Institutionen gerichtet hatte: Partei, Regierung, Sicherheitskräfte und sogar die westsaharische POLISARIO. Bevor die Armee den Aufstand schließlich niederschlug, war die bisher illegale islamische Bewegung aus dem Untergrund aufgetaucht und hatte sich als Friedens- und Ordnungsstifter bewährt. Damit war Abbasi Madam's Front Islamique du Salut (FIS) als legale, zumindest geduldete Oppositionspartei geboren. Auch in Algier wehte, wenn auch nur für kurze Zeit, ein „Prager Frühling". Einige Zeit wurde in unserer Gegend heftig geschossen. Doch dank meines gepanzerten Dienst-Mercedes blieb ich mobil. Abgesehen von der Aufgabe, das Geschehen zu verfolgen und zu analysieren, war meine Hauptaufgabe, die eventuelle Evakuierung der deutschen Kolonie vorzubereiten, ohne Panik zu schüren. Mein Ratschlag, im Zweifel zuhause zu bleiben und nicht planlos zu flüchten, entsprach der klassischen „stay put-Theorie". Da die Botschaft keiner normalen Tätigkeit mehr nachgehen konnte, brauchten wir nur einen Reststab zur Aufrechterhaltung der Kommunikation und zentralen Koordinierung. Ich überließ es jedem Einzelnen zu entscheiden, ob er oder sie den Weg zur Botschaft wagen konnte. Dabei zeigte sich, daß unsere weiblichen Mitarbeiter besonders beherzt waren.
Auch meine Frau übte in diesen kritischen Stunden für ihr nächstes Konzert weiter. Sie stellt ihre Harfe lediglich vom Fenster weg an eine Stelle, wo sie auch von Querschlägern sicher sein sollte. (Gibt es so etwas wie einen „sicheren Platz"?)