VON DENFFERS "BRIEFE AN MEINE BRÜDER"
VON DENFFERS „BRIEFE AN MEINE BRÜDER"
Lützelbach, 16. Februar 1984
Ahmad von Denffer hat vor einem guten Jahr zwölf „Briefe an meine Brüder" veröffentlicht, mit dem Untertitel: „Auf dem Weg zur Muslim-Gemeinschaft". Er gibt darin mit eindringlichem Appell zu dem, was Christen „Selbstheiligung" nennen würden, konkret-praktische Hinweise für die Umsetzung des Glaubens in die Tat. Dies ist also eine Schrift, die letztlich - wie so viele Suren des Qur'an - das Phänomen der Scheinheiligkeit zum Gegenstand hat.
Ahmad ruft zu dem auf, was sich englisch „total commit-ment" bezeichnet: persönliche moralische Vervollkommnung ohne wenn und aber, ohne inneren Vorbehalt, und zwar im Verbund einer deutschen Muslim-Gemeinde, die sich auch „Muslim-Brüderschaft" nennen könnte.
Solche Initiativen stehen in der geistesgeschichtlichen Tradition der muslimischen Jungmänner- bzw. Tugendbünde (al-futuwwa), die im Mittelalter häufig auf Zunftbasis existierten.
Das Gründen religiöser Bünde oder Orden ist stets eine ernste und schwierige Sache, weil der Mensch ein sehr resistentes und renitentes Arbeitsmaterial ist. Ignatius von Loyola und Wladimir Iljitsch Lenin haben allerdings durch den Aufbau von „Kadern" die Welt bewegt. Doch in Deutschland für den Islam etwas zu bewegen, setzt neben Engagement Organisation und Logistik voraus.
Heute sind wir hier im kleinen Kreis zusammengekommen, um den Weg zur Anerkennung des Islam als einer Religionskörperschaft des öffentlichen Rechts zu klären.
(Das Grundgesetz verweist insoweit auf die einschlägigen Rechtsgrundlagen der Weimarer Verfassung.) Denn erst durch eine solche Anerkennung kann es gelingen, den islamischen Schulunterricht in den einzelnen Ländern durchzusetzen und eine solide finanzielle Basis für die Aktivitäten der deutschen Muslime zu schaffen. Doch Vor-Voraussetzung all dessen wäre der organisatorische Zusammenschluß der in der Bundesrepublik Deutschland lebenden Muslime in einer Weise, die Gewähr auf Dauer bietet und sie gegenüber Behörden mit einer Stimme sprechen läßt; sie beklagen das Fehlen eines „Ansprechpartners" nicht nur aus taktischen Gründen.
Solange dies nicht der Fall ist, haben die Kultus- und Innenministerien allerdings auch ein Alibi für weiteres Abwarten.
Doch Muslime (wie Araber) sind nun einmal schwer unter einen Hut zu bringen, selbst wenn sie einer Sprache und Nationalität sind. Dies liegt unter anderem wohl daran, daß der Islam keine Sakramente und daher auch keine Priester-und Bischofsweihen kennt. Damit fehlen aber auch Regulierungsmechanismen bzw. Diszipli-nierungsmöglichkeiten wie Exkommunikation und Sakramentenverweigerung.
Wichtiger noch: Selbst als es im Islam bis kurz nach dem 1. Weltkrieg noch einen mehrheitlich anerkannten Kalifen gab, wurde doch stets an dem Grundsatz äußerster Toleranz in Glaubensdingen festgehalten, wie es dem Qur'an entspricht. Danach ist es einem Muslim grundsätzlich verwehrt, einem sich zum Islam Bekennenden das Muslimsein abzusprechen.
Deshalb ist es ein seltenes Ereignis, wenn einer Sekte -wie der Ahmadiyya in Pakistan - die Zugehörigkeit zum Islam abgesprochen wird. Im übrigen war die islamische Weltgemeinschaft, die umma, immer schon bunt: mit ihren vier Rechtsschulen, die früher in der Großen Moschee von Mekka ihre eigenen Plätze hatten; mit Sekten wie der Schia; mit Sufi-Orden wie der Qadiriyya, den Bektaschi, den Nakschbandi. Die Muslime in Deutschland - zusätzlich ethnisch aufgesplittert - sind ein Spiegelbild dieser Vielfalt. Darüber läßt sich bei M. Salim Abdullah, „Geschichte des Islams in Deutschland" (Graz, 1981) nicht nur Erheiterndes nachlesen.
Wenn alle diese Gruppen und Grüppchen und ihre fernen Mäzene sich dem Islam so verschrieben hätten wie Ahmad von Denffers Muslim-Gemeinschaft, dann würden sie an einem Strick ziehen. Wenn.