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"BRUDERLIEBE" VS. "BRÜDERLICHKEIT"

„BRUDERLIEBE" VS. „BRÜDERLICHKEIT"  

Karfreitag, 5. April 1985

Daß sich Tageszeitungen um Ostern mit der christlichen Lehre befassen, ist normal. Daß sie sich dabei - wie FAZ und „Die Welt" dieses Jahr - mit dem Islam als der „weltweit am raschesten anwachsenden Religion" befassen (müssen?), ist neu.
Doch wurde dabei nach alter Manier erneut die Chance vertan, das Gemeinsame zwischen Christentum sowie Islam und Judentum hervorzuheben. „Was sie trennt", schrieb Karl-Alfred Odin ganz im Gegenteil, „ist die Auffassung der Weise, in der Gott Herr ist. Gott ist die Liebe, heißt die christliche Formel..." (FAZ v. 4. April) Recht hat Odin, wenn er von einer „Formel" spricht; denn mehr ist es nicht. Unrecht hat er mit der Beweisführung: „Im Sterben am Kreuz, in dem sich alles Leiden von Menschen zusammenballt, nimmt Gott, um sie zu retten. ihr Leiden auf sich."
Um es auf einen brutal einfachen Nenner zu bringen: der „liebende Gott" der Christen ist entweder mit Allah, dem Allgütigen und Allbarmherzigen, identisch oder ist nicht Gott.
Daß es sich so verhält, ergibt sich aus einer Analyse des Begriffs „Liebe". Unter Menschen ist damit das Verlangen nach Hingabe und Vereinigung verbunden. Der Liebende braucht den Geliebten - er ist auf gleicher Ebene wie er. aber er schätzt ihn höher als sich selbst - er wird von ihm (im guten Sinne) abhängig.
Daß Gott kein Liebender in diesem Sinne sein kann, ist ohne weiteres einsichtig. Sonst wäre Er nicht der Erhabene, Vollkommene, Selbstgenügsame, souverän Unabhängige, der Er ist.
Zu behaupten, daß Gott ohne Seine Schöpfung - also ohne ein zu liebendes „Du" - ärmer wäre, ist Blasphemie. Schon vor der Zeit war Gott und war vollkommen. Bei der „Liebe" Gottes kann es sich also nur um eine ungleiche Beziehung zwischen Ihm und dem Menschen handeln, welche die allmächtige Souveränität des ewig in Sich Ruhenden nicht einschränkt. Gott, der Schöpfer, ist gegenüber Seiner Schöpfung gütig und barmherzig, wenn Er will, und gerecht und strafend, wenn Er will. Wenn Christen vom dem „Gott der Liebe" sprechen, denken sie denn auch nicht an „Gottvater", sondern an Jesus, der als Mensch sich in der Tat für die Menschen verzehren konnte. Jesus als Mensch konnte sich als Opfer empfinden, sich zum Opfer bereitfinden: für seine Brüder. Gott hingegen, ER, mag Opfer annehmen; die Notwendigkeit, sich selbst zu opfern widerspräche hingegen ebenso wie der Opferungsakt als solcher der göttlichen Natur dessen, den wir Jehova, Gott, nennen, und der Sich Selbst im Qur'an „Allah" nennt.
Was von den Christen als epochaler Fortschritt gepriesen wird - der Durchbruch des Liebesgedankens vor 2000 Jahren - ist in Wirklichkeit, was das Gottesbild anbetrifft, theologisch wie philosophisch ein Rückschritt. Die Denk-ergebnisse der Griechen und die Offenbarung der Juden wurden durch eine nur allzu menschliche Vermenschlichung des Gottesbildes ersetzt. Die Menschen projizier-ten damals wie heute ihre Wünsche in ihre Glaubensvorstellungen hinein, vor allem um ihre Gottes-furcht hinwegrationalisieren zu können.
Ein historischer Durchbruch kann allerdings im christlichen Gebot der Nächstenliebe gesehen werden. Doch wäre es Verleumdung, dem Islam dieses Gebot abzusprechen. Die „Brüderlichkeit" des Muslims und die „Bruderliebe" des Christen sind schlichtweg ein und dasselbe.