BIBEL, KORAN UND WISSENSCHAFT
BIBEL, KORAN UND WISSENSCHAFT
Brüssel, 11. April 1985
Maurice Bucaille („Bibel, Koran und Wissenschaft" 1. deutsche Aufl., München, 1984) hat dem Islam mit seiner naturwissenschaftlich-historischen Studie der Quellen und der Haltbarkeit der heiligen Schriften „im Lichte moderner Erkenntnisse" einen ungewöhnlichen Dienst erwiesen. Tatsächlich wissen viele Juden noch immer nicht, daß das Alte Testament so weitgehend menschengemachte Literatur ist, daß man kaum noch identifizieren kann, was darin denn noch als „geoffenbart" gelten kann. Und viele Christen wollen es nicht wissen, daß das Neue Testament, auch seine Evangelien, zumeist keine Augenzeugenberichte, sondern nichtverifizierbare Überlieferungen aus zweiter Hand sind, zumeist geschrieben von Parteigängern des die Judenchristen befehdenden paulinischen (sprich: neoplatonisch-gnostischen) Hügels. Bucaille weist zunächst nach, wie oft die Bibel irrt - wie z.B. bei der Schilderung der Sequenz der Schöpfung, der Genealogie Jesu und bei Zeitangaben - und welche Widersprüche das Neue Testament in zentralen Punkten - z.B. Auferstehung und Eucharistie - fragwürdig machen.
Dann macht er die ihn selbst zunächst verblüffende Feststellung, daß der Qur'an im Gegensatz dazu nicht nur absolut authentisch ist, sondern auch keine Aussage enthält, die dem modernen Erkenntnisstand der naturwissenschaftlichen Forschung widerspräche, und handele es sich um die Weltraumforschung, genetische und Tiefseeforschung. Der Qur'an macht sogar zum menschlichen Zeugungsprozeß Angaben, deren Richtigkeit erst heute mikroskopisch verifiziert werden können.
menschliche Erklärung für den Koran." (Andererseits fand er in den /zöd/Y/7-Sammlungen manche medizinische Ungereimtheiten.)
Leider geht Bucaille aber noch einen Schritt weiter, indem er nach Vorbild von Muhamad Iqbal aus dem Qur'an zusätzliche naturwissenschaftliche Aussagen herauslesen will, die er - durch naturwissenschaftliche Rein-terpretation des Vokabulars - selbst hineingelegt hatte. So will er in Sure 55:33 einen Hinweis auf die heutige Eroberung des Weltraums finden.
Auf diese Weise könnten manche Leser dazu verführt werden, im Qur'an ein Orakelbuch zu sehen. Dadurch könnte verdrängt werden, daß Wesen und Gegenstand der Offenbarung theologische Wahrheiten sind. Die naturwissenschaftlichen „Wahrheiten" können dem authentischen Wort Gottes zwar nicht widersprechen; ein naturwissenschaftliches Kompendium will der Qur'an aber nicht sein.