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WIE DER FELS IM STROM



Al-Madina, 26. Dezember 1982

Abschiedsbesuch in der Moschee des Propheten. Am Hauptportal gibt es beim Hinaustreten leichte Stauung: Mitten auf der breiten Treppe unter dem Eingang betet ein Muslim seelenruhig sein Gebet zu Ende. Er war offenbar zu spät gekommen, hatte sich dem Gemeinschaftsgebet noch anschließen können, und holte nun das Versäumte nach, so konzentriert, als sei er auf weiter Flur alleine.
Keiner der zu Hunderten Hinausdrängenden kam dem Beter zu nahe. Keiner machte eine Bemerkung über ihn. Der Strom Hinausstrebender wurde von ihm einfach geteilt, als sei er ein Fels im Strom. Westliche Pilger könnten im Trubel des Petersdoms ähnliches kaum erleben. Dies hat damit zu tun, daß im Christentum nur das sakramentale Gebet des Priesters ritualisiert und weihevoll ist. Hingegen gibt es im Islam ein-und das gleiche förmliche Gebetsritual für alle, den Vorbeter (Imam) eingeschlossen. Der Rang des Gebets im Islam kommt schon dadurch zum Ausdruck, daß selbst Gesamtdarstellungen des islamischen Rechts stets mit der Erläuterung der Gebetsfor-malien und -bedingungen beginnen. Dies ist so im frühen Al-Muwatta' des Imam Malik ibn Anas. (Er widmete die ersten 14 Bücher davon ausschließlich der Regelung der Salah (des Gebets). Dies ist bei dem ausgereiften Kompendium des mittelalterlich-islamischen Rechts, An-Nawawis Minhaj-at-Talibin aus dem 13. Jahrhundert, so geblieben.
Damit ist jeder Muslim gehalten, einen anderen Muslim im Gebet zu respektieren. Der Betende hat Anspruch,genen persönlichen Gebetsraum kreuzt oder gar betritt. Weil der Muslim auf diese Rücksicht zählen kann, fällt es ihm leicht, an Baustellen oder Tankstellen oder am Wegrand so hingegeben zu beten, wie dies in islamischen Ländern zum Straßenbild gehört.
Welche Kraft dem Islam aus diesem Beten-Können erwächst, scheint dem Westen - wenn auch nur langsam -zu dämmern.