ARABISCH DIE SPRACHE DER BOTSCHAFT
ARABISCH DIE SPRACHE DER BOTSCHAFT
Ghardaia, 9. April 1962
In der Bar des einzigen Hotels der Oase komme ich neben einem Mozabiten zu sitzen, der sich mit seinem Burnus vor der Klimatisierung zu schützen sucht. Das Gespräch verläuft freundlich, zumal wir den unseligen Krieg draußen vor der Tür unerwähnt lassen. Bis ich ihm sage, daß ich den Qur'an soeben in französischer Übersetzung gelesen habe (0. Pesle/Ahmed Tidjani, Le Coran, Paris 1954).
Daraufhin wird der Blick meines Nachbarn feindselig und verschlossen. Ich begreife schließlich, daß er es für ein Sakrileg hält, das von Gabriel in arabischer Sprache überbrachte Wort Gottes übersetzen zu wollen. Sobald ich dies verstand, verstand ich auch, warum man beim Spazierengehen in dieser winkeligen algerischen Oasenstadt dröhnende Kinderstimmen beim Aufsagen qur'anischer Verse hörte, die sie als des Arabischen nicht mächtige Berber kaum verstehen konnten. Hinter beiden Phänomenen stehen keine primitiven Anschauungen. Ganz im Gegenteil! Man muß sich darüber klar sein, daß der Qur'an als unverfälschtes Gotteswon begriffen wird und damit einen Rang beansprucht, der keinem Bestandteil der Bibel zukommt. Ist es da ein Wunder, wenn selbst kurzen Qur'an-Zitaten in Schriftform eine ängstlich-behutsame Verehrung zuteil wird?
Gleichzeitig muß man sich darüber klar werden, daß die islamische Gelehrsamkeit - zum Teil an Aristoteles geschult - schon früh aus der Ewigkeit und Allwissenheit des unveränderlichen, vollkommenen Gottes geschlossen hat, daß auch Sein Wort ewig und ungeschaffen sei, auch wenn der Qur'an für uns in der Zeit Lebenden geschichtlich erfaßbar erst in den Jahren 610 - 632 n. Chr. „herabgesandt" worden ist. (Über diese Frage der Geschaffenheit oder Ungeschaffenheit des Qur'an haben sich islamische Theologen ebenso arg befehdet wie einst christliche Philosophen über die Frage der Endlichkeit der Welt.)
Deshalb muß man allerdings nicht der kindlichen Auffassung huldigen, Gott spreche arabisch: Die Botschaft wurde Mohammed arabisch ausgerichtet, weil er und seine Umgebung diese Sprache sprachen. Wie denn sonst? Das Übersetzen des Qur'an ist also kein Sakrileg; eine andere, trotz hunderter von Versuchen immer noch offene Frage ist jedoch, ob dies überhaupt gelingen kann.