AUF DER SPUR DER ARIANER
AUF DER SPUR DER ARIANER
Wien, den 2. November 1974
Der britische Forscher Sir Richard Burton (1821-1890) veröffentlichte kurz nach seiner äußerst beschwerlichen und gefährlichen Pilgerfahrt nach AI-Madina und Mekka (1853) eine geradezu photographisch genaue Beschreibung davon: „Personal Narrative of a Pilgrimage to Al-Madinah & Meccah". Eine unschätzbare, aber für die damaligen Zustände im Hidschaz beschämende Quelle zeit-, kultur- und naturgeschichtlichen Ranges. In der viktorianischen Gesellschaft entrüsteten sich einige darüber, daß ein Christ seinen Islam vorgelogen habe. Andere warfen Burton vor, zu wenig gelogen zu haben. In der Tat hatte sich Burton in den Glauben, die Geschichte, die Sprache und die Kultur des Islam in einem geradezu unfaßbaren Maß eingearbeitet. Faßbar wäre das seinen Lesern nur gewesen, wenn sie sich eingestanden hätten, daß Richard Burton nicht nur ein Muslim geworden war, sondern sogar ein Sufi im Orden des Abd al-Qadir Jilani. Allerdings konnte Burton noch in der 3. Auflage von 1879 darauf nur undeutlich hinweisen. Im Geiste des sufischen Unitarismus schrieb er damals, die ebenfalls Abraham verehrenden Muslime seien doch nichts anderes als „heterodoxe Christen, nämlich Arianer". Ihre Vorstellungen kämen dem Glauben Jesu viel näher als dies bei dem abgewandelten Glauben eines Paulus und Athanasius der Fall sei. Nach seiner, Burtons, Erfahrung seien Muslime wohl schlechthin aufgeklärter, toleranter und hilfsbereiter als ihre christlichen Glaubensbrüder.
Die instinktive Weigerung des christlich Erzogenen, Fakten über den Islam an sich heranzulassen, wenn sie negativen Vorurteilen widersprechen, konnte allerdings auch Burton nicht überwinden. Diese Perzeptionssperre funktioniert heute noch fast so gut wie vor 800 Jahren, während der Kreuzzüge, ganz gleich was der Vatikan dazu inzwischen sagt.