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BILDER RAUBEN DIE PHANTASIE



BILDER RAUBEN DIE PHANTASIE  

Granada/Cordoba, 7. Juli 1958

Professoren der islamischen Kunstgeschichte - Ernst Kühnel, Katharina Otto-Dom, Alfred Renz - fällt es ungemein schwer, sich zu einer Definition der islamischen Kunst durchzuringen. Dabei erkennt jedes Kind diese Kunst als etwas besonderes, als eine Einheit. Oleg Grabar meinte schließlich, diese Kunstrichtung sei so eklektisch, daß man als ureigen islamisch nur die Benutzung arabischer Schriftzeichen als architektonisches Dekor identifizieren könne. Alles andere seien Elemente vor allem der syrischen, byzantinisch-griechischen, türkischen und maurischen Kulturen. Als ob es je eine Kunstrichtung gegeben hätte, die frei von Anregungen und Einflüssen anderer Kulturen und Stilformen geblieben wäre! Jede Kultur hat ihre Wurzeln. Auch die Gothik kannte keine Stunde Null. Es bleibt jedenfalls, daß es bei aller Differenzierung der islamischen Bauformen ein intim islamisches Erlebnis ist, sich dem Raumgefühl etwa der Alhambra, der großen Moscheen von Cordoba, Kairouan oder der Sülemaniye (in der Türkei) auszusetzen. Gleiches gilt von dem Lebensgefühl, das etwa die Gärten der Alhambra oder der Haram von Mekka vermitteln. Der Islam ist eine Religion, die spezifische Glaubensaspekte in die Ästhetik seiner Architektur umsetzen kann.

Da sind z.B. das von Außen „mehr Sein als Scheinen" islamischer Paläste. Sie bedecken sich vor Blicken wie eine kostbar gekleidete Muslima mit ihrer Abaya. Da ist die demokratische, anti-hierarchische Struktur der islamischen Gebetsräume. Da sind der hohe Abstraktionsgrad der Arabesken, die Menschlichkeit der Proportionen, die magiefeindliche Luftigkeit, das Luxuriös-paradiesische der Brunnen und Gärten. In solchen Räumen zu weilen, ist im Wortsinne erhebend. Wer in solchen Räumen nicht beten kann, wird es in Kathedralen nicht lernen. Islamisch ist schließlich die Abwesenheit von Bildern. Sie geht mehr auf die Furcht der Muslime vor dem Mißbrauch von Abbildungen zurück als auf spezifische Anordnung; aber sie fördert die Konzentration auf das Unfaßbare. Bilder rauben der Phantasie die Flexibilität!