DER MUSLIM ALS MÜNDIGER GLÄUBIGER
DER MUSLIM ALS MÜNDIGER GLÄUBIGER
Bonn, 25. August 1980
Die Vorstellung, man könne durch Opfer Vergebung erkaufen, ist urheidnisch und geht der Entwicklung des Bildes von Gott, dem „Barmherzigen und Gütigen", voraus. Das hindert christliche Interpreten nicht, die Notwendigkeit eines „Opfertodes" von Jesus aus der Mechanik des Opferkultes herzuleiten: Um vergeben zu können (!), brauchte Gott sein Selbst-Opfer. Wer, so frage ich, setzt Gott derartige Bedingungen? Das Gottesbild, das uns aus dem Qur'an entgegentritt, selbst aus so „christlichen" Suren wie al-Fatiha oder aus dem Thronvers (al-Baqara, Vers 255), ist weit weniger vermenschlicht, also göttlicher als das christliche. Um so bemerkenswerter, daß der Qur'an jede Vermittlungsmöglichkeit zwischen Mensch und Gott durch Dritte grundsätzlich ausschließt. „Wer könnte, außer mit Seiner Erlaubnis, bei Ihm Fürsprache einlegen?" (Thronvers, 5. Satz). Kein Imam, kein Kalif, kein Heiliger, nicht einmal der Prophet des Islam selbst, ist im christlichen Sinne ein Mittler. Der Muslim als mündiger Gläubiger (aber auch als existentialistisch alleingestellter) bereits im 7. Jahrhundert!