ARAFAT
ARAFAT
Mina / Arafat / Muzdalifa / Mina / Makka, 10. / 11. Juni 1992
Am Vorabend des allentscheidenden „Tages von Arafat" sind alle Pilger nervös. Die Anwesenheit auf der Ebene von Arafat, rund um den steinigen Hügel gleichen Namens, ist für die Gültigkeit des Hadsch Ausschlußbedingung, conditio sine qua non. Still betet jeder, daß doch jetzt bitte nichts mehr dazwischenkommen möge! Endlich sind wir alle da, mehr als zwei Millionen Menschen, in Leichengewänder gekleidet wie am Tag der Auferstehung, und rufen: „labbayk, allahuma, labbayk!" „Hier bin ich, hier sind wir, zu Deiner Verfügung!" Wo sonst erlebt man eine auch nur ähnliche Intensität von Anbetung und Hingabe?
Am späten Nachmittag wird über einen Lautsprecher die Predigt verlesen, die Muhammad im Jahre 632 während seiner „Abschiedspilgerfahrt" gehalten hat. Ich teile mein kleines Zelt mit einem amerikanischen Professor für Wirtschaftsstatistik von der Georgetown Uni-versity. Scheich Nahnah „residiert" im Nachbarzelt. Stunde um Stunde beten, diskutieren und kontemplieren wir. In Gedanken lassen wir unser ganzes Leben noch einmal abrollen und spüren, daß es heute seinen eigentlichen Sinn und Höhepunkt gefunden hat.
Es ist so heiß - 52° C im Schatten - daß die Luft zu flimmern begonnen hat. Während eines kurzen Ausflugs zur nächsten Toilette, ohne Sonnenschirm, verbrennen meine Füße, ohne daß ich darauf achte: Während des Hadsch wirken selbst größere Probleme wie - peanuts.
Von Arafat aus versuchen 50.000 Autobusse sofort nach Sonnenuntergang das Abendgebet im nur sieben Kilometer entfernten Muzdalifa zu erreichen. Wir brauchen dafür drei Stunden, schweißtriefend, erschöpft und durstig. Schließlich verbinden wir das Abendgebet mit dem Nachtgebet und sammeln eine bestimmte Anzahl Steinchen für die bevorstehende „Steinigung des Satans" im nahen Mina.
Weit nach Mitternacht vollziehen wir zum ersten Mal dieses symbolträchtige Ritual: Mit jedem Steinwurf auf eint der das Böse darstellenden Säulen sagen wir uns emphatisch von unserer Verstrickung im Verwerflichen los. Und dann, wir können es kaum fassen, sind wir - für ein weiteres Umschreiten der Ka'aba - schon wieder in Mekka. Unbeschreiblich müde und unbeschreiblich glücklich als uns langsam bewußt wird, daß wir die ersehente Pilgerfahrt mit Gottes Hilfe vollendet haben. Nach dem Morgengebet sauge ich nochmals das Bild der Ka'aba in mich auf, dieses ersten und letzten Tempels des unverfälschten Monotheismus, der seine architektonische Vollkommenheit nicht in der Komplexität, sondern in seiner archetypischen Schlichtheit gefunden hat. Nachdem wir 26 Stunden auf den Beinen waren, in diesem Klima und nach solchen Strapazen, erreichen wir schließlich wieder unsere Unterkunft in Mina. Wir fallen uns in die Arme und rufen einander zu: „Möge Allah Deine Wallfahrt annehmen !"
Als ich nach bleiernem Schlaf aufwachte, war es bereit Abend, also Zeit für das zweite Steinigungsritual (und zum Nachholen der trotz lautem Gebetsruf verschlafenen Gebete...).