DİE ÄLTESTE STADT DER WELT
DIE ÄLTESTE STADT DER WELT
Damaskus, 10. Februar 1992
Neben Aleppo und Jericho beansprucht Damaskus, älteste Stadt unseres Planeten zu sein. Mir ist das egal. Damaskus, die intellektuelle Hauptstadt des (für viele) „gefahrlich Nahen Ostens", hat mehr als sein Alter anzubieten. So ist das hier gesprochene Arabisch so klassisch, nuancenreich, klar, ja berauschend schön, daß Rainer Maria Rilkes „Kornett" in damaszener Arabisch lautlich nichts einbüßen würde. Eines ist jedenfalls unbestreitbar: In dem Gebiet zwischen Euphrat, Tigris und Mittelmeer lag eine der Wiegen der menschlichen Kultur. (Zweiflern sollte ein Besuch im hiesigen Nationalmuseum genügen.) Die zwei Kilometer lang schnurgerade durch die Altstadt gezogene via recta bietet sich noch so dar wie in der Apostelgeschichte beschrieben. In dieser Stadt ist man Paulus nahe, der - erst nach Jesu Tod im Jahre 33 bekehrt - mit seiner extremen Christologie zum eigentlichen Gründer des Christentums geworden ist.
Damaskus ist einer der Orte, von denen der Guide Michelin meint, sie seien eine ganze Reise wert (vaut le voyage). Doch ich kam aus einem einzigen Grunde hierher: um in der erstaunlichen umayadischen Moschee zu beten, die für fast alle der 14 umayadischen Kalifen bis 750 Freitagsmoschee gewesen ist. Nach den großen Moscheen von Mekka und al-Madina, dem Felsendom und der al-Aqsa-Moschee in Jerusalem ist die Große Moschee von Damaskus das bedeutendste Bauwerk der islamischen Frühgeschichte. Ihre Farb-und Gold-Mosaiken gehören mit ihrer Darstellung von Flora und Stadtarchitektur zum Weltkulturerbe.
Da der einzige die abbasidische Revolution überlebende umayadische Prinz zum Gründer des späteren Kalifats im andalusischen Cordoba wurde, landet man bei Studien der islamischen Geschichte früher oder später - doch unvermeidlich - in Damaskus. Schließlich lebte auch der außerordentlich ritterliche kurdische Held Salah al-Din (Saladin), Bezwinger der Kreuzritter, zehn Jahre in dieser Stadt; an der Außenmauer der Moschee liegt er bescheiden begraben. Daß Johannes der Täufer andererseits innerhalb der Moschee begraben ist, stellt eine in der christlichen Vergangenheit des Gebäudes begründete Anomalie dar. Diese großartige, ehrwürdige Moschee hat nicht nur Vergangenheit, sondern auch eine bedeutsame Zukunft: Nach einer gewissen islamischen Eschatologie soll Jesus am Ende aller Tage auf ihr südöstliches Minarett herabsteigen...
Heute aber ist es, so unglaublich das klingt, 5 Grad Celsius unter Null. Als wir zur Landung ansetzen, sehen wir ein absurdes Bild: Die Sanddünen der syrischen Wüste sind schneebedeckt. Auch die Umayaden-Moschee liegt unter einer Schneedecke. Der Weg zu ihr erweist sich tatsächlich als so glatt, daß wir sie nur auf Händen und Füßen erreichen können.
Am nächsten Tag mache ich einen Höflichkeitsbesuch bei dem Andalusier Muhy al-Din Ibn al-'Arabi, dem größten Sufi-Scheich der muslimischen Geschichte, der seit 1240 in einem nördlichen Vorort von Damaskus begraben liegt. Das Stadtviertel drum herum ist so beschaulich osmanisch, daß man glaubt, ins alte Istanbul versetzt zu sein: Eine theosophische Friedensinsel.
Ibn 'Arabics gnostische Erleuchtung ist nicht nur unüberprüfbar, aus meiner Sicht ist seine Mystik sogar in Pantheismus abgeglitten - als logische Konsequenz aus seiner neoplatonischen Lehre von der Einheit allen Seins (al-wahdat al-wujud).
Als Arthur Schopenhauer schrieb, daß Pantheismus eine anständige Art sei, Gott abzuschaffen, mag er nicht an den andalusischen Sufimeister gedacht haben; aber Recht hatte er.
Intellektuell ist es legitim, die Frage danach zu stellen, wie sich die Transzendenz Gottes zu Seiner Immanenz verhält - ob Gott Einer oder Alles ist? Aber eine Antwort darauf aufgrund bloßer metaphysischer Spekulation darf es, kann es nicht geben.
Ein Muslim lebt bewußt damit, daß Allah (laut Qur'an) ihm „näher als seine Halsschlagader" und dennoch der Unfaßliche, Transzendente ist. Jeder Versuch, diesen scheinbaren Widerspruch aufzulösen, führt entweder (mit Ibn 'Arabi) zu einer theomorphen Doktrin vom Menschen oder zu einer anthropomorphen Doktrin von Gott. Beides ist für Muslime gleichermaßen unakzeptabel. Sobald die Nacht anbricht, sehe ich von meinem Hotelfenster zahlreiche erleuchtete Kreuze auf den Kirchtürmen der Altstadt. Unwillkürlich vergleiche ich diese Toleranz mit der Intoleranz von Stadtvätern, welche in Deutschland den Gebetsruf vom Minarett widerrechtlich verbieten.